Zwischen Orthodoxie und Häresie ─ eine Studie zur Umsetzungspraxis von Gender Mainstreaming in der gegenwärtigen Hochschullandschaft

Rezension von Sahra Dornick

Marion Kamphans:

Zwischen Überzeugung und Legitimation.

Gender Mainstreaming in Hochschule und Wissenschaft.

Wiesbaden: Springer VS 2014.

282 Seiten, ISBN 978-3-658-06219-4, € 39,99

Abstract: Marion Kamphans legt eine theoretisch fokussierte und methodisch elaborierte Studie vor, die ein wichtiges Zwischenfazit zur Implementierung von Gender Mainstreaming in Hochschule und Wissenschaft bietet. Die empirische Studie beruht auf der Analyse von 26 Interviews mit zentralen Akteur/innen des Gender Mainstreaming in verschiedenen Hochschulen, welche unter Einbezug des Habitus-Feld-Konzepts, eines neo-institutionalistischen Ansatzes und theoretischen Perspektiven der Frauen- und Geschlechterfoschung ausgewertet werden. Die Studie trägt auf diese Weise dazu bei, das individualisierende Verständnis der beobachtbaren Widerstände gegen Gender Mainstreaming um habituelle sowie organisationskulturelle Aspekte zu erweitern.

Gender Mainstreaming ─ Gegenstand und Umsetzungspraxis

Marion Kamphansʼ Studie zur Implementierung von Gender Mainstreaming in Hochschule und Wissenschaft ist übersichtlich aufgebaut und in einen Theorie- und einen Empirieteil gegliedert. Einleitend führt die Autorin zunächst in den komplexen Gegenstand und das Forschungsdesign ein und klärt daran anknüpfend die Forschungsfragen und den Aufbau der Arbeit. Bereits hier wird deutlich, dass ihre Studie nicht nur auf die Untersuchung anwendungsorientierten Handlungswissens zielt, sondern auch auf die theoretische Verdichtung von Gleichstellungsfragen. Ausgehend von der Forschungsfrage, auf welche „Resonanz, Akzeptanz oder auch Dissonanz […] das Gender Mainstreaming -Konzept in der Hochschul- und Wissenschaftspraxis“ (S. 20) stößt, entwickelt die Autorin eine akteurszentrierte Forschungsperspektive, die sich „systematisch mit […] Einstellungen, Interessen und Motiven zum Gender Mainstreaming“ (S. 21) auseinandersetzt.

In Anschluss an die Einleitung grenzt Kamphans das Gender Mainstreaming-Konzept von anderen Gleichstellungskonzepten ab und arbeitet heraus, dass dessen entscheidender Unterschied darin besteht, dass mit ihm neben den Förder- und Strukturmaßnahmen für Frauen und Männer auch die Kultur der Organisation in den Blick genommen werden kann. Damit verbunden ist das Ziel, „Geschlechterthemen […] zu einer gängigen Perspektive in Hochschulen und Wissenschaft“ (S. 29) werden zu lassen. In einer umfangreichen Darstellung des Gender Mainstreaming-Konzepts wirft die Autorin unter anderem Schlaglichter auf seine inhaltlichen Besonderheiten, seine Geschichte, die unterschiedlichen Handlungsfelder seiner Implementierung und seine kontroverse Diskussion innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung. Es gelingt Kamphans auf diese Weise, die Etappen und die Diskurszusammenhänge der Implementierung des Gender Mainstreaming-Konzepts an den Hochschulen übersichtlich und detailliert darzustellen. Ihre Ausführungen machen deutlich, dass es sich beim Konzept des Gender Mainstreaming um ein offenes (und kritisiertes) Konzept handelt, das in der Hochschule auf eine „individualisierte und fragmentierte Organisationsstruktur“ (S. 69) trifft. Dieser Befund unterstreicht die Bedeutung einer akteurszentrierten Untersuchungsperspektive.

