Methodische Mängel der Gender-Gegner/-innen

Rezension von Sarah Dellmann

Regina Frey, Marc Gärtner, Manfred Köhnen, Sebastian Scheele:

Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie.

Argumente im Streit um Geschlechterverhältnisse.

Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung 2013.

72 Seiten, ISBN 978-3-86928-113-1, € 00,00

Abstract: Polemiken gegen den Begriff ‚Gender‘ machen Schlagzeilen. Oft wird denjenigen, die sich mit Geschlechterdemokratie, Gleichstellungspolitik und Genderforschung befassen, pauschal vorgeworfen, ‚unwissenschaftlich‘ und ‚ideologisch‘ zu sein. In vier Kapiteln werden die Vorwürfe an je einem Beispiel mit Methodenkritik und Wissenschaftstheorie konfrontiert, wobei deutlich wird, dass die von Gender-Gegner/-innen geäußerten Vorwürfe die eigenen Kriterien von Wissenschaftlichkeit nicht erfüllen, sondern politisch motiviert sind. Die Broschüre ist sowohl ein gut strukturierter Überblick über Argumentationsmuster und publizistische Aktivitäten der Gender-Gegner/-innen als auch eine praktische Argumentationshilfe für alle, die im weitesten Sinne zu Geschlechterthemen arbeiten.

Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik sehen sich seit ihren Anfängen den Vorwürfen ausgesetzt, ideologisch, subjektiv und unwissenschaftlich zu sein. Diese Kritik wird in den letzten Jahren zunehmend aggressiv geäußert. In Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie werden Vorgehen und Argumentationsmuster heutiger Gender-Gegner/innen exemplarisch aufgezeigt. Wie an mehreren Stellen betont wird, ist es dabei nicht das Ziel der Autor/-innen, jede Kritik an jeder einzelnen Studie oder Veröffentlichung im Bereich der Gender Studies und des Gender Mainstreaming per se zurückzuweisen (vgl. etwa S. 11, 32, 50), sondern all denjenigen, die mit dem Begriff ‚Gender‘ oder in Einrichtungen zur Geschlechtergleichstellung arbeiten, zu helfen, Kritik an ihrer Arbeit in fachliche Kritik oder umgekehrt als Teil der Delegitimierungsstrategie der Gender-Gegner/-innen einzuordnen.

Die Broschüre wurde durch das Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie in der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben und kann auch als elektronische Ressource (Download: 05.05.2014) von der Stiftungswebsite heruntergeladen werden.

Eigentlich, so wird beim Lesen der Broschüre deutlich, stellen sich die Gender-Gegner/-innen selbst ins Abseits, da sie weitestgehend ohne eine qualifizierte und differenzierte Auseinandersetzung mit Inhalten und Methoden Arbeiten der Geschlechterforschung abwerten. Auch journalistische Texte weisen grobe Fehler in der Recherche auf (vgl. den Beitrag von Regina Frey, S. 25). Dennoch werden Publikationen der Gender-Gegner/-innen breit rezipiert (vgl. S. 7).

Der Unwissenschaftlichkeitsvorwurf als argumentative Schnittstelle

Die Broschüre beginnt mit einer kurzen Übersicht über verschiedene Lager der Gender-Gegner/-innen, die in „journalistische Gender-Gegnerschaft“, „Wissenschaftlichkeitswächter“, „christlicher Fundamentalismus“, „explizit antifeministische Akteurinnen und Akteure“ sowie „rechte Organisationen“ klassifiziert werden. Obwohl diese vor dem Hintergrund verschiedener Weltanschauungen und Motivationen agierten, bilde der Unwissenschaftlichkeitsvorwurf eine argumentative Schnittstelle der ausgemachten Gruppen (S. 11).

In den folgenden Kapiteln widmen sich die vier Autor/-innen je einem Themenbereich (Gender als Konzept und Gender Mainstreaming, Begriff der Ideologie, Wissenschaftlichkeitskriterien und Selektivität der Vorwürfe) und arbeiten exemplarisch Argumentationsmuster verschiedener Gender-Gegner/-innen heraus. Dabei gelingt es den Autor/-innen, die Unhaltbarkeit der Vorwürfe nachzuweisen und außerdem grobe Mängel am wissenschaftlichen und journalistischen Vorgehen zu konstatieren: Quellen werden nicht genannt, manche Behauptungen sind empirisch falsch, Forschungsstand und aktuelle Fachpublikationen werden nicht berücksichtigt, die analytische Ebene von Begriffen wird durcheinandergebracht, und es werden Ziele von gleichstellungspolitischen Maßnahmen angegeben, die die entsprechenden Institutionen nicht vertreten.

