Depression und ihr geschlechtlicher Subtext – eine interdisziplinäre Studie

Rezension von Karen Wagels

Nadine Teuber:

Das Geschlecht der Depression.

„Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ in der Konzeptualisierung depressiver Störungen.

Bielefeld: transcript Verlag 2011.

319 Seiten, ISBN 978-3-8376-1753-5, € 32,80

Abstract: Ausgangspunkt und roten Faden der Studie bildet die Frage nach einem erhöhten Depressionsrisiko von Frauen: Ist Depression als spezifische Frauenkrankheit zu verstehen, und wenn ja, warum? Mit dieser einher geht ein ausdrückliches Interesse an den gesellschaftlichen wie auch individuell verkörperten Wirkungen einer symbolischen Geschlechterordnung, die Nadine Teuber im Feld der Depression äußerst differenziert auffächert. Die Gratwanderung einer geschlechtertheoretischen Problematisierung des Phänomens Depression, in dem Spuren der Naturalisierung auf vielfältige Weise angelegt sind, gelingt ihr durch die fundierte Darstellung der diskursiven Herstellungsprozesse von Geschlechtlichkeit wie auch von Depression, die sie in einer interdisziplinären Bezugnahme auf psychologische, psychoanalytische und kulturwissenschaftliche Perspektiven herausarbeitet.

Depression und symbolische Weiblichkeit

Die Studie beginnt mit eindrucksvollen Zahlen zur Prävalenz von Depression. Demnach erkranken laut WHO (2005) jede vierte Frau und jeder achte Mann einmal im Leben an Depression – die Tendenz insgesamt ist steigend. Das Geschlechterverhältnis deutet sich an dieser Stelle bereits an: Frauen werden doppelt so häufig wie Männer, nach einigen Studien sogar bis zu dreimal häufiger als depressiv diagnostiziert.

Nadine Teuber unterscheidet einen medizinisch-psychiatrischen Diskurs, in dem die klinisch-individuelle Depressionssymptomatik in den Blick genommen wird, von Untersuchungen, in denen eine gesellschaftlich-diskursive Stimmung thematisiert wird, und stellt dabei zugleich die Frage nach der Interaktion beider Sphären: Haben Depressionen tatsächlich gesamtgesellschaftlich zugenommen? Oder bringen die Zahlen vielmehr zum Ausdruck, dass sich die Wahrnehmung und die Diagnose von Depression im Laufe der Zeit verändert haben? Die statistische Häufigkeitsverteilung des heutigen Depressionsrisikos von Frauen und Männern bildet einen instruktiven Ausgangspunkt, um einerseits geschlechtsspezifische Risikofaktoren für Depression bei Frauen konkret zu benennen und andererseits die Funktion der ‚Wissenskategorie Geschlecht‘ und die Bedeutung symbolischer Weiblichkeit im Depressionsdiskurs analytisch zu fassen.

Empirie und Dekonstruktion

Beiden Aspekten – den geschlechtsspezifischen Faktoren in der Entwicklung einer Depression bei Frauen wie auch den diskursiven Verflechtungen von Depression und Geschlecht – geht die Autorin sowohl in psychologischen, in psychoanalytischen als auch in kulturwissenschaftlichen Konzeptualisierungen nach. Erklärtes Ziel dieses interdisziplinären Vorgehens ist die Vermittlung zwischen empirischen Daten und der Herstellung und Funktion von Differenz.

Wie Nadine Teuber ausführt, benennen empirisch psychologische Zugänge zunächst geschlechtsspezifische Risiko- und Schutzfaktoren für Depression, wobei wichtige Daten zur Prävalenz von Depression in Bezug auf Geschlecht herausgearbeitet werden. In klinisch psychoanalytischen Ansätzen wiederum wird die Aufmerksamkeit auf psychodynamische Aspekte der Geschlechtsentwicklung mit Bezug auf Depression gelenkt und auf diese Weise Einblick in deren geschlechtsspezifische Genese geboten. Diesen Zugängen stellt die Autorin eine historisch kulturwissenschaftliche Kontextualisierung zur Seite, die weit vor Freuds früher Arbeit zu Trauer und Melancholie (1917) ansetzt und die historischen Voraussetzungen aktueller Vorstellungen von Depression benennt. Das innovative interdisziplinäre Vorgehen ermöglicht ihr, die disziplinären Perspektiven kritisch auf ihre jeweiligen Konstruktionen von Depression und Geschlecht hin zu befragen und die Erkenntnisse in eine „geschlechts-sensitive Theorie der Depression“ (vgl. S. 287 ff.) zu integrieren.

