Interferenzen von Geschlecht, Arbeit und sozialer Herkunft im gegenwärtigen China

Rezension von Yvonne Berger

Nancy E. Riley:

Gender, Work, and Family in a Chinese Economic Zone.

Laboring in Paradise.

Wiesbaden: Springer VS 2013.

162 Seiten, ISBN 978-94-007-5524-6, € 106,95

Abstract: Das Buch eignet sich vor allem für Wissenschaftler/-innen, die sich mit den Lebenswirklichkeiten von Arbeitsmigrantinnen in China aus geschlechtertheoretischer Sicht beschäftigen. Nancy E. Riley interessiert sich ethnographisch für den Zusammenhang von Geschlecht, Arbeit und Familie. Konkret geht die Autorin dabei der Frage nach, inwiefern die in der Dalian Economic Zone (DEZ) arbeitenden Frauen Erwerbsarbeit als eine Ressource der sozialen Mobilität und der Verhandlung innerfamilialer Machtpositionen nutzbar machen können. Mit Fokus auf dieser (Sonder-)Wirtschaftszone und den familialen Lebenswirklichkeiten der Frauen erschließen sich spannende Einsichten in das wirtschaftlich aufstrebende China und den damit einhergehenden sozialen Wandel von Geschlechterverhältnissen.

Ambivalenzen der chinesischen Moderne

In sozialstruktureller Hinsicht erfährt die Volksrepublik China derzeit eine rasante Dynamik. Initiiert durch institutionelle Reformen und durch eine neoliberale Flexibilisierung der chinesischen Wirtschaft ist die Volksrepublik seit Ende der 1970er Jahre durch grundlegende soziale Veränderungen geprägt, die mit staatlichen Umstrukturierungen hin zu einer Marktwirtschaft und mit zunehmender Privatisierung verknüpft sind. Dabei unterliegen gesellschaftliche Bereiche wie etwa Familienstrukturen, Geschlechterverhältnisse und Flexibilitätsanforderungen innerhalb der Erwerbssphäre einer Entwicklung, die sich historisch von europäischen Pfaden der Moderne unterscheidet. Der chinesische Pfad der Individualisierung stellt derzeit ein beeindruckendes Beispiel einer sozialen Transformation im Rahmen der Globalisierung dar, in der das Individuum strukturell anders als in europäischen Kontexten eingebunden ist. Für den chinesischen Kontext sind dabei Formen einer forcierten Individualisierung (Yan 2009, 2010) kennzeichnend, die in Erscheinung treten, da eine wohlfahrtsstaatlich flächendeckende Versorgung sowie eine institutionelle Sicherung (demokratischer) Grundrechte bislang (weitestgehend) ausbleiben. In Bezug auf das gegenwärtige China ist also danach zu fragen, wie die Individuen selbst mit den biographischen (Un-)Sicherheiten umgehen, die mit den sozialen Transformationen der vergangenen Dekaden einhergehen.

Die Dalian Economic Zone als shifting zone gesellschaftlicher Machtverhältnisse

Im Zuge der wirtschaftlichen Modernisierungsbestrebungen seit Ende der 1970er Jahre dient die Hafenstadt Dalian in der Provinz Liaoning im Nordosten Chinas bis heute als (Sonder-)Wirtschaftszone. Insbesondere Frauen aus ländlichen Regionen Chinas migrieren in die küstennahen Städte im Osten, um dort einer Erwerbsarbeit, zum Teil fernab der eigenen Familie, nachzugehen. Nancy E. Riley richtet den Fokus ihrer empirischen Arbeit auf die Wirtschaftszone Dalians, was deshalb interessant erscheint, da sich hier verschiedene Ungleichheitsfaktoren wechselseitig verschränken: Mit Blick auf Erwerbsarbeit kann insbesondere dem hukou-Status als einer speziellen Form der staatlichen Wohnsitz-/Melderegistrierung ein besonderer sozialer Teilungsmechanismus zugeschrieben werden. Diese Form der staatlichen Wohnsitzkontrolle ist familiär tradiert und entscheidet zum Teil bis heute über den Zugang zu Privilegien, wie z. B. zu lokalen Bildungs- und Versorgungseinrichtungen (etwa Chan/Buckingham 2008, Alpermann 2013). Als nationaler Diskurs um Bürger/-innen erster und zweiter Klasse ist der Status deshalb aufschlussreich, da dieser mit Diskursen um die Moderne verschränkt ist: Während den ländlichen Gebieten Chinas ein Status zuteilwird, der sie als rückständig und agrarisch ausweist, stehen demgegenüber die wirtschaftlich dynamischen Ballungsräume als urban, fortschrittlich und damit modern (S. 33 ff.). Durch zunehmende Binnenmigration aus den ländlichen Gebieten ist in den wirtschaftlichen Ballungsgebieten Chinas durch diese Statuszuteilung eine Klasse von zum Teil benachteiligten und niedrig-entlohnten Bürger/-innen entstanden. In Bezug auf Frauen ist der Migrationsstatus nicht nur gekennzeichnet von einer lokalen Erwerbsbenachteiligung (etwa die geschlechtsspezifische Benachteiligung der Frauen in Bezug auf Entlohnung oder berufliche Aufstiegschancen), sondern hat ein generelles Ausbeutungsverhältnis globaler Ökonomien durch die niedergelassenen (internationalen) Firmen zur Folge. Diesen zunächst benachteiligenden sozialen Status wendet die Autorin und fragt nach den produktiven und ermächtigenden Momenten durch die Aufnahme (moderner) Erwerbsarbeit in der (Sonder-)Wirtschaftszone Dalians (DEZ). Welche Bedeutung kommt der Erwerbsarbeit in Bezug auf die alltäglichen inner- und außerfamilialen Geschlechterbeziehungen in den Narrationen der Arbeitsmigrantinnen zu? Denn “all of these processes ─ women’s strategies, the organization of work, migrations patterns, and the process of modernizing ─ are deeply gendered” (S. 10).