Im dritten Kapitel setzt sich die Autorin mit verschiedenen Studien zur „Implementierung von Gleichstellungskonzepten an Hochschulen“ (S. 71) auseinander. Dabei gelingt es ihr vortrefflich, die Besonderheiten der Organisation Hochschule im Hinblick auf die spezifische Situation der handelnden Akteure zu verdeutlichen. Aus den dargestellten Studien wird offensichtlich, dass das Gender Mainstreaming-Konzept in den Hochschulen auf heterogene und unverbindliche Strukturen trifft. Häufig sind Gleichstellungsziele in Zielvereinbarungen beispielsweise „indifferent“ und „allgemein“ (S. 80) formuliert, in Berufungsverfahren werden weiterhin Gleichstellungsziele nur selten berücksichtigt und nach wie vor wird Gender in der Lehre nicht systematisch eingebracht. Daneben lassen sich „[d]iskursive und performative Widerstände […] [sowie] [k]ulturelle Resistenzen gegenüber Gleichstellungspolitik“ (S. 89) in den Hochschulen feststellen. Kamphans rezipiert dazu die aktuell in empirischen Studien vorliegenden Ergebnisse und bietet auf diese Weise erstmals eine systematisierte Zusammenschau von Widerständen, die sich in den Organisationskulturen der Hochschulen manifestieren.

Habitus-Feld-Theorie, Neo-Institutionalismus und Konzepte der Frauen- und Geschlechterforschung

Aus den kontextuellen und theoretischen Vorarbeiten leitet Kamphans ab, dass „eine erfolgreiche Umsetzung des Gender Mainstreaming […] vom Wissen, den Überzeugungen und dem Engagement der mit der Implementierung befassten Akteurinnen und Akteure“ (S. 68) abhängig ist. Daraus schließt sie auf die Notwendigkeit, neben den Wissensständen der Akteur/-innen zu Gender Mainstreaming auch deren Einstellungen dem Konzept gegenüber und die Möglichkeiten und Spielräume ihres professionellen Handelns zu untersuchen. Im Fokus ihrer Arbeit stehen daher die Dimensionen des Wissens, des Wollens und des Könnens des Einzelnen. Auf dieser Grundlage nimmt sie eine organisationssoziologische Kontextualisierung des individuellen Handelns vor und analysiert in Anschluss daran, wie verschiedene Akteur/-innen der Hochschulen die Grade der Akzeptanz und Legitimität des Gender Mainstreaming-Konzepts einschätzen.

Die zentralen Grundlagen ihrer theoretischen Perspektive bilden Bourdieus Habitus-Feld-Konzept, organisationssoziologische neo-institutionelle Ansätze sowie aktuelle Forschungen der Frauen- und Geschlechterforschung. Durch die fundierte Darstellung wird ein fokussierter Einblick in die für die vorliegende Studie relevanten Theorieaspekte ermöglicht. Die theoretischen Konzepte werden im fünften Kapitel zu einer Auswertungsperspektive synthetisiert, indem Kamphans diese kurz auf die Methodologie des Symbolischen Interaktionismus bezieht und dabei deutlich macht, dass ihr Forschungsinteresse auf den „subjektiven Sinn von Gender Mainstreaming“ (S. 145) zielt. Darauf schließt sich eine genaue Erläuterung des Auswertungsprozesses an sowie in den beiden folgenden Kapiteln die Darlegung der Forschungsergebnisse.

