Wenn die Ursachen von Kinderlosigkeit untersucht werden – Erkenntnisse und Risiken[1]

Rezension von Tanja M. Brinkmann

Rabea Krätschmer-Hahn:

Kinderlosigkeit in Deutschland.

Zum Verhältnis von Fertilität und Sozialstruktur.

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2012.

241 Seiten, ISBN 978-3-531-18463-0, € 34,95

Abstract: Warum bleiben Frauen und Männer in Deutschland ohne Kinder? Welche Rolle spielen sozialstrukturelle und lebensstilbezogene Gründe dafür? Diesen Fragen geht Krätschmer-Hahn in der Veröffentlichung ihrer Dissertation nach. Anhand eines sekundäranalytischen Designs arbeitet sie in ihrer quantitativen Studie viele bekannte und einige neue Geschlechter- und Ost-/West-Unterschiede zu den Einflussfaktoren von Kinderlosigkeit heraus. Die Veröffentlichung überzeugt durch Stringenz, aufwendige quantitative Analyse, systematische Aufarbeitung des Forschungsstands sowie sprachliche Klarheit und Brillanz. Sie lässt jedoch offen, inwieweit Kinderlosigkeit und auch Elternschaft wirklich – wie angenommen – rationale Entscheidungen sind und warum Kinderlosigkeit in Deutschland überhaupt ein erklärungsbedürftiges Phänomen ist.

Welche sozialstrukturellen Faktoren führen dazu, dass Menschen in Deutschland kinderlos bleiben? Um diese Fragegestellung geht es in der Monographie von Rabea Krätschmer-Hahn, bei der es sich um die überarbeitete Fassung ihrer soziologischen Dissertation handelt. Nach einem Problemaufriss im ersten Teil folgt im zweiten die Darstellung des Forschungstandes und der theoretischen Ansätze, die Kinderlosigkeit erklären. Nachdem daraufhin die mittels eines quantitativen Forschungsdesigns zu untersuchenden Hypothesen entwickelt sind, ist der dritte Teil der Studie der Ergebnispräsentation und -diskussion gewidmet. Im abschließenden Teil fasst die Autorin ihre Erkenntnisse zusammen und zieht politische wie wissenschaftliche Schlussfolgerungen.

Berücksichtigung von Männern und der Paarebene

Krätschmer-Hahn belegt, dass heutzutage eine kaum noch überschaubare Bandbreite an Forschungsarbeiten zur genannten Thematik vorliegt. Von daher ist zunächst einmal erklärungsbedürftig, welchen Erkenntnisgewinn eine weitere Studie zu den Ursachen von Kinderlosigkeit überhaupt hat. Die Autorin arbeitet heraus, dass in den bisherigen Forschungsarbeiten Frauen und Männer getrennt betrachtet werden, sie dagegen untersucht beide Geschlechter und versucht mit ihrer Arbeit zum einen noch näher zu konkretisieren, welche Unterschiede und Dynamiken auf Paarebene wirksam werden, so dass ein Paar kinderlos bleibt. Zum anderen möchte sie die Rolle des Lebensstils bei der Entscheidung, keine Kinder zu bekommen, stärker in den Blick nehmen. Die zugrundeliegende Annahme ist, dass sich Individuen gegen eine Familiengründung entscheiden, weil ihnen ein kinderloser Lebensstil im Kosten-Nutzen-Vergleich gewinnbringender erscheint als ein familiärer. Sie nimmt damit auf das gängige Stereotyp der „Egozentrierung“ (S. 114) von Kinderlosen Bezug.

Im ersten Teil der Studie geht es primär um eine Problemskizzierung. Es zeigen sich zwei Gründe für den Geburtenrückgang in Deutschland: die wachsende Zahl der Personen, die gar keine Kinder bekommen, und die steigende Zahl derjenigen Personen, die nicht drei oder mehr Kinder bekommen. Immerhin erwähnt Krätschmer-Hahn den Rückgang dieser sogenannten Mehrkindfamilien, untersucht dann aber – wie die meisten anderen Studien auch – nur die Kinderlosen.

