Verena Kuni: Der Körper als KulturproduzentIn

Der Körper als KulturproduzentIn

Rezension von Verena Kuni

Gabriele Klein:

Electronic Vibration.

Pop Kultur Theorie.

Hamburg: Rogner & Bernhard 1999.

351 Seiten, ISBN 3–8077–0190–7, € 18,40

Abstract: „The Body is the Message“: Gabriele Kleins Untersuchung Electronic Vibration fokussiert den tanzenden Körper als Medium einer ästhetisch formulierten, sozialen Mimesis. Im Techno, so die These der Autorin, funktioniert Tanz als Aneignung, in deren Vollzug Musikkonsum in (pop)kulturelle Praxis umschlägt. Der Körper ist damit nicht nur Zeichenträger, sondern wird selbst zum Ort und Agens von Kulturproduktion.

Electronic Vibration

Was geschieht, wenn man Körper elektronisch generierten Schwingungen aus- und sie damit selbst in ebensolche versetzt? Dieser Frage geht ein Buch nach, das man in der Abteilung theoretische Physik vergeblich suchen wird. Denn das Phänomen, das Electronic Vibration beschreibt, hat in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts Geschichte gemacht und ist inzwischen ein – zwar mitunter immer noch lebendiges, im Grunde aber längst historisches – Stück Popkultur. Als solches kann Techno mittlerweile seine eigenen Regalmeter in Bibliotheken und Buchhandlungen beanspruchen, gefüllt mit Fotobänden und aufwendig gestalteten Coffetable-Books, soziologischen Betrachtungen und popkulturtheoretischen Beiträgen sowie schließlich – Rainald Goetz’ Rave sei Dank – sogar einem von Suhrkamp verlegten Stück neuer deutscher Literatur.

Jenseits der Dichotomien

Aus diesem Konvolut ragt die 1999 erschienene Publikation der Soziologin und Tanzwissenschaftlerin Gabriele Klein heraus: Sie versucht „die Popkultur Techno jenseits des bewährten Rechts-/Links- und Oben-/Unten-Modells“ – gemeint sind die dichotomen Kategorien Hochkunst versus Populärkultur, Mainstream versus Underground, Kunst versus Kulturindustrie – „als eine Kultur vorzustellen, der es gelingt, etwas zu verbinden, was bislang nicht so recht zusammenzugehören schien: Technologie und Ästhetik, Computerisierung und Körperlichkeit, Professionalisierung und Spaß, Zukunftsweisendes und Leben im Hier und Jetzt, Individualität und Gemeinschaft.“ (S. 9) Das dürfte mit Electronic Vibration gelungen sein, obwohl es einer Quadratur des Kreises gleichkommt: Einem im wahrsten Sinne weitestgehend illiteraten und in höchstem Masse körperbezogenen Phänomen tragfähige Theorie auf den Leib zu schreiben und dabei obendrein im Dialog mit Adorno zu begründen, warum es sich bei eben jenen Konsument/-innen, die zunächst nichts anderes als Leib-Eigene der Kulturindustrie zu sein scheinen, tatsächlich um Kulturproduzent/-innen handelt.

The Body is the Message

Wie eine solche Quadratur des Kreises funktionieren kann, erläutert Klein selbst bereits in ihrer Einleitung, in der sie ihre vier Grundthesen zur Techno-Kultur auf eingängige Alltagsformeln bringt

„The Body is the Message“: „Der Körper [fungiert] als ein zentraler Bestandteil kultureller Praxis […], als ein Medium von Erfahrung und Kommunikation“;

„Man kann nichts mehr bewegen, ausser sich selbst“: „Dem Tanz [wird] eine zentrale Bedeutung bei der Konstitution popkultureller Praxis“ zugewiesen;

„Ästhetik ist die Ethik von morgen“: „Die Club- und Ravekultur […] markiert gerade durch die Symbiose von Technischem und Sinnenhaftem, durch die unkomplizierte Verbindung von Kunst, Kultur und Kommerz eine kulturelle Bruchstelle, die sich nicht nur auf die Jugend- und Popkulturen reduzieren läßt, sondern langfristig auch andere kulturelle Felder verändern wird.“

und schließlich – als mindestens vor der Folie gängiger Kulturindustriekritik provokanteste These – „Kunst kommt von Konsum“: „die Aneignung von Kultur und die Konstitution kultureller Praxis“ werden als komplexer Prozess verstanden, „der sich auch als ein durchaus aktiver und gestalterischer Vorgang lesen läßt. […] Kultur […] ist nicht nur ein sozialer, sondern immer auch ein leiblicher Prozess.“ (S. 9–11)

