Die Ausgegrenzten eines Breitensports

Rezension von Robert Claus

Alexandra Martine de Hek, Christine Kampmann, Marianne Kosmann, Harald Rüßler:

Fußball und der die das Andere.

Ergebnisse aus einem Lehrforschungsprojekt.

Freiburg: Centaurus Verlag 2011.

165 Seiten, ISBN 978-3-86226-050-8, € 18,80

Abstract: Fußball hat einen enormen Stellenwert als gesellschaftliche Bühne in Deutschland; denn jedes Wochenende sind mehrere Millionen Menschen auf verschiedene Weisen in das Ballspiel involviert – und somit auch in die sozialen Hierarchien im Umfeld wie auf dem Platz. Die Ergebnisse eines Studienprojekts an der Fachhochschule Dortmund zu Diskriminierungen im Fußball sind im vorliegenden Band veröffentlicht. In drei Beiträgen werden wertvolle Einblicke in sexistische, homophobe sowie rassistische Ausgrenzungen an der Basis des Breitensports gegeben und Perspektiven zu deren Überwindung geboten. Doch lässt das Werk zuweilen inhaltliche Konsequenz in den Begriffen vermissen.

,Rassismus im Fußball‘ erfuhr in den vergangenen Jahren erhöhte Aufmerksamkeit; so bemüht man sich z. B. von Seiten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verstärkt, diesem entgegenzutreten. Doch wie sieht es an der Basis in den Vereinen aus? Und wie steht es um die Bemühungen, auch Sexismus und Homophobie zu verringern?

Ein Lehrforschungsprojekt der Fachhochschule Dortmund unter Leitung der Soziologin Marianne Kosmann und des Politologen Harald Rüßler behandelte „Fußball und Ausgrenzungs- und Ausschließungsstrategien durch die Konstruktion des Anderen“ (S. 8). Die Ergebnisse zu den Fragen, „wer zum Fußball gehört“ und wer etwa in den (lokalen) Vereinen „über Zugehörigkeiten entscheidet“ (S. 7), sind im vorliegenden Band veröffentlicht. In drei Beiträgen werden die Themen Frauenfußball, Homophobie sowie die Konstruktion von Rassismus im „Anderen“ erörtert. Materialreich werden dabei die gesellschaftlichen Grenzen des ‚Breitensports‘ Fußball nachgewiesen.

Frauen im Männersport – Perspektiven nicht-traditioneller Identitäten

Christine Kampmann setzt sich detailliert mit der kampfvollen Historie des europäischen Frauenfußballs im Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung auseinander. Ihr Ansatz, Fußball als postmoderne Geschichte der stetigen Erfindung geschlechtlicher Differenzen und widersprüchlicher Kämpfe zu lesen, erweist sich als äußerst produktiv für das heutige Verständnis des Sports als Männerdomäne.

Besonders interessant im Text ist hierbei die Geschichte der Frauenteams im England des Ersten Weltkriegs. Bestand deren offizielle Aufgabe zunächst im showorientierten Ballspiel zum Sammeln von Spenden für Kriegsgeschädigte, ließ eine Welle der Euphorie den Frauensport auch nach Kriegsende weiter erfolgreich sein. 1920 trat ein Team der Dick, Kerr Ladies, benannt nach dem Waffenproduzenten gleichen Namens, gegen Femina Paris vor 61.000 Zuschauer/-innen an – eine Größenordnung, von der ein DFB-Pokalfinale der Frauen bis heute weit entfernt ist. Doch unterlag dieser Erfolgstrend alsbald Versuchen, den Frauenfußball wieder einzudämmen: Englischen Verbandsfunktionären zufolge sei den Frauen nur an der eigenen Bereicherung gelegen gewesen. Somit stand nicht die Konstruktion biologistischer Zuschreibungen wie ‚körperlicher Schwäche‘ oder ‚beeinträchtigter Gebärfähigkeit‘ im Vordergrund (wie in der Argumentation des DFB in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts, s. S. 48). Vielmehr wurde der Gemeinnutz des Frauensports in Frage gestellt, wobei die doppelten Standards im Vergleich zum für Männer seit Beginn des 20. Jahrhunderts erlaubten Profitum dem bzw. der Leser/-in deutlich sichtbar werden.

