Entstehungsgeschichte US-amerikanischer feministischer Kriminologie

Rezension von Jenny Künkel

Claire M. Renzetti:

Feminist Criminology.

New York u.a.: Routledge 2013.

143 Seiten, ISBN 978-0-415-38142-0, € 26,95

Abstract: Das schlanke Buch bietet einen kompakten, aber nuancierten Überblick über feministische Kriminologien. Allerdings beschränkt sich Claire M. Renzetti weitgehend auf eine Analyse des US-amerikanischen Kontexts. Zudem wird gesellschaftliche Restrukturierung vor allem als Wandel des Frauenanteils unter kriminologischen Wissenschaftler_innen, Gesetzesübertretenden sowie Polizeikräften, Richter_innen oder Strafvollzugsbeamt_innen thematisiert, während z. B. Prozesse der Neoliberalisierung keine Berücksichtigung finden. Schließlich fehlen relevante jüngere Ansätze wie Foucault’sche oder neuere materialistische Perspektiven. Insgesamt liefert das Buch damit vor allem bezüglich der Frühphasen feministischer Kriminologie in den USA hilfreiche Einordnungen.

Auf 99 Seiten enthält das Buch einen schnell lesbaren und dennoch inhaltlich nuancierten Überblick über feministische Kriminologien. Dies gilt mit drei Einschränkungen: Erstens fokussiert Claire M. Renzetti vorwiegend den US-amerikanischen Kontext. Zweitens beschränken sich die Darstellungen historischen Wandels weitgehend auf veränderte numerische Geschlechterverhältnisse in der Kriminalität, im Strafverfolgungssystem und in der kriminologischen Wissenschaft. Sozioökonomische und politische Restrukturierungen etwa durch Prozesse der Neoliberalisierung bleiben hingegen außen vor. Drittens fehlen einige neuere theoretische Ansätze, die auch die feministische Kriminologie befruchten. So suchen Leser_innen z.B. den Namen Foucault oder Stichworte wie ‚Normalisierung‘ und ‚Gouvernementalität‘ ebenso vergeblich wie jüngere marxistische Ansätze. Marxismus wird eher als ein Fokus auf Arbeit und Klasse denn als Gesellschaftstheorie portraitiert. Daher entsteht der Eindruck, die Nutzung marxistischer Theoriebildung insgesamt und nicht nur die als ‚marxistischer Feminismus‘ bekannte Strömung der 1960/70er Jahre sei seit der Durchsetzung intersektionaler Perspektiven in den späten 1980er Jahren überholt. Poststrukturalistische Theorien werden nur knapp als einer von vielen Strängen feministischer Kriminologie unter dem Stichwort „postmodern“ abgehandelt. Mit Verweis allein auf Derrida, Lyotard und Baudrillard gilt die Relativierung von ‚Wahrheit‘ als zentrales Merkmal des Postmodernismus. Dies wird auch als „uncompromising relativism“ (S. 65) problematisiert. Die „simplifizierte“ (S. 61, Übers. JK) Darstellung des Ansatzes, der entgegen der Systematik des Buches nicht auf seinen Einfluss in Wissenschaft und Strafverfolgungssystem befragt wird, vermischt bisweilen Gegenstand und Epistemologie: „unlike the social constructionists […] postmodernists do not emphasize social structure; they focus instead on culture, especially language or texts“ (ebd., Hervorh. i. O.). Dass die Theoriebildung der letzten 20 Jahre etwas kurz kommt, ist angesichts der Zielgruppe des Bandes – laut Verlag v. a. Studierende und Lehrende – zwar schade, aber durch Ergänzungslektüre auszugleichen.

Die Frühphasen feministischer Kriminologie – zwischen Liberalismus, Marxismus und Patriarchatskritik

Im Gegensatz zur etwas spärlichen Darstellung jüngerer theoretischer Ansätze arbeitet Renzetti die Entstehung und frühe Entwicklung feministischer Kriminologien sehr sorgsam auf. Als ersten der heterogenen Feminismen beschreibt sie den liberalen Feminismus (Kapitel 2). Dieser sehe mangelnde Chancengleichheit als zentrales Problem und sei dementsprechend vorrangig auf rechtliche Gleichstellung ausgerichtet. In Kapitel 3 werden drei Ansätze vereint – a) Marxistischer Feminismus, b) Radikalfeminismus, c) sozialistischer Feminismus –, die aus den Protestbewegungen der 1960er Jahre entstanden. D. h., sie entwickelten sich zu einer Zeit, als in der Kriminologie zunehmend betont wurde, dass Abweichung durch gesellschaftliche Normierung produziert wird (Labeling-Ansatz). Alle drei Ansätze sehen laut Renzetti liberale rechtliche Maßnahmen zum Abbau von Diskriminierungen als unzureichend zum Erreichen von Geschlechtergerechtigkeit an. Als Hauptursache weiblicher Unterdrückung sähen marxistische Feminist_innen das kapitalistische Gesellschaftssystem und Radikalfeminist_innen das Patriachat. Die Herausbildung des kapitalistischen Gesellschaftssystems sei mit strukturellen Veränderungen der Familie und ökonomischer Marginalisierung von Frauen einhergegangen. Dadurch begingen Frauen als Täterinnen besonders häufig Eigentumsdelikte und würden häufiger Opfer von Sexualdelikten, so die marxistischen Feministinnen. Radikalfeministinnen kritisierten diesen vorrangigen Fokus auf Klassenstrukturen und problematisierten stattdessen ein durch Zwangsheterosexualität und Gewalt stabilisiertes patriarchales System. Dementsprechend fokussierten sie weniger auf weibliche Täterinnen denn auf Opfer.

