Frauenförderung und Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft

Rezension von Veronika Wöhrer

Gottfried Magerl, Reinhard Neck, Christiane Spiel (Hg.):

Wissenschaft und Gender.

Wien u. a.: Böhlau Verlag 2011.

181 Seiten, ISBN 978-3-205-78728-0, € 29,90

Abstract: In neun recht unterschiedlichen Zugängen werden die Unterrepräsentation von Frauen in der Wissenschaft, institutionelle und wissenschaftspolitische Maßnahmen zu mehr Geschlechtergerechtigkeit und zum Teil auch notwendige Veränderungen in Bezug auf wissenschaftliche Inhalte angesprochen. Die vorgestellten Perspektiven unterscheiden sich nicht nur disziplinär, sondern auch in ihren theoretischen Hintergründen sowie den Bezügen auf feministische Konzepte. Gemeinsam ist den meisten Beiträgen, dass implizit oder explizit ein Schwerpunkt auf Naturwissenschaften und Technik gelegt und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als schwieriges Hindernis dargestellt wird. Insgesamt handelt es sich um einen informativen Überblick, aber nicht um ein besonders innovatives Buch.

Der Band Wissenschaft und Gender wurde von der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (ÖFG) herausgegeben und ist als Nr. 14 das erste Werk in der Reihe „Wissenschaft, Bildung, Politik“, das zu einem Geschlechterthema erschienen ist. Im Band sind neun Aufsätze versammelt, die als Vorträge am „Österreichischen Wissenschaftstag 2010“ gehalten wurden. Sie vertreten in mehrerer Hinsicht eine breite Palette an Positionen: Drei Beiträge sind auf englisch, sechs auf deutsch, drei Autor/-innen kommen aus den USA, zwei aus Großbritannien, zwei aus Deutschland, vier aus Österreich und eine aus der Schweiz. Sie sind an Universitäten, Forschungseinrichtungen und Forschungsförderinstitutionen angesiedelt und kommen aus verschiedenen Sozial- und Naturwissenschaften. Leider lässt sich insgesamt kein geschlossenes Konzept des Bandes erkennen, die Fragestellungen und Schwerpunktsetzungen unterscheiden sich, und gegenseitige Bezüge der Autor/-innen lassen sich nicht finden.

Feministische Perspektiven

Der erste Beitrag ist von der Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger von der Universität Stanford, die durch mehrere Studien zur Geschlechterdifferenz in den Anfängen der modernen Wissenschaften internationale Bekanntheit erlangt hat (Schiebinger 1989; 1993). Sie schlägt drei Analyseebenen vor, um dem komplexen Zusammenspiel von Geschlecht, Institutionen und wissenschaftlichem Wissen nachzugehen: 1.) die Beteiligung von Frauen an der Wissenschaft (Personalebene), 2.) Geschlecht in den Wissenschaftskulturen (Institutionsebene) und 3.) Geschlecht in den wissenschaftlichen Ergebnissen (die Ebene der Wissensinhalte). Diese drei seien allerdings miteinander verwoben. Allein die Anzahl der Frauen zu heben und beispielsweise Trainings- und Stipendienprogramme für Frauen einzurichten, sei nicht erfolgversprechend, weil sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene sowie die Institutionen und Forschungspraxen von Wissenschaft insgesamt ändern müssten. Dem Einwand, dass es so schwierig sei, gut qualifizierte Frauen zu finden, entgegnet sie, dass Frauen meist in bestimmten Subfeldern verstärkt anzutreffen seien und von dort geholt werden müssten.

Schiebinger betont, dass Frauen keine gleichberechtigten Teilnehmerinnen im System Wissenschaft sein können, bevor nicht auch Änderungen in der dritten Ebene vollzogen werden. Auf der Ebene der Wissensproduktion sei ein Hauptproblem, dass viele Forscher/-innen, vor allem aus den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), mit den Vorgaben von Förderinstitutionen nach dem Einbezug einer „gender dimension“ (S. 21) in ihre Forschung nicht umzugehen wüssten, weil ihnen das Wissen um die Methoden dafür fehle. Sie stellt im weiteren 14 verschiedene Strategien vor, die dazu dienen können, eine geschlechtsspezifische Dimension bzw. geschlechtsspezifische Auswirkungen von Forschungen herauszuarbeiten, und nennt dann Beispiele für solche Forschungsfragen bzw. -anordnungen.