Demzufolge liest sich die Geschichte des Frauenfußballs ab den 1920er Jahren bis mindestens in die 1970er als die eines patriarchal zensierten Sports. Denn auch dass der DFB 1970 den Frauenfußball erlaubte, analysiert Kampmann mehr als „Abwendung eines Machtverlustes“ (S. 33) denn als eigenständig progressiven Akt, da Frauenteams drohten, einen eigenen Fußballverband zu gründen oder sich den Turner/-innen anzuschließen.

Vor diesem Hintergrund erscheinen sich anschließende Interviewpassagen mit Fußballerinnen verschiedener Generationen zu den Widerständen, die ihnen im ‚Männersport Fußball‘ seit 1950 sowohl institutionell als auch aus dem eigenen sozialen Umfeld entgegenschlugen, sehr eindrücklich. Denn wie eine Interviewpartnerin festhält, „musste man auch erstmal zeigen, dass Mädchen das genau so gut können“ (S. 51). Gerade in der Erfahrung, sich im Sport behauptet zu haben, sieht Kampmann die partielle Möglichkeit für fußballspielende Frauen, Werte wie „Kraft, Kampfgeist, Stärke und Selbstbewusstsein“ für sich beanspruchen und sich somit „zwischen den Geschlechtern bewegen“ (S. 60) zu können. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich Fußball immer noch als Männerdomäne auszeichnet, zugleich aber den Frauen Räume zum Erlernen nicht-traditioneller Geschlechterrollen und „männlich konnotierter Eigenschaften“ (ebd.) ermöglicht. Gleichzeitig arbeitet die Autorin heraus, wie sich institutionelle Barrieren der 1950er, 1960er und 1970er Jahre bis heute eher in Widerstände aus dem sozialen Umfeld gewandelt haben, wobei die seit den 2000er Jahren entstehenden Schulfußball-AGs für Mädchen auch den Eintritt in einen Verein erheblich erleichtern.

Homophobie – das verharmloste Thema

Alexandra Martine de Hek fokussiert in ihrem Beitrag die im Fußball noch immer dominante Homophobie. Dabei definiert sie ,schwule Männer‘ als einen Antityp, der für die Selbstkonstruktion „hegemonialer Männlichkeit“ konstitutiv ist und der ‚entmännlichenden‘ Ausgrenzungen bzw. Abwertungen unterliegt und symbolisch marginalisiert wird (S. 72). Anschließend widmet sie sich dem Stand der Antidiskriminierungsarbeit und hebt hervor, dass sich der Sozialraum Fußball dem Thema vor allem durch Nichtthematisierung versperrt, weshalb die Benennung des Problems einen ersten, grundlegend wichtigen Schritt darstelle, um „eine große Hürde für homosexuelle Männer“ abzubauen (ebd.).

Dementsprechend liegt ein Fokus der Arbeit auf den Statuten und Satzungen der Vereine und Verbände, die sie nach Antidiskriminierungsparagraphen und deren Progressivität bzw. Genauigkeit befragt. Es ergibt sich eine Bandbreite zwischen expliziter Verurteilung homophoben Verhaltens bis hin zum Verschweigen des Problems. Lediglich drei der 18 Bundesligavereine führen einen Passus zu ,sexueller Identität‘ in ihrer Satzung. Da auch der Deutsche Fußball-Bund lediglich „andere diskriminierende Verhaltensweisen“ neben „rassistischen, verfassungs- oder fremdenfeindlichen Bestrebungen“ aufführt, herrscht für Homophobie generell weniger Problembewusstsein als für Rassismus, so das Resümee der Autorin (S. 97).

