Die Geschlechtskörper der Rede

Rezension von Anson Koch-Rein

Lily Tonger-Erk:

Actio.

Körper und Geschlecht in der Rhetoriklehre.

Berlin: De Gruyter 2012.

490 Seiten, ISBN 978-3-11-026636-8, € 99,95

Abstract: Lily Tonger-Erk beschäftigt sich mit Rhetorik als Körperbildungsmacht, indem sie die geschlechtliche Konstruktion der Actio, der körperlichen Dimension des Redeauftritts in der rhetorischen Lehre, in drei für die Geschichte der Rhetorik bedeutsamen historischen Momenten von der klassischen Antike über das 18. bis zum späten 20. Jahrhundert analysiert. Dabei gelingt ihr ein ausgezeichneter Brückenschlag zwischen detailreicher und epochenübergreifender Rhetorikgeschichte und einer analytischen Genderperspektive. Diese Untersuchung der Redner_innenbildung als rhetorischer Körperbildung (im Doppelsinne von Erziehung und Subjektivierung) legt einen wichtigen Grundstein für weitere Studien zur rhetorischen Produktion von Geschlecht und Körper.

Im Zentrum von Lily Tonger-Erks Studie zu Rhetorik als Körperbildungsmacht steht die titelgebende actio, die in der klassischen Rhetorik, folgend auf inventio, dispositio, elocutio und memoria, das letzte Produktionsstadium der Rede, den körperlichen Redeauftritt, bezeichnet. Diese explizit körperliche und darstellende Dimension der Rede – von der griechisch-römischen Antike bis zu Rhetorikratgebern des 20. Jahrhunderts – ist, wie die Autorin postuliert, immer auch eine vergeschlechtlichende und damit ein fruchtbarer Untersuchungsgegenstand für eine gender-orientierte Analyse. Die Autorin stellt dar, wie sich im Redner_innenideal und seinen geschlechtlichen Codierungen Redeauftritt und „Geschlechterperformanz“ verknüpfen. Redner_innenausbildung lässt sich somit gerade in der Actio, wo sie sich mit Körpertechniken für Stimme, Mimik, Gestik, Haltung und Kleidung beschäftigt, als Geschlechterbildung interpretieren. In systematischer Weise wendet sich Tonger-Erk dabei in den Kernkapiteln ihrer 2012 veröffentlichten Dissertation der Frage von Actio und Geschlechterdifferenz in drei historischen Epochen zu: der „Aufführung von Männlichkeit“ in der antiken Rhetorik, dem „Ansehen von Weiblichkeit“ im 18. und der „Rhetorischen Aneignung“ im 20. Jahrhundert.

Geschlecht in der Rhetorikliteratur von Antike bis Gegenwart

In der Analyse klassischer antiker Rhetoriklehre von Aristoteles zu Cicero und Quintilian arbeitet die Autorin umfänglich die Herstellung des vir bonus-Ideals männlicher Rednerschaft heraus, das Rednerbildung und Mannwerdung in eins setzt. Dieser männlichen Elite werde so ein rednerisches Sprachhandeln beigebracht und zugeschrieben, das als natürlich und doch lernbar konstruiert und von vermeintlich künstlicher, ‚weibischer‘ Schauspielkunst abgegrenzt sei. Dabei wird deutlich, wie in der Antike Männlichkeit den Rednerkörpern ebenso wie der Rhetorik selbst eingeschrieben wird.

Für das 18. Jahrhundert gelingt es Tonger-Erk, durch die Untersuchung von Anstandslehren (Knigge, Siede), Tanzbüchern (Taubert) und Erziehungslehren (Rousseau, Campe) die Grenzen der Rhetorik auf Konversation und andere Sprachhandlungen zu erweitern, um „weibliche Rede im 18. Jahrhundert nicht als private, sondern als rhetorische zu perspektivieren“ (S. 190). Sie erläutert, wie in dieser Zeit im Zuge der Transformation klassischer Rhetorik das Körperbildungswissen der Actio übergeht in solche neuen Formen, die in jeweils geschlechtsspezifischer Weise formuliert sind. Die Untersuchung vergeschlechtlichender rhetorischer Körperbildung wird hier also besonders durch die Auswahl geeigneten Quellenmaterials möglich, das es erlaubt, das Verschwinden klassischer Rhetorik als eine Verschiebung und Popularisierung zu sehen, aber eben insbesondere auch als einen Moment expliziter geschlechtsspezifischer Adressierung an Frauen. Dies verknüpft auf produktive Weise Entwicklungen in der Rhetorikgeschichte mit Geschlechtergeschichte und situiert rhetorische Körperbildung im Kontext der Polarisierung der Geschlechtscharaktere im 18. Jahrhundert.

