Literarische Biopolitik oder: Über die Erziehung des ‚interrassischen‘ Begehrens

Rezension von Alina Timofte

Eva Blome:

Reinheit und Vermischung.

Literarisch-kulturelle Entwürfe von ‚Rasse‘ und Sexualität (1900–1930).

Köln u.a.: Böhlau Verlag 2011.

354 Seiten, ISBN 978-3-412-20682-6, € 44,90

Abstract: Eva Blome setzt sich in ihrer umfassenden Dissertation erstmalig aus literaturwissenschaftlicher Perspektive mit den interdiskursiven Transformationen des Themas ‚Rassenmischung‘ im deutschen kolonialen Kontext auseinander. Die Autorin nimmt den Einsatz der ‚Rassenmischung‘ als biopolitische und poetologische Argumentationsfigur in den Fokus, indem sie die deutschsprachige Kolonialliteratur um 1900 und die Kunst und Literatur des europäischen Primitivismus behandelt und sich abschließend mit den Kultur- und Rassentheorien der Weimarer Republik beschäftigt. Zentrale Verdienste des Buches liegen darin, dass eine Forschungsnische gefüllt und weiterführende Forschungsfragen zum Thema ‚rassisch‘ transgressiver Sexualität aufgeworfen werden.

Thematik und Forschungszusammenhang

Seit dem Erscheinen von Mary Douglas’ grundlegender religionsethnologischer Studie (Purity and Danger. An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo. New York: Praeger Publishers 1966; dt.: Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu. Berlin: Reimer 1985), die sich mit dem Konzept von „Reinheit und Verunreinigungen“ als Kern religiöser Klassifikationen befasste, rückte das Paradigma der Reinheit und Vermischung zunehmend in den Fokus interdisziplinär ausgerichteter Forschung.

Die Hybriditätsforschung, der auch Eva Blomes Buch zuzuordnen ist, referiert in Form des vor allem durch die Schriften von Homi K. Bhabha stark popularisierten und schwammigen Adjektivs ‚hybrid‘ in diversen Themenfeldern auf sehr unterschiedliche Formen der Hybridisierung, Vermischung und (Re-)Kombinierung. Analog zur Hybridität kursieren postkolonial verwendete Begriffe und Metaphern wie ‚Kreolisierung‘, ‚Bastardisierung‘, ‚mestisage‘, ‚Interkulturalität‘, ‚Mimikry‘, ‚Third space‘, ‚Figuration des Dritten‘ usw., die die Autorin des hier rezensierten Buches ebenfalls anführt, aber auch die Denkfigur der ‚Vermischung‘, für die sich Eva Blome in ihrem Buch klar entschieden hat. Deutlichen Einfluss hatte das Umfeld, in dem die Arbeit entstanden ist: das Konstanzer Graduiertenkolleg „Die Figur des Dritten“, dem die Autorin von 2003 bis 2006 als Stipendiatin angehörte.

Die Thematik der kulturellen Hybridisierung und deren Resultats stellt eine relativ junge akademische Diskussion dar, in der ein Großteil der Publikationen sich auf die Bedeutung von kultureller Hybridisierung im Zusammenhang mit Globalisierung, Identität, Migration und Urbanität oder – wie im Fall der vorliegenden Arbeit – im Zusammenhang mit der deutschen Kolonialpolitik konzentriert.

Der Forschungsansatz von Eva Blomes Studie problematisiert die Sexualität als Hybridisierungsform. Die Frage nach Sexualkontakt und Fortpflanzung sowie deren Regulierung sei dem kolonialpolitischen Diskurs des ausgehenden 19. Jahrhunderts immanent gewesen, welcher auch das Konzept der ‚Rassenmischung‘ und deren Regulierungsmechanismen ins Spiel brachte. Dies lasse sich, so Blome in der Einleitung, sowohl aus politischen und medizinischen Auseinandersetzungen als auch aus verschiedenen kulturellen Repräsentationen erschließen. Daher könnte man Blomes Buch auch als einen ideengeschichtlichen Beitrag zum Denken über Hybridisierung in der europäischen Kulturgeschichte betrachten.

