Was hat Fachdidaktik mit Geschlechterforschung zu tun?

Rezension von Nina Blasse, Georg Rißler, Andrea Bossen

Marita Kampshoff, Claudia Wiepcke (Hg.):

Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik.

Wiesbaden: Springer VS 2012.

512 Seiten, ISBN 978-3-531-18222-3, € 59,99

Abstract: Zur Fragestellung, inwiefern Fachdidaktik(en) und Geschlechterforschung zusammenhängen und wie sie zueinander in Beziehung gesetzt werden können, legen Marita Kampshoff und Claudia Wiepcke mit dem von ihnen herausgegebenen Handbuch in gebündelter Form allgemeine sowie fachspezifische Antworten vor. Es bietet somit eine notwendige Zusammenführung von bestehenden Erkenntnissen in einem Großteil der (Schul-)Fachdidaktiken sowie einer kleinen Auswahl von Wissenschafts- und Querschnittsdisziplinen. Für Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen wird damit erstmals in diesem Umfang ein Überblick über den diesbezüglichen Stand der Forschung bereitgestellt, auch wenn der Bezug zu den im ersten Teil des Bandes dargestellten theoretischen Grundlagen nicht immer gegeben ist.

Kontextualisierung

Diskurse über Bildungsungleichheiten im Schulsystem sind bildungspolitisch wie bildungswissenschaftlich wesentlich, sie werden kontrovers geführt – sowohl was Erklärungsmuster und -modelle als auch daran anschließende Vorschläge zur Bearbeitung und möglichen Beseitigung von Benachteiligungslagen betrifft. Geschlecht ist, neben und in Verschränkung mit anderen prominenten Kategorien (u. a. Ethnizität oder Milieu), aufgrund ihrer Wirkungsmacht eine fundamentale Dimension, wenn Bildungsungleichheiten verhandelt werden. Insbesondere auf unterrichtlicher Ebene spielen (soziale) Ungleichheiten eine Rolle und werden dort zumindest teilweise generiert und reproduziert. Daher gilt es bei der Betrachtung von Ungleichheiten den Unterricht genauer zu beleuchten. Hierbei müssen neben allgemein-didaktischen und schulpädagogischen Blickwinkeln auch (schul-)fachspezifische Konzepte vom Lehren und Lernen betrachtet werden. Diese wiederum konstituieren sich über Fachwissenschaften und ihre Didaktiken. Die Diskurse um allgemein- und fachdidaktische Implikationen werden jedoch in den Debatten um Bildungsungleichheiten im Schulsystem eher rudimentär aufgegriffen. Dies gilt auch für die Auseinandersetzung mit der Kategorie Geschlecht. Dabei fungieren doch die Fachdidaktiken, besonders in der universitären Lehrer*innenbildung, als Bindeglied von Fachwissenschaft und Bildungs-/Erziehungswissenschaften/(Schul-)Pädagogik, sodass hier eine wesentliche Schnittstelle von geschlechterkompetenter Bildung und fachspezifischem Wissen entsteht.

Mit dem Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik bearbeiten Marita Kampshoff und Claudia Wiepcke diese Lücke, indem sie den Baustein Fachdidaktik in seiner Verwobenheit mit der Ungleichheits- und speziell der Geschlechterforschung fokussieren (bisher nur: Hoppe/Kampshoff/Nyssen 2001). Sie verstehen das Handbuch „als Hilfestellung und Leitfaden, das Anliegen einer anspruchsvollen geschlechtergerechten Bildung, die auch für weitere Differenzen sensibel ist, in einzelnen Fachdidaktiken der Schulfächer sowie Wissenschafts- und Querschnittsdisziplinen, wie sie im Handbuch vertreten sind, zu integrieren. Ziel ist es zu einer Demokratisierung der Geschlechterverhältnisse beizutragen“ (S. 7) und damit an der Auflösung von Benachteiligungslagen mitzuwirken. In dieser Zielsetzung richten sich Kampshoff und Wiepcke nicht ausschließlich an Wissenschaftler*innen und Dozent*innen, sondern ebenfalls an (angehende) Tätige in der schulischen und didaktischen, aber auch außerschulischen und weiteren pädagogischen Praxis.

Die Herausgeber*innen verfolgen die Intention, den Entwicklungsstand der Geschlechterforschung zusammenzutragen und transparent zu machen, indem sie aufzeigen, an welchen Stellen Erkenntnisse vorhanden sind, aber auch, wo diese fehlen und noch zu generieren sind. So bietet das Handbuch für Wissenschaftler*innen und Studierende neben einem kompakten Zugang zum aktuellen Forschungsstand auch einen wertvollen Überblick über daran anschließende weitere Forschungsdesiderate. Zudem scheint es vor allem für Akteur*innen der pädagogischen Praxis, die sich in empirische Ergebnisse und theoretische Zusammenhänge einarbeiten wollen und auf dieser Grundlage das eigene Handeln reflektieren wollen, geeignet. Lehrende, die auf der Suche nach praktischen Handlungskonzepten sind, werden hier eher nicht fündig. Sie müssen auf den angekündigten Praxisband warten, der diese explizit zum Thema haben soll.