Wenngleich Renzetti sich keinem der portraitierten Forschungsstränge zuordnet, entsprechen dennoch die meisten ihrer Forschungen der radikalfeministischen Betonung der Viktimisierung von Frauen. Analog bieten von ihr herausgegebene Zeitschriften und Sammelbände oft Perspektiven, die den Blick auf Strafausweitung statt Dekriminalisierung richten, – z.B. abolitionistischen Ansätzen bezüglich Prostitution – eine Plattform. Dennoch problematisiert die Autorin auch die radikalfeministische Perspektive als einseitig auf männliche Unterdrückung fokussiert. Der sozialistische Feminismus dagegen vereinte – laut Renzetti in einer Synthese von marxistischem und Radikalfeminismus – in dieser frühen feministischen Kriminologie am systematischsten Klassen- und Geschlechterperspektive. Alle drei Ansätze vernachlässigten jedoch weitere Ausgrenzungslinien, v. a. race. Zudem erwiesen sich die feministischen Forderungen nach verstärkter Verfolgung von Straftaten gegen Frauen als kompatibel mit konservativen Sicherheitspolitiken.

Pluralisierung feministischer Kriminologien

Im vorletzten Kapitel (4) präsentiert die Autorin vier neuere Strömungen, die Handlungsfähigkeit (agency), Situiertheit und Intersektionalität betonen: a) Structured Action Theory, b) Left Realism, c) Postmoderner Feminismus und d) Black/Multicultural Feminism. Die Structured Action Theory gilt als sozialkonstruktivistischer Ansatz, der v. a. die Verwobenheit von Kriminalität und doing gender analysiert. Kriminalität werde hier als Ressource zum Herstellen von Männlichkeiten und Weiblichkeiten, z. B. in Gangs, verstanden. Allerdings perpetuiere der Ansatz mit dem Fokus auf das Auffinden von Zweigeschlechtlichkeit selbige, und er übersähe häufig ein undoing gender. Im Gegensatz zum konstruktivistischen Ansatz fokussiere der Left Realism materielle Effekte von Kriminalität und Kriminalpolitik. Er problematisiere die negativen Folgen von Straßenkriminalität ebenso wie von konservativen Verdrängungspolitiken v. a. für die Bewohner_innen ärmerer, nicht-weißer Nachbarschaften. Feministische Beiträge seien in diesem Literaturstrang jedoch nur marginal vertreten. Postmoderner Feminismus untersuche hingegen, wie bestimmte Gruppen ihre Sicht auf die Welt (z. B. auf sogenannte Crack-Mütter) als ‚Wahrheiten‘ repräsentieren könnten, und zeige zudem mittels Dekonstruktion alternative Deutungen auf. Der Postmoderne Feminismus werde jedoch für Individualismus und Vernachlässigung institutionalisierter Macht kritisiert. Black/Multicultural Feminism habe die Kategorie race auf die Agenda der feministischen Kriminologie gebracht und ein intersektionales Denken eingefordert. Der Ansatz leide jedoch abwechselnd an allzu radikalem Anti-Essentialismus und der umgekehrten Tendenz der Essentialisierung der Deutungen Marginalisierter bezüglich ihrer eigenen Lebenssituation. Die Autorin diskutiert Einfluss und Probleme der Ansätze, ohne jedoch eine abschließende Bewertung vorzunehmen.