Agency analysieren ─ der Nexus von Gender, Arbeit und Familie in der DEZ

Nancy E. Riley verdeutlicht zwei zentrale Herausforderungen für Frauen, die darin liegen, ihre eigene Position (neu) zu verhandeln: Sowohl der Status als ländliche Arbeitsmigrantin als auch der soziale Status als Frau sind miteinander verschränkt und begrenzen und eröffnen zugleich die jeweiligen Handlungsmöglichkeiten der Frauen. In diesem Sinne verortet die Autorin die Chancen der Realisierung von Handlungsstrategien auf individueller wie struktureller Ebene. Am Beispiel der Kinderbetreuung, der Verteilung von Haushaltsaufgaben, des innerfamiliären Umgangs mit Einkommen sowie der Verwendung von freier Zeit wird offenbar, dass innerfamiliär zum Teil Geschlechternormen und -erwartungen vorherrschen, die die meist verheirateten Frauen im alltäglichen Leben benachteiligen. Die soziale Konstruktion von Geschlecht erscheint in den empirischen Befunden mit Bezug auf diese familialen Aushandlungsarenen als ungleich wahrgenommenes Ergebnis sozialer Verhältnisse. Es wird deutlich, dass die Aufnahme einer vollen, wenngleich vielerorts weniger entlohnten Erwerbsarbeit nicht zu einer gleichen Verteilung der Arbeitsaufgaben innerhalb der Familie führt. Als “women’s lot” (S. 53) ist den interviewten Frauen in ihren Erzählungen ein solch inkorporiertes Geschlechterwissen reflexiv nicht zugänglich. Vielmehr treten Thematisierungen unmittelbarer (sozialer) Aufstiegserfahrung durch die Arbeitsmigration und den dadurch neu erworbenen Erwerbsstatus in der DEZ in den Vordergrund (S. 112 f.).

Diese Form der „doppelten Vergesellschaftung“ (Becker-Schmidt 2008) ─ also die gleichzeitige Einbindung von Frauen in die Familien- wie die Erwerbssphäre ─ ist mithin eine widersprüchliche Erfahrung. Der Status als Arbeitnehmerin hat keine unmittelbaren Auswirkungen in Bezug etwa auf die Verbesserung des Verteilungsverhältnisses von Aufgaben innerhalb der Familie (S. 126). Hier verbleibt die Autorin jedoch auf der einseitigen Betrachtung der Situation von Frauen und verkennt dabei die gesellschaftlichen Ebenen einer intersektionalen Verschränkung von Geschlecht, Erwerbsstatus und sozialer Herkunft. Zwar wird auf die unterschiedlichen alltäglichen Strategien der innerfamilialen Positionierung gerade durch die Aufnahme von und das Leben in (urbaner und damit diskursiv moderner) Erwerbsarbeit hingewiesen. Indem Riley verschiedene strategische Positionierungen der Frauen im Feld dieser Zone als Identitätsarbeit herausarbeitet (S. 126), werden jedoch Strukturzusammenhänge auch im Hinblick auf die Konstruktion(en) von Männlichkeit(en) vernachlässigt. Welche Bedeutung hat etwa die Gleichzeitigkeit von Familie und Erwerb für die Konstruktion von Männlichkeit? Zwar zeichnet die Autorin nach, dass die Frauen in der DEZ als ländliche Arbeitsmigrantinnen ungleich situiert sind. Eine empirische Aufgabe wäre hiermit aber auch, nach den Männern bzw. Partner/-innen zu fragen, zu denen die untersuchten Frauen in Erwerb und Familie in Beziehung gesetzt werden. Letztlich wäre noch viel mehr systematisch-historisch danach zu fragen, welchen Stellenwert staatliche bzw. gesellschaftliche Diskurse im Hinblick auf die Erwerbsdynamiken von Frauen und Männern und die Persistenzen von Geschlechternormen in Erwerb und Familie haben. Dies wird umso deutlicher, zeichnet doch die Autorin nach, dass sich die Frauen vor allem als ‚Mütter‘ im Hinblick auf ihre biographischen Chancen und Möglichkeiten äußern (S. 124).

