Zum gesellschaftlichen Umgang mit ‚untypischem‘ Geschlecht

Rezension von Heinz-Jürgen Voß

Erika Nussberger:

Zwischen Tabu und Skandal.

Hermaphroditen von der Antike bis heute.

Köln u.a.: Böhlau Verlag 2014.

303 Seiten, ISBN 978-3-412-22130-0, € 39.90

Abstract: Die Schrift, mit der die Medizinerin Erika Nussberger an der Universität Zürich promoviert wurde, bietet einen Überblick über zahlreiche veröffentlichte Primärquellen zu ‚Hermaphroditismus‘ durch die Jahrhunderte. Auch wenn das Buch dabei häufig nicht über die Darstellung der Textpassagen hinausreicht und etwa die Einordnung in den jeweiligen zeitgenössischen gesellschaftlichen Kontext vermissen lässt, so eignet es sich als Überblick und Zugang zu einiger Literatur des Themenfeldes.

Universalisierung und Identitätskonstruktion

Erika Nussberger hat mit ihrer Dissertation eine schwierige Aufgabe übernommen. Ein Themenfeld „von der Antike bis heute“ adäquat zu bearbeiten, bedeutet einerseits die Sichtung von sehr viel Material, andererseits sind zahlreiche Schwierigkeiten damit verbunden. Eine solche Arbeit tendiert von der Anlage dazu, dass heutige Sichtweisen universalisiert werden – etwa die Einordnung gleichgeschlechtlichen Umgangs als ‚Homosexualität‘ oder ‚untypischer Geschlechtlichkeit‘ als ‚Hermaphroditismus‘ oder ‚Intersexualität‘ könnte auf diese Weise als überzeitlich erscheinen. Damit geraten Veränderungen von Definitionen und Zuschreibungen aus dem Blick. Gleichzeitig entgeht, was das Besondere an den modernen Identitätszuschreibungen ist. So ist etwa ‚Homosexualität‘ seit der europäischen Moderne zu einer Identität geronnen – spezifische Verhaltensweisen und Handlungen wurden damit gebündelt, benannt, klassifiziert und zum Beispiel gegenüber Freundschaft abgegrenzt. Hat Nussberger diese Frage punktuell im Blick und nutzt z.B. nicht den Begriff ‚Intersexualität‘, der erst seit dem 20. Jahrhundert aufgekommen ist, sondern ‚Hermaphroditismus‘, so entwirft sie dennoch ein Konzept eines überdauernden ‚Hermaphroditismus‘, unter anderem, wenn sie schreibt: „In den Quellen von 538 bis 1752 rückte der Hermaphrodit in den Fokus der Justiz […]“. Diese Festschreibung eines vermeintlich festen ‚Hermaphroditen‘ ist problematisch, für gleichgeschlechtlichen geschlechtlichen Umgang ist die Festschreibung ‚Homosexualität‘ mittlerweile in wissenschaftlichen Kontexten einhellig zurückgewiesen.

Veränderungen und medizinische Techniken

Innerhalb des ‚Konzepts Hermaphroditismus‘ thematisiert die Autorin dann doch auch die Veränderungen. Sie geht ausführlich auf Schriften aus der Antike ein, punktuell auch auf solche des Mittelalters, um dann zentral die Ausarbeitungen und (medizinischen) Klassifikationen seit der frühen Neuzeit zu thematisieren. Dabei bietet sie eine gute Übersicht über die Primärquellen, wobei rechtliche, medizinische und naturphilosophische gleichermaßen einbezogen werden. Für sich anschließende Forschungsarbeiten erleichtert diese Übersicht den Zugang zu relevanten Texten erheblich. Beachtung verdienen auch die von der Autorin auf Basis des reichen Materials gezogenen Schlussfolgerungen, wenn sie etwa beschreibt, dass operative medizinische Eingriffe bei Menschen, die zeitgenössisch nicht als typisch ‚weiblich‘ oder ‚männlich‘ gegolten haben, stattfanden (S. 98 f.). Überblickend folgert Nussberger für die diesbezüglich betrachteten Primärquellen bis ins 16. Jahrhundert: „Am Häufigsten beschrieben die Autoren das Abschneiden des phallusartigen Gewebes bei weiblichen Hermaphroditen. Es wurden aber auch Verfahren zur Ausdehnung einer Vagina, zur Förderung des Abstiegs der Hoden ins Skrotum und zur Verlagerung der Harnröhrenmündung in die Penisspitze erwähnt.“ (S. 100) Die Autorin regt hiermit weitere Untersuchungen hinsichtlich medizinischer Techniken zur jeweiligen zeitgenössischen Durchsetzung gesellschaftlicher geschlechtlicher Norm und zur Verbreitung dieser Verfahren an.

