Bis an die Grenzen, aber nicht darüber hinaus!

Rezension von Hanna Heinrich

Mineke Bosch, Ulrike Krampl, Hanna Hacker (Hg.):

Spektakel.

Köln u.a.: Böhlau Verlag 2012.

182 Seiten, ISBN 978-3-412-20896-7, € 24,90

Abstract: Die von Bosch, Hacker und Krampl herausgegebene Ausgabe von L’Homme ist dem Zurschaustellen als bewusst gewähltem Akt der Grenzauslotung und potentiellen Grenzüberschreitung, aber auch der damit einhergehenden Reproduktion der Geschlechterrollen gewidmet. Die Autor/-innen beleuchten dabei vor allem anhand verschiedener Lebensgeschichten unterschiedliche Möglichkeiten und Herangehensweisen, dem eigenen Leben einen spektakulären Aspekt und damit Möglichkeiten der Selbstermächtigung und Selbstdarstellung zu geben. Leider mangelt es den Texten an einem soliden theoretischen Fundament, beziehungsweise an klaren Begriffsdefinitionen, die für das Verständnis der Kategorie ‚Spektakel‘ hilfreich gewesen wären, so dass eine schlüssige Einordnung der einzelnen Beiträge in den Gesamtkontext des Bandes ausbleibt.

Dem eigenen Leben ein spektakuläres Moment zu geben, um so die sozio-politischen und hegemonialen Grenzen des Seins, explizit des weiblichen Seins, auszudehnen und zu überschreiten, ist ein Projekt, das unabhängig von zeitlichen und kulturellen Parametern in Angriff genommen wurde und wird. Allein die Herangehensweise und die Ausgestaltung performativer und theatraler Praktiken unterscheiden sich gemäß dem gesellschaftlichen Umfeld ihres Erscheinens.

In diesem Band werden Biographien von Frauen vorgestellt, denen das Bestreben, sich Freiräume zu verschaffen und dafür unter anderem die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem zu verwischen, gemein ist. Auch der diskursive Umgang mit Weiblichkeit jenseits des gesellschaftlich gewünschten und geforderten Frauenbildes wird beleuchtet, ebenso wie die patriarchale Konstruktion und Reproduktion von Weiblichkeitsidealen. In allen Texten dieser Ausgabe der Zeitschrift L’Homme – Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft werden konkrete Beispiele der Inszenierung von Geschlecht aus der Zeitspanne von der frühen Neuzeit bis ins ausgehende 20. Jahrhundert thematisiert. Begriffe wie Spektakel, Performativität, enactment, Repräsentation und Parodie eignen sich dabei in besonderer Weise, um geschlechtliche Stile, leiblichen Eigensinn und Authentifizierungsstrategien zu analysieren und in einem feministischen Kontext kritisch zu hinterfragen.

Zum Begriff ‚Spektakel‘

Um jedoch zu einer schlüssigen und in sich kohärenten kritischen Betrachtung des Konzepts ‚Spektakel‘ in Anwendung auf die analytische Dekonstruktion konventioneller Dichotomien zu gelangen, wie es sich die Herausgeberinnen dieses Bandes zum Ziel gesetzt haben, bedarf es einer konkreten Definition. Diese sollte, wenn nicht einheitlich, so doch differenziert formuliert in den einzelnen Aufsätzen des Bandes Anwendung finden. Die konkrete Definition der Analysekategorie ‚Spektakel‘, die die Aufsätze zu verbinden versucht, oder zumindest deren Problematisierung, durch die ein gezielter Blick auf die vorgestellten Beispiele ermöglicht würde – ob nun im Raum der Geschichtswissenschaften, der Medienwissenschaften, der Philosophie oder der Gender Studies –, sucht die Leser/-in jedoch vergeblich. Selbstverständlich können solche Begrifflichkeiten auf verschiedene Weise definiert und nutzbar gemacht werden. Um aber unter dem gemeinsamen Begriff ‚Spektakel‘ in einem solchen Band ein einheitliches Ziel zu verfolgen und eben nicht nur ein Sammelsurium heterogener Aufsätze zu liefern, hätte es jeweils einer, wenn auch skizzenhaften Beschreibung dessen bedurft, was die einzelnen Autor/-innen im konkreten Fall unter der verwendeten Terminologie verstehen. So werden in den einzelnen Aufsätzen zwar spannende Aspekte spektakulärer Lebensentwürfe sowie gesellschaftliche Auffassungen dessen beleuchtet, was Weiblichkeit ausmachen sollte und ausmacht, der Begriff ‚Spektakel‘ scheint aber vielfach wenig konkret, sozusagen als nebulöse Kategorie, zugrunde zu liegen. Eine einleitende solide inhaltliche Bestimmung der zentralen Begrifflichkeiten wäre hier von Vorteil.