Die Autorin verfolgt das Paradigma Reinheit und Vermischung entlang der intersektionalen Kategorien ‚Rasse‘, Geschlecht und Raum im Kontext der deutschen Kolonialliteratur im Zeitraum von 1900 bis 1930. Ihre Arbeit knüpft an vorwiegend geschichtswissenschaftlich und diskursanalytisch orientierte Studien aus dem Bereich der Postcolonial Studies zur sexuellen Ökonomie an. Die Autorin führt diese darüber hinaus mit „einer textstrukturellen Auseinandersetzung mit den ästhetischen und narrativen Prinzipien literarischer Texte der Moderne und der Auseinandersetzung mit imaginären Gemeinschaften bzw. kollektiven Körperschaften“ (S. 16) zusammen.

Der Herausforderung, ein weitläufiges Forschungsfeld auszumessen und sich auf einem anspruchsvollen Parcours selbständig fortzubewegen, stellt sich die Autorin mit Ehrgeiz und Resolutheit und zeigt dabei eine umfassende Belesenheit. Die vorliegende Studie zeichnet sich durch skrupulöse Recherchen, durch pointierte Thesen und Analysen auf höchstem Niveau aus. Der umfangreiche Quellenkorpus setzt sich sowohl aus politischen und wissenschaftlichen Schriften als auch aus kulturwissenschaftlichen Abhandlungen und literarischen Texten zusammen. Blome behandelt zunächst die Kolonialliteratur um 1900, betrachtet dann die Kunst und Literatur des europäischen Primitivismus und schließt mit den Kultur- und Rassentheorien der Weimarer Republik ab.

Redaktionelle Vorentscheidungen

Unvermeidlich untersucht die Autorin auch viele rassistische Materialien. Die diskursanalytisch angelegte Fragestellung erfordert ein Forschungsdesign, das um eine korrekte distanzierte Sprache gegenüber den historisch belasteten und rassistischen Begrifflichkeiten bemüht ist. Spätestens am Schluss ihres Einleitungskapitels macht die Autorin ihre redaktionelle Entscheidung deutlich. In Konkordanz mit der Mehrheit der heutigen Forschungsgemeinschaft sieht die Autorin ‚Rasse‘, ‚Mischling‘, ‚Verkafferung‘, ‚Rassenbastard‘ usw. als Begriffe delegitimiert und in ihrem konstrukthaften Charakter erkennbar gemacht. Die dem zeitgenössischen Rassendiskurs des frühen 20. Jahrhunderts entnommenen Begriffe werden eindeutig kontextualisiert und im Laufe der Arbeit (fast) durchgängig in Anführungsstriche gesetzt. Interpunktion als Kennzeichnung des Konstruktcharakters der in Frage stehenden Probleme und als Mittel der Distanznahme sei in der Forschung zugegebenermaßen nicht unumstritten, sei dennoch als „ein Zeichen der Irritation“ (S. 24) gegenüber den historischen Begrifflichkeiten und den ihnen inhärenten Rassismen zu betrachten. (Die Rezensentin pflichtet dieser Position bei.) Gewiss verdankt sich Blomes Souveränität im Umgang mit der untersuchungsleitenden Frage auch dem Entschluss zur strikten Urteilsenthaltung in Bezug auf die damals verhandelten Inhalte.

