Weibliche Migration in Geschichte und Gegenwart

Rezension von Christine Gasser-Schuchter

Edeltraud Aubele, Gabriele Pieri (Hg.):

Femina Migrans.

Frauen in Migrationsprozessen (18.–20. Jahrhundert).

Sulzbach im Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2011.

222 Seiten, ISBN 978-3-89741-314-6, € 19,95

Abstract: Parallelgesellschaften, Risikoschüler, Integrationsschwierigkeiten, … – Problemkomplexe dieser Art beherrschen die mediale Szene, wenn von Migration die Rede ist. Und nicht selten wird uns als weibliche Migrantin par excellence das Bild der Kopftuchträgerin vorgeführt, die zur figurativen Projektionsfläche unserer Aushandlungspraxis über Werte einer sich als demokratisch und liberal verstehenden Gesellschaft geworden ist. Doch gibt es überhaupt so etwas wie die Migrantin/den Migranten? Und ist Migration tatsächlich ein so aktuelles Phänomen, wie es uns der mediale, aber auch wissenschaftliche Diskurs glauben lässt? Der zu besprechende Tagungsband, der die Vielfältigkeit und die lange Geschichte weiblicher Migrationsprozesse aufzeigt, kann auf jeden Fall dazu beitragen, den Ausnahmediskurs über Migration zu relativieren.

„Migrationsprozesse sind keine junge historische Erscheinung.“ (S. 9) Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es migrierende Frauen nicht erst seit der Gastarbeiterbewegung gab und nicht nur als Folge von Familienzusammenführungen. Dass Frauen zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen Beweggründen die Entscheidung trafen, allein oder in Gruppen die Reise in eine unsichere Zukunft auf sich zu nehmen, um Verbesserungen für sich und andere zu erwirken (vgl. u. a. S. 19, 40), wird im vorliegenden Tagungsband erfolgreich aufgezeigt. Aber auch die Missverständnisse, denen diese Frauen begegneten, die Strategien, die sie für ihre Zwecke entwickelten, die Art und Weise, wie sie selbst wiederum Mittel zum Zweck werden konnten, werden thematisiert.

Gerade eine historisch-politische Auseinandersetzung zum Thema Migration, wie in dem von Edeltraud Aubele und Gabriele Pieri herausgegebenen Band vorangetrieben, kann als wohltuend bezeichnet werden. Femina Migrans lässt die historische Kontinuität von Migration deutlich werden, wodurch in gewissen Maßen die Dramatik des gegenwärtig vorherrschenden Problematisierungsdiskurses in der Politik, aber auch in den Wissenschaften der Soziologie und Erziehungswissenschaften (Stichwort ‚Bildungsbenachteiligung‘) entschärft wird. „Migration ist ein Thema, das die Welt im wörtlichen Sinne in Bewegung bringt und so alt ist wie die Menschheit“ (S. 19), lässt etwa Sabine Liebig in der thematischen Einführung verlautbaren. Indem im zu besprechenden Band die Achse ‚Geschlecht‘ in den Analysereigen mit aufgenommen wird, kann zudem zu einem tiefergehenden Sichtwechsel angeregt und der Diversität von Migrationsprozessen damals (und heute) Rechnung getragen werden.

Intersektionale Perspektive als Bereicherung für die Geschichtsforschung

Eines der m. E. zentralsten Ergebnisse des vorliegenden Bandes, der auf eine Tagung mit dem Titel „zwischenWelten. Frauen in Migrationsprozessen (18.–21. Jh.)“ des Vereins Frauen & Geschichte Baden-Württemberg e.V. in Kooperation mit der Landeszentrale für Politische Bildung Baden-Württemberg im Juni 2010 zurückgeht, ist, dass Migrationsprozesse sowohl zur Stabilisierung als auch zur Destabilisierung von Geschlechterrollen beigetragen haben und beitragen. So konnten Frauen durch ihre Entscheidung zur Migration ihren Handlungsraum erweitern, wurden z. T. sogar zu den Hauptverdienerinnen ‚ihrer‘ Familien oder versuchten durch ein Hochschulstudium im Ausland ihre Lebensqualität zu verbessern. (vgl. Iwona Dadej, S. 76) Andererseits haben gerade migrierende Frauen oft zu einer Verfestigung ‚klassischer‘ Geschlechtermodelle beigetragen, indem sie wieder in typisch weiblich besetzten Feldern Arbeit gefunden haben bzw. traditionelle Geschlechtervorstellungen aus ihrem Herkunftsort mitbrachten. Dass eine solche ‚Doppelperspektive‘ erkennbar wird, ergibt sich aus der Tatsache, dass die Intersektionalitätsforschung auch in den Geschichtswissenschaften angekommen ist. Dezidiert aufgegriffen wird das Stichwort ‚Intersektionalität‘ in dem Band allerdings nur von Sabine Liebig und Vera Kallenberg.