Im letzten Schritt beschäftigt Tonger-Erk sich mit den zahlreichen populären Rhetorikratgebern für Frauen im späten 20. Jahrhundert, u. a. dem Rhetorik-Training für Frauen von Ute Höfer und der Rhetorik für freche Frauen von Cornelia Topf. Solche Ratgeber „schreiben Frauen einerseits einen defizitären (weil durchsetzungsschwachen) und andererseits einen idealen (weil kooperativen) Redestil zu“ (S. 435). Während es in diesen Populärrhetoriken dann häufig darum gehe, ‚männliche‘ und ‚weibliche‘ Redestile allen Geschlechtern zugänglich zu machen, bleibt es jedoch dabei, so Tonger-Erk, dass Redner_innen „immer zu einer eindeutigen geschlechtlichen Performanz gezwungen“ (S. 466) werden, um überhaupt Wirkmächtigkeit zu erlangen. Für die Autorin ist es die Aufgabe der gender-orientierten Rhetorikforschung, diese geschlechtsspezifischen Wirkungen kulturhistorisch zu dekodieren.

Fazit

Im vorliegenden Buch wird das Ziel einer historisch-systematischen Verknüpfung von Redeauftritt und Vergeschlechtlichung erreicht und dabei mit beeindruckender historischer Tiefe präsentiert, wie der Fokus auf die Actio, auf die Einübung körperlicher Praktiken, den Blick auf die Rhetorik als Körperbildungsmacht im wörtlichen Sinne ermöglicht. Das Buch überzeugt durch eine konsequente Gender-Perspektive, mit der von antiker Männlichkeitsproduktion über separate weibliche und männliche Anstandslehren bis zu Rhetorikratgebern für Frauen im späten 20. Jahrhundert jeweils die Geschlechterverhältnisse in den Blick genommen und Rhetoriklehre dabei als Ort der Verhandlung von männlichen und weiblichen Geschlechteridealen und ihrer Einkörperung verstanden wird. Die resultierende Analyse ist für die Rhetorikgeschichte und -forschung ebenso wie für Leser_innen aus der Geschlechterwissenschaft von Interesse. Schwerpunktmäßig geschlechtertheoretisch Interessierte mögen dabei vielleicht die etwas leichtgewichtige Einflechtung von Judith Butlers Performativitätsbegriff bemängeln, der im Kontext der starken Subjektprämisse einer Actio-Perspektive allzu schnell mit Performanz als absichtsvoller Einübung und Darstellung kurzgeschlossen wird. Diese theoretische Verkürzung erschwert eventuell den Ausblick auf zukünftige und auf verwandte Arbeiten, die sich, u. a. ausgehend von den Wurzeln von Performativität in der Sprechakttheorie, mit der rhetorischen Herstellung von Geschlecht jenseits der direkt körperlichen Dimension der Actio beschäftigen. Dabei können solche Arbeiten, die sich dem sprachlichen Körper und dem Sprechen von Geschlecht widmen, sehr wohl von Tonger-Erks ansonsten äußerst überzeugendem Blick auf sprechende Körper in ihrer Geschlechtergeschichte rhetorischer Körperbildungsliteratur profitieren und darauf aufbauen.

Anson Koch-Rein, M.A.

Emory University

PhD Candidate, Graduate Institute of the Liberal Arts

Homepage: http://ansonkochrein.wordpress.com

E-Mail: anson.kochrein@gmail.com

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