Die Physikerin Athene Donald von der University of Cambridge (UK) identifiziert zehn wesentliche Hindernisse, über die Wissenschafterinnen stolpern, und gruppiert diese zu vier unterschiedlichen Themenfeldern: 1.) In Bezug auf Familie und Work-Life-Balance führt sie unter anderem das Problem der „all-consuming nature of scientific work“ (S. 40) und der (über)langen Arbeitszeiten an. 2.) Isolation sowie Mangel an Mentoring, Zuversicht, Rollenmodellen und Unterstützungsnetzwerken beschreibt sie als weitere Hindernisse. 3.) Im Punkt „Unbewusster Bias und Stereotypisierungen“ nennt sie beispielsweise unterschiedliche Empfehlungsschreiben, die für Männer bzw. Frauen verfasst werden; darin werden Männer häufiger als herausragender und fähiger beschrieben als Frauen mit denselben oder besseren wissenschaftlichen Leistungen. 4.) Spätere Karrierestationen, in denen Frauen oft übergangen oder überhört werden, kumulieren, so die Autorin, zu schlechteren Karrierechancen und mehr Frustration für Frauen. Diesen Problemfeldern stellt sie Maßnahmen zur Bewältigung gegenüber, wie beispielsweise Monitoring, wobei sie betont, dass dies nur greifen kann, wenn eine institutionelle Selbst-Überprüfung und Überwachung der Maßnahmen betrieben wird. Im Vergleich zum Aufsatz von Schiebinger fällt auf, dass Donald sich gar nicht mit den Inhalten wissenschaftlicher Forschung beschäftigt, dass also eine notwendige Ebene der Analyse und Veränderung bei ihr ausgespart bleibt.

(Neuro-)Psychologische Ansätze

Markus Hausmann, ein Psychologe und Neurowissenschafter der University Durham (UK), nimmt die Aussagen des früheren Präsidenten der Universität Harvard, Larry Summers, als Aufhänger für die Frage, ob es eine biologische Basis für kognitive Geschlechtsunterschiede gibt, und kommt zu dem Schluss, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen minimal seien. Da die Ergebnisse innerhalb eines Geschlechts stärker variierten als zwischen den Geschlechtern, seien individuelle Aussagen auf der Basis des Geschlechts unmöglich. Von einem ausschließlich angeborenen Unterschied könne nicht gesprochen werden, da die biologischen Faktoren, die zu den Differenzen führten, durch eine Vielzahl von psychologischen und sozialen beeinflusst werden. Schließlich sei es auch problematisch, psychometrische Tests auf den Alltag zu übertragen.

Hausmann scheint recht unbeeinflusst von Konzepten oder Studien feministischer Wissenschaftskritik oder -geschichte an die Frage heranzugehen. Diese tauchen weder in der Literaturliste noch in seiner Herangehensweise auf. Irritierend ist vor allem, dass Hausmann von einer biologischen Differenz nicht nur als fraglos gegeben ausgeht, sondern dass er diese auch immer wieder als Ausgangspunkte für das Zusammenspiel mit psychischen und sozialen Faktoren darstellt. Doch könnte es nicht ebensogut der Fall sein, dass soziale oder psychische Faktoren erst diese Geschlechterdifferenzen schaffen, die sich dann auch in der Biologie finden lassen? Nicht zuletzt deshalb, weil Forscher/-innen danach suchen? Hausmanns eigene Studien, die er hier beschreibt, zeigen interessanterweise, dass a) geschlechtsspezifische (messbare hormonelle) Unterschiede nur dann aufgetreten sind, wenn davor von ebendiesen erzählt wurde, bzw. dass b) das schlechtere Abschneiden von Frauen nur bei jenen auftrat, die sich davor bereits als schlecht einschätzten. Während also seine eigenen Forschungen die primäre Bedeutung der psychischen und sozialen Faktoren für die biologischen zeigen, hält er, ohne dies ausreichend zu begründen, an vorgelagerten biologischen Differenzen und Ursachen fest.