Fehlbehauptungen und sachlich falsche Rekonstruktionen

Regina Frey untersucht Definitionen der Gender-Gegner/-innen zum Konzept Gender und zu Gender Mainstreaming. Jene behaupten, dass das Konzept Gender einen „Angriff auf die Geschlechtsidentität“ (S. 16) darstelle und Gender Mainstreaming dem Ziel der „‚Umerziehung‘ von Menschen zu geschlechtslosen Wesen“ (S. 16) diene. Zunächst greift Frey die Behauptung der Gender-Gegner/-innen auf, das Konzept Gender, wie es die Gender Studies verwenden, gehe zurück auf ein Experiment des Psychiaters John Money. Als Schlüsseltexte dienen ihr Publikationen des Journalisten Volker Zastrow, Redakteur der FAZ-Sonntagszeitung, welche u. a. in den Zeitschriften Focus und Spiegel, in der FPÖ und in maskulinistischen Kreisen zitiert werden. Mit Verweis auf Standardwerke und programmatische Sammelbände der Gender Studies widerlegt Frey Zastrows Behauptung, Moneys Publikationen gehörten zu den einflussreichsten Texten der Gender Studies, da keine der Quellen, auf denen Zastrow seine Definition von Gender stützt, zu den Schlüsseltexten zählten. Zudem übersehe er die Kritik verschiedener Geschlechterforscher/-innen an Moneys Studien. Zastrows Publikationen liege „eine unzutreffende Auffassung des Konzeptes Gender zugrunde“ (S. 21), die auf fehlender Quellenbasis geäußert werde.

Auch die Behauptung, Gender Mainstreaming diene der Kreation eines „Neuen Menschen“ und sei eine, in Zastrows Worten, „politische Geschlechtsumwandlung“ (S. 22), konfrontiert Frey mit den Definitionen und Zielsetzungen der angegriffenen Institutionen – weder die Bundeszentrale für politische Bildung noch die deutsche Verfassung noch die EU-Kommission für die Gleichstellung von Frauen und Männern zielten auf die Schaffung eines ‚Neuen Menschen‘. Vielmehr definieren diese Institutionen Gender Mainstreaming als „Prüfung von Maßnahmen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und Männern“ (S. 22). Ebenso sei nicht die Verpflichtung zu Vollzeitarbeit von Frauen das Ziel der EU-Kommission, wie behauptet wird, sondern Entgeltgleichheit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf (S. 23). Keiner der Vorwürfe, die Zastrow gegen die Geschlechterforschung und die Geschlechtergleichstellung erhebt, hält einer inhaltlichen Prüfung am Quellenmaterial stand. Zudem unterlaufen ihm Fehler auf der konzeptionellen Ebene, wenn er etwa „das volkswirtschaftliche Ziel der Vollbeschäftigung mit allgemeiner Vollzeitarbeit [vertauscht].“ (S. 23) Frey folgert: „Es wird eine Bedrohungskulisse der Gleichschaltung entworfen, um Geschlechtergerechtigkeit als politisches Ziel zu diskreditieren.“ (S. 25).

Zum Vorwurf, „ideologisch“ und „subjektiv“ zu sein

Dieses Muster zieht sich auch durch die anderen Fallbeispiele. Sebastian Scheele untersucht auf einer theoretischen Ebene den Vorwurf an die Gender Studies, „ideologisch“ zu sein, indem er die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen des Ideologievorwurfs rekonstruiert. Den Gender-Gegner/-innen zufolge seien alle Wissenschaftsbereiche „ideologisch“, die ein Erkenntnisinteresse formulieren und die sich anderer als empirisch-naturwissenschaftlicher Methoden bedienen. Dabei verkennten jene den interdisziplinären Charakter der Gender Studies und die – je nach Disziplin spezifische – verwendeten Methoden zur Klärung der jeweiligen Forschungsfragen. Die Vorwürfe seien dann auch keine epistemologisch motivierte Methodenkritik (vgl. S. 32), sondern ein Versuch zur Delegitimierung der Gender Studies (wenn nicht sogar aller nicht-empirisch arbeitenden Geistes- und Gesellschaftswissenschaften).

