Poststrukturalistische Komplikationen einer Allgemeinen Pädagogik

Rezension von Sahra Dornick

Gaja von Sychowski:

Geschlecht und Bildung.

Beiträge der Gender-Theorie zur Grundlegung einer Allgemeinen Pädagogik im Anschluss an Judith Butler und Richard Hönigswald.

Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann 2011.

271 Seiten, ISBN 978-3-8260-4650-6, € 29,80

Abstract: In der Veröffentlichung ihrer Habilitationsschrift geht Gaja von Sychowski das Vorhaben an, eine Allgemeine Pädagogik im Kontext poststrukturalistischen Denkens zu entwerfen. Damit greift sie nicht nur ein längst überfälliges Thema auf, es gelingt ihr zudem, dieses auf höchstem theoretischem Niveau zu bearbeiten. Die formalistische Konsequenz, mit der die Autorin ihre Forschung vorantreibt, ist dabei jedoch zwiespältig: Zwar schlägt sie durch die Reduzierung von Komplexität Brücken zwischen verschiedenen Disziplinen, andererseits verliert Geschlecht, wenn es schließlich unter Performanz subsumiert wird, an Bedeutung, und es entsteht so der Grundriss einer Allgemeinen Pädagogik, in welcher die subjektkonstituierende Macht von Geschlecht unterschlagen wird.

Bildung und Geschlecht – wechselseitige Befragungen

In kaum einem öffentlichen Bereich wird Geschlecht derzeit so stark thematisiert wie im Bildungszweig. Mehr männliche Erzieher in der Kinderbetreuung werden ebenso lautstark gefordert wie flexiblere Betreuungsmodelle, Vätermonate, gezielte Jungenpädagogik oder bisweilen nach Geschlechtern getrennter Unterricht in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). In allen Debatten wird Geschlecht dabei als relevante Kategorie mitgeführt, an der sich Ungleichheit, Bindungsqualität, Rollen-Modelle und mit diesen verquickt individuelle Intelligenz und gesellschaftlicher Erfolg festmachen. Zweifelsohne ist das Thema des Verhältnisses von Bildung und Geschlecht damit im Scheinwerferlicht gouvernementaler Diskurse angekommen.

Die Grundlegung einer Allgemeinen Pädagogik im Anschluss an Judith Butler, wie sie Gaya von Sychowski begründen möchte, erscheint daher dringend und verspricht richtungsweisende Erkenntnisse für den Bildungssektor. Für die Autorin geht es zunächst auch darum, mit der kulturkritischen Perspektive der Queer-Theorie – „Wie lässt sich Kultur performant halten? Wie können kulturelle Normen entlarvt werden?“ (S. 40) – spezifische bildungstheoretische Probleme aufzuwerfen, wie etwa: „Wie kann ich gleichzeitig aber lernen, Mitglied einer performanten Kulturgemeinschaft zu sein? Wie halte ich das Spiel zwischen Einzelnem und Anderen an dieser Stelle offen?“ und schließlich: „Wie lehre und lerne ich Praktiken kultureller Subversion?“ (ebd.) In der Tat sind dies zwar Problematisierungen von Bildung und Geschlecht, die im Kontext der Theorie Judith Butlers denkbar werden, die in den Mainstream-Debatten jedoch vergeblich gesucht werden müssen. Antworten darauf bleibt indes auch von Sychowski schuldig. Dies liegt vor allem daran, dass es der Autorin letztlich weniger um situierte Lösungsansätze und mehr um die formalistische Beweisführung einer Analogie von „Butlers performativer Lösung“ und des „korrelative[n] Gegenstandsverständnis[ses] von Hönigswald“ geht, sowie darum, „zu prüfen, inwieweit poststrukturalistisches korrelatives Denken erkenntnistheoretisch und in der Folge lerntheoretisch/bildungstheoretisch tragende, erneuernde Wirkung hat“ (S. 36).

Forschungsdesiderate und Begründungsdimensionen einer Allgemeinen Pädagogik

Die Anlage des ersten Kapitels macht bereits deutlich, dass von Sychowski eher ‚große‘ Zusammenhänge in den Blick zu bekommen versucht. Nach einer kurzen Einführung in die Forschungsdesiderate, die sich im Hinblick auf Gender für die Allgemeine Pädagogik ergeben, erfolgt bereits der erste Theorietransfer (viele weitere werden folgen). Zunächst geht es der Autorin darum, in Anschluss an Austin, Chomsky, Foucault und Derrida den Unterschied zwischen Performanz und Performativität auseinanderzulegen. Daraus leitet sie in einem zweiten Schritt „Dekonstruktion“ als konstruierende Methode ab und legt damit zugleich die Begründung ihres eigenen Vorgehens vor. Im weiteren Verlauf kontextualisiert von Sychowski das dreifache Bildungsverhältnis Norbert Meders mit dem Neu-Kantianismus Richard Hönigswalds und mit Niklas Luhmanns Systemtheorie und schließt dieses mit Judith Butlers „Kritik der ethischen Gewalt“ kurz. Schließlich entwickelt sie, ausgehend von den „vier Fragen Immanuel Kants“ (S. 30), die Begründungsdimensionen ihrer Arbeit. So ergeben sich für sie neben der Anthropologie und Erkenntnistheorie die Kulturtheorie und Soziologie als relevante Grundlegungsfelder. Erweitert werden diese um die Dimension „Subjekt“, die nach von Sychowski den Verweisungspunkt aller Begründungsdimensionen bildet.