Aufbau und Gliederung

Um den Diskurs der ‚Rassenmischung‘ und seine weitverzweigte Entwicklung mit Latenzphasen und Sinnübertragungen auf andere Diskurse zu vermessen, entwickelt Blome eine analytische Trias, der auch der Aufbau des Buches Rechnung trägt: Erstens fragt die Autorin danach, wie durch narrative Entwürfe ein politischer Auftrag erfüllt wird, indem in ihnen die hypothetischen negativen Konsequenzen der Vermischung in unterschiedlichen Konstellationen durchgespielt werden. Zweitens untersucht sie die Attraktivität des Phänomens der ‚Rassenmischung‘ für zeitgenössische ästhetische und poetologische Konzeptionen. Schließlich werden drittens die literarischen Transformationen des Themas und ihre selbstreflexive Wendung als wirkmächtige Bestandteile des allgemeinen gesellschaftspolitischen Diskurses über ‚Rassen‘ und ihre Vermischung nachvollzogen. Die eigentlichen Textlektüren dieser Studie, die Reihenfolge und die Dreiteilung des Analyseteils (Kap. II–IV) ergeben sich aus dem Anspruch, „eine diachrone Perspektivierung mit einer synchronen Systematisierung bei der Untersuchung literarisch-kultureller Entwürfe von ‚Rasse‘ und Sexualität zu verknüpfen.“ (S. 20) Ausgemessen wird auf diese Weise das Spektrum einer Debatte über die Regulation ‚interrassischen‘ Begehrens, in deren Rahmen den polaren Zuschreibungen von Nutzen und Schaden, Naturgemäßem und Naturwidrigem, Intaktheit und Defekt ein drittes Modell gegenübergestellt wird, in dem Reinheit und Vermischung einander nicht länger ausschließen, sondern wechselseitig befruchten. Die hier skizzierten Zusammenhänge werden in der Studie stringent und mit einem energischen Willen zur dialektischen Durchdringung entwickelt.

Die Entscheidung der Wissenschaftlerin, den Forschungsstand in häufigen Fußnoten entlang der Einleitung und des methodologischen Kapitels anzuführen, ist leider weniger leserfreundlich geraten. Ein separater Abschnitt im Textkörper hätte nicht nur den Lesefluss erleichtert, sondern hätte auch den nunmehr erreichten Forschungsstand umso deutlicher werden lassen. Auf dieser Basis hätte man eventuell die Problemstellung als ein aus der bisherigen Forschung erwachsenes Desideratum präzisieren können.

Zielsetzung und Erkenntnisinteresse

Ihr Erkenntnisinteresse grenzt die Autorin gleich in der Einleitung ab: Diese Studie analysiere „nicht die Kontinuität von (kolonialem) Rassendiskurs und nationalsozialistischen (antisemitischen) Rassenentwürfen, sondern vielmehr die vielfältigen interdiskursiven Transformationen des Sujets der ‚Rassenmischung‘ und dessen Einsatz als biopolitische wie poetologische Argumentationsfigur.“ (S. 16) Der Fokus richte sich auf „die sich gegenseitig überlagernden machtpolitischen, ästhetischen und poetischen Dimensionen der Verknüpfung von Sexualität und (kolonialen) Rassenentwürfen“ (ebd.). Damit werden zwei – im Laufe der Studie ungleich stark herausgearbeitete – Ebenen aufgetan. Die erste und dominante Ebene der Analyse steht im Zeichen der Biopolitik. Im Rückgriff auf Foucault interessiert sich Blome für die Regulierungsmechanismen im Spannungsfeld ‚rassischer‘ Grenzziehung und ‚rassischer‘ Grenzüberschreitung, also für die Erprobung und Umsetzung des biopolitischen Paradigmas im kolonialen Kontext. In einer zweiten, interpretativen Nische nimmt sie die gattungs- wie kunsttheoretischen Facetten der ‚Rassenmischung‘ in den Blick und verfolgt die zeugungssemantische Bestimmung der Kunstproduktion des europäischen Primitivismus, indem sie den „Mythos von Blut und Rasse“ (Pierre-André Taguieff: Die Macht des Vorurteils. Der Rassismus und sein Double. Hamburg: Hamburger Edition 2000) als Regulierung von reiner und unreiner Kunst lesbar macht.

Theoretischer Rahmen und Arbeitsmethode

Die ersten rund 60 Seiten ihrer Studie widmet Blome dem methodisch-theoretischen Ansatz. Sie ‚vermischt‘ – beinahe programmatisch – einen diskursanalytischen Interpretationsansatz mit einer erzähltheoretischen Untersuchung der literarischen und narrativen Verfasstheit kolonialer Realitäten. Da sie nicht nur die Regeln des historischen Diskurses über die ‚Rassenmischung‘ resümiert, sondern auch nach einer Poetik fragt, findet die Rezensentin die ausgewählte Methode angemessen.