Auf der Basis der vorhandenen Forschungsergebnisse wird deutlich, dass Männer häufiger kinderlos bleiben als Frauen und dass Kinderlosigkeit in Ostdeutschland deutlich geringer ausgeprägt ist als in Westdeutschland. Konsequenterweise führt die Autorin ihre Analysen für Ost- und Westdeutschland sowie für Frauen und Männer getrennt durch, um zu fundierten Aussagen zu gelangen. Insbesondere der letzte Punkt ist alles andere als selbstverständlich, denn obwohl die männliche Kinderlosigkeit ausgeprägter ist, dominieren Studien über die weibliche Kinderlosigkeit. So weist etwa die Datenlage zur Kinderlosigkeit innerhalb der amtlichen Statistik einen deutlichen Geschlechterbias auf. 2008 wurden im Rahmen des Mikrozensus erstmalig überhaupt repräsentative Daten zur tatsächlichen Kinderzahl bzw. Kinderlosigkeit erhoben, aber eben nur von Frauen. Da der Autorin eine konsequent zweigeschlechtliche Analyse wichtig ist, kann sie die Mikrozensus-Daten nicht nutzen und greift auf die nicht-amtlichen Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) zurück.

In Deutschland bleiben ca. 20 Prozent aller Menschen endgültig kinderlos. Jedoch ist Kinderlosigkeit nicht gleich Kinderlosigkeit: Sie wird nicht nur durch sozialstrukturelle Merkmale determiniert; fünf bis zehn Prozent aller Frauen und Männer in entwickelten Ländern können aus biologischen Gründen keine Kinder bekommen. Sie entscheiden sich nicht gegen Kinder, sondern haben gar keine Entscheidungsoption. Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis, wird deutlich, dass nur ein begrenzter Teil bewusst kinderlos ist oder durch das permanente Aufschieben der Familiengründung das Ende der biologischen Reproduktionsphase erreicht. Aus methodischen Gründen müsste diese Gruppe der ungewollt Kinderlosen bei der Untersuchung unberücksichtigt bleiben, aufgrund der Datengrundlage kann die Autorin diese Gruppe aber nicht herausrechnen. Das ist nicht ganz unproblematisch, weil sie die Annahme zugrunde legt, dass Kinderlosigkeit eine rationale Entscheidung sei.

Gehaltvolle Darstellung des Forschungsstandes und magere Theorieansätze

Im zweiten Teil der Studie stellt Rabea Krätschmer-Hahn den empirischen Forschungsstand zu den Ursachen der Kinderlosigkeit dar und skizziert die erklärenden theoretischen Konzepte. Letztere werden leider häufig nur angerissen. Ein systematischer Vergleich der Theorien bleibt ebenso aus wie eine Abwägung von Limitierungen und Erkenntnisgewinnen. Für eine soziologisch definierte Arbeit überraschend, rekurriert die Autorin auffallend häufig auf ökonomische Theoriekonzepte und nicht primär auf genuin soziologische oder gar geschlechtertheoretische Ansätze. Zumeist wird auf das Konzept der Opportunitätskosten zurückgegriffen: Es knüpft an den humankapitaltheoretischen Haushaltsproduktionsansatz von Gary Becker an und stellt heraus, dass die Kosten für ein Kind (z. B. das entgangene Einkommen bei Erwerbsunterbrechung) im Vergleich zum antizipierten Nutzen zu einem Verzicht auf Kinder führen würden.

Dieses Kapitel ist eine wahre Goldgrube, um einen aktuellen und sehr gut systematisierten Überblick bezüglich des empirischen Forschungsstandes zu erhalten, weil Krätschmer-Hahn eine immense Fülle von empirischen Arbeiten nicht nur rezipiert, sondern auch systematisch aufbereitet. Dass zumeist nur Frauen untersucht werden, obwohl die Kinderlosigkeit von Männern in Deutschland ausgeprägter ist, liege einerseits an dem benannten Geschlechterbias der amtlichen Statistik, aber ebenso an der Zuschreibung von Geburt und Reproduktionsarbeit an Frauen. Hier geht ihr eigener Ansatz deutlich weiter, indem sie sowohl Männer als auch die Paarebene berücksichtigt.