Verkörperung und Einschreibung

Wenn empirisch psychologische Studien zu Depression an einer sex/gender-Trennung ansetzen und diese dabei in Konstrukten wie Geschlechtsrollenorientierung, Emotionsnormen oder den Persönlichkeitsdimensionen Expressivität vs. Instrumentalität operationalisiert wird, kritisiert Teuber m. E. zu Recht deren Fokus auf gender als sozialem Konstrukt, dem der biologische Körper zwar nicht unter der Voraussetzung von Kohärenz, aber doch unhinterfragt und unbefragt zur Seite stehe. Demgegenüber regt sie an, die Herstellungsprozesse des Geschlechtskörpers selbst – etwa in Bezug auf die Einschreibung geschlechtlicher Emotionsnormen – in den Blick zu nehmen, und führt hierzu exemplarisch Andrea Maihofers Konzept von Geschlecht als Existenzweise an.

Dies nutzt sie zugleich als Überleitung zu einer eingehenden Darstellung klinisch psychoanalytischer Ansätze zur Erklärung von Depression. Die Autorin diskutiert hier Konzepte der Internalisierung von Verlust, die sich um Prozesse der Inkorporation, Introjektion und Identifikation bewegen. Die darin benannten, geschlechtlich kodierten Depressionstypen verbindet sie mit Theorien der Geschlechtsidentitätsentwicklung. Bei der Theorie Freuds zur Entwicklung von Geschlechtsidentität und ihren feministischen Revisionen ansetzend, greift sie Judith Butlers Theorie zur Herstellung von Differenz selbst auf. Die hier thematisierten unbetrauerbaren Verluste, die nach Butler mit der kulturellen Geschlechterordnung und der Aneignung von Geschlechtsidentität einhergehen, analysiert Nadine Teuber sehr präzise in aktuellen Adaptionen innerhalb des klinisch psychoanalytischen Feldes. Als zentrales Ergebnis formuliert sie den Anspruch, die psychoanalytische Wissensproduktion für eine daraus abgeleitete Politik des Verlusts – „etwa durch ein psychoanalytisches Verstehen“ (S. 286) – nutzbar zu machen.

Kulturgeschichte und Melancholie

Mit einer dritten, historisierenden Annäherung wird die gegenwärtig zu verzeichnende Tendenz, Depression als objektiv beobachtbares und universelles Phänomen zu verstehen, noch stärker relativiert. Die von Nadine Teuber vorgenommene umfassende kulturgeschichtliche Betrachtung lässt wesentliche Aspekte unseres heutigen Verständnisses von Depression als einem klinischen Ereignis ebenso zeitgeschichtlich erscheinen wie den Geniediskurs der Melancholie, den sie bis in die Antike hinein nachzeichnet.

Eindrücklich zeigt sie die kulturelle Imagination eines „Mehr“ der Melancholie im Verhältnis zur heute bekannten „einfachen“ Depression, wobei sie den geschlechtlichen Subtext in der – vergeschlechtlichten – Symbolisierungsfähigkeit verortet: „Der männliche Verlust kann dargestellt und symbolisiert werden. Ein Zugang zu Sprache ist ihm möglich, der weibliche wird dagegen verkörpert durch trauernde Frauen; er ist kein Sonderzustand, sondern Normalität; er ist nicht symbolisierbar, sondern wird psycho-somatisch inkorporiert.“ (S. 286) Die sich anschließenden scharfsinnigen Überlegungen der Autorin beziehen sich auf den möglichen Geschlechtswechsel eines Phänomens, das – von jeglichem kreativen Überschuss bereinigt – aktuell als behandelbare Krankheit von realen Frauen verkörpert wird: Die männliche Melancholie ist der weiblichen Depression gewichen.

Männlichkeit und Subjektivität

Gerade vor diesem Hintergrund bleibe zu beobachten – so der treffende Tenor der Autorin –, wohin aktuelle Versuche der Konzeptualisierung einer spezifisch männlichen Depression, vom Stigma der Weiblichkeit bereinigt, führen. Den in diesem Sinne in den letzten Jahren aufkommenden wissenschaftlichen Diskurs betrachtet sie als „Ausschnitt aus dem gesellschaftlichen Hintergrunddiskurs, vor dem Männer und Frauen zu Depressiven und als solche erkennbar werden.“ (S. 99) Beeindruckend ist, dass Nadine Teuber, wenn sie nach den gesellschaftlichen Bedingungen für weibliche respektive männliche Depression fragt, sich der vielschichtigen Komplexität der Begriffe ‚weiblich‘ und ‚männlich‘ sowie der Gefahr, „Differenz neu einzuschreiben oder geschlechtliche Kodierungen einzuführen, die mit hierarchischen Setzungen und mit impliziten androzentrischen Normierungen einhergehen“ (S. 200), durchgehend bewusst ist.