Multiperspektivisches Forschungsdesign

Monika Kamphans situiert ihre empirische Studie sorgfältig und nimmt eine Reflexion der angewendeten Methoden vor. Zunächst diskutiert sie die Ziele, die mit dem kombinierten Einsatz der problemzentrierten Interviewmethode und des Expert/-inneninterviews umgesetzt werden sollen. Sie erklärt, inwiefern durch die Interviews Wissen erzeugt wird, „das über die Beschreibung individueller Haltungen hinausreicht und sich zu ‚objektivem‘ Wissen aggregieren lässt“ (S. 148). In einem zweiten Schritt verdeutlicht sie die Zusammensetzung des empirischen Samplings. Kamphans wählt für ihre Untersuchung 26 Interviewpartner/-innen aus den Bereichen Hochschule und Lehre aus, die für die „Implementierung“ des Gender Mainstreaming-Konzepts verantwortlich sind und die sie daher mit Meuser und Nagel (1991) als Expert/-innen betrachtet. Daneben achtet sie bei der Auswahl der Interviewpersonen auf eine (ungefähre) Gleichverteilung hinsichtlich der Erfüllung unterschiedlicher Kriterien, wie Geschlecht (weiblich/männlich) und Fachzugehörigkeit (Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften vs. Ingenieur- und Naturwissenschaften), um eine größtmögliche Perspektivenvielfalt auf ihren Forschungsgegenstand zu gewinnen. In einem dritten Schritt legt sie die unterschiedlichen Gesprächskontexte der geführten Interviews dar. Sie weist darauf hin, dass es sich bei einer Vielzahl der Interviewpartner/-innen um „Experten wider Willen“ (S. 152) handelt, was ihrer Interpretation nach teilweise zur Produktion problematischer Gesprächsdynamiken beitrug. Bemerkenswert ist hier Kamphans’ methodische Einlassung, dass solche problematischen Effekte weniger als störend (vgl. dazu Meuser/Nagel 1991), sondern vielmehr als ‚produktive Abweichung‘ verstanden werden können. Diese feministische Grundhaltung der Realisierung nicht-intelligibler Aspekte (vgl. Haraway 1988) zeigt sich auch in ihrer Reflexion auf die Dimensionen von Geschlecht und Disziplinenzugehörigkeit als performative Bedingungen der Gesprächssituationen sowie in dem anschließenden Ausweis ihrer eigenen Position im Forschungsprozess als einer, die immer schon in den Untersuchungszusammenhang verstrickt ist.

Für die Auswertung der Interviews verwendet sie die Qualitative Inhaltsanalyse nach Philip Mayring (2003). Von diesem Konzept ausgehend bildet sie Resonanztypen (Kelle/Kluge 1999) und erstellt Fallanalysen. Auf diese Weise gelingt es ihr nicht nur, ihre Untersuchungsergebnisse differenziert zu präsentieren, sondern auch diese in mehreren Zusammenhängen unterschiedlich zu beleuchten und damit einer dichotomen Interpretation, wie etwa ‚Befürworter/-innen vs. Gegner/-innen‘, zu entziehen. Die Kombination aus induktiver und deduktiver Kategorienbildung trägt zu dieser multiperspektivischen Präsentation ebenso bei wie die Darstellung „kontrastrierender Einzelfälle“ (S. 159).

Ergebnisse der Studie: Befürwortende, Skeptische und Ablehnende

Ein wesentliches Ergebnis der Studie ist die Entwicklung dreier Resonanztypen der Einstellung gegenüber dem Gender Mainstreaming-Konzept ─ der ablehnende, der befürwortende und der skeptische Typ. Die Typenbildung umfasst neben diesen vertikalen Ausprägungen auch horizontale Dimensionen. Kamphans unterscheidet dazu in Anlehnung an Bourdieu die orthodoxe und die häretische Einstellung. Im siebten Kapitel kann sie aufgrund dieser feineren Unterscheidung innerhalb der Resonanztypen an kontrastierenden Fallanalysen nachweisen, dass weniger als das Gender-Wissen die Bereitschaft der Akteur/-innen, sich für Prozesse der Gleichstellung einzusetzen, wesentlich dafür ist, ob Gender Mainstreaming in Organisationen erfolgreich implementiert werden kann. Anhand der Interviewanalysen stellt Kamphans hier überzeugend dar, dass diese Bereitschaft vor allem von der individuellen Positionierung im Feld von Hochschule und Wissenschaft abhängig ist. Während hohe Statuspassagen mit einer orthodoxen Einstellung gegenüber den im Feld herrschenden Regeln verbunden seien, zeichneten sich untergeordnete Feldpositionen dadurch aus, dass es auf ihnen eher zu häretischen Einstellungen gegenüber dem Feld komme. Die Orthodoxen seien verständlicherweise nicht an einer Veränderung der sie privilegierenden Bedingungen des Feldes interessiert, wohingegen die häretisch Eingestellten häufiger an Initiativen oder Programmen mitwirken würden, die Regeländerungen einleiten, um, wie Kamphans folgert, „die eigene Position zu verbessern“ (S. 254).

