Gender unchanged or Theory unchained?

Rezension von Katrin Späte

Heike Kahlert, Christine Weinbach (Hg.):

Zeitgenössische Gesellschaftstheorien und Genderforschung.

Einladung zum Dialog.

Wiesbaden: Springer VS 2012.

213 Seiten, ISBN 978-3-531-17486-0, € 29,90

Abstract: Eine Einladung zum Dialog zwischen Gesellschaftstheorien und Genderforschung sprechen Heike Kahlert und Christine Weinbach aus mit der Herausgabe von neun Rekonstruktionen, Integrationen und Revisionen soziologischer Theorien über Entwicklung und Strukturmerkmale moderner Gesellschaften. Die Analysen zum Stellenwert von Geschlecht in klassischen Werken von Pierre Bourdieu über Norbert Elias und Michel Foucault bis Luhmann zeigen schnörkellos die Leichtigkeit herrschaftlichen Denkens und was sie leisten könnten, wenn die ‚Superstruktur Geschlecht‘ berücksichtigt werden würde. Die „Einladungstexte“ geben vielfältige Anregungen für weitere Forschungen zu allem „Gesamtgesellschaftlichen“ – auch wenn fast alles schon andernorts geschrieben steht.

Zum Konzept: Von Bourdieu bis Luhmann

Elf Theoretiker*innen haben sich der Herausforderung gestellt, den Dialog zwischen Gesellschaftstheorien und Geschlechterforschung wieder einmal zu eröffnen (vgl. z. B. Aulenbacher 2006, Frey, Steffen et al. 2004, Knapp & Wetterer 2003, Scheich 1996) und erneut zu erkunden, inwieweit in Theorien, für die die Autor*innen jeweils Expert*innen sind, Geschlecht als Strukturkategorie berücksichtigt wird. Entstanden ist ein Überblick über neun äußerst einflussreiche gesellschaftstheoretische Ansätze. Geschlechterforscher*innen gewinnen daraus weniger neue Erkenntnisse als neue Situierungen des Wissens über den Stand des malestream. Die Vorgabe von Leitgesichtspunkten für die Beiträge sorgt zwar für eine gewisse Struktur, allerdings wird ihre Relevanz epistemologisch nicht begründet, und in der schlichten Auflistung wirken sie etwas additiv (S. 7). Dennoch werden Vergleichsmöglichkeiten eröffnet, insbesondere zur Frage „Welchen Begriff von Macht/Herrschaft vertritt die Theorie?“ (S. 7).

Der Band ist insgesamt in die drei Teile „Rekonstruktionen“, „Integrationen“ und „Revisionen“ gegliedert. Kriterium dieser Unterscheidung ist die Relevanz von Geschlecht als Strukturkategorie in den Theorien, von „systematisch integriert“ bis „geschlechtsblind“ (vgl. S. 8–10). Das Spektrum der ausgewählten Gesellschaftstheoretiker reicht von Pierre Bourdieu, Manuel Castells, Anthony Giddens über Norbert Elias, Michel Foucault, Ulrich Beck, Luc Boltanski/Ève Chiapello bis hin zu Theodor W. Adorno/Max Horkheimer und Niklas Luhmann als Schlusslicht. Zweisprachige Abstracts (deutsch/englisch) leiten in die Rezeption der Beiträge ein.

Gender unchanged?

Mit dem Fokus auf das Werk Die Männliche Herrschaft (Bourdieu 1990) gelingt Ulle Jäger, Tomke König und Andrea Maihofer eine auf das Wesentlichste reduzierte Analyse von Bourdieus Erklärungsansatz für die Persistenz der Geschlechterordnung (S. 18). Dessen Erkenntnisse sind zwar nicht neu, dennoch kann nicht oft genug wiederholt werden, was den Kern männlicher Herrschaft eigentlich ausmacht, daher ist es der wichtigste Beitrag im ganzen Band. Es sind der Androzentrismus der herrschenden Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata (=Habitus) und die symbolische Gewalt. Zusammen gewährleisten sie die „fast reibungslose Reproduktion der patriarchalen Gesellschafts- und Geschlechterordnung“ (S. 20). Den Autor*innen ist daher zuzustimmen, wenn sie fordern, die Analyse der symbolischen Gewalt wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken und jene „inkorporierten Dispositionen“ (S.32) zu verändern, die dieses Unterfangen behindern. Was dazu nötig und wie schwer dies umzusetzen ist, spiegelt der Sammelband – in seiner ganzen Breite.

