Zur Lebenswelt adliger Frauen im späten 19. Jahrhundert

Rezension von Irmgard Heidler

Monika Kubrova:

Vom guten Leben.

Adelige Frauen im 19. Jahrhundert.

Berlin: Akademie Verlag 2011.

422 Seiten, ISBN 978-3-05-005001-0, € 99,80

Abstract: Monika Kubrova hinterfragt konsequent ideologische Konstrukte und bürgerliche Kategorien wie die einer Geschlechterpolarität im Hinblick auf die Lebenswelt adliger Frauen. Ihr methodischer Ansatz ist der der Relationalität des Geschlechterbegriffs, der sich aus dem jeweiligen Kontext entschlüsselt, wobei die Konzepte von Adeligkeit, Familie, Geschlecht und Autobiographik die Forschungsansätze bilden. Es finden sich vielfältige weibliche Lebensgeschichten zu Ende des 19. Jahrhunderts, sowohl in einer Art von Normalbiographie im Familien- und gesellschaftlichen Rahmen als auch in einer beruflichen Bindung, wie es für ledige Frauen möglich schien. Erst mit biographischen Konflikten, also mit dem Verlassen des Schutzraums des Adels, wurde das Geschlecht an sich zu einer Kategorie von Benachteiligung.

Verortung

Dieses Buch entstand im Jahre 2009 als Dissertation an der Philosophischen Fakultät I der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Mit dem Thema „Adelige Frauen“ füllt es eine Forschungslücke; denn bei allem Engagement der Adelsforschung der letzten Dekade blieb diese doch einseitig – vor allem aber „unhinterfragt männlich“ (Daniel Menning: Adlige Lebenswelten und Kulturmodelle zwischen Altem Reich und „industrieller Massengesellschaft“ – ein Forschungsbericht. In: H-Soz-u-Kult 23.09.2010, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1112&type=forschungsberichte&sort=datum&order=down&search=Menning). Die Geschlechterbeziehungen im Adel des 19. Jahrhunderts wurden bislang nicht untersucht, auch nicht ihre Auswirkungen auf das alltägliche Leben. Vielmehr setzte man auch für den Adel das „polare Grundmuster moderner Geschlechterordnung“ (S. 16) als gegeben voraus, das den Männern damals das ‚Öffentliche‘, den Frauen das ‚Private‘ als Lebenssphäre zuwies. Adlige Frauen waren zwar in biologischer Hinsicht, als Staatsbürger und weitgehend auch im Bildungssystem diskriminiert, zählten aber als Mitglieder einer Elite, der Herrschaftsträger, zu einem multiplen Hierarchiensystem. So steht in der Tat das Thema zwischen der Adelsforschung, deren zentrales Interesse die Frage nach dem Elitenwandel bildet, und der Frauen- und Geschlechtergeschichte, für die „Adelige Frauen“ nur ein Randgebiet darstellen.

Gelungenes Leben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts?

Der Titel des Buches, der zusammen mit der Abbildung eines Hofballs auf dem Bucheinband als Blickfänger wirkt, ist in einem weiten Sinn zu verstehen. Die thematische Frage nach einem ‚guten Leben‘ entstammt der Moralphilosophie und gilt dem, was in der Definition der Verfasserin „die Menschen in die Lage versetzt, bedeutungsvoll zu handeln und reflexiv das eigene Handeln im Horizont des Guten qualitativ zu gewichten.“ (S. 17 f.) Kubrova bearbeitet diese Frage anhand von Autobiographien adliger Frauen, die eine „Lebenswelt“ darstellen und als retrospektive Sinnkonstruktionen verstanden werden können, als „Bedeutungszuschreibungen“ (S. 37) in einer Zeit, als das autobiographische Schreiben alle Gesellschaftsschichten erfasste (man denke an die Arbeiterbiographien der Wende zum 20. Jahrhundert).

