Zur Geologie der Bio-Macht

Rezension von Sebastian Nestler

Julia Diekämper:

Reproduziertes Leben.

Biomacht in Zeiten der Präimplantationsdiagnostik.

Bielefeld: transcript Verlag 2011.

416 Seiten, ISBN 978-3-8376-1811-2, € 35,80

Abstract: Julia Diekämper zeigt mit ihrer Studie, wie die Präimplantationsdiagnostik (PID) zum umkämpften Gegenstand medialer Aushandlungen geworden ist. Anhand eines Vergleichs der Diskussion in deutschen und französischen Printmedien wird dargelegt, wie im Sinne Foucaults eine diskursive Auseinandersetzung um die PID stattfindet. Die Arbeit besticht durch ihren klar strukturierten empirischen Teil, der eine geologische Karte des PID-Diskurses zeichnet. Damit wird auch die aktuelle Relevanz des Begriffs der Bio-Macht unterstrichen. Ein Schritt in Richtung einer Genealogie bleibt aber aus. So verbleibt die Studie eher auf der deskriptiven Ebene, das von Foucault stets geforderte Infragestellen von Machtbeziehungen wird nicht eingelöst, aber fundiertes Material für ein solches geliefert.

Es sind hauptsächlich Michel Foucaults machtgenealogische Untersuchungen, deren Potential gegenwärtig in verschiedenen Disziplinen durch die Anwendung auf konkrete Phänomene zur Entfaltung gebracht wird. Denn die Stärke dieser Schriften Foucaults liegt in ihrem Ansatz, Macht entindividualisiert und automatisiert, also weniger institutionell verankert als vielmehr als Netzwerk und Beziehung zu denken. Das macht seinen Ansatz einerseits sehr flexibel. Andererseits ist es auch eine Herausforderung, diesen ‚entkörperten‘ Machtbegriff konkret werden zu lassen. Gelingt dies aber, erlaubt Foucaults Machtkonzept eine präzise Analyse und Kritik aktueller gesellschaftlicher, kultureller und politischer Situationen. Gerade in den Life Sciences geschieht dies durch die Kombination von Foucaults Begriffen der Bio-Macht und der Gouvernementalität, welche ein Analyseinstrumentarium zur Kritik der allgemeinen Ökonomisierung des Lebens zur Verfügung stellt.

Bio-Macht im printmedialen Diskurs

Diese Herausforderung nimmt Julia Diekämper mit ihrer Publikation Reproduziertes Leben. Biomacht in Zeiten der Präimplantationsdiagnostik an. In ihrer klar strukturierten Studie zeigt sie, wie die Präimplantationsdiagnostik (PID) zum umkämpften Gegenstand medialer Aushandlungen geworden ist. Es wird anhand eines Vergleichs der printmedialen Diskussion, wie sie zwischen den Jahren 1995 und 2010 in Deutschland und Frankreich stattgefunden hat, nachgezeichnet, wie sich hier rechtliche, historische und bioethische Perspektiven auf die PID vermengen. Diese Vermengung ist auch der Grund, weshalb Diekämper ihre Untersuchung auf Berichte und Diskussionen in den Printmedien und nicht auf fachspezifische philosophische, politische oder medizinische Debatten ausrichtet. Ganz im Sinne Foucaults wird dadurch die diskursive Auseinandersetzung um einen bestimmten Gegenstand, nämlich die Präimplantationsdiagnostik, sichtbar, und es kann dargelegt werden, dass es „die öffentlichen Aushandlungen [sind], die Normen bestimmen, sie wiederholen und verändern und so aktuelle Anerkennungsverhältnisse neu ordnen“ (S. 19). Damit gelingt es der Autorin zunächst zu zeigen, dass sich in der Diskussion eine Verschiebung der Normen ereignet, die sich von einer Heiligkeit des Lebens hin zu einer Ethik des Heilens bewegt. Der vergleichenden Analyse gelingt es dann in einem zweiten Schritt, die Heterogenität des Diskurses deutlich zu machen. So erweisen sich universalistische ethische Positionen sowie der Versuch einer homogenen Rechtsregelung der PID im europäischen Raum als Illusionen.

Szenarien der Bio-Macht

Methodisch gliedert Diekämper ihre Studie in zwei Hauptteile: Im ersten Teil setzt sie sich allgemeiner mit dem Diskurs der Reproduktion auseinander. Hier werden zunächst Foucaults Begrifflichkeiten des Diskurses und der Bio-Macht dargestellt und erläutert, wie diese für die vorzunehmende Analyse der Printmedien Zeit und Spiegel sowie Le Nouvel Observateur und L’express gebraucht werden sollen. Ferner wird näher auf aktuelle biopolitische und -ethische Debatten eingegangen, die stets an die theoretischen Grundlagen von (medialem) Diskurs und Bio-Macht zurückgebunden werden. Dadurch verschränken sich theoretischer Begriffsapparat und empirische Praxis, wobei letztere, auch mit Blick auf den Seitenumfang, stärker gewichtet wird. Die Frage, ob dies ein Vor- oder Nachteil ist, soll an späterer Stelle aufgegriffen werden. Der zweite Teil ist dann der eigentliche Kern der Untersuchung. Hier entwirft Diekämper drei Szenarien der Reproduktion, wobei sie in jedem Szenario zunächst auf den deutschen printmedialen Diskurs eingeht und diesen anschließend im französischen spiegelt, wodurch Gemeinsamkeiten und Differenzen sehr klar zu Tage treten. Diese Szenarien beziehen sich im Einzelnen auf Gesetzeskonflikte hinsichtlich der Präimplantationsdiagnostik, auf die Debatte um den Schutz des Lebens bzw. den Vorwurf der Eugenik und schließlich auf das Recht auf ein gesundes bzw. gegen ein krankes Kind. Schließlich findet eine vergleichende Bündelung der Diskurse statt, die deren Heterogenität herausstellt, woraus die Autorin schließt, dass eine gemeinsame europäische Rechtsregelung der PID zum Scheitern verurteilt ist.

