Klartext zum Habitus?

Rezension von Barbara Scholand

Heike Guthoff:

Kritik des Habitus.

Zur Intersektion von Kollektivität und Geschlecht in der akademischen Philosophie.

Bielefeld: transcript Verlag 2013.

325 Seiten, ISBN 978-3-8376-2424-3, € 29,80

Abstract: Diese Dissertation ist ein anspruchsvolles Projekt. Es bedarf einer guten Portion Chuzpe, um diese Variante eines doppelten Spiels zu spielen, nämlich: die eigene Fachkultur der Philosophie aus Doing Gender-Perspektive kritisch zu durchleuchten und dabei die ‚Regeln der Kunst‘ einzuhalten. Heike Guthoffs Kritik ist somit zugleich Anerkennung des kritisierten Feldes. Ihr Witz besteht darin, zentrale begriffliche Werkzeuge anderer Disziplinen zu nutzen, um das eigene Fach einer Genderkritik und dabei gleichzeitig diese Werkzeuge – in diesem Fall das Habituskonzept Bourdieus – in philosophischer Absicht einer kritischen Revision zu unterziehen. Mit diesem transdisziplinären Kunstgriff gelingt es Guthoff, die Fachkultur der Philosophie in einem Atemzug zu kritisieren und zu bestätigen.

Professuren in blau und rosa

Wer Heike Guthoffs Projekt verstehen will, liest das Buch zunächst am besten in Sprüngen von hinten nach vorn und zurück: Der Interviewleitfaden im Anhang bietet eine schnelle Orientierung. Er enthält dreißig Fragen, die auf Erkenntnissen der bisherigen Fachkulturforschung beruhen. Das Feld der Philosophie wurde anhand von Interviews mit 13 hochdotierten Professor/-innen erschlossen. Innerhalb der Frageblöcke u.a. zum „wissenschaftlichen Werdegang“, zum „Output“, zu „Praktiken“, „Binnenstruktur“ und „Sozialstruktur“ des Fachs wird (bis auf die allerletzte Frage) vermieden, auf die Kategorie Geschlecht Bezug zu nehmen – die Gefahr des Aufrufens geschlechtlicher Stereotypisierung durch die Interviewerin wurde somit gebannt. Die zwischen Inhaltsverzeichnis und Einleitung eingefügte Landkarte zeigt – in Form hellblauer und rosafarbener Punkte (ja, die Farbvergabe entspricht dem Klischee) – die Zahl der besetzten Philosophieprofessuren an deutschen Universitäten im Jahr 2010: Ca. 30 sind rosa, über 200 sind blau. Diese Farbgebung ist ironisch, denn Guthoff setzt zwar mit Erving Goffman und Hilge Landweer (gegen Judith Butler) zwei mit ‚er‘ und ‚sie‘ zu bezeichnende Geschlechtsklassen voraus, nicht jedoch geschlechtliche Differenzen (S. 32 f.), so dass sie argumentiert: „Die Habitus von Feldern liegen nicht, wie Bourdieu es nahelegt, in exakt zwei Formen vor, sozusagen einmal in hellblau und einmal in rosa […].“ (S. 15) Sie kritisiert, Bourdieu habe es „versäumt, Kollektive […] explizit mit einem (Kollektiv-)Habitus auszustatten“ (S. 10), und er habe „einen Habitushabitus ausgebildet, der ihm jedoch in seinem Spätwerk zum ‚Geschlechterverhängnis‘ wurde“ (S. 33). Mit Bourdieu kann also nicht „ohne Weiteres“ (S. 55) die Verteilung von Rosa und Blau in der Landkarte erklärt werden.

Die erste Abbildung im Anhang zeigt, worum es geht: Im Fach Philosophie liegt ein scherengleiches Auseinanderlaufen der Karrierewege von Männern und Frauen vor. Während bei Studienstart (als Basisjahr wird 1989 angegeben) das Geschlechterverhältnis ausgeglichen ist, finden sich siebzehn Jahre später (2006) auf 90 Prozent der Professuren Männer (S. 301). Dies ist zwar nichts Besonderes, aber unter der Perspektive von zwei (und nur zwei) Geschlechtshabitus eben nicht (selbst-)verständlich. Es geht Guthoff daher auch weniger um sex counting, sondern mehr um das oben erwähnte Weitere. Kurz gefasst lautet das theoretische Programm ihrer Arbeit: „Der Habitusbegriff muss artikulieren können, dass innerhalb der Wissenschaften Fächer ihr je eigenes, ganz spezifisches Geschlechterspiel treiben.“ (S. 39).

Die Autorin nimmt dafür eine theoretische Unterscheidung vor zwischen Habitus als Habitus-Haben, bezogen auf einen individuellen Akteur, und Habitus als Habitus-Äußerung, bezogen auf das kollektive Selbstverständnis eines Feldes (vgl. insbesondere S. 53–55). Da sie den Fokus ihrer Untersuchung auf die Frage richtet, wie der Zusammenhang zwischen Fachkultur und Geschlecht in der Philosophie gefasst werden kann, zieht sie zudem den Ansatz des doing gender bzw. doing discipline (S. 83) heran. Die Interviews wertet sie zunächst hinsichtlich Fachkultur, dann hinsichtlich Geschlecht aus.