Durch Rekurse auf die interdiskursive Genese einer biopolitischen ‚Rassen‘-Ordnung im 19. Jahrhundert und deren Nachklang in die Zeit von 1900 bis 1930 ist die theoretische Kontextsteuerung dabei grob gesichert. Insbesondere wird dabei die Disparität rassentheoretischer Positionen um 1900 sichtbar. Gab es noch um 1800 ein positives Szenario im Erzählmodell der ‚interrassischen‘ Ehe, die als Verkörperung des imperialen Projektes und der gelungenen kolonialen Beziehungen zwischen europäischen Kolonialherren und kolonisierter Bevölkerung galt, so stellt Blome fest, dass solche positive Szenarien Anfang des 20. Jahrhunderts nahezu ganz aus der Kolonialliteratur, aus politischen Debatten und rassen- und kulturtheoretischen Erörterungen verschwunden sind. Die zunehmend obsessive Beschäftigung mit ‚Rassenmischung‘ sowie deren kritische Bewertung sieht Blome von drei historischen Umständen abhängig: die deutsche Nationalgründung, der um diese Zeit entstehende Sozialdarwinismus sowie die Eroberung von Kolonien in Afrika und im pazifischen Raum ab 1884.

„Dystopien der Vermischung“ in der programmatischen Kolonialliteratur

In Teil II („Literarische Rassenpolitiken (1900–1914)“) stehen zunächst Texte im Mittelpunkt, die um die Jahrhundertwende entstanden sind und die Blome als programmatisch „in biopolitischer Hinsicht“ betrachtet. Es handelt sich dabei um Brief- und Unterhaltungsromane, Kolonialnovellen und Erzählungen.

Hanna Christallers Alfreds Frauen (1903), Gabriele Reuters Margaretes Mission (1904), Max Dauthendeys Den Abendschnee am Hirayama sehen (1911), Hans Grimms Wie Grete aufhörte ein Kind zu sein (1913) und Willy Seidels Yali und sein weißes Weib (1914) haben der Autorin zufolge gemeinsam, dass in ihnen die Kategorien ‚Rasse‘, Geschlecht und Raum in Szenarien ‚rassisch‘ transgressiver Sexualität in eine interdependente Konstellation gebracht werden. Im Anschluss an das von Foucault in die Formel vom „Leben machen und sterben lassen“ gefasste Programm der Biopolitik hebt Blome das Zusammenspiel von Reproduktion und Tod in der programmatischen Kolonialliteratur hervor und fragt danach, wie diese Aspekte in den fiktiven Experimenten ausgehandelt werden: Das Bewertungsschema werde insbesondere in der Darstellung des tragischen Endes der sexuellen Beziehung (Tod der ‚Verunreinigten‘) und in der ambivalenten Position der Mischlingsfiguren (Fortpflanzungsunfähigkeit versus Hyperfruchtbarkeit) sichtbar. Vor der Analyse exemplarischer Texte bietet Blome einen Überblick über die spezifischen Erzählstrategien, welche sich die koloniale Afrikaliteratur bei der Behandlung dieses Themas im Deutschen Kaiserreich zu Nutze gemacht habe. Dazu gehören die doppelte Strategie der Individualisierung des Erzählepos einerseits und die Kontextualisierung der erzählten Handlung als für die Gemeinschaft relevantes Geschehen andererseits, „auf der sich die Konturen eines ‚weißen‘ Deutschlands für ein heimatliches Publikum bestimmen lassen“ (S. 76), sowie die Tabuisierung und Negativbewertung der „‚interrassisch‘ imaginierten Beziehungen“ (S. 77).

