Mentoring forever? Gleichstellungsbezogene Forschung mit viel Engagement und wenig Distanzierung

Rezension von Heike Kahlert

Christine Kurmeyer:

Mentoring.

Weibliche Professionalität im Aufbruch.

Wiesbaden: Springer VS 2012.

272 Seiten, ISBN 978-3-531-19305-2, € 39,95

Abstract: Christine Kurmeyer trägt mit ihrer sozialpsychologischen Dissertation zur Erforschung der Erträge von Mentoring-Programmen bei. Am Beispiel eines Mentoring-Programms für Universitätsabsolventinnen der Natur- und Technikwissenschaften im Übergang in den Beruf untersucht sie anhand von acht Einzelfallanalysen die inneren Strukturen und Mechanismen von Mentoringbeziehungen. Wegen erheblicher Schwächen in der Darstellung des methodischen Vorgehens können die Befunde allerdings nur unzureichend auf allgemeinere Entwicklungen zum Wandel von Geschlechterstereotypen und ‑verhältnissen bezogen werden. Auch fehlt der Autorin aufgrund ihrer Aktivitäten zur Weiterentwicklung von Mentoring-Maßnahmen bisweilen eine kritische Distanzierung zum Gegenstand, sodass der Erkenntnisgewinn schließlich begrenzt bleibt.

Frauenförderung durch Mentoring

Formelle Mentoring-Programme werden seit Ende der 1990er Jahre zunehmend auch in Deutschland, wie vormals beispielsweise bereits in den USA, in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik entwickelt und etabliert. Mentoring besteht in der Regel darin, dass eine jüngere bzw. weniger erfahrene Person (Mentee) durch eine ältere bzw. erfahrenere Person (Mentor/-in) zumeist in einem zuvor festgelegten zeitlichen Rahmen in der beruflichen und persönlichen Karriereentwicklung unterstützt wird. Ursprünglich als generelle Personalentwicklungsmaßnahme konzipiert, wird Mentoring nunmehr auch gezielt als gleichstellungspolitisches Instrument eingesetzt, insbesondere mit dem Ziel, Frauen als Führungskräfte zu qualifizieren und damit ihren Anteil an den Führungspositionen zu erhöhen.

Mentoring-Programme werden bisher häufig projektförmig etabliert und in diesem Zusammenhang, wenn überhaupt, zumeist lediglich programmintern evaluiert. Die wissenschaftliche Untersuchung der personen- und organisationsbezogenen Effekte von formellem Mentoring kommt im deutschsprachigen Raum erst langsam in Gang. Christine Kurmeyers empirische Studie, die zugleich als Dissertation an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover angenommen wurde, leistet dazu einen Beitrag.

Die Verfasserin weiß ohne Zweifel, wovon sie redet, denn sie hat das Mentoring-Programm, das im Zentrum der Untersuchung steht, selbst entwickelt, durchgeführt und evaluiert. Zugleich ist sie Mitbegründerin des Forum Mentoring e. V., einem Zusammenschluss von Mentoring-Maßnahmen, die sich vorwiegend an Frauen mit Berufsperspektiven in Wissenschaft und Wirtschaft wenden, und hier an der Entwicklung von Qualitätsstandards von Mentoring-Programmen beteiligt.

Am Beispiel des Programms „Mentoring in Wissenschaft und Wirtschaft“, das im Jahr 2001 an der Universität Hannover als Pilotprojekt und als erstes in einer Reihe von Mentoring-Maßnahmen in Niedersachsen gestartet ist, will die Autorin untersuchen, inwiefern formelles Mentoring dazu beitragen kann, „die Karrierestrukturen für Frauen in höheren Positionen durchlässiger zu machen“ (S. 16). Bezüglich der genauen Fragestellungen wird man bei der Lektüre des Buches allerdings etwas verwirrt, denn im einleitenden Teil, der überschrieben ist mit „Konzept der Studie“ (S. 15–17), werden etwas anders akzentuierte und umfänglichere Leitfragen genannt als in Kapitel 5, in dem die „Fragestellungen und Hypothesen“ der Untersuchung präsentiert werden.

Methodische und formale Mängel der Studie

Als empirische Basis der Ausführungen dienen leitfadengestützte Einzelinterviews mit 16 Mentoring-Tandems aus dem naturwissenschaftlich-technischen Bereich, bestehend aus 16 Studentinnen sowie 11 Mentorinnen und 5 Mentoren aus dem hochschulischen und außerhochschulischen Kontext. Die Interviews wurden „gegen Ende des Mentoring-Programms“ (S. 118), dessen Abschlussveranstaltung am 8. Dezember 2011 stattfand, von der Autorin bzw. einer studentischen Hilfskraft geführt, wurden aufgezeichnet, transkribiert und von Kurmeyer tiefenhermeneutisch ausgewertet. Welche Fragen genau die Auswertung leiteten und welche Textpassagen welcher Tandems warum für die vorliegende Studie exemplarisch bearbeitet wurden, wird leider nicht näher dargelegt. Es fällt daher schwer, das methodische Vorgehen bei der Datenerhebung und ‑auswertung nachzuvollziehen und die vorgestellten Ergebnisse wissenschaftlich einzuschätzen.

Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass die Verfasserin eng mit ihrem Gegenstand verwoben ist: Sie ist „Organisatorin des Programms, Interviewerin und Interpretatorin gleichzeitig“ (S. 117). Zwar kündigt sie an, „diese Reflexionsebene […] unbedingt einzubeziehen“ und als „Ausgangsbasis jeglicher Interpretationsleistung“ (S. 117) zu erörtern, doch sucht man im Weiteren vergeblich nach diesen Reflexionen. In der abschließenden Perspektivdiskussion finden sich lediglich zwei kurze Absätze dazu, in denen Kurmeyer den „hohe[n] Grad der Identifizierung“ als häufig erschwerend für den „Umgang mit kritischen Stimmen“ bezeichnet und behauptet, dass die engen Verbindungen zwischen Mentees und Koordinatorin in der Auswertung der Interviews „einen intensiven Reflektionsprozess über dieses Abhängigkeitsverhältnis“ (S. 249) eingeleitet hätten. Wie dieser Reflexionsprozess aussah und welche Bedeutung er für die empirische Studie hatte, bleibt im Dunkeln.

Die Rezeption der Studie wird zusätzlich durch einen auch formal etwas unübersichtlichen Aufbau der Argumentation erschwert. Bei der Darstellung der verschiedenen Themenfelder und Diskussionsstränge, die den Rahmen der empirischen Untersuchung bilden − nämlich gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Menschen in Gesellschaft und ihre individuellen Handlungsoptionen sowie weibliche Professionalität −, wäre es hilfreich gewesen, den roten Faden deutlicher herauszustellen. Irritierend wirkt auch, dass die ersten drei Kapitel („Einleitung“, „Stand der Forschung“ und „Konzept der Studie“) nicht nummeriert werden, während das mit 1 bezifferte Kapitel auf Seite 19 beginnt.

Veränderung von Geschlechterverhältnissen durch formelles Mentoring?

Kurmeyer legt den Schwerpunkt der theoretischen Rahmung ihrer Untersuchung auf sozialpsychologische Aspekte zur Konstitution weiblicher Selbstkonzepte, auf Sozialisation, soziale Rollensettings, Kommunikation und Interaktion sowie auf Veränderungsoptionen durch Utopien. Im Mittelpunkt der Studie stehen jedoch die „Berichte aus der ‚Black Box‘“, den Treffen zwischen Mentees und Mentor/-innen im Rahmen der formellen Mentoring-Beziehung. Die informativen Kurzdarstellungen zu den 16 Mentoring-Tandems, die zudem in „erfolgreiche Verbindungen“, „Erfolge mit ‚beschränkter Hoffnung‘“ und „‚Immerhin ein Versuch…‘“ typisiert werden, werden im Weiteren allerdings nicht mehr in Gänze aufgegriffen. Die Analysen stützen sich vielmehr auf ausgewählte Fallvignetten, die exemplarisch zur Illustration der sozialpsychologischen theoretischen Aspekte herangezogen und als „programmatisch für die betrachtete Zielgruppe der HochschulabsolventInnen“ (S. 141) bezeichnet werden.

So erfährt man beispielsweise aus der Fallvignette Anna-Lena Gehrsdorf (Mentee) und Hannah Wittinger (Mentorin), dass Anna-Lena einen Lebensentwurf verfolgt, in dem Berufstätigkeit eine hohe Priorität hat, die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf (noch?) nicht thematisiert und Mentoring als Mittel zum Zweck der beruflichen Einmündung in den Arbeitsmarkt verwendet wird. Aus der Perspektive der Mentorin wird deutlich, dass Anna-Lena zwar als mit einer „trügerischen Selbstsicherheit“ (S. 152) ausgestattet erlebt wird, zugleich aber auch „noch sehr großen und weitreichenden Orientierungsbedarf“ (S. 152) hat. Hinsichtlich der Frage nach Arbeitsidentität und Geschlechterdifferenz greifen sowohl Mentee als auch Mentor aus der Fallvignette Martina Jungblut und Peter Rudkowski im Interview die „‚Frauenfrage‘“ (S. 183) auf: Die Mentee schildert ihre (Studien-)Erfahrungen als Frau in einer Männerdomäne, und der Mentor vermittelt implizit, dass Frauen genauso durchsetzungsfähig wie Männer seien und keine Sonderbehandlung benötigten.