Um für das Thema zu sensibilisieren, wirbt sie abschließend anhand verschiedener Gegenstrategien für eine menschenrechtsorientierte Perspektive, damit homophobe Diskriminierungen im Fußball auf mehreren Ebenen abgebaut werden können. Hierbei fordert sie sowohl Vereine und Verbände als auch Fanprojekte zur Thematisierung, Positionierung und Sanktionierung auf und weist zudem auf Initiativen schwul-lesbischer Fanclubs und Vereine hin, welche dem ‚Ausschlusskriterium Homosexualität‘ auf alltäglicher Basis entgegenwirken.

Letztlich kommt de Hek trotz dieser Ansätze, zu einem ambivalenten Fazit, denn abseits „großstädtischer Nischen einer alternativen Sportkultur“ (S. 108, nach Meuser 2008), die hegemoniale Geschlechterordnungen wenig tangieren, zeichnet sie ein pessimistisches Szenario. Zwar liegen ihre Hoffnungen auf vermehrten Diskursinterventionen und einem „sich langsam vollziehenden Generationenwechsel“ (S. 115, nach Schollas 2009). Jedoch seien „Männerbünde und ihre Vorstellungen von Männlichkeit [sowie] die kulturelle Logik des Fußballs“ (ebd.) zu eingefahren, als dass auf einen grundlegenden Wandel in absehbarer Zeit gehofft werden könnte.

Homogene Identitäten – wo sich Assimilation als Integration geriert

Den Abschluss des Buches bildet ein Beitrag, in dem die beiden Autorinnen zusammen mit ihren Dozent/-innen Marianne Kosmann und Harald Rüßler der Frage nachgehen, wie im Fußball Diskriminierungen und Ausgrenzungen hergestellt werden. Als Ergebnis zahlreicher Interviews im Bereich Migration und Rassismus zeigen sie auf, dass viele Vorurteile, Diskriminierungen und Stereotype wie Zuschreibungen von „Ehrgefühlen“ (S. 139) und aufbrausendem Verhalten sowie die Skandalisierung nicht-deutscher Sprachen auf dem Platz weiterhin dominant sind, so dass nicht erst organisierter Rechtsextremismus ein Problem auf dem Rasen darstellt, sondern die vielen alltäglichen Gesten, Sprüche und Haltungen, die den ganz alltäglichen Spielbetrieb begleiten. Vorstellungen einer „homogen erwünschten Gesellschaft“ (S. 153) verdrängen Ideen offener Heterogenität und prägen Ansätze, die zwar als „Integration“ firmieren, jedoch deutlich „Assimilation“ (S. 156) meinen.

Unklare Begriffe – von ‚Ausländern‘ und ‚Frauenmannschaften‘

Störend bleiben einige Begriffe, die in der Studie unkritisch verwendet werden. So schreiben Kosmann und Rüßler, recht pauschal, von „ausländischen Mannschaften“ einerseits und „deutschen Mannschaften“ andererseits (S. 135), wobei sich die Begriffe gefährlich nah an den zur Analyse herangezogenen Interviewpassagen bewegen. Hier hätte dem Projekt ein differenzierterer Blick gut getan, um die verschiedenen sowie grenzüberschreitenden Identitäten transnationaler Gesellschaften zu berücksichtigen (Vgl. Terkessidis 2010; Blecking/Dembowski 2010).

Denn mit dem Begriff der ‚Ausländermannschaft‘ geht eine Reihe von homogenisierten Fremdzuschreibungen einher, die der eigentlichen Intention des Diskriminierungsabbaus wenig förderlich sind. Zum einen betont er die Nichtzugehörigkeit zur bundesdeutschen Gesellschaft, die zugleich allein am Pass festgemacht wird. Welche Staatsangehörigkeiten die Spieler/-innen jeweils besitzen, bleibt indessen unklar, und es besteht der Verdacht, dass alle Vereine, die sich im Rahmen internationaler Migration gegründet haben, schlicht unter diesem Begriff subsumiert werden. Zum anderen erfährt der Begriff nirgends eine Definition, und Fragen, wie ein ,ausländischer Verein‘ beim DFB registriert sein und seine Steuern an den deutschen Fiskus zahlen kann, bleiben ausgespart. Gängige Trennlinien und ausgrenzende Kategorien laufen somit Gefahr, reproduziert zu werden, während genau diese einer kritischen Auseinandersetzung bedürfen (Vgl. Huhn/Kunstreich/Metzger 2011).

