Generativität in institutioneller Verantwortung – oder: ein Hoch der Doppel-Karriere-Familie

Rezension von Heike Kahlert

Sigrid Metz-Göckel, Kirsten Heusgen, Christina Möller, Ramona Schürmann, Petra Selent:

Karrierefaktor Kind.

Zur generativen Diskriminierung im Hochschulsystem.

Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich 2014.

202 Seiten, ISBN 978-3-8474-0130-8, € 26,90

Abstract: Basierend auf quantitativen Datenanalysen, die 65 Prozent des wissenschaftlichen Personals an deutschen Hochschulen abdecken, gehen Sigrid Metz-Göckel, Kirsten Heusgen, Christina Möller, Ramona Schürmann und Petra Selent der These nach, dass die Prekarisierung junger Wissenschaftler/-innen den Ausstieg aus Hochschule und Forschung oder aber den Verzicht auf die Familiengründung fördert. Leider übernehmen die Autorinnen in ihrer Argumentation unhinterfragt das neue Leitbild der Doppel-Karriere-Familie als Norm der Lebensführung von Frauen und Männern und belegen ihre starken Aussagen nur teilweise. Dennoch stellt die Studie ein erfrischendes Plädoyer für politische Interventionen in die zunehmende Befristung von Beschäftigungsverhältnissen und den Anstieg von Teilzeitstellen in der Wissenschaft dar.

Hohe Kinderlosigkeit und Familien(un)freundlichkeit in der Wissenschaft

Es besteht kein Zweifel mehr daran, dass die Debatte über vermeintlich zu niedrige ‚zusammengefasste Geburtenziffern‘ (so der demographisch korrekte Fachterminus für das im Alltag als ‚Geburtenrate‘ bezeichnete Phänomen) auch Hochschule und Forschung erreicht hat. Dies ist mindestens in zweierlei Hinsicht der Fall. Erstens sind Forschungseinrichtungen aufgefordert, familienfreundlicher zu werden und so ihren Mitgliedern die Entscheidung für eine Familiengründung und/oder die Vereinbarkeit von Studium bzw. Wissenschaft und Familie zu erleichtern. Dementsprechend greifen Bemühungen um sich, die wissenschaftlichen Organisationen als familienfreundlich zertifizieren zu lassen. Zweitens wächst in der Frauen- und Geschlechterforschung das Interesse an wissenschaftlichen Analysen zur Familien(un)freundlichkeit des eigenen Feldes und der vorgeblich (zu) hohen Kinderlosigkeit von Wissenschaftlerinnen (und Wissenschaftlern), mit deren Hilfe die wissenschaftspolitischen und organisationalen Anstrengungen zur besseren Vereinbarkeit von Wissen- und Elternschaft unterstützt werden sollen.

Die Dortmunder Sozial- und Erziehungswissenschaftlerinnen Sigrid Metz-Göckel, Kirsten Heusgen, Christina Möller, Ramona Schürmann und Petra Selent wollen die zum Teil zu diesem Themenkomplex hochgradig aufgeladenen Debatten nicht nur mit empirischen Daten stützen, sondern beziehen zugleich auch deutlich Position, in welche Richtung sich wissenschaftspolitische Interventionen entwickeln sollten. Bei aller Sympathie für viele in der vorliegenden Studie präsentierten Einschätzungen und Appelle an veränderndes wissenschaftspolitisches Handeln bleiben die angeführten empirischen Belege für die zum Teil sehr weit reichenden Schlussfolgerungen jedoch vergleichsweise begrenzt. Doch der Reihe nach. Worum geht es in dem überschaubaren und durchweg gut lesbaren Buch, das bereits mit dem Untertitel – die Rede ist von der „generativen Diskriminierung im Hochschulsystem“ – erfrischend provokativ daherkommt?