Der Kinderwunsch ist in Deutschland zurückgegangen und liegt durchschnittlich bei 1,7 Kindern pro Person. Auch hier zeigen Studien erneut Geschlechter- und Ost-/West-Unterschiede: Im Alter von 20 bis 39 Jahren wünschen sich 21 Prozent der ostdeutschen und 27 Prozent der westdeutschen Männer explizit kein Kind, bei ostdeutschen Frauen sind es nur sechs Prozent und bei westdeutschen Frauen 17 Prozent (S. 46). Nicht der Kinderwunsch, sondern die sozialstrukturellen und kulturellen Determinanten der Kinderlosigkeit interessieren aber die Autorin. Bei der Darstellung des aktuellen Forschungsstands ist allenfalls ein leichter Bias zu quantitativen Studien erkennbar, da einige relevante qualitative und auch kritische Studien (z. B. Carl 2002 oder Correll 2010) zum Themenbereich der Studie keine Erwähnung finden.

Viele bekannte, einige überraschende Ergebnisse

Die empirische Untersuchung von Krätschmer-Hahn ist an der Schnittstelle von Sozialstrukturanalyse und Familiensoziologie angesiedelt. Die Autorin stellt die anhaltende Diskussion innerhalb der Sozialstrukturanalyse darüber dar, ob klassische Schichtkonzeptionen, die die sogenannte vertikale Ungleichheit anhand der Merkmale Bildung, Berufstätigkeit und Einkommen fokussieren, heute noch hinreichend soziale Ungleichheit in Deutschland erklären können. Da sie sich nicht nur für die vertikale Ungleichheit im Zuge der Schichtzugehörigkeit interessiert, berücksichtigt sie mit dem Lebensstil einen Aspekt horizontaler Ungleichheit. In sehr transparenter Weise stellt die Autorin ihr eigenes empirisches Vorgehen, ihre zu untersuchenden Hypothesen und ihren Datensatz dar.

Der Ergebnisdarstellung ist der dritte Teil des Buches gewidmet. Die Autorin untersucht auf der Basis von SOEP-Daten die Geburtsjahrgänge 1950–1963, d. h. Personen, die zum Untersuchungszeitpunkt 2008 zwischen 45 und 58 Jahre alt sind. Entgegen des vielfach angenommenen Zeugungsmythos legt sie überzeugend dar, dass eine erste Vaterschaft für Männer im Alter von 45 Jahren und älter eine vernachlässigbare Rarität darstellt, weswegen sie für Frauen wie für Männer mit 45 Jahren das Ende der biologischen Reproduktionsphase bzw. endgültige Kinderlosigkeit definiert. Aufgrund der Kohortenauswahl sind die Ergebnisse der quantitativen Studie nicht repräsentativ, sondern können allenfalls Trends markieren.

In der Studie von Krätschmer-Hahn bestätigen sich viele bereits bekannte Ost-/West- sowie Geschlechterunterschiede und zeigen sich nur wenige neue Ergebnisse. In der untersuchten Altersgruppe bleiben in Westdeutschland 19,6 Prozent (24,2% Männer, 15,6% Frauen) und in Ostdeutschland nur 12,9 Prozent (20,5% Männer, 5,8% Frauen) endgültig kinderlos. Kinderlosigkeit ist also häufiger bei Männern und in Westdeutschland vorzufinden (S. 138 f.). Die Kinderlosigkeit von Paaren mit gemeinsamem Haushalt liegt mit drei Prozent in Ostdeutschland deutlicher unter der in Westdeutschland, wo sie 10,5 Prozent beträgt. Damit gibt die Autorin implizit einen Hinweis, dass Kinderlosigkeit nicht unmaßgeblich von fehlenden oder unpassenden Partnerschaften verursacht ist. Jedoch geht sie diesem Aspekt nicht weiter nach (und kann es aufgrund der Sekundärdatenlage auch gar nicht), sondern untersucht den Zusammenhang von Schichtzugehörigkeit und Kinderlosigkeit für die Variablen Schulbildung, Ausbildungsniveau und Berufsprestige. Alle drei Variablen addiert sie zu einem sogenannten Schichtindex. Hier zeigt sich ein bekannter und ein überraschender Befund. Wie auch in anderen Studien zeigt sich für westdeutsche Frauen: je höher die Schulbildung, die Berufsausbildung und das berufliche Prestige, desto höher die Wahrscheinlichkeit, endgültig kinderlos zu bleiben. Für ostdeutsche Frauen zeigt sich kein Zusammenhang. Neu ist dagegen der Befund für ostdeutsche Männer: je niedriger die Schulbildung, die Berufsausbildung und das berufliche Prestige, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit, kinderlos zu bleiben. Dieser Befund galt bisher nur für westdeutsche Männer, wird jedoch in der vorliegenden Studie überraschenderweise nicht belegt.