So ist die Macht der Heteronormativität ein wesentliches Element der symbolischen Gewalt und wird der Ansatzpunkt für Nina Degele, den fast fortschrittlichen Theoretiker der Netzwerkgesellschaft – Manuel Castells – zu kritisieren. Obwohl er einer der wenigen ist, der die Frauenbewegung in ihrer politischen Bedeutung für Fortschritte in der Gleichberechtigung nicht klein redet und der den sozialen Wandel hin zum informationellen Kapitalismus, der massenhafte Erwerbsmöglichkeiten für Frauen weltweit mit sich bringe, als Hoffnungszeichen für den Niedergang des Patriarchats deutet, macht er Degele zufolge nicht den letzten Schritt, auch Heteronormativität zu hinterfragen, er fürchte sich vielmehr vor einer zügellosen Sexualität und komme stattdessen darauf zurück, dass Frausein sich doch durch Muttersein definiere (vgl. S. 51).

Dieser heteronormativitätskritischen Position entgegengesetzt bietet Annette Treibel mit der Figurationstheorie von Norbert Elias gesunden Menschenverstand im Sinne des common sense für die Analyse von Geschlechterverhältnissen an. Sie sieht das Potential des Zivilisationsprozesstheoretikers darin, dass sein Denken helfe, „die ‚ganz normalen‘ Geschlechterbeziehungen besser zu verstehen“ (S. 85). Die „ganz normalen“ Beziehungen entfalten sich für Treibel in den „spannungsgeladenen“ Figurationen von Männern und Frauen. Sie hält damit einer lebensweltentfremdeten, dekonstruktivistisch angelegten Gendertheorie (vgl. S. 84) zu Recht den Spiegel realer sozialer Praxen vor. Alle Menschen müssen sich schließlich irgendwie zum Frau- oder Mannsein verhalten. Die Autorin übernimmt dann leider den Androzentrismus, Frauen und Männer als „Gruppen“ zu fassen, jedoch macht sie damit indirekt aufmerksam auf die ungebrochene Bedeutung der ‚familienplanenden‘ Paarsymbolik für die Stabilität von Geschlechterordnung. Elias steht auch für die Erkenntnis der Verwandlung von Fremdzwang in Selbstzwang im Laufe des Zivilisationsprozesses.

Günter Burkart analysiert das Werk Der neue Geist des Kapitalismus von Luc Boltanski und Ève Chiapello unter der Leitfrage, ob deren Forschungsergebnisse eher auf eine Feminisierung des Kapitalismus oder auf eine Modernisierung des Patriarchats hin zu deuten sind. Im Laufe seiner Diskussion kommt neben allem Optimismus hinsichtlich einer möglichen Entpatriarchalisierung durch den Wandel kapitalistischer Arbeitsstrukturen der Verdacht auf, dass Frauen sich selbst vielleicht gar nicht als einzigartiges und einzelnes „Individuum“ subjektivieren (vgl. S. 160). So könnte es am Ende darauf hinaus laufen, dass die feministische Kritik am patriarchalen Kapitalismus dahingehend gewendet wird, dass sie letztlich doch nur zu einer „Modernisierung patriarchaler Strukturen“ (S. 160) beitrage.

Stabilität und/oder Wandel von Geschlechterverhältnissen?

Dieser Frage gilt auch das Forschungsinteresse von Heike Kahlert. Sie knüpft in ihrem Dialog mit der Theorie der Strukturierung von Anthony Giddens an bestehende Beiträge an (besonders Kahlert 2006), in welchem sie Giddens’ Konzept der „Dualität von Struktur“ auf die „Dualität von Geschlecht“ überträgt, um Geschlecht als Prozesskategorie im Sinne des doing gender einerseits und als stabile Strukturkategorie seit Entstehung der modernen Gesellschaft der androzentrischen Soziologie andererseits analysieren zu können. Dadurch könnten sowohl die De-, als auch die Reinstitutionalisierung von Geschlecht in sozialen Praktiken erforscht werden. Aufschlussreich ist Kahlerts Analyse der zunehmenden Bedeutung von Gender in Giddens’ Arbeiten. Spielte es in Giddens’ Strukturationstheorie keine Rolle (vgl. S. 63), so ist in seinem Lehrbuch aus dem Jahr 2001 zu lesen, dass die Klärung des Stellenwerts von Gender für die soziologische Theoriebildung nun zur wichtigsten Frage gehöre (vgl. S. 3).