Die exemplarischen Analysen der intersektionalen Verschränkung verschiedener Differenzpolitiken in der Unterhaltungsliteratur des frühen 20. Jahrhunderts nehmen ihren Ausgang in Reuters Briefroman. Der Weg in die Ehe mit einem nordafrikanischen „Mulatten“ (Herr Bethuan) bleibt der jungen deutschen Protagonistin Margarete versperrt, die Integration des mit einer türkischen Geliebten gezeugten Kindes ihres zukünftigen Ehemannes und deutschen Arztes Rochus in die Gesellschaft einer vermeintlich deutschen Familie wird jedoch ermöglicht, allerdings unter der Maßgabe einer vorherigen symbolischen Waschung (sog. „White Washing“ oder „Mohrenwäsche“) und unter der Bedingung einer Tabuisierung der Herkunft des Kindes. Somit würden in Reuters Roman „die Vorbehalte gegen die Figur des ‚Mulatten‘ respektive ‚Mischlings‘, die von rassentheoretischen Positionen des ausgehenden 19. Jahrhunderts geprägt sind, mit Elementen des Orientalismusdiskurses, der eine romantisierende Erzählweise präferiert“, (S. 137) verschränkt.

Die Interdependenz von Raum-, Geschlechter- und Rassenpolitiken im Spannungsfeld von „Reinheit und Vermischung“ zeigt Blome auch in der Untersuchung der Texte von Christaller und Grimm, die ihre Erzählhandlung in den deutschen Kolonien Zentralafrikas verorten. Das Überschreiten einer imaginären Grenze zwischen den ‚Rassen‘ wird in diesen zur Bedrohung und Gefährdung und daher in radikalisierter Weise unter Verbot gestellt, so dass der Verstoß gegen die koloniale Sexualordnung „mit dem Ausschluss aus der nationalen Reproduktionsgemeinschaft geahndet wird.“ (S. 137)

Die Kolonialnovelle Alfreds Frauen thematisiere eine „triangulierte Begehrensstruktur“ (S. 98), in der die Beziehung eines deutschen Siedlers zu einer Afrikanerin durch das Hinzutreten einer „weißen Frau“ als illegitim markiert wird. Hanna Christaller unterstreiche dabei die aus ihrer Sicht bestehende Problematik der männlichen Untreue in den Kolonien dadurch, dass diese nicht nur als Untreue gegenüber der individuellen Frau figuriert wird, sondern auch als Untreue gegenüber der ‚weißen Rasse‘ als solcher. Auf der einen Seite erscheine die Afrikanerin als Verführerin, als schlangenhafte „schwarze Eva“, auf der anderen Seite „die deutsche Frau“ als Verkörperung von Sittlichkeit und Reinheit, aber auch als eine Figur, der die Aufgabe zukommt, die rassen- und kolonialpolitischen Verfehlungen des „weißen Mannes“ zu kompensieren, diese werde somit „zum boundary marker kollektiver und nationaler Grenzziehungen stilisiert.“ (S. 138) Im Vergleich zu Reuters Roman könne sich der „Sünder“ Alfred von den „Verfehlungen“ der ‚Rassenmischung‘ nicht mehr bloß durch eine rituelle Waschung befreien, sondern einzig und allein durch ein tragisches Ende: den Freitod. Somit sei Christallers Roman „stärker der kolonialen Biopolitik verpflichtet, die sexuelle Beziehungen zwischen ‚Schwarz‘ und ‚Weiß‘ mit dem Tod ahndet.“ (S. 100)

Die Autorin beschäftigt sich außerdem mit der Frage, wie sich die oben angeführten Erzählmodelle in den darauffolgenden Jahren in Abhängigkeit von einer sich insbesondere in den afrikanischen Kolonien Deutschlands verschärfenden Rassenpolitik entwickeln. Durch die Analyse der zehn Jahre später erschienenen Kolonialnovelle von Hans Grimm kann sie diese Entwicklung in repräsentativer Weise belegen, und zwar in den ambivalenten Figuren der Südwestafrikanerin Ellen und des „verkafferten Kolonisators“ (der deutsche Farmer Troyna), wobei „Verkafferung“ als ein dominantes Motiv der Kolonialliteratur der 1910er Jahre erscheine. (Als „verkaffert“ sei im rassenpolitischen Kolonialdiskurs ein deutscher Mann bezeichnet worden, der sich in der Umgebung der Kolonie – und meistens durch die sexuelle Beziehung zu einer einheimischen Frau – zunehmend seiner eigenen Kultur entfremdete und in einen Zustand der Unzivilisiertheit zurückfiel.) Auffällig sei, so Blome, dass von der „Verkafferung“ – schlichtweg: Akkulturation! – ausschließlich Männer betroffen gewesen seien und dass die Eheschließung mit „weißen Frauen“ als eine Art Gegenmittel angesehen worden sei.