Hochschule und Forschung: ‚strukturell rücksichtslos‘ gegenüber Familien

Ziel der Autorinnen ist es, mit ihrer Untersuchung „den Blick von den individuellen generativen Entscheidungen auf den wissenschaftlichen Lebenszusammenhang zu erweitern und hierbei auch die ‚strukturelle Rücksichtslosigkeit‘ der wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen gegenüber Familien […] systematisch einzubeziehen, um der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit in der ‚Kinderfrage‘ präziser auf die Spur zu kommen“ (S. 14). Geschlechterbeziehungen und generative Entscheidungen sollen dabei in Abhängigkeit von den konkreten Beschäftigungsbedingungen an den (deutschen) Hochschulen analysiert werden.

Mit ihren zentralen theoretischen Konzepten schließen die Autorinnen erstens an die soziologische Prekarisierungsforschung an und diskutieren die wissenschaftliche Arbeit als privilegierte Prekarität, die insbesondere in der Qualifizierungsphase zwischen dem Studienabschluss und der Berufung auf eine möglichst unbefristete Professur erhebliche Verunsicherungen in den persönlichen Lebensbedingungen mit sich bringe. Zweitens beziehen sich die Forscherinnen auf das Konzept der generativen Entscheidungen, die sie als in gesellschaftliche Prozesse der Individualisierung und Desintegration eingebunden verstehen. Schließlich prägen sie das Konzept der generativen Diskriminierung, mit dem sie die „strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber jungen Eltern [bezeichnen], die – anders als die Kinderlosen – in einer begrenzten Zeit in ihrem Lebensverlauf mit verdichteten Leistungs- und Aufmerksamkeitsanforderungen konfrontiert“ (S. 16) seien.

Eingerahmt in eine Einleitung (Kapitel 1) und Überlegungen zum wissenschaftlichen Lebenszusammenhang im Hinblick auf die (Un-)Möglichkeiten zur Familiengründung von Doppel-Karriere-Paaren in der Wissenschaft (Kapitel 2) sowie abschließende Deutungen zur „[r]elative[n] Prekarisierung und Subjektivierung der wissenschaftlichen Arbeit“ (Kapitel 7) und ein Resümee (Kapitel 8) findet sich als Herzstück die empirische Untersuchung. Ausführungen zu Ermittlungsmethoden bezüglich der im Zentrum stehenden Kinderlosigkeit und zur Datengrundlage geben Aufschluss über die method(olog)ischen Probleme bei der präzisen Erfassung des Untersuchungsgegenstands (Kapitel 3). Der Abschnitt zur Datenermittlung lässt erahnen, mit welchen Herausforderungen die Autorinnen konfrontiert waren, um aus den acht ausgewählten Bundesländern vergleichbare Daten zum wissenschaftlichen Personal der Universitäten und Fachhochschulen, der Statusgruppenzugehörigkeit der Beschäftigten, ihres Alters und ihrer Kinderzahl zu erhalten und mit der Hochschulpersonalstatistik auf Bundesebene abgleichen zu können. So konnte etwa der geplante Vergleich der Jahre 1998 und 2006 angesichts der Datenlage nur partiell realisiert werden. Die Vorstellung der durchweg deskriptiven quantitativen Ergebnisse, die sich auf 65 Prozent des gesamten wissenschaftlichen Personals an Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland beziehen, gliedert sich nach der Betrachtung der Beschäftigungsverhältnisse (Kapitel 4), der Untersuchung von Kinderlosigkeit und Elternschaft (Kapitel 5) sowie der Analyse des Alters, Status und der Kinderzahl (Kapitel 6).

Wissenschaftskarrieren in Deutschland – (k)ein Platz für Kinder?