Ein weiteres Ergebnis der Studie stellt die Erkenntnis dar, dass die Legitimationsinteressen und -zusammenhänge der Akteur/-innen der Hochschule wesentlich sind für die Umsetzungspraxis von Gender Mainstreaming innerhalb der Organisationen. So geht eine ablehnende Haltung gegenüber dem Gender Mainstreaming immer auch mit einem geringen Druck einher, die Legitimität des eigenen Handelns darzustellen. Nach wie vor, so ein weiteres Resultat, können kulturelle Widerstände gegen Gender Mainstreaming beobachtet werden, so dass bislang nicht von einem grundlegenden Wandel in der Organisationskultur der Hochschulen zugunsten von Gleichstellung ausgegangen werden kann. Ob das Projekt Gender Mainstreaming erfolgreich weitergeführt wird, macht Kamphans abschließend von der Erfüllung zweier Anforderungen an die Frauen- und Geschlechterforschung abhängig: Erstens bedarf es ihrer Ansicht nach der Entwicklung „neuartige[r] Instrumente“, „um die Veränderungen von Einstellungen zur Gleichstellung/Geschlechterthematik zu erheben und zu bewerten“ (S. 260). Zweitens müsse die Frauen- und Geschlechterforschung Wege finden, ihr komplexes Wissen in Beratungs- und Forschungsprozesse zu transferieren.

Fazit

Kamphans analysiert in ihrer Studie den Zusammenhang von Gender Mainstreaming und seiner Resonanz bei Akteur/-innen des Hochschul- und Wissenschaftsfeldes. Sie bietet damit Einblicke in die Dynamiken der Verflechtung von Implementierungsdiskurs und -praxis sowie der Feldpositionen der beteiligten Akteur/-innen. Vor allem vor dem Hintergrund der analytischen Fruchtbarmachung der Kategorie des „Wollens“ (S. 104) muss Kamphans’ theoretische Wahl des Habitus-Feld-Konzepts als äußerst gelungen bezeichnet werden. Mit ihm erschließt sie im empirischen Teil das Material hinsichtlich orthodoxer und häretischer Einstellungen und kann auf diese Weise verschiedene individuelle Bezugnahmen auf Vorgaben des Gender Mainstreaming aufschlussreich erklären.

Das multiperspektivische Forschungsdesign ermöglicht die differenzierte Realisierung von Effekten der Umsetzung. Es weist damit insgesamt einem Verständnis von Praktiken der Umsetzung programmatischer Vorgaben den Weg, das der Komplexität der Organisation ebenso Rechnung trägt wie den habituellen und feldspezifischen Logiken der Subjekte, die in ihm agieren. Monika Kamphans leitet aus ihren Ergebnissen konkrete Handlungsperspektiven ab, die sowohl für die Frauen- und Geschlechterforschung als auch für den Bereich der Gleichstellungspolitik relevant sind. Die Studie leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Umsetzungsforschung von Gleichstellung sowie zur Hochschulforschung. Infolge der gründlichen Kontextualisierung und Theoretisierung trägt sie auch zur Professionalisierung von Hochschulmanagement im Kontext der Gleichstellung bei. Es ist der Autorin damit nicht nur gelungen, wesentliche Forschungsarbeiten im Umkreis der Forschung zu Gleichstellung systematisch und fokussiert darzustellen, sondern darüber hinaus eine differenzierte Studie vorzulegen, die gut verständlich und klar gegliedert ist.

Literatur

Meuser, Michael/Nagel, Ulrike. (1991). ExpertInneninterviews ─ vielfach erprobt, wenig bedacht. Ein Beitrag zur qualitativen Methodendiskussion. In Detlef Garz/Klaus Kraimer (Hg.). Qualitative-empirische Sozialforschung. Konzepte, Methoden, Analysen. (S. 441−447). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Haraway, Donna. (1988). The Science Question in Feminism as a Site of Discourse on the Privilege of Partial Perspective. (pp. 575−599). Feminist Studies, 14 (3).

Kelle, Udo/Kluge, Susann. (1999). Vom Einzelfall zum Typus: Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung. Opladen: Leske + Budrich.

Mayring, Philipp. (2003). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim, Basel: Beltz.

Sahra Dornick

Stiftung Universität Hildesheim

M.A. Soziologie/Germanistik. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am BMBF-Projekt „Genderforschung und die neue Governance der Wissenschaft“

Homepage: http://www.genderforschung-governance.de

E-Mail: sahra.dornick@googlemail.com

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