Was passiert mit den Jungen?

Rezension von Torsten Mergen

Doro-Thea Chwalek, Miguel Diaz, Susann Fegter, Ulrike Graff (Hg.):

Jungen – Pädagogik.

Praxis und Theorie von Genderpädagogik.

Wiesbaden: Springer VS 2013.

171 Seiten, ISBN 978-3-531-18416-6, € 32,99

Abstract: Seit den 1970er Jahren sind die Kategorien Erziehung und Geschlecht im Diskurs der Erziehungswissenschaften fest verankert. In der letzten Zeit haben verschiedene Ergebnisse der Bildungs- und Jugendforschung dafür gesorgt, dass der Gruppe der Jungen und maskulinen Heranwachsenden in der Wissenschaft wie in der allgemeinen Öffentlichkeit verstärkt Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Die Autor/-innen des gelungenen Sammelbandes präsentieren aktuelle Forschungsarbeiten zur Jungenthematik, beschreiben theoretisch-konzeptionell mögliche Zugänge zu einer geschlechterreflektierenden Arbeit im pädagogischen Alltag und stellen exemplarische Projekte vor, welche vielen Krisenszenarien des medialen Diskurses widersprechen.

Zwei Zitate aus den Grußworten von Vertretern der ministeriellen Bildungsverwaltung eröffnen den Band Jungen – Pädagogik. Sie zeigen, welche Brisanz dem Thema momentan zukommt: „Insbesondere in der Jungenpolitik möchten wir einen stärkenorientierten Ansatz verfolgen“ (S. 7) und „Jungen entwickelten sich […] zunehmend vom pädagogischen Normalfall zum Problemfall“ (S. 9). Aus vielen Bildungsstudien wird denn auch ersichtlich, dass Jungen in Bildungskontexten schlechter abschneiden und im Kontext formaler Bildungsprozesse öfters scheitern. Lernwege erfolgreich zu absolvieren und Bildungszertifikate zu erlangen, das gelingt zusehends Mädchen respektive jungen Frauen.

Hervorgegangen ist der vorliegende Sammelband aus dem Fachkongress „Jungen – Pädagogik – Wie geht das?“, der im September 2010 in Bielefeld stattfand. Im Zentrum des Bandes stehen Fragen, Modelle und theoretische Befunde sowie best-practice-Beispiele von und für geschlechtergerechte Erziehung und Bildung. Ferner werden Optionen präsentiert, Genderkonzepte in außerschulischen und schulischen Angeboten verstärkt zu berücksichtigen, dabei aber den Fokus auf eine gleichberechtigte Wahrnehmung der Ansprüche und Entwicklungsaufgaben der Jungen zu legen.

Neben den vier Herausgeber_innen sind in dem Band 15 Autor_innen aus allen Feldern der Erziehungswissenschaft und (Sozial-)Pädagogik vertreten. Die Herausgeber_innen wirken am Bielefelder Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit bzw. als Hochschullehrerinnen in Frankfurt und Bielefeld. Die Beiträge sind in drei Rubriken geordnet: Forschungsperspektiven, Theoretisch-konzeptionelle Zugänge und Reflexionen zu Handlungsfeldern.

Aktuelle Studien zu Mediendiskurs, männlichem Habitus sowie geschlechterorientierter Bildungs- und Sozialarbeit

In der lesenswerten Einführung umreißen die Herausgeber_innen das hintergründige Forschungsinteresse genau: „Zu dekonstruieren heißt […] dem Verborgenen, dem Verdeckten, dem Ausgeschlossenen auf der Spur zu sein, das Differenzen erst erzeugt und ihre bestehenden Verbindungen zueinander verdeckt.“ (S. 13)