Dem Zusammenhang von Lebensstil und Kinderlosigkeit kann die Autorin aufgrund der Datenlage nur für westdeutsche Frauen und Männer nachgehen. Sie untersucht auf der Basis der Daten von 1984 und 2008, ob endgültig Kinderlose bereits vor der Familiengründung einen anderen Lebensstil pflegen als Eltern. Ihre Hypothese ist diesbezüglich: je außerhäuslicher und aktiver der Lebensstil, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit für Kinderlosigkeit. Sie greift auf ein komplexes Lebensstilkonzept mit vier Dimensionen zurück, jedoch werden diese vier Lebensstildimensionen in der Operationalisierung nur äußerst verkürzend aufgenommen. Dieses ist den Sekundärdaten geschuldet: Da die Autorin keine eigene Erhebung konzipiert hat, muss sie den SOEP-Daten Lebensstildimensionen überstülpen. Die Auswertungen ergeben, dass sich nur bei westdeutschen Frauen ein positiver Zusammenhang bei zwei Lebensstildimensionen zeigt. Insgesamt konstatiert die Autorin, „dass der Lebensstil viel weniger Einfluss auf die Familiengründung hat, als hinlänglich vermutet wird“ (S. 190). In der Gegenüberstellung von Lebensstil und Schichtzugehörigkeit wird offensichtlich, dass die Determinanten der Schichtzugehörigkeit viel stärker als die des Lebensstils endgültige Kinderlosigkeit erklären können.

Kinderlosigkeit – ein erklärungsbedürftiges Phänomen?

Wenn Kinderlosigkeit Gegenstand soziologischer oder demographischer Untersuchungen ist, dann wird zumeist die Ursachensuche fokussiert. Obwohl die Kinderlosigkeit in Deutschland bereits seit Ende der 1960er Jahre angestiegen ist und die Geburtenrate seit den 1970er Jahren konstant bei 1,3–1,4 Kindern pro Frau liegt, ist das öffentliche, politische und wissenschaftliche Interesse an diesem Phänomen erst im Verlauf der 1990er Jahre richtig entfacht. Krätschmer-Hahn greift also ein bereits vielfach untersuchtes Thema auf. Sie verweist zu Recht darauf, dass in der öffentlichen, medialen und politischen Debatte Kinderlosigkeit zumeist als gesellschaftliches Problem begriffen wird und „als durchweg negativ konnotiert angesehen werden kann“ (S. 10). Gerade vor diesem Hintergrund gibt sie zu bedenken, dass es als Wissenschaftler/-in umso wichtiger sei, sich nicht instrumentalisieren zu lassen. Genau das gelingt ihr selbst aber leider nur begrenzt.