Umgekehrt weckt der Untertitel eine umfassendere Erwartungshaltung, als eingelöst wird: Der Zeitraums des 19. Jahrhunderts wird nur teilweise abgedeckt. Die Geburtsjahre der Autobiographinnen liegen zwar zwischen 1805 und 1886, doch war das Auswahlkriterium der Autorin der Erinnerungszeitraum der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. (S. 42. Für den vorausgehenden Zeitraum verweist die Autorin explizit auf die Arbeit von Christa Diemel: Adelige Frauen im bürgerlichen Jahrhundert. Hofdamen, Stiftsdamen, Salondamen 1800–1870, Frankfurt am Main: Fischer 1998.) Der Quellenkorpus umfasst laut Angabe der Verfasserin 36 Autobiographien (im Quellenverzeichnis sind 37 notiert); 17 entstammen der Wilhelminischen Zeit, 16 dem Zeitraum von 1919 bis 1943, je zwei liegen davor bzw. danach. Dass die Zeitdifferenz der Quellen im Vergleich zum eigentlichen Themenzeitraum so groß ist, wirkt sich beim explizit hermeneutischen Ansatz dieser Arbeit jedoch weniger aus, als es bei einer rein sozialhistorischen Arbeit der Fall gewesen wäre.

Autobiographische Deutungen

Im Fokus stehen also adlige Frauen unter den Rahmenbedingungen von Familie, Ehe und Arbeit. Da den standesgemäßen Lebenshintergrund im 19. Jahrhundert die Familie bildete, wird nach der individuellen Bedeutung „von Familie als Wert und sozialem Raum“ gefragt und danach, „wie Frauen ihre Bindung an die Familie wahrgenommen und gedeutet haben, welche Handlungsoptionen, Gebote und Verbote diese grundlegende Beziehung für die (Un)Möglichkeiten eines gelungenen Lebens bereitgestellt hat.“ (S. 9)

Das Instrument, dessen sich Kubrova in ihrer Untersuchung bedient, wird im ersten Hauptkapitel vorgestellt, in dem der Blick auf die „Gebrauchsweisen des Autobiographischen und ihre Präsentationsformen“ gerichtet wird. Diese erweisen sich als vielfältig und keineswegs normativ und werden von der Autorin zusammengefasst unter „Ich-zentrierte Autobiographik“ und „Wir-Geschichten und Geschichten anderer“. Unter dieser zweiten Kategorie versteht sie die zeittypischen Ausformungen des Genres wie etwa „Denkwürdigkeiten“ – persönliche Erinnerungen ohne individuellen Nachdruck (wie bei Maximiliane von Arnim oder der Offiziersgattin Gräfin von Oriola) –, „Berufsautobiographien“ und die „subjektive Geschichtsschreibung“ (etwa der Gutsherrin Adda Freifrau von Liliencron), aber auch die Autobiographik von Frauen aus regierenden Häusern (wie der Luise von Toscana oder der Kronprinzessin Cecilie).

Das hermeneutische Vorgehen hinsichtlich der „konkreten Gebrauchsweisen des Autobiographischen“ wird damit begründet, dass autobiographische Texte im Vergleich zu einem normativen Zugang zur Quelle vorurteilsfreier analysiert werden können (S. 92). Kubrova fragt nach „Schreibhandlungsmotiven“ und nach „Darstellungsformen“ (S. 48) und stellt fest, dass ein Großteil der Autobiographien im Rahmen einer Konjunktur des (Auto-)Biographischen um 1900 entstanden sind, durch die die Gattung gleichermaßen popularisiert wie trivialisiert wurde. Doch geht es der Autorin eben nicht um textexterne Faktoren, um literaturhistorische oder sozialhistorische Kategorien, um die Situation des Büchermarkts oder darum, einen wilhelminischen Bezugsrahmen auszuarbeiten. Auch sind nicht „adelsinterne Differenzierungen“ (S. 43) ihr Anliegen, wobei die Autobiographinnen durchaus eine Vielzahl sozialer Verortungen innerhalb des Adels abdecken – in konfessioneller, in familiärer Hinsicht (ob aus dem Umfeld von Grundbesitzern, Offizieren, Männern im Staatsdienst) oder bezogen auf die regionale Herkunft.

Gültigkeit eines polaren Grundmusters?