Auch eine Einordnung der einzelnen Texte in einen den gesamten Band durchziehenden Kontext, in die Zielsetzung wäre wünschenswert gewesen. Im Editorial wird ‚Spektakel‘ lediglich als „Schnittstelle von Inszenierung, Diskurs, Repräsentation einerseits und enactment, Verkörperung, Performanz andererseits“ (S. 7) bezeichnet. So wird der Leser mit den in diesem Band versammelten Beispielen von Weiblichkeitskonstruktionen konfrontiert, ohne den theoretischen Rahmen, ohne die Struktur, die auch der Auswahl der Aufsätze zugrunde liegen muss, konkret fassen zu können. Aber nicht nur ein verbindlicher Rahmen, ein einleitender, die einzelnen Aufsätze umspannender Text, sondern auch Querverweise zwischen den einzelnen Aufsätzen wären hilfreich gewesen, um eine einheitliche Arbeit am Versuch, Grenzen auszuloten und zu überschreiten, deutlich zu machen. Im Folgenden soll anhand zweier Beispiele das Spektrum der Texte dieses Bandes vorgestellt werden, um die oben genannte Problematik zu verdeutlichen.

Inszenierung – Körper – Geschlecht

Einem spannenden Sachverhalt wendet sich Natascha Vittorelli zu, indem sie sich mit den verschiedenen Inszenierungen von Partisaninnen im sozialistischen Jugoslawien auseinandersetzt. Dabei belegt sie, dass die ambivalente Rolle der Partisaninnen letztlich den Rahmen des patriarchalen Weiblichkeitsbildes nicht sprengen konnte und in Anbetracht der medialen Inszenierung diese Sprengkraft auch gar nicht gewünscht war. Auch die spektakulärsten Lebensstile wurden dem hegemonialen Geschlechterbild einverleibt. Vittorelli versucht anhand dreier Typen, der unsichtbaren, der spektakulären und der inszenierten Partisanin, herauszustellen, wie der Mythos genutzt wird und wie Geschlecht auf einer medialen Bühne verhandelt wird. Die Partisanin wird hier zum spezifischen Diskursort. Neben der un/sichtbaren Krankenschwester, die im herkömmlichen Weiblichkeitsbild gefangen bleibt, identifiziert Vittorelli die Kategorie der spektakulären Kriegerin, die sich durch ihre weibliche Opferbereitschaft auszeichnet und selbst zur Waffe greift, diese aber letztlich nicht einsetzt. Die Inszenierung der Partisaninnen stellt sie als reine Vermarktungsstrategie dar. Vittorelli untermauert hier leider die Kategorie der spektakulären Partisanin, die ja eigentlich zentraler Gegenstand ihrer Untersuchung ist, nicht auf theoretischer Ebene. Auch die Dichotomie Kriegerin/Krankenschwester kann anhand der ausgewählten Beispiele nicht überwunden werden, da die Kriegerin letztlich keine ist. Auch dieser Text bleibt also lediglich ein weiteres Beispiel für die Inszenierung von Geschlecht. Der zugrundeliegende Begriff ‚Spektakel‘ wird nicht näher beleuchtet oder kontextualisiert.

Einzig Marietta Mayrhofer-Deák unternimmt explizit den Versuch, ihren Beitrag theoretisch zu untermauern. Ausgehend von Guy Debords Theorie des Spektakels analysiert sie eine französisch-westafrikanische Schulbuchserie. Sie stellt die koloniale Inszenierung und damit einhergehend die Produktion und Reproduktion der Differenzen zwischen Kolonialherren und Kolonialisierten dar. Unter Zuhilfenahme von Stereotypen und der Marginalisierung der gesellschaftlichen Rolle der Frau sollte diese Inszenierung ihre volle Wirksamkeit entfalten. Der Ansatz der Autorin, die verwendeten Begrifflichkeiten an ein klar definiertes theoretisches Konzept anzubinden, hätte auch für die Lektüre der anderen Texte befruchtend sein können und ist im Kontext dieses Bandes positiv zu bewerten. Eingangs definiert sie den Begriff ‚Spektakel‘ im Sinne Debords als ‚absolute Ideologie‘ und formuliert somit auch die Stoßrichtung ihrer Analyse, für die sie prägnante Beispiele aus der Schulbuchserie zur Verdeutlichung der kolonialen Machtinszenierung wählt und dabei präzise nachvollziehbare und schlüssig belegte Analysekategorien konzipiert. Sie ordnet die Schulbuchserie in einen historischen und pädagogischen Kontext ein und weist auf die signifikanten terminologischen Veränderungen bei den Neuauflagen hin, die den nach dem zweiten Weltkrieg veränderten Anforderungen an das Sprechen über Ethnizität geschuldet sind. Mayrhofer-Deák legt mit diesem Aufsatz einen gut recherchierten, strukturiert geschriebenen und schlüssig argumentierten Text vor, der über den geschichtswissenschaftlichen Blickwinkel hinausgehend an postkoloniale Theorien und philosophische Konzepte angebunden ist. So erschließt sie die impliziten Inhalte und die ideologisch geprägten Machstrukturen, in denen postkoloniale Rassenthematik und Geschlechtertheorien Hand in Hand gehen. Anhand der analysierten Schulbuchserie gelingt ihr der Nachweis der Debordschen Theorie über die Verbindung der ökonomischen, ideologischen und sozialen Komponenten der kolonialen Machtstrukturen.