Pop Kultur Theorie

Diese vier Stränge wiederum werden durch drei Hauptsektionen hindurch verfolgt, die nicht zuletzt der Überbrückung von beobachteter Praxis und sekundierender Theorie dienen sollen, indem sie unterschiedliche Möglichkeiten vorführen, diskursive Theorie-Lektüren mit empirischer Praxisforschung zu verbinden. Die Sektion „Redeweisen“ dient der Durchleuchtung der öffentlichen Wahrnehmung der Rave-Kultur und der medialen Diskurse, die sich um zentrale Schlagworte wie Techno, Jugendkultur, Massenkultur und Pop entwickelt haben. Diese zugleich auf eine Fundierung der eigenen Thesen ausgerichtete Analyse der Rezeptionsmodi anhand der in zahlreichen Forschungsinterviews eingeholten Selbstwahrnehmung der Szene einer Art „Praxistest“ zu unterziehen, scheint allerdings nur ein sekundäres Ziel der Sektion „Erfahrungswelten“. Denn vor allem anderen wird in diesem Abschnitt den theoretischen Argumenten der Boden bereitet, mit denen Klein in der Sektion „Lesarten“ die Zusammenführung ihrer Grundthesen verfolgen wird: Den tanzenden Körper als Medium einer ästhetisch formulierten, sozialen Mimesis und diese als (pop)kulturelle Praxis, als Kulturproduktion zu fassen: „Der Leib“, so Klein, „ist der eigentliche Adressat der Kulturindustrien, nicht der Geist oder das Bewusstsein. Aber der Leib ist nicht nur der Endpunkt, sondern zugleich der Ausgangspunkt jeglicher Form kultureller Produktion und Praxis. Er markiert jene Nahtstelle, an der die Aneignung in eine neue Produktion umschlägt, sich materialisiert und diese Materialisierung auf das Feld kultureller Praxis zurückwirft.“ (S. 298)

Als Ergebnis ihrer minutiösen Untersuchung dieser Nahtstelle bietet Klein damit weit mehr als eine Theorie des Techno als Kultur kollektiven Körpererlebens – „die eruptiv demonstrierte wie sehr sich die Jugend der Informationsgesellschaft nach Körpererfahrungen sehnte“ (S. 8) Sie erarbeitet – dem Untertitel des Buches entsprechend – tatsächlich die Fundamente einer Pop Kultur Theorie, die über den Gegenstand, an dem sie verhandelt wird, hinausweist.

Tanz der Geschlechter?

Wenn – Gabriele Klein folgend – von Techno gelernt werden kann, dass Kultur als leiblicher Prozeß und Körper als aktive Kulturproduzent/-innen zu verstehen sind – wie ist es dann um die Kategorie Geschlecht bestellt, die bekanntlich an der Herstellung von Körpern ebenso beteiligt ist wie sie ihrerseits von diesen performativ produziert und verkörpert wird?

Diese Frage an Electronic Vibrations zu richten, legen nicht allein der Gegenstand des Buches und die an ihm entwickelte Theorie nahe, sondern auch die Autorin selbst, die sich als Tanzwissenschaftlerin bereits mehrfach explizit mit Fragen der Genderforschung auseinandergesetzt und auch in diesem Kontext betont hat, „dass die Konstruktion von Geschlecht im Tanz nur durch eine Kombination von produktions- und rezeptionsästhetischer Perspektive zu verstehen ist.“[1]

Doch gerade in diesem Punkt fällt Kleins Untersuchung der „Nahtstelle“ insgesamt eher enttäuschend aus. Zwar stellt sie heraus, dass der „Mythos einer subversiven und widerständigen Pop-Subkultur, der Frauen ausgrenzt […] selbst da, wo alle politischen Ambitionen abhanden gekommen sind, […] ein männlicher bleibt“ (S. 125) – was sie im Bezug auf Techno mit einem wohlverdienten Seitenhieb auf Rainald Goetz belegt, in dessen Rave Frauen „höchstens als ‚Pagenkopf-Maus’ oder als ‚Garderoben-Maus’ daher[kommen], als ‚süsses … Bärchen’, als ‚kleine Raverin mit Mickymaus-Öhrchen am Rucksäckchen’ oder einfach nur als ‚Mädel’, denn, ‚was ein wahrer Großstadt-Held ist, der ‚merkt sich ja nicht gleich als erstes die Namen’“. (S. 125)[2] Und sie kritisiert mit Verweis auf den von der Mainstream-Popkulturberichterstattung ebenso wie von manchen Popkulturtheoretikern ignorierten Einfluss der schwulen Clubszene, dass „der Mythos vom subversiven Pop auf einem strukturellen Ausschluß der drei Kategorien Körper, Geschlecht und sexuelle Orientierung“ beruht. (S. 126)