Christiane Spiel, Barbara Schober und Monika Finsterwald, Psychologinnen an der Universität Wien, gehen der Frage nach, warum Frauen in den Eignungstests zum Medizinstudium, die 2006 in Österreich eingeführt wurden, um den Zugang zum Studium zu reglementieren, schlechter abschneiden als Männer. Diese Resultate haben nachhaltige Folgen: Obwohl mehr Frauen dieses Studium erfolgreich abschließen als Männer, es in den Jahren davor auch mehr weibliche als männliche Studienanfänger/-innen gab und sich nach wie vor mehr Frauen für den Test anmelden, wurden in den letzten Jahren wieder mehr Männer zum Studium zugelassen. So kann sich der Trend zu mehr weiblichen Medizinerinnen also nachhaltig umkehren. In der Beantwortung ihrer Frage gehen die Autorinnen auf geschlechtsspezifisch unterschiedliche Sozialisation, vor allem in der Schule, ein und schließen mit Empfehlungen zu einer „reflexiven Koedukation“ (S. 96) im Bereich Schule und Erziehung. Dabei irritiert, dass die Ursachen für die Unterschiede zwischen Schulnoten und Textergebnissen der Kandidat/-innen nicht im Test oder in der Testsituation, sondern in der Schule gesucht werden. Nirgends wird auf den ‚Stereotype Threat‘ als Erklärungsansatz eingegangen. Dieser Faktor zur Erklärung von systematisch schlechteren Testergebnissen von Afroamerikaner/-innen und Frauen wurde v. a. in den USA und anhand von Intelligenztests herausgearbeitet und besagt sehr kurz gefasst: Personen schneiden dann schlechter bei Tests ab, wenn sie denken, dass sie schlechter sein werden. Dies tritt nicht auf, wenn der Test nicht als solcher vorgestellt wird oder wenn die Teilnehmer/-innen zuvor mit gegenteiligen Stereotypen konfrontiert wurden (vgl. dazu Hausmann, S. 75). Nun ist bei der Durchführung von Eignungstests für das Medizinstudium weder die Möglichkeit gegeben, die Testsituation als eine gar nicht gegebene darzustellen noch die Kandidat/-innen vor Beginn mit gegenteiligen Stereotypen zu konfrontieren. Doch der Stereotype Threat wäre ein gutes Argument für eine Frauenquote: Denn das ebenso systematisch schlechtere Abschneiden von Österreicher/-innen gegenüber Deutschen wurde durch eine nationale Quote abgefedert. Warum eine solche Maßnahme für Frauen nicht erwogen wurde bzw. warum hier nicht in diese Richtung argumentiert wird, bleibt unklar.

Sozialwissenschaftliche und juristische Standpunkte

Lutz Bornemann von der Max Planck Gesellschaft München beschäftigt sich mit dem Peer-Review-Verfahren und stellt fest, dass das Verfahren zwar häufig verwendet, aber überraschend wenig beforscht ist. In Bezug auf Geschlecht gibt es dabei einen signifikanten Unterschied bei der Vergabe von Stipendien, nicht aber in Bezug auf Forschungsanträge. Die Ergebnisse der Datenanalyse deuten, so Bornemann, darauf hin, dass Geschlecht sich stärker auswirkt, wenn den Gutachter/-innen relativ wenige Leistungsmerkmale zur Bewertung zur Verfügung stehen. Bei der Begutachtung von Artikelmanuskripten konnte mit dem double-blind-Review-Verfahren, also dem Anonymisieren des/der Autor/-in, größere Fairness in Bezug auf Geschlecht erzielt werden. Wenn aber Lebensläufe mitbegutachtet werden, empfiehlt Bornemann kontinuierliche Überprüfungen des jeweiligen Begutachtungssystems in Bezug auf Benachteiligungen. Auf Maßnahmen, die kleinere Forschungsförderungseinrichtungen zur Optimierung ihres Peer-Review-Verfahrens eingesetzt hätten, geht er nicht mehr näher ein, sodass die Empfehlungen am Ende leider recht vage bleiben.

