Plädoyer für eine gegenderte Geschichte der romanischen Literaturen

Rezension von Ingrid Galster

Annette Keilhauer, Lieselotte Steinbrügge (Éds.):

Pour une histoire genrée des littératures romanes.

Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag 2013.

139 Seiten, ISBN 978-3-8233-6784-0, € 54,00

Abstract: Der vorliegende Band, Akten eines Kolloquiums aus dem Jahre 2012, befasst sich mit dem Gender-Aspekt in französischen Literaturgeschichten. Einer Bestandsaufnahme, in der auch und vor allem gefragt wird, warum dieser Aspekt bis heute keine Rolle in diesen Literaturgeschichten spielt, folgen Fallbeispiele über die Mechanismen von Rezeption und Kanonisierung. Am Ende stehen Überlegungen zu den Umrissen einer neuen Historiographie mit alternativen Vorschlägen für eine feminozentrische Herangehensweise und ein integratives Modell.

Als in den 1980er Jahren die Feminismusdebatte die Universitäten erreichte und man feststellte, dass die von Männern gemachte Geschichte die meisten Frauen unterschlagen hatte, setzte sich die Erkenntnis durch, dass auch die Literaturgeschichten neu geschrieben werden müssten. Heute, Jahrzehnte später, stellen die Herausgeberinnen des vorliegenden Bandes fest, dass diese Erneuerung für die Geschichte der französischen Literatur noch immer nicht geleistet wurde. Schlimmer noch: In groß angelegten Projekten neueren Datums erkennen sie eine Art Regression. Die Tendenz könnte kaum traditionalistischer sein, auch nach Aussage jener, die für diese Projekte verantwortlich sind. Wer verfolgt hat, welche Reaktion im Frühjahr 2013 eine Gesetzesvorlage auslöste, die vorsah, dass in französischen Schulbüchern der Begriff „sexe“ (biologisches Geschlecht) durch den Begriff „genre“ (Übersetzung von „Gender“) ersetzt werden sollte, wird sich kaum darüber wundern: Die Gesetzesvorlage musste im Juni 2013 zurückgezogen werden. In der deutschen Romanistik ist es jedoch nicht besser. Nicht nur, dass auch hier die Autorinnen in den Literaturgeschichten ein kümmerliches Dasein fristen. Eine Sektion zum Thema „Gender als Kategorie der Literaturgeschichtsschreibung in den romanischen Literaturen“, die die Herausgeberinnen des vorliegenden Sammelbands für den Romanistentag 2011 („Romanistik im Dialog“) vorgeschlagen hatten, wurde mit der Begründung abgelehnt, dass der Gegenstand „zu spezifisch“ sei. Die Herausgeberinnen ließen sich jedoch nicht beirren, und die Tagung fand im Februar 2012 an der Universität Erlangen-Nürnberg mit Unterstützung des Fonds „Förderung von Frauen in Forschung und Lehre“ des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst statt, das vielleicht zu Unrecht in der Öffentlichkeit nicht in dem Ruf steht, zur Speerspitze der Gender-Avantgarde zu gehören. Auch die Akten wurden von diesem Fonds finanziert, was allerdings nicht verhinderte, dass für das schmale Buch von 139 Seiten ein Preis von 54 Euro vom Verlag festgesetzt wurde.