Überblick über das gesamte Werk

Einleitend wird durch die Herausgeber*innen die grundsätzliche Bedeutung der Geschlechterforschung in der Fachdidaktik aufgewiesen sowie der Aufbau des Handbuchs und die beitragsübergreifende Systematik erläutert. Der Band ist in vier Teilbereiche gegliedert. In Teil I erfolgt durch Karl-Heinz Arnold und Anne-Elisabeth Roßa eine Einführung u. a. in die Grundlagen und Verhältnisbestimmungen zwischen der Allgemeinen Didaktik und den Fachdidaktiken. Im zweiten Beitrag zeichnen Hannelore Faulstich-Wieland und Marianne Horstkemper wesentliche Entwicklungslinien der schulbezogenen Genderforschung nach und verweisen auf die Bedeutung von Schule für die Reproduktion der Geschlechterverhältnisse, aber auch auf Dekonstruktionspotentiale. Daran anschließend führt Paula-Irene Villa in Feministische und Geschlechter-Theorien ein. In Teil II steht die Rolle der Geschlechterforschung in den jeweiligen Fachdidaktiken im Fokus. Dass dabei einige Schulfächer (Musik, Mathematik, Kunst, Sozialwissenschaften) ausgespart werden (müssen), wird von den Herausgeber*innen mit fehlenden Expert*innen begründet. Als grundlegende Basis bzw. Vertiefung für die Geschlechterforschung in den Fachdidaktiken von Schulfächern werden in Teil III ausgesuchte Wissenschaftsdisziplinen (z. B. Schulpädagogik, Hochschuldidaktik) als Felder der Geschlechterforschung besprochen und in Teil IV ausgewählte Querschnittsdisziplinen (u. a. Anfangsunterricht, Erwachsenbildung, interkulturelle Pädagogik) skizziert. Insgesamt wird von den Herausgeber*innen auf Lücken und Unvollständigkeit verwiesen, da sich die Geschlechterforschung bezogen auf fachdidaktische Aspekte noch in den Anfängen befinde.

Die einzelnen Beiträge der Verfasser*innen folgen – sofern dies der fachbezogene Diskussionstand zulässt – einer Systematik, die beginnend bei der Darstellung des Standes der Geschlechterforschung über anschließende Fragestellungen zu Geschlechtergerechtigkeit, -konstruktionen und -dekonstruktionen hin zu den Ergebnissen der aktuellen Bildungsforschung führt. Auf Vorschläge für einen geschlechtergerechten Unterricht und entsprechende Handlungsempfehlungen wurde aufgrund der Vielfalt der Schulfächer bewusst verzichtet, jedoch sei ein zweiter Band mit Hinweisen für die pädagogische Praxis in Planung. Aufgrund der Fülle der Beiträge wird an dieser Stelle davon abgesehen, sie einzeln zu besprechen. (Wir verweisen auf das Inhaltsverzeichnis auf der Verlagsseite: http://www.springer.com/springer+vs/pädagogik/erziehungswissenschaft/book/978-3-531-18222-3).

Kritische Würdigung

Das gesamte Handbuch bietet einen wertvollen und lesenswerten Beitrag zum notwendigen wissenschaftlichen Diskurs der Geschlechterforschung und der Fachdidaktiken. Vor allem wird das Ziel der Herausgeber*innen erfüllt, den Forschungsstand in den einzelnen Disziplinen aufzuarbeiten und transparent zu machen. Dass dabei die bereits bestehenden, teilweise aber auch fehlenden Anschlüsse der Fachdidaktiken an Erkenntnisse der Geschlechterforschung (oder umgekehrt) sichtbar werden, ist Teil dieser Transparenz und lenkt den Blick auf den zuweilen umfassenden Forschungsbedarf und einen unseres Erachtens notwendigen interdisziplinären Austausch. Ebenso müssen Diskurse über die innerfachliche Anbindung und Übersetzung von Geschlechterforschung innerhalb der Didaktiken vorangetrieben werden. Exemplarisch für die zahlreichen positiven Beispiele, in denen Geschlechterforschung und Fachdidaktik bereits theoretisch angemessen miteinander verzahnt sind, sei hier auf die Beiträge zu den naturwissenschaftlich-technischen und sprachlichen Fächern verwiesen. Im Vergleich zu anderen Fächern finden sich hier unseres Erachtens äußerst gelungene Auseinandersetzungen mit und Verbindungen von Geschlechterforschung und Didaktik. Überrascht stellen wir in diesem Zusammenhang aber auch fest, dass scheinbar keine Expert*in für die Fachdidaktik der Mathematik gefunden werden konnte. Dabei stellt doch gerade der Mathematikunterricht innerhalb der Schul- und Unterrichtsforschung ein überaus attraktives und prominentes Setting dar.