Die Literaturwissenschaftlerin stellt nach Reuters Roman und bis in die 1930er Jahre die weitgehende narrative Absenz von deutschen Frauen, die ihrerseits sexuelle Beziehungen zu Afrikanern haben oder eine Ehe mit diesen eingehen, heraus. Sie erklärt dies durch die der Kolonialliteratur inhärente kolonial- und rassenpolitische Botschaft, dass jegliche rassische Grenzüberschreitung zur Selbstvernichtung „der weißen deutschen Frau“ als boundary marker, als mahnender Figur, als „eigentlicher Hüterin der Grenze im kolonialen Diskurs“ (S. 118) führen könnte. Für das Motiv der Sexualität zwischen europäischen Frauen und außereuropäischen Männern suchte sich die Kolonialliteratur ihre Handlungsorte anderweitig: in Asien oder Südamerika. Zwei Analysen zu Texten von Dauthendey und Seidel nehmen diese geographische Verschiebung der in der Kolonial- und Afrikaliteratur weitgehend tabuisierten Grenzüberschreitung und ihre narrativen Sanktionierungen als Gegenüberstellung in den Blick.

Die untersuchten Narrative gruppiert Blome unter dem Syntagma „Dystopien der Vermischung“, was aus gattungstheoretischer Perspektive m. E. problematisch bleibt, da es sich hier nicht um reine Dystopien handelt: keine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählungen einer gesamten Gesellschaft mit negativem Ausgang. Von jener poetologischen Ordnung distanziert sich die Autorin, indem sie deutlich macht, dass der Begriff ‚dystopisch‘ für einzelne immer wieder kehrende Erzählelemente verwendet wird, „die eine negative Entwicklung der deutschen Nation als ‚Volks- und Rassengemeinschaft‘ unter bestimmten (kolonialen) Bedingungen der sexuellen und reproduktiven Vermischung skizzieren.“ (S. 138) Die analysierten Texte als Dystopien einzuordnen stellt dennoch für die Rezensentin ein Urteil in absentia dar.

„Utopien der Vermischung“ im künstlerischen und literarischen Primitivismus

Teil III („Sexualität im (literarischen) Primitivismus (1915–1919)“) beinhaltet die Auseinandersetzung mit literarischen Texten zwischen 1915 und 1920, in denen das Phänomen der ‚Rassenmischung‘ im Zusammenhang mit der Kunstschöpfung behandelt wird. Während bisher die negative Darstellung des Themas der ‚Rassenmischung‘ in den Blick genommen wurde, habe dasselbe Thema bei den künstlerischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts eine durch Ästhetisierung ermöglichte diametral entgegengesetzte Bewertung erfahren. Zunächst werden die ästhetiktheoretischen Umrisse des europäischen Primitivismus dargestellt, in dessen Zentrum das Selbstverständnis der Künstler steht, von künstlerischen Ausdrucksformen zunächst der Italiener und Flamen des 14. und 15. Jahrhunderts und erst dann der afrikanischen und ozeanischen Kulturen beeinflusst zu sein.

Diese Vorbilder nehmen sie in einem positiven Sinne als „primitiv“ (lat. „primär“, „ursprünglich“) wahr. Bei der Darstellung des Vorbildcharakters „primitiver Kunst“ für die europäische Avantgarde und der dabei entstandenen Paradoxien bezieht sich die Autorin vorrangig auf die im deutschen Kontext für die Frühphase des Primitivismus besonders einflussreiche kunsttheoretische Abhandlung Abstraktion und Einfühlung (1907) von Wilhelm Worringer, auf den Wegbereiter des Primitivismus, Paul Gauguin, und dessen Tahiti-Bericht Noa Noa (1897) und auf Ernst Ludwig Kirchners gelebten Primitivismus in der künstlerischen Bohème der Dresdner Künstlergemeinschaft „Die Brücke“. Auch Carl Einsteins Negerplastik wird zum Zwecke einer theoretischen Einführung in die Ästhetik des „Primitiven“ folgerichtig herangezogen.