Aufschlussreich sind hier ihre Ausführungen zur psychologischen Gesundheitsforschung: Demnach scheint sich ein androzentristischer bias durchzusetzen und ein Maskulinitätsideal zu bestätigen, das für „Maskulinität als Gesundheitsfaktor“ (S. 54) wirbt. Die Autorin zeigt sehr gut nachvollziehbar auf, wie die mit symbolischer Männlichkeit assoziierten Merkmale von Autonomie und Durchsetzungsfähigkeit als Entwicklungsziele vorausgesetzt werden und Eingang in die Definition von Gesundheit finden. Zeitgleich und in Kohärenz damit zeichnet sie nach, wie eine zunehmende Pathologisierung und Medizinalisierung von Depression und ihre eindeutige Zuweisung in die Bereiche der Psychiatrie und Medizin mit einer „Entsubjektivierung“ der Krankheit einhergeht: „Die Stimme der Melancholie verstummt.“ (S. 263) Die gesellschaftliche Normativität von Kriterien für Gesundheit und Krankheit und deren geschlechtlicher Subtext werden damit als weitere Ansatzpunkte sichtbar gemacht, um über die Konjunktur von Depression in unserer Gesellschaft und deren Implikationen nachdenken zu können.

Fazit

Die vorliegende Studie zum Geschlecht der Depression gibt durch ihre differenzierten Diskussionen des jeweiligen state of the art einen bemerkenswert fundierten Einblick in drei Disziplinen. Auffallend ist, dass Nadine Teuber, selbst Psychologin und in psychoanalytischer Ausbildung, nicht mit einer kulturgeschichtlichen Erörterung beginnt und von hier aus Kontinuitäten und Brüche aufzeigt, sondern von gegenwärtigen Begriffen und Diskussionen ausgeht und diese mit einer kulturgeschichtlichen Betrachtung gegenliest. So gelingt es ihr in ausgezeichneter Weise, heutige Begriffe von Krankheit und Depression, aber auch von Geschlecht, wie sie in den verschiedenen Disziplinen zur Anwendung kommen, präzise herauszuarbeiten und sie dann auf profunde Weise herauszufordern.

Das interdisziplinäre Vorgehen erlaubt ihr dabei, weiße Flecken in den jeweiligen Fachdiskursen aufzuzeigen. Hierdurch werden diese Diskurse nicht nur für Leser_innen weiterer Disziplinen zugänglich, sondern es wird vielmehr deutlich, wie die psychologische und psychoanalytische Wissensproduktion in das gesellschaftliche Feld eingebettet ist und dieses wiederum in ihren Konzeptualisierungen strukturiert.

Die Autorin verhandelt das Phänomen der Depression auf sehr hohem analytischem Niveau und bietet vielfältige Einsatzpunkte für weitergehende Reflexionen. Sie zeigt plausibel auf, wie sich die gesellschaftliche Wissensproduktion über Depression, die Selbstwahrnehmung von depressiven Menschen und die symbolische Geschlechterordnung wechselseitig beeinflussen: Nadine Teuber entwickelt in ihrer geschlechts-sensitiven Theorie das Bild eines gemeinsamen Bedeutungsraums von Depression und symbolischer Weiblichkeit, den es auf vielfältigen Ebenen zu bearbeiten gilt. Dass sie damit – wie sie mit ihrer Arbeit beansprucht – einen Beitrag zur klinisch-therapeutischen Praxis leistet, bestätigt der Förderpreis 2011, den ihr die Stiftung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung verliehen hat. Dass ihre Studie auf diesem Weg – als Reflexionsangebot an klinisch-therapeutisch tätige Praktiker_innen – den von Depression Betroffenen zugutekommt, bleibt zu hoffen.

Dr. Karen Wagels

Universität Kassel

Fachbereich Humanwissenschaften; Vorarbeiten zum Projekt: „Gesundheit, Normalität und Geschlecht. Diskursanalytische Perspektiven auf gegenwärtige Problematisierungsweisen von Depression.“

Homepage: http://www.uni-kassel.de/fb01/personen/homepages/dr-karen-wagels/dr-karen-wagels.html

E-Mail: karen.wagels@uni-kassel.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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