Bio-Feminismus – die (Re-)Produktion populärwissenschaftlichen Geschlechterwissens in und durch Medien

Rezension von Heike Kahlert

Lou-Salomé Heer:

„Das wahre Geschlecht“.

Der populärwissenschaftliche Geschlechterdiskurs im SPIEGEL (1947–2010).

Zürich: Chronos Verlag 2012.

176 Seiten, ISBN 978-3-0340-1100-6, € 26,00

Abstract: Die vorliegende Diskursanalyse des populärwissenschaftlichen Geschlechterwissens war zweifelsohne überfällig. Lou-Salomé Heer zeigt in ihrer empirischen Studie, die auf einer Lizenziatsarbeit an der Universität Zürich beruht, am Beispiel von Titelgeschichten und Titelbildern des SPIEGEL, dass der mediale Geschlechterdiskurs seit den 1990er Jahren durch die Soziobiologie geprägt wird. Die anregende explorative Untersuchung lenkt die Aufmerksamkeit auf die ambivalente Bedeutung der Medien bei der Produktion und Reproduktion (populär)wissenschaftlichen Geschlechterwissens und gibt Anstöße für vertiefende Studien. In methodischer Hinsicht bleibt die vorliegende Analyse jedoch leider unbefriedigend, was den Erkenntnisgewinn einschränkt.

Soziobiologie der Geschlechterdifferenz

Fragen von Geschlecht, Geschlechterverhalten und Geschlechterverhältnissen stehen nach wie vor auf der medialen Agenda. Insbesondere populäre Medien beziehen sich dabei, so scheint es, vor allem auf naturwissenschaftliches Wissen bezüglich vermeintlich geschlechterdifferenter Hirnhälften, geschlechterdifferenter Hormonkonstellationen und anderer, vorgeblich in der Evolution begründeter Geschlechterdifferenzen. Das medial verbreitete Geschlechterwissen erscheint biologisch dominiert und zugleich informiert durch sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zur sozialen Konstruktion von Geschlecht und durch Ansätze feministischer Kritiken an Naturwissenschaften und Technik.

Ausgehend von diesen Beobachtungen stellt Lou-Salomé Heer hinsichtlich des populärwissenschaftlichen Geschlechterwissens die These vom „Paradigmenwechsel von den Sozialwissenschaften zur Soziobiologie“ (S. 15) auf, der sie am Beispiel eines deutschen Nachrichtenmagazins nachgeht. Heers Klärungen zum inflationär gebrauchten Begriff der Populärwissenschaft sind ausgesprochen hilfreich und anregend, wird damit doch deutlich, wie unscharf Versuche der Grenzziehung zwischen Wissenschaft, zumeist verstanden als Naturwissenschaft, und Populärwissenschaft sind. Auch die theoretische Verortung in Butlers Idee der performativen Hervorbringung von Geschlecht ist zielführend. Leider bleibt aber der in der Studie häufiger verwendete Begriff des Geschlechterwissens unreflektiert.

Diskursanalyse des populärwissenschaftlichen Geschlechterwissens

Im Mittelpunkt von Heers Diskursanalyse steht der wöchentlich erscheinende SPIEGEL, der bis heute im deutschsprachigen Raum als journalistisches Leitmedium gilt und zudem bereits recht lange besteht, so dass diese Zeitschrift einen guten Einblick in die jüngere Zeit- und Diskursgeschichte bietet. Gegenstand der Untersuchung sind alle Titelgeschichten des SPIEGEL, die seit seiner Gründung im Jahr 1947 bis zum Jahr 2010 Geschlechterfragen im Themenfeld von Liebe, Sexualität und Partnerschaft behandeln, während die Themen Erziehung und Elternschaft nicht einbezogen wurden. Ergänzend zu den Titelgeschichten, die Heer als Zeichen für „die redaktionelle Gewichtung von Themen“ (S. 14) bewertet, werden auch die Titelbilder analysiert, jedoch nicht vertieft bildanalytisch betrachtet. Die untersuchten Titelgeschichten sind im Literaturverzeichnis sorgfältig aufgelistet und die markantesten Titelbilder im Text abgedruckt.