Die Juristin Gabriele Kucsko-Stadlmayer von der Universität Wien erklärt in ihrem Artikel auch für Nicht-Jurist/-innen gut verständlich sozialpolitische und rechtliche Hintergründe universitärer Gleichstellungspolitik. Sie zitiert Studien, die das immer wieder genannte Argument widerlegen, dass Frauen sich selbst gegen eine weiterführende Karriere entscheiden, und betont strukturelle Hindernisse, an denen sie statt dessen scheitern. Des weiteren erklärt sie wichtige Konzepte wie Entscheidungs-, Ergebnis- und Zielquoten und stellt dar, dass der Spielraum von Entscheidungsquoten, der 1995 vom Europäischen Gerichtshof stark eingeschränkt wurde, mittlerweile ausgeschöpft ist. Das Konzept des Gender Mainstreaming beschreibt sie zwar als „eine gute Idee für ein Leitprinzip“, kritisiert aber, dass es als konkrete rechtliche Verpflichtung zu vage sei (S. 126).

Als Ursachen für die ‚Gläserne Decke‘, an die Frauen in der Wissenschaft stoßen, macht die Autorin drei Bereiche fest: 1.) Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. Doppelbelastung, 2.) Hindernisse in der Karriereplanung, wie beispielsweise Männernetzwerke, geringeres Selbstbewusstsein von Frauen, geschlechtsspezifisch unterschiedliche Sozialisation, und 3.) gängige Vorstellungen von ‚Führung‘, die einen männlichen Führungsstil als Norm setzen, von der Frauen abweichten, so dass sie rasch in einen double bind gerieten: Sowohl die Übernahme eines klassisch männlichen als auch der Entwurf eines alternativen Führungsstils werde kritisiert bzw. ihnen als Schwäche ausgelegt. Sie empfiehlt dann eine Reihe von Maßnahmen, die von den bereits in anderen Artikeln genannten nicht allzu weit abweichen: Kinderbetreuungseinrichtungen, Mentoring, Qualifizierungsprogramme für Führungskräfte, Förderung eines „integrierten Führungsmodells“ (S. 137), in dem Genderstereotype abgebaut werden, Doppelkarriereprogramme für Akademiker/-innenpaare, Förderung von (Frauen-)Netzwerken etc.

Der Soziologe Stefan Hornbostel vom Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung in Bonn weist darauf hin, dass die Situation von Frauen in der Wissenschaft sich nach Disziplin, Alterskohorte, Position in der Laufbahn etc. bisweilen oft recht stark unterscheidet. Interessant ist dabei vor allem die Berechnung, dass die Chancen für Frauen, auf eine Professur berufen zu werden, offenbar umso schlechter sind, je mehr Frauen es in einer Disziplin unter den Studierenden, Absolvierenden und Promovierenden gibt! Damit wird also das immer wieder genannte Argument, dass es nur mehr gut qualifizierte Frauen bräuchte, um auch mehr Frauen in universitäre Führungspositionen zu berufen, widerlegt oder zumindest relativiert.

Dennoch nennen befragte principal investigators der deutschen Exzellenzinitiative einen „Mangel an geeigneten Kandidaten (sic!)“ (S. 158) als das größte Problem, warum trotz der geforderten Entwicklung von Gleichstellungskonzepten vergleichsweise wenige Frauen rekrutiert wurden. Hornbostel verweist hier auf die hohe Anzahl naturwissenschaftlicher Fachgebiete. Obwohl sich die Naturwissenschaften in dieser Hinsicht von Sozial- und Geisteswissenschaften unterscheiden und einen vergleichsweise geringeren Anteil an habilitierten Frauen aufweisen, erscheint mir diese Antwort dennoch auch als ‚einfachste‘ Lösung, die statt einer Verantwortung der Personalverantwortlichen oder der Erarbeitung struktureller Maßnahmen auf die schwierige Situation und die mangelnden Frauen als Erklärung zurückgreift. Besonders kritisch ist daher auch zu sehen, dass dieselben principal investigators die Geschlechtergleichstellung als relativ unwichtiges Kriterium für eine Verlängerung der Exzellenzinitiative bewerten. In der Umsetzung würde dies allerdings Stagnation oder sogar Rückschritt bedeuten: Ein schwierig zu lösendes Problem würde dann einfach aus der Liste relevanter Kriterien fallen und damit de facto gar nicht mehr bearbeitet werden.