… und die Genealogie?

Die Studie ist logisch aufgebaut und besticht durch einen trotz seines Umfangs – das Datenmaterial basiert auf einem 15 Jahre umfassenden Zeitraum und der Rezeption von vier verschiedenen Printmedien – sehr übersichtlich aufbereiteten empirischen Teil. Hier gelingt Diekämper das, was sie mit ihrer Arbeit explizit erreichen möchte, nämlich die Erstellung einer im Foucault’schen Sinne geologischen Karte, „die verschüttete Schichten, verdichtete diskursive Verhältnisse, verhärtetes Sediment kenntlich macht“ (S. 365). Die theoretische Herleitung dieser Karte ist ebenfalls gut nachvollziehbar und stellt einen originellen Beitrag zur Aktualisierung des Werks Foucaults dar, dessen gegenwärtige Relevanz dadurch unterstrichen wird.

Es fällt aber auf, dass sich die Autorin in ihrer Untersuchung allein auf den Begriff der Bio-Macht stützt. Dies ist zunächst auch naheliegend, weil sich Foucault in keinem anderen Begriff so intensiv mit den Politiken des Körpers befasst. Der Diskurs der Life Sciences bezieht sich jedoch nicht nur auf die Bio-Macht, sondern kommt wegen seiner Nähe zu den Governmentality Studies häufig nicht ohne eine zusätzliche Verwendung des Begriffs der Gouvernementalität aus. Denn mittels einer am Begriff der Gouvernementalität – die Foucault als Kunst, die Macht in der Form der Ökonomie auszuüben, beschreibt – ausgerichteten Perspektive kommen die meist subtil verfahrenden Politiken der Positionierung und Nutzbarmachung des Körpers erst genau in den Blick, wird eine kritische Genealogie erst möglich. Ohne diese Perspektive kann die Kritik der Präimplantationsdiagnostik ihre Argumente nicht voll entfalten. Während Diekämper also das Thema Eugenik anhand ihres Datenmaterials lediglich beschreibt, bezieht beispielsweise Thomas Lemke mit der Betrachtung von Eugenik als genetischer Gouvernementalität eine kritisch-intervenierende Position. Zöge man hier noch eine genderpolitische Perspektive hinzu, gelänge es, anhand der PID aufzuzeigen, inwiefern dieses Verfahren durch seine Körperpolitik dazu beiträgt, patriarchal motivierte soziale Ungerechtigkeiten weiterhin fortzuschreiben. Denn es ist auffällig, dass bei allem, was die Biomedizin zu leisten im Stande ist, die Verteilung der Geschlechterrollen mit Blick auf die Reproduktion durch den Diskurs nicht hinterfragt wird. Anhand ihres Materials zeigt Diekämper dies immer wieder, was eine hervorzuhebende Leistung ist. Dennoch bleibt ein kritischer Kommentar leider aus.

Fazit

Anstelle einer kritischen Genealogie leistet die vorliegende Publikation eine deskriptive Geologie. Dabei ist das Fehlen einer kritischen Positionierung nicht unbedingt ein Mangel. Denn Diekämper geht es ausweislich darum, die Wahrheitsspiele der Mediendiskurse nachzuzeichnen und darzulegen, was zu einem bestimmten Zeitpunkt sagbar ist und was nicht. Damit entscheidet sie sich für ein Verbleiben auf der deskriptiven Ebene, was dazu beiträgt, „die Eigengesetzlichkeit des Reproduktionsdiskurses zu verstehen“ (S. 372) und „anhand von Formationsregeln neue Fragen zu stellen“ (S. 371). Den – auch von Foucault selbst immer wieder geforderten – Schritt des Infragestellens von Machtbeziehungen geht Diekämper hier nicht. Daher müssen die ‚neuen Fragen‘ zur Kritik der gegenwärtigen Ausformungen der Bio-Macht an einem anderen Ort gestellt werden. Mithilfe des umfangreichen Materials, das Diekämpers Untersuchung liefert, sollte dies ein Leichtes sein.

URN urn:nbn:de:0114-qn:1014:9

Dr. phil. Sebastian Nestler

Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Österreich

Lehrbeauftragter am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft sowie am Institut für Philosophie

Homepage: http://senest.net

E-Mail: sebastian.nestler@aau.at

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