Die Familie bleibt vielmehr der Bezugsrahmen dieser Arbeit, es wird gefragt „nach den Möglichkeiten und Grenzen der Familienzugehörigkeit, nach integrierenden und desintegrierenden Faktoren, um sich positiv auf sich selbst zu beziehen und sich hierüber im ‚Raum des Adels‘ verorten zu können.“ (S. 25) Die Beschreibungen in den „Wir-Geschichten“ spiegeln weitgehend den Normalfall der Lebensbedingungen adliger Frauen wider, sie werden im folgenden Kapitel – „Von den Möglichkeiten der Familie: Normalbiographie und Selbstpräsentationen in adelskonformen Räumen“– vorgestellt. Um die „Ich-zentrierte Autobiographik“ dagegen geht es in einem dritten Hauptkapitel, das von den „Grenzen der Familie“ handelt, vom Sprengen der Konventionen oder, wie die entsprechende Kapitelüberschrift sagt, von „Biographische[n] Konflikte[n] als Kampf um nonkonforme Lebensweisen in der Gemengelage sozialer Anerkennungsverhältnisse“. Hierunter fallen die Schriftstellerinnen Marie von Ebner-Eschenbach und Lily Braun, geb. von Kretschmann. In Kapitel 5 – „Am Rand der Familie: Das Stift als Lebensabschnittsbegleiter eheloser Frauen“ – schließlich verlässt Kubrova die Autobiographie als Untersuchungsgegenstand zugunsten einer Institutionengeschichte, dem Beispiel eines Damenstiftes als alternativer Lebensform, wobei sie die Lebensläufe innerhalb der Aufnahmegesuche seit den 1920er Jahren in ihre Darstellung einbezieht.

Das Vorgehen der Autorin ist konsequent und überzeugend, sie kommt zu einem klaren und neuen Ergebnis: Das Modell polarer Geschlechterordnung des bürgerlichen Referenzrahmens spielte für adlige Frauen, deren Leben im Rahmen einer Normalbiographie als integrierte Mitglieder innerhalb der Adelsgesellschaft verlief, nur eine geringe Rolle. Die adlige Frau nahm im öffentlichen Raum – als Herrin und Gesellschaftsdame – eine gleichberechtigte Position ein und bildete im Binnenraum der Kernfamilie – als Gattin und Mutter – das Bindeglied in der Geschlechterkette. Die Geschlechtskategorie erhielt erst dann größere Relevanz, wenn etwa die Familienbindung erschüttert wurde, wenn Anerkennung fehlte, wenn Desintegration eintrat, wenn Konventionen gesprengt wurden, bei einer Lebensgestaltung etwa, die sich – vor allem im zeitgemäßen Diskurs um 1900 – an Arbeit (in den Bereichen Literatur, Kunst, Politik), Liebe oder Bildung orientierte, kurzum, wenn Frauen zu gesellschaftlichen Außenseiterinnen wurden. Ledige Adlige allerdings schufen sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Möglichkeit, bei Berufsausübung anerkannte Mitglieder der Adelsgesellschaft zu bleiben.

Resümee

Dem überraschenden Ertrag der Arbeit gegenüber spielen Ungenauigkeiten (in den oben genannten Zahlen, im Wegfallen von Namenszusätzen, bei Wiederholungen, sei es von Zitaten oder der Tabelle von S. 352) eine untergeordnete Rolle; sogar das Fehlen eines Registers, das etwa eine weitergehende Nachverfolgung der Autobiographinnen ermöglicht hätte, kann als sekundär betrachtet werden.

Hervorgehoben werden kann dagegen die permanente Hinterfragung ideologischer Konstrukte und vorausgehender Forschungshypothesen. Entscheidend ist, dass es der Autorin gelingt, „den frauengeschichtlichen Ansatz des ‚Sichtbarmachens‘ und das geschlechtergeschichtliche methodische Postulat der Relationalität und Kontextgebundenheit von Geschlecht“ (S. 380) zu nutzen, um – ausgehend vom Thema der Frauen- und Geschlechtergeschichte in einer bürgerlichen Welt – eine überzeugende Kulturgeschichte des Adels im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zu schreiben.

Dr. phil. Irmgard Heidler

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