Am Grunde der Diskurse – Quellen rechtlicher Geschlechterstudien

Rezension von Ulrike Lembke

Andrea Büchler, Michelle Cottier:

Legal Gender Studies.

Rechtliche Geschlechterstudien.

Baden-Baden: Nomos Verlag 2012.

459 Seiten, ISBN 978-3-8329-7680-4, € 44,00

Abstract: Die vorliegende Sammlung ist eine Pionierinnenarbeit. Zwar gibt es für den deutschsprachigen Raum einige Einführungen in die Legal Gender Studies resp. rechtlichen Geschlechterstudien, die sich teilweise auch auf dieselben Autor*innen oder Konzepte beziehen, doch fehlte es bisher an einer gemeinsamen Quellengrundlage. Andrea Büchler und Michelle Cottier haben ein in Qualität wie Quantität beeindruckendes Werk vorgelegt, durch welches der Stand rechtlicher Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum dokumentiert, notwendige rechtswissenschaftliche Beiträge zu den Geschlechterstudien geleistet und ein geschlechtertheoretisch inspirierter Zugang zu einer reflektierten und kommunikationsfähigen Rechtswissenschaft eröffnet werden.

Eine lang ersehnte Quellensammlung

Die Gender Studies und feministischen Theorien im deutschsprachigen Raum scheinen sich in einer Situation zu befinden, die einerseits die Selbstvergewisserung erfordert, zugleich aber die Verständigung auf und den Streit über einen gemeinsamen Kanon (der nicht nur deutschsprachige Quellen enthalten muss) ermöglicht. In den letzten Jahren sind einige Quellensammlungen erschienen, die ein Vergessen feministischer (Rechts-)Diskurse verhindern (bspw. Augspurg 2013) wie auch eine gemeinsame Grundlage für Weiterentwicklungen schaffen sollen (u.a. Ankele 2010, Gerhard et al. 2008 und 2010, Lenz 2008, Schmidbaur et al. 2013). In diesen Trend scheint sich die vorliegende Sammlung einzureihen. Sie ist aber mehr als eine Quellensammlung zur rechten Zeit. Sie ist der Beleg dafür, dass Legal Gender Studies als Forschungsrichtung und als universitäre Disziplin inzwischen sichtbar existieren, wie die Herausgeberinnen selbst dies für die Schweiz konstatieren (S. 2). Dennoch ist sie auch eine Ausnahmeerscheinung, zum einen weil die vorherrschende Rechtsdogmatik in ihrer Fokussierung auf das aktuelle Recht die jeweilige Diskursgeschichte oft völlig ausblendet und zum anderen weil die Texte der Legal Gender Studies selten den Sprung in die großen Zeitschriften oder Sammelbände schaffen, sondern von den Rändern der rechtswissenschaftlichen Disziplinen manchmal mühsam gesammelt werden müssen. Damit haben die Herausgeberinnen eine lang ersehnte Pionierinnenarbeit vorgelegt.

Einfach einsteigen

Die Sammlung beginnt mit einer Einleitung zu den Grundlagen der noch jungen Disziplin Legal Gender Studies, die aber nicht als Vorspann konzipiert ist, sondern selbst schon anhand von Quellen arbeitet. Hier werden Rahmenbedingungen, Verortung, wesentliche Strömungen, Dilemmata, Debattenschwerpunkte und Methoden wunderbar aufbereitet dargestellt. Auch erfreut bereits hier eine Mischung aus gendertheoretisch orientierten rechtswissenschaftlichen Quellen und Klassikertexten feministischer Theorien und der Gender Studies. Gerade weil die Auswahl passgenau auf eine Rezeption im deutschsprachigen Raum abzielt, verblüfft das Fehlen der Einführung von Greif und Schobesberger (2007), die nicht zuletzt zu Methodenfragen Wesentliches beigetragen haben. Die Herausgeberinnen identifizieren die Spezifika wie Herausforderungen rechtlicher Geschlechterstudien – u.a. inter- und transdisziplinäres Arbeiten, Ideologiekritik, Rechtswirkungsforschung, Rechtspolitik bei profunder Rechtsskepsis, Gleichgewicht von Schutz und Autonomie, feministische Hierarchien und Widersprüche, Dilemmata und (de‑)konstrukive Ansätze – so leichtfüßig und überzeugend, dass selbst angekündigte Aporien die Leserin nicht mehr schrecken können. Im Gegenteil: Sie freut sich auf die weitere Lektüre.