Arbeit als Ermächtigung? ─ Fazit

Im Ergebnis gewährt die Autorin einen tiefen Einblick in die alltäglichen Lebenswirklichkeiten von Arbeitsmigrantinnen im Nordosten Chinas. Es wird deutlich, dass die beschriebenen Lebenswirklichkeiten der Frauen in der DEZ als ein Resultat eines ambivalenten Verhältnisses Chinas hinsichtlich nationaler wie global-gesellschaftlicher Veränderungen gelesen werden kann. Die tief einschneidenden demographischen Entwicklungen etwa durch die Ein-Kind-Politik, die vielerorts massive Abwanderung aus ländlichen Gebieten, die diskursive Verhandlung von nationaler Ethnizität (minzu) und sozialer Herkunft stellen die Volksrepublik zunehmend vor eine nationale Ungleichheitsfrage (Barabantseva 2008). Andererseits kann gerade die internationale Arbeitsteilung, die neoliberale Anrufung der Individuen im Hinblick auf Arbeit ─ und die damit einhergehende Individualisierung von Arbeit im Gegensatz zu einem historisch-kollektiven Verständnis von Arbeit ─ als ein entscheidendes Moment gesellschaftlicher Neuaushandlung um die Bedeutung und den Zusammenhang von Erwerbs- und Familienarbeit gesehen werden. Diese beiden sich überschneidenden Prozesse prägen die derzeitige Gesellschaft Chinas in ökonomisch-institutioneller wie diskursiver Hinsicht. Mit der ethnographischen Untersuchung der in der (Sonder-)Wirtschaftszone arbeitenden Frauen wird deutlich, dass die biographische Ausrichtung an Erwerb mit Formen der Selbstermächtigung im Sinne sozialer Mobilität einhergeht bzw. -gehen kann ─ wenngleich sich innerfamiliale Geschlechterbeziehungen hier nur selten einer Rhetorik der Modernisierung (Wetterer 2003) bedienen. Eine empirische Einbeziehung von Männern ─ und damit auch eine systematische Analyse der Geschlechterverhältnisse ─ bleibt in der Studie jedoch größtenteils aus.

Literatur

Alpermann, Björn. (2013). Class, Citizenship, Ethnicity: Categories of Social Distinction and Identification in Contemporary China. In: Daniela Célleri/Tobias Schwarz/Bea Wittger (Eds.). (2013). Interdependencies of Social Categorisations. (pp. 237–261). Madrid: Vervuert.

Barabantseva, Elena. (2008). From the Language of Class to the Rhetoric of Development: discourses of ‘nationality’ and ‘ethnicity’ in China. (pp. 565–589). Journal of Contemporary China, 17 (56).

Becker-Schmidt, Regina. (2008). Doppelte Vergesellschaftung von Frauen. Divergenzen und Brückenschläge zwischen Privat- und Erwerbsleben. In: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hg.). (2008). Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methode, Empirie. (S. 65−74). Wiesbaden: VS-Verlag.

Chan, Kam Wing/Buckingham, Will. (2008). Is China Abolishing the Hukou System? (pp. 582−606). The China Quarterly, 195.

Wetterer, Angelika. (2003). Rhetorische Modernisierung. Das Verschwinden der Ungleichheit aus dem zeitgenössischen Differenzwissen. In: Gudrun-Axeli Knapp/Angelika Wetterer (Hg.). (2003). Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik II. (S. 286−320). Münster: Westfälisches Dampfboot.

Yan, Yunxiang. (2009). The Individualization of Chinese Society. Oxford/New York: Berg.

Yan, Yunxiang. (2010). The Chinese path to individualization. (pp. 489−512). The British Journal of Sociology, 61 (3).

Yvonne Berger

Ludwig-Maximilians-Universität München

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie

E-Mail: yvonne.berger@soziologie.uni-muenchen.de

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