Niemals schön genug

Rezension von Sarah Dellmann

Christina Mundlos:

Schönheit, Liebe, Körperscham.

Schönheitsideale in Zeitschriften und ihre Wirkung auf Mädchen und Frauen.

Marburg: Tectum Wissenschaftsverlag 2011.

144 Seiten, ISBN 978-3-8288-2680-9, € 24,90

Abstract: Die Autorin untersucht die sprachlichen Überzeugungsstrategien in deutschen Mädchen- und Frauenzeitschriften aus den Jahren 2004 und 2005 daraufhin, wie Mädchen zur Annahme eines zerstörerischen, zeit- und kostenintensiven Schönheitsideals verleitet werden. Systematisch werde den Leserinnen eingeredet, einen mangelhaften Körper zu haben, der den Konsum von Mode- und Kosmetikprodukten notwendig mache, um Anerkennung von Männern zu erfahren. Trotz Schwächen in der theoretischen Fassung der Untersuchungsergebnisse überzeugt die sprachliche Analyse, so dass das Buch als Einstiegslektüre in das Thema Frauen- und Mädchenbilder dienen kann. Der Titel ist allerdings unpassend, da sich die Autorin nicht mit der Rezeption durch die Leserinnen befasst.

Grundsätzlich mangelhaft: Der weibliche Körper

Wieso versuchen Mädchen und Frauen einem Schönheitsideal gerecht zu werden, das mit dauerhaften Kosten und Mühen verbunden ist? Sechs Ausgaben der Mädchenzeitschriften Bravo Girl! und Mädchen aus dem Jahr 2005 sowie sieben Ausgaben der Frauenzeitschrift Cosmopolitan aus dem Jahr 2004 dienen Christina Mundlos als Quellenmaterial für eine soziolinguistische Analyse sprachlicher Überzeugungsstrategien; Layout und Abbildungen werden nicht einbezogen.

Sehr anschaulich arbeitet Mundlos heraus, dass das in den Zeitschriften (besonders in den Schönheitstipps) propagierte Körperideal unbestimmt und widersprüchlich ist – und dadurch unerreichbar bleibt. „Schöne Haut“ etwa werde mit den Adjektiven „prall“, „weich“ und „fest“ definiert, so dass „jede Frau wohl mindestens einen ‚Makel‘ an sich feststellen können wird.“ (S. 58) Diese „Makel“ können, so werde es dargestellt, durch meist aufwendige und teure Kleidung und/oder Kosmetikprodukte ausgebessert werden. Die Autorin stellt einen hohen Werbeanteil in den Illustrierten fest. Werbung und Quasi-Werbung – ausschließlich für Mode- und Kosmetikprodukte – nehmen in Mädchenzeitschriften bis zu 42% und in der Cosmopolitan sogar 76% der Seiten ein. Sie teilt Ingrid Langer-El Sayeds Vermutung, dass die Zeitschriften ein „verschleierter Warenkatalog“ dieser Industrie seien (vgl. S. 132 und Ingrid Langer El-Sayed: Frau und Illustrierte im Kapitalismus. Köln: Pahl-Rugenstein Verlag 1971).

Bei „wenigstens einem der Produkttipps, die den Frauen einen schönen Körper und Erfolg bei den Männern versprechen, kann sich jede Frau angesprochen fühlen.“ (S. 59) Denn (nur) wenn Frauen ihren angeblich unzureichenden Körper „geschminkt, gepudert, ausstaffiert, geschnürt, aufgeblasen und abgesaugt, gezupft, geschnitten, besprüht und auf 15cm-Absätzen laufend“ (S. 55) daherkommen lassen, bestehe die Chance, Anerkennung und Liebe von Männern zu erfahren. Die Möglichkeit, für den eigenen Charakter, intellektuelle Fähigkeiten oder Handlungen Anerkennung zu bekommen, komme in den Zeitschriften nicht vor (vgl. S. 39). Auch Foto-Love-Stories und Beratungsseiten böten Mädchen und Frauen nur eine Rolle an – die der passiven Frau, deren Existenz und Selbstwertgefühl vollkommen abhängig von der Bewertung des männlichen Blickes ist. Das gehe soweit, dass den Mädchen auch in puncto Sexualität suggeriert werde, durch das Unterdrücken eigener Wünsche und Bedürfnisse Freude zu erleben und Anerkennung zu bekommen, wenn etwa in der Bravo Girl! Tipps zum Vortäuschen eines Orgasmus gegeben werden (vgl. S. 32). Dadurch, dass in den Zeitschriften jede Möglichkeit der Bedürfniserfüllung externalisiert wird, wird ein abhängiges und selbstzerstörerisches Mädchenbild kultiviert.