Die empirischen Ergebnisse verdeutlichen zunächst, dass im Untersuchungszeitraum an Universitäten die Befristung das Regelbeschäftigungsverhältnis darstellt und dass demgegenüber die unbefristete Beschäftigung im ohnehin nur relativ kleinen Mittelbau an Fachhochschulen rückläufig ist. Durch den steigenden Anteil an drittmittelgeförderter Forschung kommt es zu einem Anstieg der befristeten Teilzeitbeschäftigung im wissenschaftlichen Mittelbau als Ausdruck der Prekarisierung, wobei die Autorinnen zeigen, dass es sich hierbei vor allem um das jüngere Personal in der Promotionsphase handelt. Dabei gleichen sich Universitäten und Fachhochschulen immer mehr an. Frauen sind anteilig stärker von Befristung und Teilzeitbeschäftigung betroffen. Der Anstieg der befristeten Stellen im Mittelbau geht aber nur mit einer sehr geringen Erhöhung der Anzahl an Professuren einher. Und auch bei dieser Stellenkategorie zeigen sich zunehmend Befristungen, vor allem bei Erstberufungen und Stiftungsprofessuren, wobei wiederum Frauen hiervon anteilig stärker als Männer betroffen sind.

Die Auswertung der Daten zu Kinderlosigkeit und Elternschaft belegt, dass Frauen sowohl als im Mittelbau Beschäftigte als auch als Professorinnen häufiger kinderlos sind als Männer. Dabei variiert das Ausmaß der Kinderlosigkeit im Mittelbau mit Dauer und Umfang der Beschäftigung. Bei Kontrolle des Alters ist die Kinderlosigkeit beim universitären Mittelbau deutlich höher als bei den Professor/‑innen. Die endgültige Kinderlosigkeit in der Gruppe der 43- bis 53-Jährigen ist höher als bei der Referenzgruppe der Universitätsabsolventinnen im Allgemeinen. An Fachhochschulen sind die Elternanteile demgegenüber höher, was die Autorinnen auf den höheren Grad an unbefristeter Beschäftigung im Mittelbau und bei Professuren im Vergleich mit den Universitäten zurückführen.

Die Datenanalysen für die Universitäten zeigen außerdem, dass die jüngeren Wissenschaftlerinnen tendenziell häufiger Kinder als die altersgleichen Wissenschaftler haben. Zugleich wird deutlich, dass der Elternanteil in der Altersgruppe der 43- bis 53-Jährigen höher ist als in der Gruppe der 30- bis 42-Jährigen. In der Altersgruppe der 43- bis 53-Jährigen haben die unbefristet beschäftigten Frauen und Männer signifikant häufiger Kinder als die befristet Beschäftigten. Unbefristete Beschäftigung scheint den Autorinnen zufolge die Familiengründung zu erleichtern, während die unsichere Beschäftigungssituation auf befristeten Stellen sie erschwert. Bei den Professor/‑innen wird deutlich, dass anteilig mehr Männer als Frauen Kinder haben, und zwar in allen untersuchten Altersgruppen, wobei den Daten entsprechend die Familiengründung der Professorinnen im Durchschnitt später einsetzt als die der Professoren, jedoch nicht an die Berufung gekoppelt zu sein scheint. Professor/‑innen haben zudem anteilig mehr Kinder als die Eltern im Mittelbau. An den Fachhochschulen ist der Elternanteil in allen Statusgruppen höher als an den Universitäten, die Mütter sind jünger, und auch hier ist die Kinderzahl höher bei den Professor/‑innen, aber auch beim männlichen Mittelbau.

Die Autorinnen schlussfolgern, dass an Universitäten der Lebenslauf der Eltern wie der Kinderlosen spezifisch entlang von Geschlecht, Alter und Status strukturiert ist, an Fachhochschulen zeigten sich dagegen keine so starken Institutioneneffekte. Deutlich wird, dass die Kinderlosigkeit im Mittelbau beider Hochschultypen erheblich höher ist als bei anderen akademisch Gebildeten. Metz-Göckel und Mitarbeiterinnen führen dies auf die universitären Beschäftigungsverhältnisse und Qualifikationsanforderungen zurück, in denen Mutterschaft nach wie vor nicht vorgesehen sei. Lediglich bei den jüngeren Frauen breche dieser Zusammenhang leicht auf. Die strukturelle Rücksichtslosigkeit gegenüber jungen Eltern an Hochschulen könne sich national und international als „Qualitätsmangel und Wettbewerbsnachteil“ (S. 153) erweisen, aber auch die sozialen Kosten für den wissenschaftlichen Nachwuchs seien hoch. Die Herstellung von Familienfreundlichkeit in Hochschule und Forschung stelle insofern nur eine Teillösung des Problems dar, da sie an der mangelnden Passung zwischen dem beruflichen und dem persönlichen Lebensbereich insbesondere von jungen Eltern in der Wissenschaft nichts ändere.