Hornbostels eigene Schlussfolgerung ist die, dass Chancengleichheit nicht mit Gleichverteilung zu verwechseln ist, d. h., Ungleichheiten würden solange akzeptiert, wie sie bei sichergestellter Chancengleichheit aus meritokratisch organisierten Auswahlprozessen resultierten. Diese Diagnose ist meiner Meinung nach nur möglich, wenn gesellschaftlich dominante Geschlechtsstereotype sowie gesellschaftliche Strukturen, die Frauen benachteiligen, ausgeblendet werden. Andernfalls könnte hier nicht von einer Chancengleichheit gesprochen werden.

Zukunftsvisionen und persönliche Erfahrungen

Unter dem Titel „Science and Gender 2025: Will Science Become Feminine?“ sind vier kurze Statements einer Podiumsdiskussion abgedruckt: Barbara Alving, Direktorin des National Centre for Research Resources in den USA, erzählt eine Erfolgsgeschichte der Initiativen der National Institutes of Health (NIH) in den USA. Kritische Punkte kommen hier, ganz im Gegensatz zum folgenden Statement von Evelyn Fox Keller, gar nicht vor.

Keller, Professorin am MIT in den USA, kritisiert zu Beginn den Titel der Podiumsdiskussion, weil in ihm „Gender“ mit Frauen gleichgesetzt sei. Sie spricht sich gegen die These aus, dass mehr Frauen in der Wissenschaft eine weiblichere Wissenschaft bringen würden, also den (Kurz-)Schluss von biologischen Frauen – und deren erhöhter Repräsentanz im System Wissenschaft – zur Veränderung von Wissenschaft („becoming feminine“). Ihr geht es darum anzuerkennen, dass die Maskulinisierung von Wissenschaft historisch mit einer bestimmten Vorstellung von Geschlecht und geschlechtlicher Arbeitsteilung einherging, aber nicht ursächlich aus dem biologischen Geschlecht der hauptsächlichen Protagonisten hervorgeht. Naheliegenderweise folgert sie daraus auch, dass eine Veränderung in den Wissenschaften nicht allein durch Frauen hervorgerufen werden kann, sondern durch eine Veränderung im „gender system“ (S. 146), von dem Männer und Frauen geprägt sind.

In weiteren Beiträgen von Christoph Kratky, Präsident des Österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), und Hans Sünkel von der Technischen Universität Graz wird darauf hingewiesen, dass weibliche Gutachterinnen weibliche Antragstellerinnen im Schnitt ebenso schlecht bewerten wie ihre männlichen Kollegen und dass in Familie, Schule, Universität und Gesellschaft mehr getan werden müsste, um Frauen für MINT-Fächer zu begeistern und sie darin zu fördern.

Am Ende beschreibt Heidi Diggelmann, Medizinerin der Universität Lausanne, ihre eigene Karriere und gibt, abgeleitet aus ihren Erfahrungen, Empfehlungen auf individueller und struktureller Ebene: Sie legt jungen Wissenschafterinnen nahe, internationale Mentor/-innen zu suchen, Netzwerke zu bilden, alle Förderquellen auszuschöpfen, die es gibt, eigenständige Fragestellungen zu verfolgen und diese auf Kongressen und in möglichst guten Zeitschriften zu publizieren. Als typische Stolpersteine in den Karrieren von Frauen sieht sie deren Bereitschaft, sich in einer Forschungsgruppe um organisatorische und/oder soziale Aspekte zu kümmern, die aber im Wissenschaftsbetrieb als weniger relevant bewertet werden. So würden in Empfehlungsschreiben Frauen als wertvolle Mitarbeiterinnen, Männer aber über ihr Potential und ihre Führungsqualitäten beschrieben. Auf struktureller Ebene empfiehlt sie beispielsweise die Erhöhung des Frauenanteils in Beratungs- und Entscheidungsgremien, die Aufhebung von Altersgrenzen bei Stipendien, den Einbezug von Kriterien wie akademisches Alter, Qualität der Lehre, soziale Kompetenzen, interdisziplinäres Denken etc. sowie zusätzliche finanzielle Unterstützung für Kinderbetreuung statt längerem Mutterschaftsurlaub.