Diese Befunde sind alarmierend, doch bei weitem nicht neu. Mundlos kontextualisiert sie mit (west-)deutscher feministischer Kritik an Mädchen- und Frauenliteratur seit den 1970er Jahren. Der zeitliche Abstand bleibt unkommentiert, weshalb die älteren Kritiken noch stets zutreffend scheinen: Der sexualisierte, niemals schöne Frauenkörper steht im Mittelpunkt allen Handelns von Mädchen und Frauen, aber er gehört niemals den Mädchen und Frauen selbst.

Warum schämen sich Mädchen?

Mundlos erweitert die deskriptive Analyse des Materials um eine sozialpsychologische Perspektive. Sie wirft die Frage auf, warum Mädchen und Frauen die abwertenden Beschreibungen ihrer Körper überhaupt annehmen und nicht empört zurückweisen. Julia Estors Theorie von Körperscham dient ihr als Schlüsseltext (Julia Estor: Der allgegenwärtige Körper? Der ‚kleine Unterschied‘ und seine Manifestationen in der Entstehung und Verarbeitung weiblicher Körperscham. In: Elisabeth Rohr (Hg.): Körper und Identität. Gesellschaft auf den Leib geschrieben. Königstein: Ulrike Helmer Verlag 2004, S. 47–68): In der Kindheit würden Jungen für konkret benanntes Fehlverhalten zurechtgewiesen; so gelinge es ihnen, konstruktiv mit Kritik umzugehen. Mädchen hingegen würden in ihrer Kindheit häufig mit „subtile[n] Beschämungstechniken“ (S. 23) konfrontiert. Da die Kritik unspezifisch bleibe, bezögen Mädchen das Gefühl von Unzulänglichkeit und Scham auf ihr gesamtes Selbst. Sie erführen sich zudem als handlungsunfähig, da keine konkreten Verbesserungsmöglichkeiten aufgezeigt würden. Das Resultat sei eine grundsätzliche Verunsicherung der Mädchen, welche nun für konkrete Hinweise, was sie denn falsch machten und verbessern könnten, empfänglich seien. Genau diese würden nun durch die Mädchen- und Frauenzeitschriften geliefert (vgl. S. 21–27).

Weitere mögliche Ursachen für ein schlechtes Körpergefühl und ein schwaches Selbstbewusstsein bei Mädchen (z. B. Missbrauchserfahrungen, direkte Zurechtweisung in der Kindheit zu Essverhalten und Aussehen, Lob in der Schule für Fleiß statt für intellektuelle Fähigkeiten, Spielzeug, das zu Stillsitzen anregt, und Kinderliteratur, in der selbständige Frauenfiguren nicht vorkommen, etc.) erwähnt Mundlos nicht, so dass Estors Theorie durch das gesamte Buch hinweg bemüht wird. Die Mode- und Kosmetikindustrie erscheint als einzige Gewinnerin und Interessentin an der Aufrechterhaltung des Schönheitsideals. Wie sehr misogyne Strukturen in unserer Gesellschaft verwurzelt und verbreitet sind, gerät beizeiten aus dem Blickfeld. Zwar wird im Resümee kurz erwähnt, dass „in der Sozialisation die Medien eine große Rolle [spielen]“ (S. 100) und dass Frauen „gleichzeitig auch von ihrem Umfeld und ihrer Familie, von den Medien und der Schule, von der Werbung, von der Erziehung und von Freunden und Freundinnen auf ähnliche Weise beeinflusst“ (S. 104) werden, aber es bleibt bei diesen Pauschalaussagen.