Gleichheit – Differenz – Konstruktion

Die großformatige Einteilung der Sammlung in drei Themenfelder folgt Vorbildern in den Gender Studies wie in den rechtlichen Geschlechterstudien (bspw. Greif/Schobesberger, 2007, S. 37–91, dort allerdings mit dem vierten Feld „Queer Theory“) und hat den erheblichen Vorteil, kleinteilige Zuordnungsdebatten auszusparen. Auch bleibt diese Struktur mit weiteren Untergliederungen lesefreundlich. Vor allem aber nutzen die Herausgeberinnen die Chance, durch ungewohnte Zuordnungen produktive Irritationen auszulösen und eine neue Lesart bekannter Konzepte und Probleme anzuregen. Dass sexuelle Belästigung sich unter „Gleichheit“ findet, überrascht noch am wenigsten. Postkoloniale und intersektionale Analysen unter „Differenz“ zu verorten, ist schon ein mahnendes Statement an das Fach selbst, zwischen Differenzen und Hierarchien zu unterscheiden. Konzeptionell geradezu genial ist die Thematisierung von sexualisierter Gewalt und von Reproduktion unter „Konstruktion“, herrscht doch nicht nur in Alltagsdebatten die Ansicht vor, es in diesen Bereichen mit handfesten biologischen Unterschieden zu tun zu haben. Ihre teils kühnen Aufbauentscheidungen – angesichts derer sich die Leserin manchmal doch nachdrücklich ein Stichwortverzeichnis wünscht – können die Herausgeberinnen stets mit passenden Quellen belegen; ihre Strukturentscheidungen gehen auf.

Verblüffende Vielfalt

Rechtliche Geschlechterstudien verlangen die Rezeption einer Vielzahl von teils sehr unterschiedlichen Quellen. Mit ihrer Auswahl lösen die Herausgeberinnen ein, was sie in der Einleitung als Spezifika wie Herausforderungen der Legal Gender Studies identifiziert haben. Neben ‚traditionellen‘ rechtswissenschaftlichen Quellen wie Gesetzestexten, Materialien zum Gesetzgebungsprozess, internationalen Verträgen, Gerichtsentscheidungen und dogmatischer Kommentarliteratur finden sich auch für die Rechtswissenschaft eher ungewöhnliche rechtspolitische Quellen wie Volksinitiativen oder Kommentare feministischer Juristinnen. Den Blick auf die sogenannte Rechtswirklichkeit garantieren Gesetzesevaluationen, Auszüge aus empirischer Forschung und Analysemodelle. Hinzu kommen grundlegende Texte aus dem deutschsprachigen wie internationalen Bereich der rechtlichen Geschlechterstudien sowie Klassikerinnen feministischer Theorie und der Gender Studies, die nicht unbedingt einen Rechtsbezug aufweisen. Die Auswahl der Quellen überzeugt fast durchgehend, einzig im Bereich der critical race feminism und postcolonial feminist studies könnten noch Desiderate geäußert werden (Lorde, Mohanty, Spivak). Die vielfältigen Quellen sind eingebettet in einen Text der Herausgeberinnen, der sich flüssig liest und nie in den Vordergrund drängt – am Ende jedes Abschnitts hat eine Quelle das letzte Wort. Die meisten englischsprachigen Quellen sind im Original abgedruckt, andere in der autorisierten Übersetzung. Innerhalb des Buches gelingen den Herausgeberinnen unzählige Querbezüge und Verknüpfungen zwischen den Quellen, ohne dass ihre Darstellung hierdurch unübersichtlich würde.