Warum erscheint uns Kinderlosigkeit überhaupt als ein erklärungsbedürftiges Phänomen? Worin liegt der Nutzen, noch mehr bzw. noch detailliertere Informationen diesbezüglich von Männern und Frauen zu generieren? Inwieweit verhilft die x-te Studie zu den Ursachen der Kinderlosigkeit genau dazu, implizit geburtenpolitischen Akteur/-innen eine wissenschaftliche Steilvorlage zu geben? Warum wird dem Geburtenrückgang und dem „bestandserhaltenden Niveau von 2,1 Kindern pro Frau“ (S. 25) Aufmerksamkeit geschenkt, wenn global ein enormes demographisches Wachstum zu verzeichnen ist? Und inwiefern trägt auch diese Studie unter der Hand dazu bei, dass eine Lebensführung ohne Kinder nicht die gleiche gesellschaftliche und politische Wertschätzung wie eine Lebensführung mit Kindern erhält?

Krätschmer-Hahn lässt die Leser/-innen ihres Buches bis zum Schluss im Unklaren darüber, wodurch sich das originäre Erkenntnisinteresse der Autorin auszeichnet. Dieses wird allenfalls implizit deutlich: Denn dafür, dass es um Kinderlosigkeit gehen soll, erfahren die Leser/-innen erstaunlich viel über Familiengründung und Elternschaft. Auch die politischen Implikationen der Autorin am Ende des Buches geben Hinweise darauf, was getan werden muss, damit Personen nicht kinderlos bleiben. Kinderlosigkeit als normalen Lebensentwurf zu sehen und z. B. zu untersuchen, wie es Personen im Alltag damit geht, wie (un)zufrieden sie damit sind etc., das leistet die Studie nicht. Dies überrascht umso mehr, als die Autorin 2005 in der EMMA den Artikel „Glücksfall Geburtenrückgang“ mitveröffentlicht hat. Hierin argumentiert sie in kritischer Absicht gegen den medialen und politischen Mainstream, in dem Kinderlosigkeit als demographisches Problem beschworen wird, und liefert Argumente, warum Kinderlosigkeit für Deutschland nicht nachteilig, sondern von Vorteil ist. Sie kritisiert darin „die Wortführer der demographischen Angstgemeinschaft“ und „das demographische Panikorchester“ (Krätschmer-Hahn/ Hondrich 2005: S. 47). Von dieser untypischen und kritischen Sichtweise auf Kinderlosigkeit ist in dieser Veröffentlichung – außer auf der allerletzten Seite – nichts zu finden.

Fazit

Sieht man über das Manko hinweg, dass die Studie unterschwellig eine Lebensführung ohne Kinder als Defizit und Elternschaft als Norm reproduziert, und will man wirklich wissen, welche sozialstrukturellen Gründe zur Kinderlosigkeit von deutschen Männern und Frauen führen, dann ist die Monographie eine Goldgrube. Krätschmer-Hahn ist eine wissenschaftlich hochwertige, stringente und gut nachvollziehbare quantitative Studie gelungen. Gerade die neuen und interessanten Trends, die sichtbar werden, bedürfen jedoch noch der repräsentativen Bestätigung. Der Rückgriff auf die SOEP-Daten erzeugt einige oben benannte methodische Mängel (z. B. die Mitberücksichtigung von ungewollt Kinderlosen und die Operationalisierung der Lebensstildimensionen).

Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie auf noch vorhandene Forschungslücken und fragliche Prämissen hinweist, was jedoch auch ein wenig ihre eigenen Befunde schmälert. So stellt sie etwa die Frage, ob Familiengründung wirklich eine rationale Entscheidung sei. Vor dem Hintergrund der bereits genannten biologisch bedingten Kinderlosigkeit und dem mittlerweile bekannten Phänomen, dass ein Drittel der ausgetragenen Schwangerschaften in Deutschland gar nicht geplant waren, scheinen Kinderlosigkeit bzw. Familiengründung allenfalls eine begrenzt rationale Entscheidung zu sein. Mit Rekurs auf die qualitativen Studien von Burkart (1994) schreibt die Autorin: „Kinderlosigkeit kann nicht generell als bewusste Entscheidung gegen ein Kind interpretiert werden, sondern als Folge des Aufschiebens – als ein Merkmal der Nicht-Entscheidung für Elternschaft.“ (S. 87) Ihre Analysen beruhen jedoch auf der Prämisse der rationalen Entscheidung für oder gegen Kinder. Hier stellt sie damit selbst ihre Herangehensweise in Frage.