Wissenschaft und Gender – was lernen wir daraus?

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass einige kritische Punkte für die Unterrepräsentation von Frauen in der Wissenschaft immer wieder angesprochen werden: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, fehlende Netzwerke sowie mangelnde Unterstützung und Anerkennung für Wissenschafterinnen. An mehreren Stellen wird auch auf die systematisch schlechtere Bewertung weiblicher Wissenschafterinnen bei gleichen Leistungen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen eingegangen.

Insgesamt wird die Vereinbarkeit als besonderes Hindernis für Frauen geschildert. So sehr dies für die einzelnen Personen zutrifft bzw. immer wieder Karrieren verunmöglicht, denke ich doch, dass Angelika Wetterer (2000) zuzustimmen ist, dass viele der strukturellen Probleme, denen Wissenschafterinnen gegenüberstehen, auch unabhängig von der Mutterschaft einer Frau bestehen: Viele der anderen Schwierigkeiten betreffen auch Frauen ohne Kinder, die ebenfalls viel seltener bis zur Professur vordringen als Männer. Das heißt, so schwierig sich auch die Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft gestaltet, ist sie keineswegs das einzige und vielleicht auch nicht das schwerwiegendste Problem. Die Art, wie Vereinbarkeit diskutiert wird, ist zudem nicht unproblematisch: In mehreren Texten (beispielsweise Alving oder Hornbostel) wird genannt, dass die Universitäten erstens ihr gesamtes Potential, d. h. Männer und Frauen, ausschöpfen müssten und dass sie zweitens wertvolle, gut ausgebildete Fachkräfte verlieren, wenn sie Frauen nicht halten und ihnen keine Möglichkeiten zu flexiblerer Karriereplanung (z. B. Phasen von Teilzeitarbeit) ermöglichen. Diese Argumente und Vorschläge scheinen sich meiner Meinung nach jedoch nicht nur auf Frauen zu beschränken: Befristete Verträge, Kettenvertragsregelungen an den Universitäten, die Notwendigkeit zu individueller Mobilität (z. B. um nach einer Zeit in einer anderen Stadt, einem anderen Land wieder an die Heimatuniversität zurückkommen zu können), und die damit für die einzelnen Wissenschafter/-innen verbundenen Schwierigkeiten langfristiger Lebensplanung betreffen im Prinzip sowohl Frauen als auch Männer einer bestimmten Generation von Forschenden. Dass dies bis heute nach wie vor häufig zu einem Karriereverzicht von Frauen und einer (weitgehend) ungebrochenen Berufstätigkeit von Männern führt, kann auch daran liegen, dass es so wenig Angebote und Unterstützungen für Eltern gibt. Gute Teilzeit- und Telearbeitsregelungen, gut ausgebaute Kinderbetreuungsangebote etc. könnten – vorausgesetzt, diese Maßnahmen würden nicht nur unter dem Titel ‚Frauenförderung‘ gesetzt – auch dazu beitragen, mehr Männer zu einer aktiven Vaterschaft zu bewegen. Diese Maßnahmen könnten also gleichzeitig mehr Frauen eine aktive Teilnahme in der Wissenschaft ermöglichen sowie dazu verhelfen, das ‚Vereinbarkeitsproblem‘ als ein gesamtgesellschaftliches zu begreifen.