Die Informationen zum methodischen Vorgehen in dieser Studie, die im Frühlingssemester 2010 aus einer Lizenziatsarbeit an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich hervorgegangen ist, sind allerdings spärlich und schmälern den Erkenntnisgewinn. Man erfährt, dass die Arbeit von Foucaults Diskursanalytik inspiriert ist, sich aber „nicht streng an einem methodischen Leitfaden“ (S. 27) orientiert. Die Diskursanalyse wird „als Teil der konzeptionellen Werkzeugkiste, als blick- und untersuchungsanleitende[r] Ausgangspunkt“ (ebd.) beschrieben, jedoch in ihrem Vorgehen und den dafür notwendigen Kategorien nicht näher im Hinblick auf die vorgenommene Untersuchung eingeführt. Unbefriedigend bleibt auch die Darstellung des in Anlehnung an Deleuze und Guattari als rhizomatisch beschriebenen Strukturierungsverfahrens. Für die Wahl dieses Verfahrens gibt es laut der Autorin „gute Gründe“ (S. 16), die jedoch leider nicht benannt werden. Folglich hat die Arbeit „kein Zentrum“, die Gliederung blieb „bis zum Schluss in Bewegung“ und stellt „eine Momentaufnahme“ (ebd.) dar. Jedes Kapitel ist demnach „Ausgangspunkt und Anbaustelle für weitere synchrone und diachrone Ausweitungen, für neue Fragen und neue Blickwendungen“ (ebd.). Wohl, um das Rhizomatische zu betonen, wurde auf Kapitelnummern verzichtet, sodass Querverweise allenfalls sehr umständlich vorgenommen werden könnten und folglich fehlen.

Eine stringentere Argumentationsführung mit Versuchen der Bündelung von wichtigen Ergebnissen, sorgfältigeren empirischen Belegen, der Diskussion von Bezügen zwischen den diversen je für sich anregenden Erkenntnissen und mit einer systematischen Rückbindung an den gewählten Theoriekontext sowie zusammenführende Erörterungen zu den Ergebnissen hätten der ansonsten sehr interessanten und überfälligen Untersuchung gut getan.

Elemente des populärwissenschaftlichen Geschlechterdiskurses

Die bereits problematisierte Vorgehensweise in Heers Untersuchung hinterlässt ein leises Unbehagen bezüglich der Würdigung der Erkenntnisse. Es bietet sich daher an, die Studie unter explorativen Gesichtspunkten zu rezipieren und hinsichtlich ihres Anregungspotentials für weitere Analysen medialer Geschlechterdiskurse zu befragen.

Die Autorin untersucht, wer in den analysierten SPIEGEL-Texten spricht. Sie zielt damit nicht auf die Identifikation einzelner Journalist/-innen, sondern auf die „Wissenschaftssubjekte“ (S. 31), also auf die besprochenen, zitierten und interviewten Wissenschaftler/-innen und auf die selbst im SPIEGEL schreibenden Wissenschaftler/-innen. Wenngleich die Autorin auf die Problematik hinweist, wie die zu Wort kommenden Wissenschaftler/-innen disziplinär verortet werden können, stellt sie doch über den Untersuchungszeitraum hinweg einen Wandel von der sozialwissenschaftlichen und psychoanalytischen Dominanz in den 1960er und 1970er Jahren – insbesondere in Gestalt von Vertretern der Kritischen Theorie (Frankfurter Schule), der davon geprägten kritischen Soziologie und der sich formierenden empirisch-kritischen Sexualwissenschaft – zu den Naturwissenschaften, insbesondere der biologischen Verhaltens- und Evolutionsforschung, in den 1990er und 2000er Jahren fest. Laut Heers Analyse verweisen beinahe alle Titelgeschichten auf populärwissenschaftliche Bücher, fast durchgängig aktuelle Übersetzungen englischsprachiger Sachliteratur. Systematisch empirisch belegt wird dies aber nicht.