Das ideale Mädchenbild und die reale Leserin

In weiten Teilen verwendet Mundlos den Begriff ‚Mädchen‘ für das ideale Mädchenbild, wie es die Zeitschriften entwerfen. Dieses konzeptionelle, ideale Mädchenbild wird jedoch begrifflich nicht explizit von den realen Mädchen, wie es die Leserinnen sind, abgesetzt. In den Kapiteln zu sprachlichen Überzeugungsstrategien bleibt die Autorin konsequent auf der konzeptionellen Ebene, doch in der anschließenden Diskussion ihrer Ergebnisse wird es undeutlich. Hier wird das propagierte Bedürfnis nach Anerkennung via Schönheit in eins gesetzt mit einem existierenden Bedürfnis der Leserinnen. Diesem Kurzschluss entgeht Mundlos dadurch, den Widerspruch in die Leserin zu verlagern: Deren Bedürfnis wird zum „Scheinbedürfnis“, die Anerkennung zu „Scheinanerkennung“ (S. 104). Diesem Schein stellt sie eine authentische, offenbar nicht konstruierte Version entgegen: „Tatsächliche Anerkennung können Frauen durch das Befolgen konstruierter Schönheitsvorstellungen nicht erlangen.“ (S. 104). Auch die Formulierung „Gründe, weshalb Frauen nicht bemerken, dass ihre wahren eigenen Bedürfnisse nicht durch den Konsum von Kosmetika […] gestillt werden“ (S. 105), impliziert eine Leserin, die das propagierte Schönheitsbild unbewusst und kritiklos übernimmt – und lässt zudem jeden Gebrauch von Kosmetika nur als Ausdruck falschen Bewusstseins denkbar sein.

Dass die zutreffenden und empörenden Beschreibungen über das konzipierte Mädchenbild nicht analytisch von den realen Leserinnen getrennt werden, erschwert es, Mädchen und Frauen einen Handlungsspielraum im Umgang mit den angebotenen Bildern zuzusprechen. Denn nun ist der Gedanke verstellt, dass Leserinnen den Adressierungen durch die Zeitschriften nicht in allen Punkten folgen (müssen). Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass der Titel des Buches irreführend ist, da nicht untersucht wird, wie diese Schönheitsideale auf reale Mädchen und Frauen wirken. Mädchen und Frauen, welche die Anforderungen der Zeitschriften nicht erfüllen können oder wollen (z. B. Rollstuhlfahrerinnen, Sportlerinnen, lesbische und bisexuelle Mädchen und Frauen, Mädchen mit sozialem, kulturellem, wissenschaftlichem oder politischem Interesse) werden in Mundlos’ Studie nicht einmal erwähnt. Ohnehin wäre die stets wiederholte Beobachtung, dass den Zeitschriften zufolge Mädchen allein von Männern Anerkennung erhalten können und begehren, einen Kommentar zur Nicht-Ausschließlichkeit von Heterosexualität unter den Leserinnen wert gewesen.

Fazit

Das Buch überzeugt in der Beschreibung der sprachlichen Überredungsmuster aktueller Mädchen- und Frauenzeitschriften. Es wird deutlich, wie diese Zeitschriften Mädchen und Frauen einreden, einen mangelhaften Körper zu haben. Da es nicht in einem akademischen Jargon geschrieben ist, ist es für eine breite Leser/-innenschaft zugänglich; die von Mundlos definierten Kriterien können für eine erste Auseinandersetzung mit Frauenbildern in Medien z. B. im Rahmen pädagogischer Projekte übernommen werden. Die Schwächen in der analytischen Ebene und der monokausale Erklärungsansatz untergraben die Relevanz der Studie, so dass das Buch allein als Einstiegslektüre empfehlenswert ist. Dies ist umso bedauerlicher, da Mundlos ein hochaktuelles und wichtiges Thema aufgreift und eindrücklich Stellung gegen die vorherrschenden frauenverachtenden Frauen- und Mädchenbilder bezieht.

URN urn:nbn:de:0114-qn:1035:5

Sarah Dellmann

Utrecht University, Niederlande

Research Institute for History and Culture (OGC) / Department of Media and Culture Studies, Promovendin

Homepage: http://www.uu.nl/hum/staff/SDellmann

E-Mail: s.dellmann@uu.nl

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