Neuorientierung aktueller Forschung und politische Relevanz

Konkrete Relevanz erhält der Blick auf die Techniken und ihren Einsatz in Bezug auf das 20. Jahrhundert. Aktuell ist in der Forschung und in der breiteren medialen Öffentlichkeit die Ansicht vorherrschend, dass durch John Money, Joan und John Hampson in den 1950er Jahren das aktuelle medizinische Behandlungsprogramm eingeführt wurde. Dabei gerät allerdings aus dem Blick, wie die Theorien und auch die Techniken entwickelt wurden, die auf die Angleichung an die gesellschaftliche Norm – ‚weiblich‘ oder ‚männlich‘ – zielten. Nussberger führt als einen der Vorbereiter den US-Amerikaner Hugh Hampton Young mit Arbeiten aus den 1930er Jahren hinsichtlich konkreter operativer Methoden an (S. 213 f.). Intergeschlechtliche Menschen und die Schweizer Selbstorganisation Zwischengeschlecht.org haben mittlerweile darauf aufmerksam gemacht, wie insbesondere von Medizinern, wie dem Gynäkologen Hans Christian Naujoks, im Nazi-Faschismus entsprechende Theorien und Anwendungsmethoden entwickelt wurden. Forschungen mit Fokus auf die NS-Zeit stehen bislang aus. Sie sind aber notwendig, damit die Behandlungspraxis zur medizinischen Geschlechtszuweisung bei Intergeschlechtlichen in Deutschland (und ggf. auch mit internationaler Bedeutung) adäquat verstanden werden kann.

Ist bereits diese Frage politisch, so ist es der aktuelle gesellschaftliche Umgang mit Intergeschlechtlichkeit insgesamt. Im fünften Kapitel geht die Autorin ausführlicher auf die Berichte der von den medizinischen Eingriffen betroffenen Menschen ein. Dabei spielen sowohl die geschlechtszuweisenden und -vereindeutigenden Maßnahmen bei intergeschlechtlichen Minderjährigen selbst eine Rolle und wie diese als traumatisierend erlebt werden, daneben wird von Nussberger aber auch thematisiert, wie Intergeschlechtliche in den konkreten Behandlungssituationen zu Objekten gemacht wurden: „Rotten von Studenten kamen ins Zimmer und begutachteten die Sache“, gab eine von den Behandlungen Betroffene an. „Immer mittags die Visite der Oberärzte mit ihren Studenten: Hier sehen wir dieses nette Exemplar! Zack, Decke hoch.“ (S. 203) Vor dem Hintergrund eines solchen Umgangs mit konkreten Menschen durch Mediziner_innen erscheint die von der Autorin dargelegte Entscheidung zum Verzicht auf Abbildungen konsequent – sie möchte nicht die „massiven Traumatisierung[en] und Gefühle[] von Scham und Entwürdigung“ (S. 29) bei den Betroffenen erneuern.

Fazit

Zu Recht sind die medizinische Behandlungspraxis und der gesellschaftliche Umgang mit Intergeschlechtlichen in die öffentliche Kritik geraten. Das Buch verhilft hier durch die umfassende Zusammenschau von Material (Primärquellen) dazu, in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich weiterhin Öffentlichkeit aufrecht zu erhalten. Neben dieser gesellschaftlich-politischen Dimension können anschließend an die Darstellungen Nussbergers die medizinischen Techniken zur geschlechtlichen Normalisierung und ihre Entwicklung historisch neu eingeordnet werden: Die 1950er Jahre müssen in Bezug auf die ‚medizinische Behandlung‘ von Intergeschlechtlichkeit nicht mehr als unvermittelter historischer Bruch erscheinen. Damit leistet Erika Nussberger einen Beitrag zur genaueren Untersuchung der Genese des Behandlungsprogramms. Allerdings mindern die fehlende Einbindung in die gesellschaftlichen Kontexte und die begriffliche Unschärfe den Ertrag der Arbeit.

Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß

Hochschule Merseburg

Prof. Dr. phil., Dipl. Biol., seit Mai 2014 Forschungsprofessur „Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung“; forscht und publiziert zu sexualwissenschaftlichen Themen sowie zu Biologie- und Medizingeschichte und -ethik

Homepage: http://www.heinzjuergenvoss.de

E-Mail: voss_heinz@yahoo.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

Creative Commons License
Dieser Text steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz. Hinweise zur Nutzung dieses Textes finden Sie unter https://www.querelles-net.de/index.php/qn/pages/view/creativecommons





querelles-net wird herausgegeben an der Freien Universität Berlin. ISSN 1862-054X