Ein weiteres „auffallend häufig erscheinendes Element des populärbiologischen Geschlechterdiskurses im SPIEGEL“ (S. 73) ist nach Heer die Rede von Krisen: Frauen, Männer, die Ehe oder die monogame, lebenslange Beziehung zwischen Frau und Mann sowie die Gleichstellung in Bildung und Beruf sind demnach in der Krise. So macht der SPIEGEL erstmalig 1983 in einer Titelgeschichte eine Krise der (amerikanischen) Männlichkeit aus, später auch der Männergesundheit an und für sich. Wird in den 1980er Jahren noch der Einfluss der Frauenbewegung als eine Ursache der Männlichkeitskrise identifiziert, so werden der Mann und Männlichkeit in den 2000er Jahren generell angesichts des als fragil erkannten Y-Chromosoms als im Untergang befindlich bezeichnet. Die Zweigeschlechtlichkeit sei demnach nur noch in Bezug auf die Reproduktion von Nöten.

Frauen als ökonomisch bedeutsame Ressource

Als bedeutsam für den populärwissenschaftlichen Geschlechterdiskurs zu Fortpflanzung, Sex und Partnerschaft identifiziert Heer die häufige Verwendung ökonomischer Begrifflichkeiten, in der die Natur als einer Investitionslogik folgend verstanden wird. Durchaus im Einklang mit der schwindenden Bedeutung von Männlichkeit werden in Anlehnung an Ergebnisse der Evolutionsforschung die Fortpflanzungsstrategien der Männchen als von den Vorlieben der Weibchen bestimmt dargestellt. Der weibliche Körper gelte demnach mit Blick auf die für die Fortpflanzung so wichtigen Eizellen als wichtigste Ressource.

Die Autorin wendet sich explizit gegen feministische Deutungen, dass es sich bei aktuellen medialen Bezugnahmen auf biologische Argumente um einen Backlash handelt. Vielmehr müsse der populärwissenschaftliche Geschlechterdiskurs als polyvalent begriffen werden. „Biologische Argumente dienten und dienen nicht per se einer konservativen Geschlechterpolitik.“ (S. 129) Sie seien vielmehr flexibel und können folglich auch profeministisch gewendet werden, etwa wenn sie den Beweis für die Differenz der Geschlechter liefern und eine Allianz mit ökonomischen Argumenten eingehen. Den vorgestellten Analysen zufolge werden Frauen im SPIEGEL „keineswegs abgewertet […], im Gegenteil: Ihre Körper werden gefeiert, ihre Kompetenzen und ihre gesellschaftliche Produktivität betont“ (S. 125). Sogenannte weibliche Kompetenzen werden demnach als Fähigkeiten propagiert, die auf dem Arbeitsmarkt zunehmend gefragt sind. Als ‚Unternehmer/-innen ihrer selbst‘ gelten Frauen als „vorbildliche Leistungssubjekte“ (S. 143), als „Alphamädchen“ (S. 144) – und als ökonomisch attraktive Zielgruppe für SPIEGEL-Abonnements.

Die differenzfeministisch inspirierte und soziobiologisch begründete Aufwertung von unternehmerischer Weiblichkeit und die gleichzeitige Problematisierung von Männlichkeit im populärwissenschaftlichen Geschlechterdiskurs des SPIEGEL erscheinen so als Ausdruck des Wandels in den Geschlechterverhältnissen in Zeiten neoliberaler Marktgesellschaften. Wissenschaftliches Geschlechterwissen selbst wird in der damit einhergehenden Ökonomisierung des (wissenschaftlichen) Wissens in den Medien kommerziell ge- und verwendet. Auch wenn die Studie methodische Schwächen aufweist und die Ergebnisse nicht immer nachvollziehbar sind, liegt ihr Verdienst trotz der ausgeführten Kritikpunkte darin, auf die ambivalente Bedeutung der Medien bei der Produktion und Reproduktion (populär)wissenschaftlichen Geschlechterwissens aufmerksam gemacht und damit verbundene weiterführende Forschungsfragen für vertiefende Analysen aufgeworfen zu haben.

Prof. Dr. Heike Kahlert

Ludwig-Maximilians-Universität München

Institut für Soziologie, Lehrstuhlvertretung für Soziologie mit dem Schwerpunkt Soziale Entwicklungen und Strukturen

Homepage: http://www.heike-kahlert.de

E-Mail: heike.kahlert@soziologie.uni-muenchen.de

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