Der in drei Teile gegliederte Band beginnt mit einer Art Bestandsaufnahme. Lieselotte Steinbrügge (Bochum) fragt näher danach, warum in den französischen Literaturgeschichten das Gender-Konzept nicht berücksichtigt wurde. Die von ihr genannte Befragung der Verantwortlichen dreier groß angelegter Projekte zeigt, dass ihnen das Konzept von Geschlecht als kulturelles Konstrukt völlig fremd ist, was sich in der Debatte um die Gesetzesvorlage („Loi Peillon“) bestätigte – als hätte es Simone de Beauvoir nie gegeben! Steinbrügge kann als renommierte Spezialistin[1] nachweisen, dass die Aufklärung die Frauen aus dem literarischen Kanon eliminierte, und zwar in der Literaturgeschichte von Jean-François de La Harpe, die grundlegend war für die Werke, die jahrhundertelang auf ihr fußten. Sie referiert zwei Argumente, die für die Ausgrenzung der Frauen vorgebracht wurden: Sie hätten nicht einem hypostasierten, durch Rationalität geprägten französischen Nationalcharakter entsprochen (Martine Reid) und ihnen habe für die bürgerlichen Verfasser der Literaturgeschichten zu sehr der Ruch des Aristokratischen angehangen (Renate Baader) – zwei Erklärungen, die Steinbrügge widerlegt. Sie trägt dagegen drei andere vor: a) Die Misogynie des Positivisten Gustave Lanson, der im 19. Jahrhundert eine bis weit ins 20. Jahrhundert verbreitete Literaturgeschichte verfasste, richtete sich nicht gegen Autorinnen der Aristokratie, sondern gegen Feministinnen seiner eigenen Epoche. Seine Position ist zutiefst anti-liberal. b) Die Grundlagen für die Normen des realistischen Romans des 19. Jahrhunderts wurden von Autorinnen gelegt, sie wurden aber von Autoren enteignet, die fortan als die großen Begründer der Gattung galten (Balzac etc.), während man die Namen der zu ihrer Zeit äußerst erfolgreichen Autorinnen heute kaum mehr kennt, weil sie in der Literaturgeschichte nicht mehr vorkommen. c) Der Einfluss der Theorie von Hélène Cixous, die in den 1970er Jahren den Begriff der „écriture féminine“ lancierte und behauptete, dass diese Schreibweise sich erst in Zukunft entwickeln müsse, da die Tradition völlig phallogozentrisch geprägt sei, habe verhindert, dass der Genderbegriff sich in der Literaturgeschichte habe etablieren können. Dem wäre allerdings zu entgegnen, dass Cixous (wie Irigaray und Kristeva, die beiden anderen Protagonistinnen des „French Feminism“) relativ wenig in Frankreich rezipiert wurde und ihren glamour wesentlich den Universitäten des Auslands verdankt.[2] Auch wenn häufig von „écriture féminine“ die Rede ist, wissen die meisten nicht, was Cixous darunter versteht.

Und wenn die Erklärung viel einfacher wäre? Kann es nicht der tief verwurzelte Universalismus sein, den die Herausgeberinnen mit Recht in ihrer Einleitung „trügerisch“ nennen, der auch dafür sorgte, dass die Französinnen erst 1944 das Wahlrecht erhielten, und der in Frankreich sogar heute noch viele Egalitaristinnen unter den Feministinnen davon abhält, Quoten für Frauen zu fordern?

Ein Vergleich mit der Präsenz von Autorinnen in Literaturgeschichten anderer Länder kann aufschlussreich sein. Rotraud von Kulessa (Augsburg) stellt fest, dass ihr Anteil in italienischen Literaturgeschichten höher ist, jedenfalls in der Zeitspanne vom 18. Jahrhundert bis ungefähr 1900. Die Erklärung: Den italienischen Frauen wurde im 19. Jahrhundert ein Erziehungsauftrag bei der Bildung nationaler Identität zugesprochen. Später trat der einflussreiche Philosoph Benedetto Croce auf den Plan, für den die Intuition in der Ästhetik die entscheidende Rolle spielte, eine Eigenschaft, die nicht er allein insbesondere den Frauen zu besitzen unterstellte. Sein Literaturkonzept beförderte also ihren Einschluss in die Literaturgeschichte.

In der dritten Studie des ersten Teils untersucht Florence Sisask (Umeå, Schweden) sieben Schulanthologien, die zwischen 2004 und 2007 in Frankreich erschienen sind. Nachdem traditionell in solchen Anthologien die Chronologie dominierte, fand ab den 1990er Jahren eine Umstrukturierung statt: Das französische Erziehungsministerium hatte eine Öffnung („décloisonnement“) verordnet. Die von Sisask untersuchten Schulbücher sind nunmehr nach Themen oder Gattungen jahrhunderteübergreifend gegliedert. Sind die Autorinnen dadurch präsenter geworden? In den traditionellen Schulbüchern waren sie mit 6 % vertreten, während sie de facto 20 bis 30 % unter den Schriftstellern ausmachten. Für die Jahre 2004 bis 2007 ist ihr Anteil leicht angestiegen, aber die Überrepräsentanz der Männer bleibt bestehen. Für George Sand und Madame de Staël, die im traditionellen Kanon gut verankert waren, hatte die Umstrukturierung negative Auswirkungen.

Im zweiten Teil des Bandes werden zwei Fallstudien vorgestellt. Andrea Grewe (Osnabrück) befasst sich mit Madame de Lafayette, die zwar in der Literaturgeschichte eine Rolle spielt, aber lediglich als Autorin des vielzitierten Romans „La Princesse de Clèves“ (1678). Dieser Roman wird allerdings in den Literaturgeschichten seines historischen Charakters beraubt und auf Psychologie und Liebe reduziert. Unter Mitheranziehung anderer Texte Madame de Lafayettes, die unmittelbar historischen Charakter besitzen, zeigt Grewe (im Nachvollzug von Studien aus dem angloamerikanischen Bereich), dass weibliche Autoren sich in der Gattung „nouvelle historique“ die dominierende Rolle wieder aneigneten, die ihnen in der Historiographie von den Männern streitig gemacht wurde. In der Darstellung schwacher Männer und starker Frauen erkennt sie mit Nathalie Grande eine kompensatorische Funktion.