Reger Grenzverkehr

Die Rechtstheorie wird oft als Grenzpostendisziplin bezeichnet. Sie kontrolliert ‚fachfremde‘ Erkenntnisse auf Relevanz und Verwertbarkeit aus rechtswissenschaftlicher Perspektive und übersetzt sie gegebenenfalls in die Sprache der Rechtswissenschaft. Die Legal Gender Studies sind auch eine Grenzdisziplin, aber nicht im Sinne eines Grenzpostens, sondern sie markieren einen Ort regen Grenzverkehrs, des intra-, inter- und transdisziplinären Austausches. Die Herausgeberinnen wollen Legal Gender Studies resp. rechtliche Geschlechterstudien zwar zunächst verstanden wissen als Beitrag der Rechtswissenschaften zu den Gender Studies, aber ihre Quellensammlung selbst belegt, dass die Legal Gender Studies immer eine Doppelfunktion haben, indem sie natürlich auch die Erkenntnisse der Geschlechterstudien in die Rechtswissenschaft hineintragen. Die Lektüre lohnt sich also aus Perspektive beider Disziplinen in je eigener Weise.

Lohnende Lektüre

Wer sich – ob aus Perspektive der Rechtswissenschaften oder der Geschlechterstudien – einen Überblick über die Fragestellungen, Methoden, Herausforderungen, Interdependenzen und Vielfalt rechtlicher Geschlechterstudien verschaffen will, der/dem sei dieses Buch ans Herz und auf den Schreibtisch gelegt. Die Fokussierung auf schweizerische Rechtsfragen schmälert die Brauchbarkeit des Buches für österreichische oder deutsche Leserinnen und Leser keineswegs. Zum einen wird dieser Fokus kontinuierlich um europäische wie internationale Perspektiven erweitert, zum anderen sind viele Fragestellungen und Konzeptionen vergleichbar, weshalb die Quellen unabhängig vom nationalen Rechtssystem hoch interessant sind. Diese erste Quellensammlung für die Legal Gender Studies im deutschsprachigen Raum unterstützt nicht nur breiter aufgestellte Geschlechterstudien, welche auch die Bedeutung von Recht für die Aufrechterhaltung von Geschlecht und Geschlechterordnungen einbeziehen, sondern leistet quasi nebenbei einen wesentlichen Beitrag für eine exzellente Rechtswissenschaft, die ihre Diskursgeschichte wie ihre gesellschaftliche Bedeutung kennt und mit anderen Disziplinen in ertragreichen Austausch hierüber treten kann.

Literatur

Ankele, Gudrun (Hg.). (2010). absolute Feminismus. Freiburg: orange press.

Augspurg, Anita. (2013). Rechtspolitische Schriften. Kommentierte Studienbuchausgabe, hrsg. von Christiane Henke. Köln: Böhlau.

Gerhard, Ute/Pommerenke, Petra/Wischermann, Ulla (Hg.). (2008). Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte. Band I (1789–1919). Sulzbach: Ulrike Helmer Verlag.

Gerhard, Ute/Rauscher, Susanne/Wischermann, Ulla (Hg.) (2010). Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte. Band II (1920–1985). Sulzbach: Ulrike Helmer Verlag.

Greif, Elisabeth/Schobesberger, Eva. (2007). Einführung in die Feministische Rechtswissenschaft. Ziele, Methoden, Theorien. 2. Auflage. Linz: Rudolf Trauner.

Lenz, Ilse (Hg.). (2008). Die neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung. Wiesbaden: VS Verlag.

Schmidbaur, Marianne/Lutz, Helma/Wischermann, Ulla (Hg.) (2013). Klassikerinnen feministischer Theorie. Band III (Grundlagentexte ab 1986). Sulzbach: Ulrike Helmer Verlag.

Jun.-Prof. Dr. Ulrike Lembke

Universität Hamburg

Juniorprofessorin für Öffentliches Recht und Legal Gender Studies, Fakultät für Rechtswissenschaft

Homepage: http://www.jura.uni-hamburg.de/personen/lembke

E-Mail: ulrike.lembke@uni-hamburg.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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