Während sich Klein demgegenüber dezidiert auf Körperpolitiken konzentrieren will und in diesem Zusammenhang nicht nur Foucault und Butler, sondern auch Goffman und Bourdieu ins Spiel bringt, um das Spannungsfeld von Körperkontrolle bzw. -normierung, deren bewusster Überschreitung in der Selbstinszenierung und deren partieller Aufgabe in der Ekstase des Tanzes zu diskutieren, fallen ihre Beobachtungen zum „Tanz der Geschlechter“ nicht nur im gleichnamigen Kapitel (S. 166 –172) seltsam dünn aus. Neben den Selbstäusserungen einiger Raver sind es hier vor allem die Kleider- und Körperinszenierungen „auf den Bühnen der Nacht“ (S. 172), die belegen sollen, dass die Raver mit der „Sexualisierung der Körper der Männer und Frauen […] nicht nur traditionelle Geschlechterdifferenzierungen ins Wanken [bringen]“, sondern sich auch spielerisch „ein zunächst gefahrenloses Experimentierfeld für verschiedene Formen sexueller und geschlechtlicher Identität [eröffnen].“ (S. 171) Und sie schliesst: „In der Club- und Rave-Kultur scheint der Wechsel sexueller Identitäten und die Bildung von Mehrfachidentitäten […] längst eine praktizierte Wirklichkeit zu sein. Diese Wirklichkeit ist ein Spiel, bei dem es von traditionellen Geschlechtsmustern bis hin zu unkonventionellen Beziehungskonstellationen alles gibt. […] Der ‚gendered body’ wird auf der Ebene des Ästhetischen inszeniert. Ob sich über dieses Spiel traditionelle Geschlechternormen verändern werden, ist noch nicht entschieden, angetastet werden sie aber in jedem Fall.“ (S. 172)

Dies mag durchaus sein – gerade Kleins Betonung von Techno als einer primär ästhetischen Kultur hätte es jedoch nahe legen können, sich mit den Bilderpolitiken dieser Kultur – wie sie sich eben nicht nur in den Selbstinszenierungen der Raver, sondern auch in den medialen Produktionen der Szene selbst widerspiegeln – intensiver und in diesem Zuge vielleicht auch etwas kritischer auseinanderzusetzen, als dies in Electronic Vibration geschieht. Hier gibt es also für die „Pop Kultur Theorie“ nach wie vor noch einiges zu tun.[3]

Anmerkungen

[1]: Vgl. Gabriele Klein: Performing Gender. Körper Kunst Tanz. Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Frauen in Kunst, Politik, Wissenschaft – Reflexionen über das 20. Jahrhundert“, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 15. 01. 2001, S. 2. pdf-Version des Manuskripts unter http://www.aww.uni-hamburg.de/docs/klein.pdf [last access 01.12.2001].

[2]: Womit Klein allerdings nicht suggerieren will, dass der Popkulturtheorie selbst die politischen Ambitionen abhanden kommen müssen. Gleichwohl – und dies fällt insbesondere im Hinblick auf die Frage nach einer feministische und gendertheoretische Positionen einbeziehenden Kritik auf – diskutiert sie Autorinnen wie Angela McRobbie oder Annette Weber nur am Rande, andere wie Anette Baldauf oder Katharina Weingartner überhaupt nicht. Vgl. u.a. Annette Weber: Miniaturstaat Rave-Nation. Konservatismus im Kontext der Techno-Community. In: Tom Holert, Mark Terkessidis (Hg.): Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft. Berlin/Amsterdam: ID-Archiv, 1996, S. 41–54; Anette Baldauf,Katharina Weingartner (Hg.):Lips Tits Hits Power? Popkultur und Feminismus. Wien/Bozen: folio 1998.

[3]: Ansätze für weiterführende Überlegungen finden sich u.a. im Aufsatz von Thomas Heiß: Body Performances. Zur Geschlechterkonstruktion im Techno. In.: Postskriptum (Schriftenreihe hrsg. vom Forschungszentrum Populäre Musik der Humboldt-Universität zu Berlin), Nr. 7: Musik und Maschine, Berlin: Humboldt-Universität, 2001, online unter:http://www2.rz.hu-berlin.de/fpm/popscrip/themen/pst07/pst07050.htm [last access 01.12.2001]

URN urn:nbn:de:0114-qn031088

Verena Kuni M.A.

FB III/Kunstgeschichte, Universität Trier

E-Mail: kuni@uni-trier.de

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