Kurmeyer interpretiert diese Beispiele aus den Interviews dahingehend, dass Lernmöglichkeiten für Mentees und Mentor/-innen bezüglich der Geschlechterstereotypen und ‑verhältnisse in der Berufswelt bestehen. Inwieweit hier jedoch tatsächlich ein Lernen auf beiden Seiten innerhalb der Mentoringbeziehung erfolgt oder ob dieser Lerneffekt möglicherweise erst mit den entsprechenden Nachfragen der Interviewerinnen in der Forschungssituation in Gang gesetzt wird, wird in der Auswertung der Fallvignetten nicht reflektiert. Insofern bleibt die Schlussfolgerung der Autorin etwas in der Luft hängen: „Mentoring gibt den Raum – bei richtigem Einsatz – mit Utopien zu spielen, Dinge anders zu denken, bis dahin ‚Unerhörtes‘ experimentell zu wagen – zum Beispiel Karriere – oder aber auch allein schon die Bestätigung zu erhalten für eigene gewagte Entscheidungen. Das gilt sowohl für Mentees als auch für Mentorinnen und Mentoren.“ (S. 231)

Es ist sicherlich richtig, dass „mit Mentoring ein Bereich in der Akademia eröffnet [wurde], der schon lange auf Entdeckung gewartet hatte. Anscheinend herrscht auch in der hochschulischen Ausbildung ein großer Bedarf an strukturierten Gesprächen, aufmerksamer Interaktion und qualifizierten Rückmeldungen“ (S. 234). Hier wird ein richtig erkannter Reformbedarf hinsichtlich hochschulischer Kommunikation und Interaktion benannt, auf den Erfahrungen aus Mentoringbeziehungen verweisen. Ob die einzig mögliche Schlussfolgerung „Mehr Mentoring ist nötig!“ lauten muss, sei jedoch dahingestellt. Dies soll kein Plädoyer der Rezensentin gegen Mentoring-Programme sein – wohl aber ein Hinweis darauf, dass richtig erkannte Missstände eventuell auch mit anderen Reformmaßnahmen behoben werden könnten.

Über das Ziel hinaus geschossen?

Das intensive Engagement der Autorin hinsichtlich der konzeptionellen Weiterentwicklung, Institutionalisierung und Qualitätssicherung von Mentoring-Programmen ist eine Stärke und eine Schwäche der vorliegenden Publikation. Als Insiderin ist Kurmeyer mit ihrem Forschungsgegenstand bestens vertraut, so dass sie ihn kenntnisreich darstellt. Man merkt dem Text auch recht deutlich an, dass er die Handschrift der Praktikerin trägt, die als Akteurin Mentoring-Maßnahmen als ein unverzichtbares hochschulisches Gleichstellungsinstrument gut platzieren und als nützlich präsentieren kann.

Bei aller Begeisterung für diese Frauenfördermaßnahme geht der Autorin, die zudem auch noch Koordinatorin des Programms war, aber leider die für eine wissenschaftliche Studie notwendige kritische Reflexivität und Distanzierung weitgehend verloren. Die Schlussfolgerungen zu den Befunden der empirischen Untersuchung weisen weit über die vorgelegten Forschungsergebnisse hinaus und sind dementsprechend nicht immer nachvollziehbar. So leitet Kurmeyer beispielsweise aus dem Interview mit einem Mentor ab: „Ganz allgemein kann festgestellt werden, dass die öffentliche Wahrnehmung der geschlechtshierarchischen Segregation der Ungleichheitsstrukturen im Kanon der Akzeptanz von Mentoring als chancengleichheitsförderndem Instrument sensibilisiert wird für die strukturellen Hindernisse, die insbesondere Frauenkarrieren behindern.“ (S. 236) Im Fall des betreffenden Mentors mag dies vielleicht stimmen. Inwiefern von diesem Einzelfall jedoch auf eine nicht näher benannte Öffentlichkeit geschlossen werden kann, hätte zumindest anhand von anderen Interviews überprüft und methodisch reflektiert werden müssen.

Das Zitat weist exemplarisch auch auf ab und an etwas nachlässige und umständliche Formulierungen hin, die zusammen mit einer nicht immer treffsicheren Kommasetzung ebenfalls in formaler Hinsicht den Lesegenuss etwas trüben. Ausgesprochen hilfreich für die gleichstellungspolitische Arbeit sind allerdings die abschließenden Hinweise für die Weiterentwicklung von Mentoring-Programmen, in denen jedoch die Reflexion der Schwachstellen dieses Frauenförderinstruments etwas zu kurz kommt. Dies verstärkt den Eindruck, als wäre der Text auch, vielleicht sogar vor allem, mit dem Ziel geschrieben, Werbung für Mentoring-Programme zu machen. In wissenschaftlicher Hinsicht bleibt der Lektüregewinn folglich leider überschaubar.

Prof. Dr. Heike Kahlert

Ludwig-Maximilians-Universität München

Institut für Soziologie, Lehrstuhlvertretung für Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziale Entwicklungen und Strukturen

Homepage: http://www.heike-kahlert.de

E-Mail: heike.kahlert@soziologie.uni-muenchen.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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