Obgleich Scheele deutlich aufzeigt, wie der Ideologievorwurf funktioniert, so überzeugt seine Entkräftung nur teilweise. Denn selbst wenn sich dieser bei näherer Betrachtung ausschließlich gegen die geistes- und sozialwissenschaftlichen Teilgebiete der Gender Studies wendet, so trifft er noch stets den größten Teilbereich des Studienfeldes. Hier wäre es vielleicht besser gewesen, sich auf den Ideologievorwurf an die Gender Studies als Teil einer allgemeineren Kritik an den Geistes- und Sozialwissenschaften zu konzentrieren. Scheele benennt diesen Zusammenhang – „Derartige Ressentiments werden auch jenseits der Gender Studies gegen Sozialwissenschaften generell vorgebracht“ (S. 31) – und erläutert ihn auch. Im Fazit führt er die disziplinäre Breite der Gender Studies dennoch als ein Argument zur Entkräftung dieser Kritik an: „Hier geht es jedoch nicht darum, schlicht den Vorwürfen auszuweichen, indem die Vielfalt von Gender Studies angeführt wird. Was jedoch deutlich wird, wenn man den Bezug der Gender Studies zu den verschiedenen Disziplinen versteht: Wer einem derartig breitgefächerten Projekt einen pauschalen Ideologievorwurf macht, dem geht es nicht um eine Diskussion wissenschaftlicher Gütekriterien.“ (S. 34) Scheeles stärkstes Argument gegen den Ideologievorwurf ist die Konstatierung, dass auch die Gender-Gegner/-innen eine durchaus interessegeleitete Forschung betreiben. Mit Verweis auf andere Kapitel der Broschüre folgert er: „Wenn die eigene politische Intention so offensichtlich ist, verliert der Vorwurf gegen andere, politisch interessegeleitet zu sein, reichlich an Überzeugungskraft.“ (S. 30) Der Beitrag schließt mit einem Überblick verschiedener Modelle der Gender Studies, mit denen über die Situiertheit von Wissen und über wissenschaftliche Erkenntnisproduktion reflektiert wird.

Manfred Köhnen geht dem Vorwurf an die Gender Studies nach, nicht objektiv, sondern subjektiv und interessegeleitet zu sein. Die Genderforschung würde in dieser Kritik nicht als von allgemeinem Interesse dargestellt, sondern als „Spielwiese von Menschen“ (S. 40), die als Außenseiter/-innen angesehen würden. Vor diesem Hintergrund behaupten sich die Gender-Gegner/-innen als wissenschaftlich „neutral“ und „objektiv“. Dass die Forderung, die Geschlechterverhältnisse sollten so bleiben, wie sie seien, ebenso interessegeleitet ist wie die Forderung, diese zu ändern, und dass zwar z. B. nicht-heterosexuellen Genderforschenden vorgeworfen wird, befangen zu sein, nicht aber „Familienforscher_innen, die zugleich Eltern sind“ (S. 41), verdeutliche die Selektivität des Vorwurfs und den Doppelstandard, mit dem Wissenschaftlichkeit und Objektivität bewertet werden. Zudem definieren etwa die Gender-Gegner/-innen Manfred Klein und Heike Diefenbach Wissenschaftlichkeit als wertfrei und interesselos und berufen sich dabei auf Karl Popper und Max Weber die, wie Köhnen belegt, „nie eine solche Position vertraten“ (S. 45, vgl. auch S. 50).

Empirisch falsche Behauptungen

An drei Fallbeispielen zeigt Marc Gärtner den Doppelstandard auf, mit denen Gender-Gegner/-innen ihre Vorwürfe äußern: Eine empirische Studie von Gerhard Amendt zu Scheidungsvätern wird ohne Methodenteil, Klärung des Forschungsstandes und Literaturverzeichnis publiziert (vgl. S. 54–57) und sei zudem noch in einer „vagen, aber kämpferischen“ Rhetorik formuliert (S. 55). Diese Studie wurde durch die Gender-Gegner/-innen jedoch ebenso wenig kritisiert wie Arbeiten des Vereins zur Interessenvertretung männlicher Bürger, MANNdat e.V., in denen behauptet wird, dass Jungen und Männer häufiger von häuslicher Gewalt betroffen seien als Frauen und Mädchen und dass prekäre Beschäftigungen vorwiegend von Männern ausgeübt würden – was amtlichen Statistiken widerspricht. Als drittes Beispiel nennt Gärtner die Journalistin Gabriele Kuby (Junge Freiheit), die ihre Kritik an den Gender Studies auf einen „traditionalistischen Gottesglauben und ausgesuchte Bibelzitate“ (S. 60) gründe, wenn sie wissenschaftlich inkorrekt vorbringt, dass „jede Körperzelle männlich oder weiblich definiert“ sei (S. 61). Zudem behauptet sie historisch unzutreffend, dass Errungenschaften der Aufklärung auf eine Initiative der katholischen Kirche zurückgingen (vgl. S. 61) – um nur einige Beispiele zu zitieren.