Die theoretischen Einführungen in Teil I des Handbuchs bieten einen zusammenfassenden, systematischen Einblick und eine zeitgemäße Perspektive sowohl auf Geschlechtertheorien, Schule und Geschlecht als auch auf die Allgemeine und die Fachdidaktik. Sie eignen sich hervorragend für Leser*innen, die neu ins Thema einsteigen, sollten aber unbedingt von allen Leser*innen gelesen werden, um die fachbezogenen Artikel besser mit dem aktuellen Stand der Geschlechterforschung kontrastieren zu können. Der Status Quo der Einbindung der Geschlechterforschung in die jeweiligen Fachdidaktik spiegelt sich in den Beiträgen wider, wobei ein deutliches Zurückfallen hinter aktuellen gendertheoretischen Debatten, wie sie in Teil I dargelegt werden, sichtbar wird. In einigen Beiträgen spiegelt sich dies durch eine stark zweigeschlechtliche und geschlechterdifferenzorientierte Perspektive wider. Dementsprechend sind diese Beiträge als Leitfaden oder Hilfestellung im Sinne von mehr Geschlechterdemokratie durchaus ausbaufähig. Spannend und für die Leser*in hilfreich wäre es aus unserer Sicht, wenn alle Beiträge Bezug auf die in der Einführung dargestellten theoretischen Ausführungen genommen bzw. den Stand der Fachdidaktiken in Relation dazu gesetzt hätten. So bleiben die Beiträge untereinander insofern nicht vergleichbar, als eine geschlechterwissenschaftliche Perspektive in den jeweiligen Fachdidaktiken in unterschiedlichem Umfang vorangeschritten ist. Eine gewisse Vergleichbarkeit wäre aber insbesondere in Bezug auf allgemeindidaktische Erkenntnisse oder auch zur Übertragung von Konzepten von einer Fachdidaktik auf die andere wünschenswert. So wirft die Lektüre des Handbuchs die umfassende Frage auf, wie in einigen Disziplinen eine bessere interdisziplinäre Verknüpfung von Fachdidaktik und Geschlechterforschung gelingen kann. Der bereits artikulierte Forschungsbedarf muss dabei einen gewichtigen Anschluss an die Geschlechterforschung vorweisen.

Mögliche auf die Fachdidaktiken Einfluss nehmende Wissenschaften, stellen die Herausgeber*innen mit Teil III und IV über ausgewählten Wissenschaftsdisziplinen und Querschnittsthemen zusammen. Jedoch wird bei der Lektüre dieser Beiträge nicht hinreichend deutlich, wie sich die Verhältnisbestimmung zum Schwerpunkt des Handbuchs – den Fachdidaktiken – ausgestaltet, werden sie doch als Hintergründe für eben diese angekündigt. Die Frage danach, wie nun genau die Querschnittsdisziplinen, Wissenschaftsdisziplinen und Fachdidaktiken in Beziehung zu setzen sind, wird im Handbuch implizit zwar aufgeworfen, bleibt aber unbeantwortet. Unseres Erachtens wäre ein Artikel, der sich genau mit dieser Frage der Relationierung im Detail beschäftigt, ein wertvoller Beitrag und eine Bereicherung für den folgenden Praxisband. Möglicherweise liegt in der Klärung dieser Frage nämlich ein Baustein zur Weiterentwicklung der Fachdidaktiken.

Fazit

Das Handbuch Geschlechterforschung und Fachdidaktik ist sehr lesenswert, da es eine umfassende Zusammenschau des Standes der Geschlechterforschung in den einzelnen Fachdidaktiken liefert und somit erstmals den diesbezüglichen Forschungsstand in komprimierter Form zur Verfügung stellt. Grundsätzlich zeigt das Handbuch auf, dass die Wissenschaften eng verzahnt sind und in zahlreichen Fachdidaktiken die Verknüpfung mit Gendertheorien fruchtbar genutzt wird bzw. werden könnte. Auf der Grundlage einzelner Beiträge gilt es jedoch auch festzuhalten, dass der Anschluss an gendertheoretische Debatten (noch) nicht in allen Bereichen auf eine Weise gelungen ist, die dem Anspruch einer Demokratisierung der Geschlechterverhältnisse gerecht wird. Dennoch oder möglicherweise auch gerade deswegen erfüllt das Handbuch genau das, was ein Handbuch primär leisten kann und leisten will: Es schafft einen umfassenden Überblick über den Stand der Forschung, sensibilisiert für Lücken und noch zu bearbeitende Fragen und eröffnet neue Forschungsperspektiven. Wir sind gespannt auf den angekündigten zweiten Band, der Umsetzungsbeispiele für die Praxis bereitstellen soll.

Literatur

Hoppe, Heidrun/Kampshoff, Marita/Nyssen, Elke (Hg.). (2001). Geschlechterperspektiven in der Fachdidaktik. Weinheim/Basel: Beltz.

Nina Blasse

Universität Flensburg

wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaften

E-Mail: nina.blasse@uni-flensburg.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

Georg Rißler

Universität Flensburg

wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaften

E-Mail: georg.rissler@uni-flensburg.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

Andrea Bossen

Universität Flensburg

wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaften

E-Mail: andrea.bossen@uni-flensburg.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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