Ausblick für die angewandte Forschung

Im letzten Kapitel (5) schließt Renzetti bewusst nicht mit einem Ausblick auf theoretische Weiterentwicklungen. Auch will sie keine Skizze zentraler Fragen im gegenwärtigen (neoliberalen) Zeitalter aus feministisch-kriminologischer Perspektive bieten. Denn derartige ‚Vorschriften‘ bezüglich Theorie und Inhalt weist sie als „evangelizing“ (S. 98) zurück. Stattdessen präsentiert sie vier persönliche Forschungspräferenzen: Evaluationsstudien sollten geschlechterdifferenzierte Programme im Umgang mit Straftäter_innen und Gefängnisinsassen (a) und Restorative Justice-Programme (b) untersuchen. Zudem mahnt Renzetti Studien zur weiblichen Beteiligung an Staatsverbrechen z. B. in Kriegen (und Terrorismus) sowie zu den gravierenden Konsequenzen für Opfer an (c). Schließlich müsse feministische Kriminologie über den westlichen Tellerrand hinausblicken und eine globale Perspektive einnehmen (d). Gegen Letzteres dürften wohl die wenigsten Feministinnen etwas einzuwenden haben. Allerdings beschreibt die Autorin Terrorismus als Gewalt gegen Personen statt z. B. als staatlicherseits kriminalisierten politischen Protest mittels Sachbeschädigungen oder mittels zivilen Ungehorsams. Dies lässt aus linker Perspektive am emanzipatorischen Charakter der von ihr anvisierten Forschungen zweifeln.

Die von Renzetti eingeforderten Evaluationsstudien bleiben sicherlich weiterhin notwendig. Allerdings hätte sich die Leserin hier mehr Informationen zu bereits existierenden Studien gewünscht. Denn etwa bezüglich geschlechterdifferenzierter Programme zum Umgang mit Straftäterinnen sind bereits etliche Problematiken untersucht: z. B. die Tendenz zur Ausweitung von Strafbetroffenen und Strafmaß (Net-Widening/Up-Tariffing), die mangelhafte Infrastruktur in reinen Frauen-Einrichtungen, die unzutreffende Annahme der Homogenität von Frauen, die Responsibilisierung gerade von Frauen unter dem Leitprinzip des ‚Empowerment‘ und die Notwendigkeit, Empowerment zu ‚performen‘, um Zugang zu Programmen oder Straferleichterungen zu erhalten (für einen Überblick: Heidensohn/Silvestri 2012). Dass gerade die in jüngeren Jahren vermehrt geäußerte Kritik an Empowerment-Ansätzen in der Darstellung Renzettis keine Berücksichtigung findet, ist vermutlich nicht gänzlich zufällig. Denn diese basieren häufig zumindest implizit auf jüngeren, nicht zuletzt Foucault’schen theoretischen Perspektiven, die im Band nicht behandelt werden.

Insgesamt arbeitet die Autorin die frühe US-amerikanische Geschichte feministischer Kriminologie hervorragend auf. Leser_innen sind jedoch gut beraten, ergänzende Werke hinzuzuziehen, um einen Einblick in jüngere Theorieentwicklungen jenseits des Intersektionalitätsansatzes zu erhalten (z.B. Foucault’sche und neomarxistische Ansätze, vgl. Balfour/Comack 2006, Bernstein 2012, Daly 1997, King 2004, Valverde 2012). Gleiches gilt für Ausgrenzungsprozesse über die Trias race, class, gender hinaus (z. B. Sexualität und Heteronormativität, vgl. Ball 2014, Woods 2014).

Literatur

Balfour, Gillian/Comack, Elizabeth (Hg.). (2006). Criminalizing women. Gender and (in)justice in neo-liberal times. Black Point, N.S: Fernwood.

Ball, Matthew. (2014). Queer Criminology, Critique, and the ‚Art of Not Being Governed‘. Critical Criminology, 22 (1), S. 21–34.

Bernstein, Elizabeth. (2012). Carceral politics as gender justice? The „traffic in women“ and neoliberal circuits of crime, sex, and rights. Theory and Society, 41 (3), S. 233–259.

Daly, Kathleen. (1997). Different Ways of Conceptualizing Sex/Gender in Feminist Theory and their Implications for Criminology. Theoretical Criminology, 1 (1), S. 25–51.

Heidensohn, Frances/Silvestri, Marisa. (2012). Gender and crime. In Mike Maguire/Rod Morgan/ Robert Reiner (Hg.). The Oxford Handbook of Criminology. Oxford UK: University Press, S. 336–369.

King, Angela (2004). The Prisoner of Gender: Foucault and the Disciplining of the Female Body. Journal of International Women’s Studies, 5 (2), 29–39.

Valverde, Mariana. (2012). Sind wir noch PoststrukturalistInnen? Foucaults Vermächtnis und der Stellenwert von Theorie in zeitgenössischen Analysen von Recht und Sicherheit. In Bernd Belina/Reinhard Kreissl/Andrea Kretschmann/Lars Ostermeier (Hg.). (2012). Kritische Kriminologie und Sicherheit, Staat und Gouvernementalität. Kriminologisches Journal. 10. Beiheft. Weinheim: BeltzJuventa, S. 58–78.

Woods, Jordan Blair. (2014). „Queering Criminology“. Overview of the State of the Field. In Dana Peterson/Vanessa R. Panfil (Hg.). Handbook of LGBT Communities, Crime, and Justice. New York, NY: Springer, S. 15–41.

Jenny Künkel

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Humangeographie

Homepage: http://www2.uni-frankfurt.de/45863085/01_portrait

E-Mail: jkuenkel@geo.uni-frankfurt.de

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