Fazit

Die Texte sind prägnant, mit Ausnahmen einiger weniger Passagen sachlich und ohne Fachjargon geschrieben. Aus der Form einer Argumentationshilfe ergeben sich die Kürze der Texte und der Fokus auf die Praxis; ein Katalog von „Prüffragen“ z. B. gibt „Hinweise darauf, ob es sich bei einer Äußerung um Kritik oder um Strategien der Delegitimierung handelt.“ (S. 70). Die Quellenverweise zu Publikationen der Gender-Gegner/-innen sowie die zahlreichen Belege zu Studien, welche die Vorwürfe widerlegen oder Gegenpositionen vertreten, machen die Broschüre auch für die akademische Geschlechterforschung aufschlussreich. Als Analyse der Argumentationsmuster ist sie eine gelungene Ergänzung zu der von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen Broschüre Gleichstellungspolitik kontrovers. Eine Argumentationshilfe (2011), die vor allem statistische Sachinformationen und Argumente im Bereich Gender Mainstreaming liefert.

Die Beschränkung auf einen methodenkritischen und wissenschaftstheoretischen Blick ermöglicht es den vier Autor/-innen, Positionen zu hinterfragen, die sich selbst als „objektiv“ und „neutral“ erklären. Es gelingt ihnen, den oft pauschal und polemisch an die Gender Studies gerichteten Unwissenschaftlichkeitsvorwurf als unhaltbar vorzuführen und als politisch motiviert zu entlarven, ohne dass sie selbst in Polemiken verfallen. So trägt diese Broschüre dazu bei, sich auf einer sachlichen Art mit den Ergebnissen der Geschlechterforschung und Strategien der Geschlechtergleichstellung auseinanderzusetzen.

In den Beiträgen wird deutlich, dass jede Positionierung in Debatten um ‚Gender‘ – der Gender-Gegner/-innen wie auch der Vertreter/-innen der Geschlechterforschung und in der Gleichstellungspolitik – eine Positionierung zum Forschungsgegenstand enthält. Die Frage, ob vor diesem Hintergrund eine an Fakten orientierte Diskussion um Gender wünschenswert und überhaupt möglich ist, wird allerdings offen gelassen.

Die Positionierung der Herausgeber/-innen und Autor/-innen hätte durchaus mehr Raum bekommen können. Inhaltliche Argumente für das Befassen mit dem Gegenstand finden sich kaum. Im Vorwort der Leitung des herausgebenden Instituts heißt es, die Broschüre wolle „Organsationsverteter_innen und Aktivist_innen sowie Institutionen, die in diesem Bereich tätig sind, dabei unterstützen, in Kampagnen gegen (pro)feministische Veröffentlichungen die entsprechenden Anwürfe verorten und darauf sachbezogen reagieren zu können.“ (S. 7) Dieses Anliegen ist zwar ein politisches, wird aber von den Autor/-innen inhaltlich nicht weiter begründet als mit dem „Erstaunen darüber, wie derartige Delegitimierungsversuche und populistische Verkürzungen von komplexen Fachdiskussionen in Medien und im digitalen Raum eine solche Verbreitung erfahren können“ (S. 12). Auch im Abschlusskapitel wird die eigene Position nur insofern benannt, als dass „die Einsicht, dass Geschlechterverhältnisse sich wandeln, Geschlechtergerechtigkeit ein anzustrebendes Ziel ist und der Staat entsprechende Strategien verfolgt,“ (S. 67) als Grundlage einer sachbezogenen Debatte angeführt wird. Zwar ist es nicht das zentrale Anliegen der Broschüre, die Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik inhaltlich zu verteidigen; dennoch hätte eine politische Begründung, vor welchem Hintergrund die Autor/-innen Mitarbeitende in Geschlechterforschung und Gleichstellungsbüros unterstützen wollen, der Broschüre sicherlich einen weniger defensiven Charakter verliehen.

Literatur

Melanie Ebenfeld, Manfred Köhnen (Hg.). (2011). Gleichstellungspolitik kontrovers. Eine Argumentationshilfe. Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn. http://library.fes.de/pdf-files/wiso/07877.pdf (Download: 05.05.14)

Sarah Dellmann

Utrecht University, Niederlande

Institute for Cultural Inquiry, Department of Media and Culture Studies

Homepage: http://www.uu.nl/hum/staff/SDellmann

E-Mail: s.dellmann@uu.nl

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