So drängt sich letztlich der Eindruck auf, dass im gesamten Buch einige der selbst eingeführten Ansätze nicht konsequent zu Ende gedacht werden. Denn auch im Gebrauch von Begriffen wie „Frauenmannschaft“ (S. 11), der Feststellung, dass geschlechtliche Zuschreibungen „größtenteils gesellschaftlich ‚erfunden‘ sind“ (S. 63), sowie dem oftmals verwendeten Singular der „typischen Mädchensozialisation“ (S. 61) bzw. „der Männlichkeit“ (S. 102) schwingt eine Unsicherheit über die Tiefgründigkeit (de-)konstruktivistischer Theorien und eine mangelnde kritische Beleuchtung des eigenen Begriffsapparats mit. Das Gleiche ließe sich zum Werben de Heks für „Anerkennung und Toleranz“ (S. 107) gegenüber Homosexualität sagen, welches nicht-heterosexuelle Identitäten als Additiv einer heteronormen Geschlechterwelt im Fußball inkludiert und zugleich doch wieder ausklammert. Denn beiden positiv gemeinten Begriffen bleibt ein hierarchisches Verhältnis immanent, da die Fähigkeit, tolerant zu sein oder Anerkennung auszuüben, eine Position der Macht voraussetzt. Geht es stattdessen nicht weiterhin um Emanzipation?

Studentische Publikation als materialreiche Lokalstudie

Dennoch lohnt sich die Lektüre für einen kritischen Blick auf die Basis des Fußballs sowie die Idee eines Sports ohne Diskriminierungen. Gerade die Materialfülle und deren Einbettung in lokale Vereinsstrukturen machen das Buch zu einer basisnahen Studie, in der verschiedene Formen und Details unterschiedlicher Diskriminierungsarten anschaulich und zugleich alltagsnah herausgearbeitet werden. Dies zeigt, wie wichtig Publikationsmöglichkeiten für Qualifikationsarbeiten sind, finden sich unter ihnen doch oftmals inhaltliche Ansätze, deren Verschwinden in den Kellern grauer Literaturen einen großen fachlichen Verlust darstellt. So liefert der Band einen produktiven Beitrag in eine Debatte, die das Feld Fußball zuletzt auch unter geschlechterwissenschaftlichen Gesichtspunkten zunehmend für sich gewinnt. (Vgl. Sülzle 2011)

Literatur

Blecking, Diethelm/Dembowski, Gerd (2010): Der Ball ist bunt. Fußball, Migration und die Vielfalt der Identitäten in Deutschland. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel Verlag

Huhn, Daniel/Kunstreich, Hannes/Metzger, Stefan (2011): Türkisch geprägte Fußballvereine im Ruhrgebiet und in Berlin. Münster: Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Meuser, Michael (2008): It’s a Men’s World. Ernste Spiele männlicher Vergemeinschaftung. In: Klein, Gabriele/Meuser, Michael (Hg.): Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs. Bielefeld: Transcript, S. 113–134

Schollas, Sabine (2009): Homophobie im Profifußball. In: Onlinejournal Kultur & Geschlecht, Nr. 5

Sülzle, Almut (2011): Fußball, Frauen, Männlichkeiten. Frankfurt am Main: Campus

Terkessidis, Mark (2010): Interkultur. Berlin: Suhrkamp

Robert Claus

Humboldt-Universität zu Berlin

Der Autor, M.A. der Europäischen Ethnologie sowie Gender Studies, arbeitet beim Berliner Fußballverein Türkiyemspor. Letzte Veröffentlichung: Ambivalente Identitäten – Männlichkeiten im Maskulismus zwischen Traditionalismus und Flexibilisierung. In: Kemper, Andreas (Hg.): Die Maskulisten. Organisierter Antifeminismus im deutschsprachigen Raum. Münster: Unrast 2012.

E-Mail: robert_claus@web.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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