Der Forschungsarbeit von Ulrich Beck widmet sich Angelika Poferl. Sie befragt Becks ‚Soziologie der Kosmopolitisierung‘ auf ihr Potential, neben der angestrebten Überwindung von methodologischem Nationalismus auch für die Überwindung von Androzentrismus geeignet zu sein (vgl. S. 125). Der mit seinen wechselnden Co-Autor*innen Theorieneuerungen wie ein Schwamm aufsaugende Soziologe hat der Kategorie Geschlecht in seiner Risikogesellschaft (1986) einen theoriekonstitutiven Platz zugewiesen, wie Poferl betont (vgl. S. 127), für die Soziologie der Kosmopolitisierung sei dies aber nicht mehr in vergleichbarem Maß der Fall (vgl. S. 136). Liegt es vielleicht an seiner Fernliebe (Beck & Beck-Gernsheim 2011)?

Genderblind?

Auch im Theoriegebäude von Michel Foucault bekam die Kategorie Geschlecht zugunsten der Analyse der Disziplinierung von Sexualität keinen expliziten Platz. Dies hat der produktiven Forschungsarbeit zu Geschlecht, Sexualität, Macht- und Wahrheitsproduktion mit Rückgriff auf Foucault wie bekannt wenig geschadet. Gabriele Michalitsch arbeitet an und mit den Foucault’schen Grundbegriffen. Ihr Weg ist die Verknüpfung der Kategorien ‚Macht‘, ‚Wahrheit‘, ‚Regierung‘, ‚Gouvernementalität‘, ‚Herrschaft‘ durch den Begriff der ‚Kritik‘ als „Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“, wie sie Foucault zitiert (S. 120). Sie regt an, „die Macht des Geschlechts mit der Wahrheit des Geschlechts zu verknüpfen“ (S.121), was in unzähligen Werken bereits geleistet wurde, aber wohl im Rahmen dieses auf die originären Arbeiten Foucaults selbst konzentrierten und inspirierenden Beitrags nicht zusammengeführt werden konnte.

Das Potential der Kritischen Theorie mit den Nestores Theodor W. Adorno und Max Horkheimer verortet Gudrun-Axeli Knapp nach wie vor weniger in den inhaltlichen, androzentrischen Aussagen der Kritischen Theorie als in der Methode des negativ-dialektischen Denkens (vgl. Knapp 1996), das die „Historizität epistemischer Konstellationen von ‚Geist‘ und ‚Faktizität‘“ (S. 179) bedenke und daher eine gute Ausgangsbasis zur beständigen Weiterentwicklung von Gesellschaftstheorie und Geschlechterforschung biete, gerade in einer Zeit zunehmender Naturalisierungen und Ontologisierungen im Geschlechterverhältnis (vgl. S. 189). Vielleicht es aber auch genau diese Vorsicht, die Wandel von Geschlechterordnungen verlangsamt.

Christine Weinbach dreht in ihrem Beitrag zur Systemtheorie von Niklas Luhmann die Grundfrage nach der Bedeutung der Kategorie Geschlecht schlicht um, da es nach systemtheoretischer Logik völlig irrelevant ist, und verortet stattdessen die Geschlechterdifferenz im Kontext von funktionaler Differenzierung und Wohlfahrtstaat (vgl. auch Weinbach 2006). Es ist mit Weinbach so, dass „autonom und selbstreferentiell operierende Funktionssysteme mit universalistisch angelegten Programmen auf Vollinklusion der Gesamtbevölkerung [zielen]“ (S. 198). Zur Exklusion von Individuen komme es dann, wenn diese funktional nicht betroffen seien. Weinbach ist systemtheoretisch zuversichtlich, dass die auf die geschlechtliche Arbeitsteilung bezogenen Geschlechterstereotype ein Übergangsphänomen in funktional differenzierten Gesellschaften seien (vgl. S. 209). Es ist eben alles eine Frage der Fragestellung.