Die andere Fallstudie ist einer Neulektüre der Romane Zolas und der Poetik des Naturalismus gewidmet. Inspiriert von Foucault, hat man im „Gesetz des Lebens“ als Grundlage eine „wilde Ontologie“ erkannt, die sich als pathologische und zerstörerische Kraft manifestiert. Hendrik Schlieper (Münster) zeigt den Geschlechtscharakter dieser scheinbar neutralen Dichotomie, die mit Wertungen behaftet ist. In der Rezeption des französischen Naturalismus in Spanien kommen die positive Wertung des Virilen und die Abwertung des Weiblichen deutlicher zum Ausdruck.

Der dritte Teil befasst sich mit Perspektiven für die Umrisse einer neuen Historiographie. Margarete Zimmermann (Berlin) plädiert für eine „feminozentrische“ Literaturgeschichte unter (eklektischem) Rekurs auf Irigaray und Butler.

Ina Schabert (München) spricht sich dagegen für einen integrativen Ansatz aus. Sie weiß, wovon sie spricht. Als Pionierin hat sie die gesamte englische Literatur seit 1560 aus der Sicht der Geschlechterforschung neu gelesen,[3] wobei sie sich am Begriff des Dialogs orientiert. Im vorliegenden Band stellt sie Überlegungen zu einer vergleichenden Geschichte der Frauen in der englischen und französischen Literatur vom 17. bis zum 19. Jahrhundert an. Sie zeigt eindrucksvoll und veranschaulicht auf einer Tafel, wie stark ab Mitte des 17. Jahrhunderts die wechselseitige Rezeption war, wobei die unterschiedlichen kulturellen Kontexte für eine jeweils spezifische Ausprägung sorgten.

Im letzten Beitrag präsentiert Annette Keilhauer (Erlangen-Nürnberg) ihrerseits Strategien für eine gegenderte Neuorientierung der Literaturgeschichtsschreibung, wobei sie unter anderem die Intersektionalität favorisiert, das neue Zauberwort, das vor allem jene beeindruckt, die nicht wissen, dass von Beauvoir bis Michelle Perrot Identität (oder genauer: die condition féminine) immer schon mehrdimensional konzipiert war.[4] Im Übrigen basiert das aus den USA eingeführte Konzept auf einem Kommunitarismus, dessen Eignung für französische Verhältnisse allererst reflektiert werden müsste. Man ist eher geneigt, Annette Keilhauer vorbehaltlos zuzustimmen, wenn sie das Modell Ina Schaberts zur Anwendung auf die romanischen Literaturen empfiehlt.

Insgesamt bietet dieser Band wichtige Anregungen, die dank der durchgehenden Abfassung der Beiträge in französischer Sprache auch in Frankreich und der internationalen Romanistik zur Kenntnis genommen werden können.

Anmerkungen

[1]: Vgl. Steinbrügge, Lieselotte: Das moralische Geschlecht. Theorien und literarische Entwürfe über die Natur der Frau in der französischen Aufklärung. Weinheim, Basel: Beltz Verlag 1985.

[2]: Vgl. Galster, Ingrid: Positionen des französischen Feminismus. In Hiltrud Gnüg, Renate Möhrmann (Hg.): Frauen Literatur Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Stuttgart, Weimar: Metzler Verlag, 2. Auflage 1999.

[3]: Schabert, Ina: Englische Literaturgeschichte. Eine neue Darstellung aus der Sicht der Geschlechterforschung. 2 Bände. Stuttgart: Kröner Verlag 1997 und 2006.

[4]: Cf. den Artikel von Joan W. Scott in Libération (Paris), 20.1.1999 sowie meine Ausführungen zur Intersektionalität in Ingrid Galster: Relire Beauvoir. „Das Andere Geschlecht“ sechzig Jahre später. In: Feminisms Revisited. Freiburger GeschlechterStudien 24, 2010, S. 115 f.

Prof. Dr. Ingrid Galster

Universität Paderborn

Institut für Romanistik

Homepage: http://kw.uni-paderborn.de/institute-einrichtungen/institut-fuer-romanistik/personal/emeriti/galster/

E-Mail: galster@zitmail.upb.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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