Genealogie dekonstruktivistischen Denkens

Im zweiten Kapitel nimmt die Autorin dann die Zurückweisung der „traditionelle[n] Grundannahme einer metaphysisch-substantiellen Auffassung von ‚Geschlecht‘“ (S. 56) durch Butler zum Anlass, um sich einer intensiven Darlegung der „Genealogie der Dekonstruktion“ zu widmen. Ausgehend von der „Genealogie der Moral“ von Nietzsche und Heideggers Sein und Zeit folgt hier auch ein Exkurs zu dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus, der ausführliche Zitate aus dem von Heidegger verfassten antisemitischen Gutachten zu Hönigswald ausweist. Mit einem Ausflug zu Lyotard und Sartre wird zudem eine Diskussion der Frage, ob politische und philosophische Äußerungen einer Person als einzelne unabhängige Akte betrachtet werden können, aufgeworfen. Etwas umstandslos geht von Sychowski anschließend wieder an die Arbeit ihrer Grundlegung, wobei sie wesentliche sprachwissenschaftliche Probleme des letzten Jahrhunderts, angefangen bei Wittgensteins Sprachspielen über Saussures Relationen des Zeichenbegriffs und Derridas Kritik mittels des Begriffs der ‚Différance‘, referiert. An Derridas Gedanken knüpft Sychowski schließlich wieder an, wenn sie nach einer dekonstruktivistischen Pädagogik fragt.

Geschlecht und die subjektkonstituierende Macht des Performativen

Analog dazu verhandelt die Autorin das Verhältnis von Bildung und Geschlecht auch in den folgenden Kapiteln auf einer sehr abstrakten Ebene. Dennoch kontextualisiert sie eindrucksvoll Butlers postfeministischen Einsatz in Körper von Gewicht mit den Studien zu Körper und Leib der philosophischen Anthropologie und mit Irigarays psychoanalytisch inspirierter Phallogozentrismus-Kritik. Es gelingt ihr hier hervorragend, Geschlecht als relations-ontologische Kategorie herauszuarbeiten und zugleich die Macht des Performativen in den Schriften Freuds, Schelers und Plessners zu demonstrieren. Besonders herauszuheben ist, dass von Sychowski in diesem Zusammenhang explizit auf die menschenrechtsverletzenden Aspekte der sogenannten ‚Geschlechtszuweisung‘ eingeht, wenn sie den Begriff selbst als Euphemismus ausweist und zugleich die politische Relevanz einer als machtneutral konnotierten Substanz-Ontologie deutlich macht.

Problematisch wird es hingegen, wenn sie anschließend die Phallogozentrismus-Kritik Butlers mit einer Kritik an Kants Subjekt-Begriff zusammenschließt und mit dem Terminus der „Nicht-Souveränität“ (S. 176) den Begriff der Monade von Hönigswald herausfordert. Nicht, dass die Begriffe auf einer rein formalen Ebene nicht miteinander korrespondieren oder von Sychowski zu wenig philosophische Quellen des von ihr sogenannten „Dekonstruktivismus“ aufböte. Vielmehr ist es die Reibungslosigkeit, mit welcher Hönigswald und in seinem Gefolge Meder mit Butler und ihren durch sie bestimmten Vorgängern Hegel, Freud und Lacan hier zusammengebracht werden sollen, welche die Leserin teils verblüfft, teils überfordert zurücklässt.

Ein neuer Bildungsbegriff: Erleben ermöglichen

Wenn von Sychowski abschließend zusammenfasst: „Bildung heißt […] Performanz, d.i. Erleben, ermöglichen“ (S. 232), dann mag für die Autorin hier die Forschungsarbeit abgeschlossen erscheinen, die Leserin aber fragt sich, wie zielführend es für eine Allgemeine Pädagogik sein mag (deren Forschungsdesiderat offenbar im Geschlecht besteht), dieses nun unter Erleben (erneut) zu subsumieren. Noch dazu, da sie betrübt zur Kenntnis nehmen muss, dass die Autorin zwar Butlers Schriften im Hinblick auf die De/Konstruktion von Geschlecht und Körper rezipiert, wenig Aufmerksamkeit hingegen ihren Ausführungen zur Psyche der Macht zukommen lässt. Hier hätte beispielsweise die Möglichkeit gelegen, das Erleben als Folge von psychischer Umwendung und Interpellation mit De/Konstruktion und Verschiebung zusammenzubringen und daraus auch Fragen im Hinblick einer Kritik des Erlebens abzuleiten, welche auf eine Analyse und Kritik heteronormativer Einsätze im Bildungsbereich oder auch der Techniken des Regierens über Bildungsprogramme abzielen.