Fazit

Der Sammelband bietet ein kompaktes Panoptikum der Möglichkeiten, Facetten sozial bedingter Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern, möglicher Entstehungsursachen, historischer Verläufe in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften und Überwindungsmöglichkeiten im Spiegel androzentrischer soziologischer Großerzählungen über ‚Die Entwicklung der Moderne‘ und das kapitalistische Wirtschaften zu analysieren. Das Verdienst aller Autor*innen ist es, so resolut zu sein, die äußerst umfangreichen und hochkomplexen gesellschaftstheoretischen Werke auf wenige zentrale Aspekte in einer Weise zu reduzieren, dass ein Verständnis der ‚Bauweise‘ der Theorien an sich entsteht, ihre zentralen Fachbegriffe und wichtigsten Forschungsergebnisse vorgestellt werden und Androzentrismen behutsam angedeutet werden. Rhetorische Theorie-Sprachspiele werden leichthändig geerdet oder einfach weggelassen. Der Band ist dadurch auch für diejenigen von unschätzbarem Wert, die ausschließlich einen Überblick über die Theorien suchen. Es fällt mir nichts Vergleichbares ein, was auf diese unprätentiöse Art mit gebotener Tiefenschärfe Gesellschaftstheorien erklärt.

Zwei weitere Leistungen wären allerdings wünschenswert gewesen: erstens die Explikation des jeweiligen geschlechtertheoretischen Ansatzes, da diese recht heterogen sind. Sie spiegeln damit zwar die Vielfalt der Positionen in der Geschlechterforschung, schränken aber die Vergleichbarkeit der Gesellschaftstheorien ein. Zweitens hätten mehr Investitionen an Forschungszeit in den vorhandenen theoretischen Überbau des Anliegens zu einer stärker epistemologisch zielenden Kritik am Androzentrismus in der Soziologie gereicht, als es nun der Fall ist: Androzentrismus beginnt bereits mit der Forschungsfrage. Es ist noch ein weiter Weg bis zu einer theory unchained, einer Gesellschaftstheorie, die das Allgemeine nicht besondert.

Literatur

Aulenbacher, Brigitte. (2006). Rationalisierung und Geschlecht in soziologischen Gegenwartsanalysen. Wiesbaden: VS Verlag.

Frey Steffen, Therese, Rosenthal, Caroline & Väth, Anke (Hrsg.). (2004). Gender Studies. Wissenschaftstheorien und Gesellschaftskritik. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Kahlert, Heike. (2006). Geschlecht als Struktur- und Prozesskategorie – Eine Re-Lektüre von Giddens’ Strukturierungstheorie. In Brigitte Aulenbacher, Mechthild Bereswill, Martina Löw, Michael Meuser, Gabriele Mordt, Reinhild Schäfer, Sylka Scholz (Hrsg.), FrauenMännerGeschlechterforschung. State of the Art. (S. 203–216). Münster: Westfälisches Dampfboot.

Knapp, Gudrun-Axeli. (1996). Traditionen – Brüche. Kritische Theorie in der feministischen Rezeption. In Elvira Scheich (Hrsg.), Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie. (S. 113–150). Hamburg: Hamburger Edition.

Knapp, Gudrun-Axeli & Wetterer, Angelika (Hrsg.). (2003): Achsen der Differenz. Gesellschaftstheorie und feministische Kritik II. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Scheich, Elvira (Hrsg.). (1996). Vermittelte Weiblichkeit. Feministische Wissenschafts- und Gesellschaftstheorie. Hamburg: Hamburger Edition.

Weinbach, Christine. (2006). Kein Ort für Gender? Die Geschlechterdifferenz in systemtheoretischer Perspektive. In Brigitte Aulenbacher et al. (Hrsg.), FrauenMännerGeschlechterforschung. State of the Art. (S. 82–94). Münster: Westfälisches Dampfboot.

Dr. Katrin Späte

Universität Münster

seit 2002 Soziologin am Institut für Soziologie mit den Schwerpunkten Sozialstruktur und Kultur, soziologische Theorie, Geschlechterforschung, Integration, Bildungssystem, Didaktik

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E-Mail: spaete@uni-muenster.de

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