Der in vielen Texten auftauchende implizite oder explizite Fokus auf die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften und Technik) lässt die Situation in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften weitgehend unberücksichtigt bzw. legt nahe, dass die Situation dort besser sei. Dem wird zwar in den Berechnungen Stefan Hornbostels widersprochen, darauf bezieht sich jedoch leider sonst kein(e) Autor/-in. Dabei wird durch die Beobachtung, dass Frauen gerade in jenen wissenschaftlichen Bereichen, in denen es mehr von ihnen gibt, besonders schlechte Chancen haben, offensichtlich, dass es um weit mehr geht als um einen Bedarf an gut qualifizierten Frauen und dass Maßnahmen, die das nicht berücksichtigen, (wie beispielsweise Stipendien-, Trainings- oder Mentoringprogramme, die nicht gleichzeitig mit strukturellen Maßnahmen zur Einstellung bzw. Beförderung von mehr Frauen einhergehen) zwangsläufig scheitern müssen. Wie Wetterer (2000) halten Schiebinger und Kucsko-Stadlmayer dementsprechend auch fest, dass es vor allem die Universitäten und deren Bürokratien sind, die sich ändern müssen. Denn es gibt bereits viele hochqualifizierte Frauen, die keine Professuren haben.

Aus einer feministischen Perspektive sind vor allem die Artikel von Schiebinger, Keller, Donald und Kucsko-Stadlmayer aufschlussreich. Hausmann, Spiel et al. und Bornmann beschränken sich im Wesentlichen darauf, quantitative Studien darzulegen und eigene Berechnungen anzustellen, feministische Interpretationen dieser Studien oder Rückbezug auf feministische Wissenschaftstheorie lassen sich hier kaum finden. Bezeichnenderweise gehen nur Schiebinger, Alving und Keller auch auf die Ebene von Wissensproduktion ein, d. h. auf die Bedeutung und die Auswirkung von Geschlecht auf die Herstellung und Tradierung neuen Wissens. Schiebingers Forderung, auf Wissensinhalte einzugehen, und Kellers Appell, das biologische Geschlecht der Protagonist/-innen nicht mit den geschlechtlichen Einschreibungen in der Wissenschaft zu verwechseln, bleiben in den meisten Beiträgen leider weitgehend ungehört. Ein Einbezug von feministischen Konzepten der Wissenschaftstheorie und -kritik (beispielsweise Longino 1990, Hartsock 1999, Harding 1986, 1991 und 2001), die sich mit diesen Fragen beschäftigten, hätte den meisten Artikeln eine weitere Dimension und analytische Schärfe verliehen, die hier leider häufig abgeht.

Literatur

Harding, Sandra (1986): The science question in feminism. Ithaca: Cornell University Press

Harding, Sandra (1991): Whose science? Whose knowledge? Thinking from women’s lives. Milton Keynes: Open University Press

Harding, Sandra (2001): Feminist Standpoint Epistemology. In: Ledermann, Muriel/Bartsch, Ingrid (eds.): The Gender and Science Reader. London/New York: Routledge, S. 145–168

Hartsock, Nancy (1999): The Feminist Standpoint Revisited. Boulder: Westview Press

Longino, Helen E. (1990): Science as Social Knowledge: Values and Objectivity in Scientific Inquiry. Princeton (N.J.): Princeton University Press

Schiebinger, Londa (1989): The Mind Has No Sex? Women in the Origins of Modern Science. Cambridge (Mass.): Harvard University Press

Schiebinger, Londa (1993): Nature’s Body: Gender in the Making of Modern Science. New Brunswick (N.J.): Beacon Press

Wetterer, Angelika (2000): Noch einmal: Rhetorische Präsenz – faktische Marginalität. Die kontrafaktischen Wirkungen der bisherigen Frauenförderung im Hochschulbereich. In: Krais, Beate (Hg.): Wissenschaftskultur und Geschlechterordnung. Über die verborgenen Mechanismen männlicher Dominanz in der akademischen Welt Frankfurt am Main u.a.: Campus, S. 195–221

URN urn:nbn:de:0114-qn:1012:9

Dr. Veronika Wöhrer

Universität Freiburg

Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post Doc) am Institut für Soziologie; Lektorin an der Universität Wien

E-Mail: veronika.woehrer@univie.ac.at

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