Im ersten Hauptteil beschreiben sechs Bildungsforscher_innen aktuelle Studien zum Thema Jungen und zur Jungenthematik in den Medien. Jürgen Budde zeigt an empirisch gewonnenen Materialien die Herausforderungen der Schulkulturen für die Geschlechter und vor allem der Rolle des männlichen Habitus für das Verhalten in Institutionen. Susann Fegter beleuchtet den Mediendiskurs und zeigt, wie medial ge- und überformt das allgemeine Bild der ‚Jungen‘ (z. B. wild, unangepasst) im Allgemeinen ist. Katharina Debus und Olaf Stuve erläutern Ergebnisse einer wissenschaftlichen Begleitforschung zum bundesweiten Projekt „Neue Wege für Jungs“. Zentrale Erkenntnis ist dabei: Die Selbstwahrnehmung der Jungen und die Jungenbilder der Pädagog_innen divergieren bisweilen erheblich. Marc Schulz stützt mit einem Fokus auf die institutionellen Bedingungen diese Ergebnisse. Besonders interessant wirkt der Blick aus der internationalen Perspektive: Der Wissenschaftler Mike Younger plädiert gegen die Stereotype, welche mit Männlichkeit in mono- und koedukativen Settings verbunden sind. Ferner zeigt er Chancen und Risiken von „single-sex classes“ (S. 86) auf.

Im zweiten Teil des Bandes werden Konzepte für eine geschlechterbewusste Arbeit mit Jungen erläutert, die auf langjährigen Erfahrungen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit basieren. Ulrike Graff zeigt Ko- und Monoedukation als konträre Formen auf, wie Bildungsinstitutionen und soziale Einrichtungen gendergerecht organisiert sein können. Sie diskutiert mögliche Vor- und Nachteile beider Settings. Michael Drogand-Strud widmet sich einerseits der Rolle der pädagogischen Fach- und Lehrkräfte, ferner fragt er nach Möglichkeiten der Überwindung von Geschlechternormierungen. Mart Busches männlichkeitsorientierter Ansatz zeigt die Chancen, die darin liegen, Jungen gezielt zu beobachten und in Gruppen zu fördern. Abschließend geht Christine Biermann auf das große Feld der Schule ein, konkretisiert an Erfahrungen der Laborschule Bielefeld. Veränderungspotentiale sieht sie im Zusammenspiel von Unterrichts-, Personal- und Organisationsentwicklung.

Konkrete Praxisbeispiele und -projekte bilden den Gegenstand des dritten Abschnitts. Fünf Beiträge gehen auf gewerkschaftlich organisierte Seminarkonzepte für Jugendliche, die Situation der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, das Projekt „Soziale Jungs“ des Paritätischen Bildungswerks und auf Kooperationsfelder von schulischer und außerschulischer Arbeit ein. Schließlich kommt auch die englische Perspektive in Form eines Interviews mit Mike Younger in den Fokus, mit dem Projekt „Raising Boys’ Achievement“.

Fazit

In Teilen der Öffentlichkeit zeigt sich eine spürbare Sorge um die Rolle der Jungen bzw. des männlichen Geschlechts in Bildungsinstitutionen. Von einem boy turn ist ab und an die Rede, Jungen gelten als das ‚neue schwache Geschlecht‘. Sachliche Aufklärung und divergente Annäherungen an die Problematik bietet der Tagungsband in Hülle und Fülle und damit konstruktive Anregungen für die außerschulische und schulische Bildungsarbeit. Interessant ist, dass Heterogenität und Pluralität auch hinsichtlich der Lösungsansätze zu verzeichnen sind, mit deren Hilfe die wahrgenommenen Gender- bzw. Bildungs-Gaps geschlossen werden sollen. Besonders bemerkenswert bleibt an diesem gelungenen und abwechslungsreichen Sammelband, der vielfältige Diskussionsansätze bietet, die Sicht des englischen Bildungsforschers Mike Younger, der das Leitbild einer koedukativen Erziehung unter Genderaspekten intensiv und kritisch diskutiert.

Torsten Mergen

Universität des Saarlandes

Dozent für Fachdidaktik Deutsch, Fachrichtung 4.1 Germanistik, Fachdidaktik Deutsch Sekundarstufe I und II

E-Mail: torsten.mergen@t-online.de

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