Philosophischer Habitus ohne und mit Geschlecht

Als Quintessenz des fachkulturellen Habitus und zentrale illusio in der Philosphie identifiziert Guthoff „Doing Klarheit“ (Kap. 2, S. 85–163). Im Durchgang durch das Material findet die Autorin zunächst „fünf systematische[] Kategorien“ (S. 89–92): 1. „[das] Qualitätsvolle[]“, 2. „die gute Gestalt“, 3. „das Selektive“, 4. „das Dogmatische/Rigorose“ und schließlich 5. „das Kritische“. Die übergreifende und zugleich zentrale Kategorie ‚klar‘ erschließt sich Guthoff sowohl induktiv aus dem Material als auch mit der Lektüre von Wörterbüchern (S. 90 f.). Auf der Basis von Analysen, die bei aller Detailliertheit nachvollziehbar bleiben, werden die Kategorien 1 und 2 verbunden zu „Gewissenhaftigkeit“ (S. 104 f.), 3 und 4 „zusammengefasst zum ‚entschiedenen Unterscheiden‘“ (S. 91). Die Interviewäußerungen bieten immer wieder unmittelbare Einsichten in ein Fach, das gerade nicht danach strebt zu expandieren, sondern bereit ist, für die Beibehaltung seiner Exklusivität einiges aufs Spiel zu setzen: Erstsemestern wird beispielsweise gesagt: „Rechnen Sie zu neunzig Prozent damit, dass Sie unbegabt sind.“ (S. 125) Zusammengefasst lässt sich konstatieren, dass die Philosophie einen Hang zu unbedingter Klarheit vor sich herträgt, der nun mal damit verbunden ist, dass rigoros selegiert wird, dabei aber ungemein kritisch und gewissenhaft vorgegangen wird. Dies führte beispielsweise in den Vor-Bologna-Studiengängen bislang dazu, dass die Quote der Studienabbrecher „bei stabilen 90%“ lag (S. 122).

Wie verhält es sich nun mit dem doing gender in diesem Fach, dass durch männliche „Homosozialität an der Spitze“ (S. 174) gekennzeichnet ist? Auf Seiten einiger männlicher Interviewter setzt, wenn die Geschlechterverhältnisse Thema werden, ein Reflex ein, der die Kolleginnen aus der philosophischen Gemeinschaft sprachlich exkludiert: „Wir haben jetzt ‚x‘ Professorinnen immerhin“. (S. 168). Damit werden die Kolleginnen zugleich verdinglicht, was Guthoff als „Topos des Inbesitznehmens“ (S. 169) kennzeichnet. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen äußern sich alle weiblichen Interviewten zu Beginn des Interviews unaufgefordert zu ihrem Geschlecht – jedenfalls wertet Guthoff Äußerungen, in denen die Interviewten von ihrem Mann, Ehemann oder Lebensgefährten sprechen, jeweils als doing gender (S. 188–204). Die weiteren Zitatanalysen beziehen sich überwiegend auf Äußerungen der männlichen Professoren (sie stellen mit 8:5 auch die Mehrheit der Interviewten) und fördern einige „Ausrutscher“ (S. 219) zu Tage, die alle mehr oder weniger darauf hinauslaufen, dass Philosoph-Sein und Frau-Sein im Prinzip unvereinbar sind. Guthoffs Synopse wird von der Fragestellung geleitet, „ob und wenn ja inwieweit und inwiefern ‚Doing Gender‘ vor dem Hintergrund des (Kollektiv-)Habitus des Feldes auch ‚Doing Klarheit‘ bedeutet […].“ (S. 239). Sie führt dazu aus: „Beide Geschlechtsklassen beobachten das Feld mit Hilfe derselben Unterscheidung (Fach vs. Frauen); sie müssen dieser selben Unterscheidung aber einen je spezifischen Ausdruck verleihen, weil sie nicht derselben Geschlechtsklasse angehören.“ (S. 245). Hier stellt sich mir allerdings die Frage, ob nicht über den „spezifischen Ausdruck“ hinterrücks die Geschlechterdifferenz wieder Einzug hält.

Fazit

Der empirische Ertrag dieser Interviewstudie liegt in der genau (klar!) ausgearbeiteten Analyse eines bislang noch nicht auf sein Gendering untersuchten Fachs. Guthoffs Untersuchung bestätigt die viel verwendete Metapher von der ‚Verwobenheit‘ (respektive intersection) von Fachkultur- und Geschlechterkonstruktion; sie konstatiert für die Philosophie ein „Doing Klarheit via Doing Gender“ (S. 276) und geht damit noch einen Schritt über das von Katharina Willems anhand der schulischen Fächer Deutsch und Physik belegte „doing gender while doing discipline“ (2007, S. 276) hinaus.

Der theoretische Gewinn besteht darin, dass Guthoff – unter Bezug auf Goffmans These vom Genderismus der Institutionen (S. 279) – Geschlechtlichkeit als Merkmal von (Wissenschafts-)Feldern versteht und „die abstrakte und noch unausgereifte Unterscheidung von Habitus und Habitusäußerung“ (S. 280 f.) eingeführt hat, um den Knoten von Geschlecht, Feld, Habitus, Struktur und Prozess, Individuum und Kollektiv ein Stück weit zu entwirren. Die Ausgangsfrage dieser Rezension – Klartext zum Habituskonzept? – möchte ich vorbehaltlich weiterer Ausarbeitungen bejahen. Ich bin gespannt auf weitere Publikationen der Autorin und möchte ihr Buch – vorbehaltlos – denjenigen empfehlen, die an einer Weiterentwicklung der Bourdieuschen Denkwerkzeuge und/oder an (gender-)kritischer Fachkulturforschung interessiert sind.

Literatur

Willems, Katharina. (2007). Schulische Fachkulturen und Geschlecht. Physik und Deutsch – natürliche Gegenpole? Bielefeld: transcript Verlag.

Barbara Scholand

Universität Hamburg

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg im Forschungsprojekt „Berufsorientierung und Geschlecht“

Homepage: http://barbarascholand.wordpress.com

E-Mail: barbara.scholand@uni-hamburg.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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