Die Arbeit überzeugt vor allem durch ihre empirische Analysequalität: In transparenter Weise wird aufzeigt, dass trotz Angleichungstendenzen nach wie vor bei den Ursachen zur Kinderlosigkeit massive Ost-/West-Unterschiede bestehen, wodurch deutlich wird, dass die im internationalen Vergleich hohe Kinderlosigkeit in Deutschland maßgeblich durch die Kinderlosigkeit in Westdeutschland bedingt ist. Und erneut und verstärkt wird ersichtlich, dass Kinderlosigkeit stärker ein Phänomen von Männern als von Frauen ist. Erklärungen dafür bleibt die Autorin weitgehend schuldig, weil sie vor allem empirisch argumentiert. Die bisherigen Theoriemodelle müssen bei dem Ergebnis, dass sich nur bei den ostdeutschen Männern ein signifikanter Zusammenhang von Kinderlosigkeit und Schichtzugehörigkeit zeigt, passen. Wie lassen sich dann aber die Ergebnisse deuten? Die Autorin selbst liefert diesbezüglich kaum eine theoretische Weiterentwicklung. Sie erklärt die zunehmende Kinderlosigkeit von ostdeutschen Männern mit geringen sozialstrukturellen Ressourcen mit der gestiegenen Bedeutsamkeit des Familienernährer-Modells. Das überzeugt jedoch nicht, weil sich keine analogen Ergebnisse bei den ostdeutschen Frauen zeigen, sondern hier nach wie vor eine hohe Müttererwerbstätigkeit vorhanden ist. Umgekehrt erklärt sie die ausbleibenden Effekte bei westdeutschen Männern mit einem potentiellen Bedeutungsverlust des Familienernährer-Modells. Auch hier wären andere Erklärungsgründe denkbar, z. B. die Unsicherheit vor der verstärkt geforderten aktiven Vaterschaft.

Trotz der benannten Mängel handelt es sich bei der Monographie von Krätschmer-Hahn um ein lesenswertes Werk, das nicht zuletzt durch den sprachlich brillanten Schreibstil der Autorin überzeugt, der Wissenschaftlichkeit in klar verständlicher Sprache präsentiert. Das Buch ist hervorragend auch für Querleser/-innen geeignet, die sich nur für einzelne Teile (z. B. den Forschungsstand oder die Ergebnisse) interessieren. Für eine von vorne bis hinten lesende Rezensentin sind manche Stellen redundant.

Anmerkung

[1]: Ich danke Almut Kirschbaum und Thorsten Ludwig für ihre kritisch-konstruktiven Anmerkungen zu dieser Rezension.

Literatur

Burkart, Günter (1994): Die Entscheidung zur Elternschaft. Eine empirische Kritik von Individualisierungs- und Rational-Choice-Theorien. Stuttgart: Enke

Carl, Christine (2002): Gewollt kinderlose Frauen und Männer. Psychologische Einflussfaktoren und Verlaufstypologien des generativen Verhaltens. Frankfurt am Main: Verlag für Akademische Schriften

Correll, Lena (2010): Anrufungen zur Mutterschaft. Münster: Westfälisches Dampfboot

Krätschmer-Hahn, Rabea/Hondrich, Karl Otto (2005): Glücksfall Geburtenrückgang. In: Emma, 28. Jg., Nr. 6, S. 46–49

Tanja M. Brinkmann

Philipps-Universität Marburg

Dipl. Sozialpädagogin, Soziologin M.A., Promotionsstipendiatin im interdisziplinären Kolleg „Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld von Arbeit, Organisation und Demokratie“ sowie Referentin zu den Themenbereichen Sterben, Tod und Trauer

Homepage: http://www.uni-marburg.de/fb03/genderkolleg/stips/brinkmann_kurzbiografie

E-Mail: tanja.brinkmann@staff.uni-marburg.de

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