Die künstlerische ‚Befruchtung‘ durch die außereuropäischen Künste sei aber „für die meisten primitivistischen Künstler mit dem sexuellen Kontakt zu außereuropäischen Frauen einhergegangen“ (S. 153), so dass Kunst und ‚Rasse‘, Schöpfung und Reproduktion in eine ungeahnte Nähe gerückt werden. Erst durch diese Annäherung nehme das Phänomen ‚Rassenmischung‘ einen positiven, sogar utopischen Charakter an.

In Robert Müllers Essayroman Tropen (1915) und seiner Kolonialnovelle Das Inselmädchen (1919), in Carl Sternheims Erzählung Ulrike (1916/17) sowie in Klabunds Gedicht Der Neger (1917) sieht Blome die Aufnahme und Aufarbeitung primitivistischer Ideale im Medium der Literatur bestätigt. Die Autoren verknüpfen in ihren Texten Szenarien der sexuellen Begegnung und Vermischung von ‚Rassen‘ in ganz unterschiedlichen Varianten mit dem Motiv der künstlerischen Schöpfung. So werde in Müllers Roman über das Konstrukt rassischer Hybridität eine Verbindung hergestellt zwischen der kreativen Schöpfung expressiver Kunst und der Herstellung eines idealen „Menschentypus“ sowie einer idealen menschlichen und künstlerischen Gemeinschaft. Der Romantitel Tropen selbst beinhalte die gedankliche Figur der (programmatischen) Vermischung im Zeichen einer „Poesie der Rasse“ (Müller). Einerseits fungieren die Tropen als Ort einer (utopischen) reproduktiven Vermischung zwischen West und Ost, Rationalität und Instinkt, die zu einer rassisch-kulturellen Neuschöpfung führen soll. Der „Prototyp des zukünftigen Menschen“ sei im Roman durch Jack Slim figuriert. Andererseits gehe es um Tropen im rhetorischen Sinne, die einen transgressiven Moment nach dem Modell des tertium comparationis markieren: „‚Rassen‘ verhalten sich zueinander wie die zwei Bedeutungsinhalte einer Metapher – im Bild der Kippfigur wird ihr Verhältnis zueinander anschaulich gemacht. In Müllers Roman werden ‚Rassenmischung‘ und die Bildhaftigkeit des literarischen Sprechens dabei in einer Weise gleichgesetzt, in der die rassische Hybridität als ein per se künstlerisches und Kunst generierendes Phänomen erscheint, während umgekehrt die Kreativität des Künstlers das Potential zur Erschaffung neuer Rassenentitäten in sich trägt.“ (S. 268)

Im letzten Teil der Studie analysiert die Autorin das Verhältnis von Imagination, Rassenkonzepten und Sexualität in den Kultur- und Rassentheorien der Weimarer Republik; sie untersucht, inwiefern man die prä-faschistischen Rassenideologien mit den Diskursmustern der vorigen Kapiteln korrelieren könnte, und kommt zu dem Ergebnis, dass das Sujet der ‚Rassenmischung‘ in einer Form erscheint, die ihre Erscheinungsweise in kolonialen und primitivistischen Zusammenhängen auf spezifischer Art und Weise miteinander verkoppelt. Es entstehe eine mit ästhetischen Begriffen argumentierende rassenpolitische Praxis, für die Blome den Begriff der „Bio-Ästhetik“ vorschlägt: Die nationalsozialistische Doktrin konstruiere ihren Mythos der ‚Rassenreinheit‘ auf der Behauptung, dass Mischung der größte Fehler sei, und stelle somit ein „dystopisches“ Moment – wie bereits im kolonialistischen Diskurs des Kaiserreichs – dar. Zugleich sei im Mythos von der ‚arischen‘ bzw. ‚nordischen Rasse‘ eine „utopische“ Fassung der ‚Rasse‘ als Projekt mit ästhetischen Vorzeichen. Galt dem Primitivismus die Mischung als ästhetisches Ideal, so werde diese im nationalsozialistischen Antisemitismus als Merkmal des Jüdischen ex negativo bestimmt und diffamiert: als das Unreine und damit als das per se Gestalt- und Formlose.