Grenzüberschreitung?

Abschließend muss festgehalten werden, dass es den in diesem Band versammelten Aufsätzen nicht an der präzisen Darstellung der jeweiligen Untersuchungsgegenstände fehlt, auch sind die jeweiligen Gedankengänge in sich schlüssig und kohärent strukturiert und argumentiert. Die thematische Vielfalt der Beiträge bietet spannende Einblicke in diverse Themenkomplexe und eröffnet ungewöhnliche Einblicke in verschiedene Modi des Zurschaustellens spektakulärer Lebensentwürfe, die zu einer kritischen Betrachtung gesellschaftlicher Auffassungen von Weiblichkeit und der sozio-politischen Rolle der Frau anregen. Insofern bietet der Band Impulse ganz unterschiedlicher Art, Weiblichkeit zu denken und im feministischen Kontext neu zu verhandeln.

Jedoch mangelt es den Texten, von der oben besprochenen Ausnahme einmal abgesehen, an einer differenzierten und theoretisch fundierten Terminologie. Selbstverständlich könnte man sie mit der im Editorial zu findenden Begriffsbestimmung fassen, die jedoch ihrerseits auch kein tiefgreifendes Verständnis des Begriffs ‚Spektakel‘ und seiner soziopolitischen und gendertheoretischen Potenz ermöglicht. So bleibt summa summarum die Frage nach dem Ziel der einzelnen Aufsätze im Kontext des Konzeptes des Bandes unbeantwortet. Eine Analyse des Begriffs ‚Spektakel‘ auf der Metaebene, eine Definition, ob nun beispielsweise aus den Theaterwissenschaften oder der Philosophie entlehnt, sowie eine klare Strukturierung des Heftes, die die einzelnen Aufsätze nicht rein nach historischen Gesichtspunkten zu sortieren sucht, wäre der in der Einleitung angesprochenen Zielsetzung wohl besser gerecht geworden.

Man erwartet schließlich einen analytischen Bruch mit den herrschenden Dichotomien, der sich über die Auslotung des Begriffs ‚Spektakel‘ im Sozialen vollziehen kann. Dieser Bruch, auch wenn er in einigen Aufsätzen angedeutet ist, bleibt jedoch in einer klaren Formulierung als Resultat bestimmter Praktiken und Lebensstile ebenso wie als Formulierung einer Utopie aus.

Möglicherweise wäre hier der Begriff der Inszenierung als analytische Kategorie fruchtbarer gewesen, denn letztlich erweist sich der Band als Beispielsammlung von Weiblichkeitsinszenierungen. Man könnte nach Lektüre einiger Aufsätze den Begriff ‚Spektakel‘ als Inszenierung mit medialer Wirkkraft auffassen. Die Frage nach den der Auswahl der Texte zugrundeliegenden Parametern würde sich dann allerdings in verschärfter Form stellen. Ein gemeinsames theoretisches Fundament wird, obgleich es existieren mag, nicht deutlich. So erscheint die Zusammenstellung der Beiträge ein wenig willkürlich. Außerdem bleibt die Grenze, die es analytisch zu überwinden galt, auf zweifacher Ebene bestehen. Zum einen wird man der Grenzen der Selbstinszenierung und der Inszenierung einer alternativen Weiblichkeit gewahr, zum anderen der Grenze dieses Bandes, der es in Ermangelung eines soliden theoretischen Fundaments nicht vermag, den Ansprüchen der Herausgeberinnen gerecht zu werden. Der Blick der Autor/-innen scheint auf den Begriff der Grenze fixiert zu sein, ohne, um mit Erika Fischer-Lichte zu sprechen, den der Schwelle ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Hanna Heinrich

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Promovendin der Philosophie

E-Mail: hanna.meryem@gmx.de

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