Leitbild heterosexuelle Doppel-Karriere-Familie als neue Geschlechternorm

Die Ergebnisse belegen zwar die starke Ausgangsthese der Studie: Den Autorinnen zufolge entsteht „ein Gefährdungspotenzial des wissenschaftlichen Humanvermögens […], wenn junge Wissenschaftler/innen als grenzenlos verfüg- und belastbare Arbeitskräfte beansprucht oder durch Überforderung so belastet werden, dass die Einheit ihres Lebens zu zerbröckeln droht. Als subjektive Lösung erscheint es dann, frühzeitig oder dauerhaft aus der Wissenschaft auszusteigen oder auf Kinder zu verzichten“ (S. 16). Mal abgesehen von der unglücklich gewählten, einer neoliberalen Weltsicht entstammenden Begrifflichkeit des „wissenschaftlichen Humanvermögens“, das doch zumindest in Anführungszeichen hätte gesetzt werden müssen, irritiert jedoch die die ganze Untersuchung durchziehende implizite Normsetzung, dass ein „erfüllte[s] Leben“ (S. 13) in einer heterosexuellen Paarbeziehung erfolgt, in der beide Partner/-innen erwerbstätig sind und selbstverständlich Kinder haben (wollen).

An keiner Stelle hinterfragt scheint in der vorliegenden Untersuchung das neue, auch in der Familien- und Wissenschaftspolitik propagierte Leitbild der Doppel-Karriere-Familie auf, das nicht nur in emanzipatorischer Hinsicht den gestiegenen Erwerbsneigungen der meisten hochqualifizierten Frauen entspricht, sondern auch in einer neoliberalen Weltsicht normgebend wirkt. Dass im Zuge von Individualisierungsprozessen insbesondere in gleichheitsorientierten akademischen Milieus auch eine „Kultur der Kinderlosigkeit“ (Günter Burkart) Raum zu greifen beginnt, die von den Beteiligten ebenfalls als ‚erfülltes Leben‘ empfunden wird, und dass auch andere Lebensformen als die der zweigeschlechtlichen Paarbeziehung existieren, reflektieren die Autorinnen leider nicht. Auch fehlen Bezugnahmen auf die zahlreichen Studien der Frauen- und Geschlechterforschung, die längst aufgezeigt haben, dass der Drop-Out von Frauen aus der wissenschaftlichen Laufbahn nicht nur auf die vermeintliche Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Familie zurückzuführen, sondern ebenso einer Vielzahl weiterer Faktoren geschuldet ist.

Trotz dieser unreflektierten normativen Aufladung der gesamten Argumentation sind die deutliche Kritik an der um sich greifenden Prekarisierung des wissenschaftlichen Mittelbaus durch den Rückgang von haushaltsfinanzierten (Vollzeit-)Stellen und den Anstieg drittmittelfinanzierter (Teilzeit-)Stellen sowie die Einwürfe zu den persönlichen wie institutionellen Kosten dieser Entwicklungen treffend. Wünschenswert wäre, dass den zahlreichen Mutmaßungen, die in der Studie mangels aussagekräftigerer Daten angestellt werden, in weiteren quantitativen und qualitativen Forschungen nachgegangen würde. So könnten etwa die in der Dateninterpretation behaupteten subjektiven Verarbeitungsformen prekärer Beschäftigung in der Wissenschaft nicht nur hinsichtlich der Frage nach Elternschaft oder Kinderlosigkeit geschlechterreflektiert weiter empirisch erhellt werden.

PD Dr. Heike Kahlert

Stiftung Universität Hildesheim

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