Kritik und Perspektive

Ein zentrales Verdienst der Untersuchung liegt darin, dass Eva Blome damit erstmalig eine umfassende literaturwissenschaftliche Monographie zum Thema ‚Rassenmischung‘ bietet: ein bedeutendes Forschungsfeld, das jedoch bisher stärker zum Untersuchungsgegenstand der Geschichtswissenschaft als der (germanistischen) Literaturwissenschaft gemacht worden ist.

Hinzu kommt die kluge Entscheidung der Autorin, sich durch ihre Auswahl der Autoren nicht auf einen Kanon festzulegen, der ihr nur eingeschränkte Möglichkeiten gelassen hätte, die Leser/-innen mit unerwarteten Einsichten zu überraschen. Dass ihr Quellenkorpus sich sowohl aus Texten bekannter Autor/-innen als auch aus einigen heute oft nur wenig bekannten Werken zusammensetzt, sieht die Rezensentin als einen klaren Erkenntnisgewinn an.

In ihren gelungensten Passagen überzeugt die Arbeit durch hohe Verdichtungen und treffsichere Zuspitzungen. Das zeigt sich besonders an den kleinen, aber scharfen Beobachtungen, die etwa die folgenreiche Gleichnamigkeit von „Tropen“ und „Tropus“ in Robert Müllers Roman (S. 179 ff.) betreffen, den Einsatz des Motivs der „Rassenmischung“ als Mittel der Profilierung innereuropäischer Unterschiede zwischen den Kolonialmächten (S. 91 f.) und die narrative Genese des Begehrens (S. 242 ff.).

Den Diskursmustern widmet sich die Autorin mit großer Akribie – und mit dem paradoxen Effekt, dass sie den Leser/-innen gerade durch ihr systematisches Resümieren der Regeln des historischen Diskurses Einiges an Umständlichkeiten zumutet. Wenn die Lektüre über weite Strecken herausfordernd bzw. sperrig bleibt, so hat das vor allem mit dem terminologischen Überhang zu tun, den die komplexen Theoriebezüge erzeugen. Blome bleibt der narratologischen und diskursanalytischen Fachterminologie sehr eng verhaftet, für deren gewissenhafte Kenntnis offenkundig die Einbettung der Verfasserin in die Konstanzer Forschung mitverantwortlich ist. Manches wird dadurch eher verdunkelt als erhellt, das gilt etwa für die prominent eingeführten Begriffe der ‚Geopolitik‘ und ‚Bio-Ästhetik‘. Obschon den Leser/-innen einige Fachkenntnisse (wie etwa zu Sozialdarwinismus oder europäischer Kolonialgeschichte usw.) abverlangt werden, lässt sich von einer Dissertation auch nicht erwarten, dass sie Fachfremden ohne Weiteres verständlich sein muss. Andererseits werden durch gelegentliche Vorsichtigkeiten der Autorin die dargestellten Sachverhalte manchmal zu sehr im Vagen belassen.

Durch den allgemeinen Systematisierungsansatz ist die Studie zweifelsohne anschlussfähig. In den Schlusspassagen des Buches werden spannende (Forschungs-)Stränge benannt, die auf der Grundlage der erlangten Forschungsergebnisse von Interesse sein könnten und die zugleich eigene Akzente der Verfasserin erkennen lassen. Um nur einige zu erwähnen: die kultur- und erzähltheoretisch ausgerichtete Untersuchung des Zusammenhangs zwischen dem (kolonialen) Rassendiskurs des frühen 20. Jahrhunderts und antisemitischen Rassenkonzepten des frühen 20. Jahrhunderts, die Verfolgung einer komparatistischen Fragerichtung in unterschiedlichen kulturellen und nationalen Kontexten oder aber auch die Perspektive der ‚Anderen‘, d. h. die Erforschung der literarisch-kulturellen Entwürfe von ‚Rasse‘ und Sexualität aus der Sicht der ehemals Kolonisierten.

Alina Timofte, M.A.

Universität Konstanz

Germanistin

E-Mail: timofte.alina@hotmail.com

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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