So aber wünscht sich die Leserin, von Sychowski hätte dem Grund für Benjamins harsche Missbilligung des Neukantianismus generell und Hönigswalds Schriften im Speziellen (1991) bei der Konzeption ihrer Allgemeinen Pädagogik Beachtung geschenkt. Mehr kritische Arglist hatte dieser sich von Hönigswald erhofft sowie den Mut, etwas auszuschließen. Weder aber finden sich bei der Autorin kritische Einwände im Hinblick auf die gouvernementalen Strategien (vgl. dazu Weber/Maurer 2006), die immer stärker auf Bildung zugreifen, noch erlaubt es der Anspruch der Grundlegung einer Allgemeinen Pädagogik, auf konkrete Überkreuzungen von Bildung und Geschlecht (vgl. dazu Ricken/Balzer 2012) zu referieren. Auch Benjamins Kritikpunkt, dass die „Vokabeln der praktischen Vernunft ihrer methodischen Armatur beraubt“ in Hönigswalds Ausführungen „herumgeistern“ (vgl. Benjamin 1991), lässt sich leider für von Sychowskis Arbeit erneut anbringen. Dazu führen vor allem kryptische Formulierungen wie die folgende, in der von Sychowsky ihre brisanten Ausführungen zu Heideggers Verwicklungen in die nationalsozialistische Ideologie zu beschließen hofft: „Das Sein aber ist in Nichtung und mit ihm Ontologie und Metaphysik. Ihre Fragen lassen sich stellen, ihre Probleme aufwerfen; Lösungen hängen nicht am Sein, sondern an dessen Alter: dem Nichts“ (S. 73).

Fazit

Zwar wird die Lektüre durch die seitenfüllenden Zitate aus den Primärliteraturen ebenso erschwert wie durch die selbstentworfenen Diagramme und Schemata, welche die poststrukturalistischen Konstruktionen (den Konstruktionscharakter spricht von Sychowski Butler jedoch aufgrund des unterstellten fehlenden Fortschrittsglaubens ab – vgl. S. 131) in strukturale Anordnungen zwängen. Dennoch lohnt es, sich durch die umständliche Formulierungsweise der Autorin, welche streckenweise mehr verschleiert als klarstellt, sowie die umfangreichen theoretischen Vorarbeiten hindurchzuarbeiten. Weil Gaya von Sychowsky ihre Fragestellungen aus den relevanten Texten des Poststrukturalismus heraus entwickelt, kann sie zeigen, wie grundlegend eine relations-ontologische Sichtweise auf Geschlecht pädagogisches Denken verändert. Sie bahnt so einem performativen Verständnis von Bildung den Weg und weist en passant auf die Notwendigkeit einer poststrukturalistischen Kritik konstitutiver pädagogischer Begriffe hin.

Wenn es hierbei darum geht, sich nicht „so dermaßen regieren“ (Foucault 1992, S. 12) zu lassen, dann bietet von Sychowskys Studie eine detailreiche Ausarbeitung neuralgischer Punkte zwischen Bildung und Geschlecht in der Pädagogik und entwickelt zudem eine alternative Weise ihrer Verflechtungen. Der Anspruch einer letztgültigen Grundlegung erscheint zwar im Kontext der poststrukturalistischen Theorie und eines performativen Weltbezugs als theoretischer Bruch und daher wenigstens als unverständlich; der hoch komplexen Argumentation tut dies in weiten Teilen jedoch kaum Abbruch.

Literatur

Benjamin, Walter (1991): Gesammelte Schriften Band III. Kritiken und Rezensionen 1912–1940. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main: Suhrkamp (http://www.textlog.de/benjamin-kritik-richard-hoenigswald-philosophie-sprache-problemkritik-system.html, abgerufen am 10.07.2012)

Foucault, Michel (1992): Was ist Kritik? Berlin: Merve

Ricken, Norbert/Balzer, Nicole (2012): Judith Butler. Pädagogische Lektüren. Wiesbaden: Springer VS

Weber, Susanne Maria/Maurer, Susanne (2006): Gouvernementalität und Erziehungswissenschaft: Wissen – Macht – Transformation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Sahra Dornick

Universität Potsdam

MA Soziologie/Germanistik; Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik, Neuere deutsche Literatur/19. u. 20. Jahrhundert; Graduiertencolloquium des ZIFG (TU Berlin)

E-Mail: sahra.dornick@googlemail.com

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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