Liebig eröffnet (in der Einleitung) mit dem nicht näher ausgeführten Hinweis, dass „die Kategorie Geschlecht im intersektionellen Zusammenhang […] eine neue Perspektive der sozialhistorischen Migrationsforschung ermöglicht“ hat. (S. 31) Durch die konstruktive Zusammenschau von gesellschaftlichen Benachteiligungsstrukturen (‚Frau‘ und ‚Migrantin‘) können – im Gegensatz zu einer ‚Mehrfachunterdrückungs‘-Hypothese beispielsweise – auch positive Effekte von Diskriminierungssituationen hervortreten, konstatiert Kallenberg (vgl. S. 41). Sie forscht in ihrem Beitrag, den ich mit Gewinn gelesen habe, zum Delinquenzvorwurf an migrierende Jüdinnen und fragt sich u. a., ob der ‚Körper‘ eine Strukturkategorie im Sinne des Ansatzes von Nina Degele und Gabriele Winker (des Standardwerks zur intersektionalen Analyse) sein kann. (vgl. S. 55 f.).

Hinter diesem konstruktiven Blick auf Geschlecht steht letztlich auch ein Paradigmenwechsel in der anthropologischen Geschlechterforschung: weg von einem (paternalistischen) Opferdiskurs (der 1980er und 1990er Jahre) hin zu einem Verständnis des Subjekts, das sowohl autonom als auch in Beziehung handelt. Frauen und Migrantinnen gerieten nämlich auch in der Geschichtsforschung (und Politikwissenschaft) zusehends nicht mehr nur vorrangig als Opfer, sondern auch als selbstbestimmte Akteurinnen in den Blick – auch wenn dieser Ausbruch aus der traditionellen Geschlechterordnung häufig auf der Grundlage einer aufrechterhaltenen Geschlechterdichotomie funktionierte, wie Stephan Scholz in seiner Analyse von Fluchtliteratur und deren Verfilmungen zeigen kann. Die Frauen treten darin im Grunde als heldenhafte Friedenswahrerinnen (im Gegensatz zu den kriegenden Männern) auf. (vgl. S. 112 ff.)

Der Band wirft jedenfalls die Frage auf, ob migrationsgeschichtliche Beiträge, in denen durch das Zusammendenken verschiedener Ungleichheitslagen autonomieerweiternde (anstatt unterdrückende) Aspekte benannt werden können, schon als ‚intersektional‘ gelten können. Für die Zukunft wäre eine grundsätzliche methodologische Auseinandersetzung zur Frage, wie die in den Sozialwissenschaften beheimatete Intersektionalitätsanalyse mit den Geschichtswissenschaften zusammengebracht werden kann (und wie sich unser Verständnis von Geschichte dadurch ändert), jedenfalls spannend.

Weibliche Migrationserfahrungen und ihre Vermittlung im Museum

In weiterer Folge wird ‚Geschlecht‘ meist im Zusammenhang mit der Frage nach dem Verbleib der weiblichen Migrantinnen im Forschungskontext und in der Erinnerungspolitik erörtert. Somit ist Femina Migrans dann auch Programm. Konsens der Autor/-innen des Sammelbandes ist, dass die Forschung bislang zu stark auf männliche Migranten fokussiert hat und Migrantinnen zu wenig in ihrer selbstgewählten Entscheidung zur Wanderung, sondern lediglich als Familienangehörige gesehen wurden. (vgl. S. 13) Daher liegt in einigen Beiträgen der Fokus auf dem ‚Schicksal‘ weiblicher Migrantinnen: seien es „Dienstmägde um 1800“ (wie im Beitrag von Kallenberg), polnische „Bildungsmigrantinnen im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts“, die ein Studium in der Schweiz aufnahmen, als in den meisten Ländern Frauen noch nicht zum Studium zugelassen waren (Autorin Dadej), oder Kriegsvertriebene (Beitrag von Scholz), wobei die Letztgenannten jedoch weniger aufgrund ihrer selbst gemachten Erfahrungen als in ihrer Funktion für nationalsozialistische Propaganda erörtert werden. Diese drei Beiträge bilden dann auch den ersten und seitenumfangsstärksten der drei Hauptteile, der als einziger historisch im eigentlichen Sinne ist (übertitelt mit „Historische Fallbeispiele und Erinnerungspolitik“). Die anderen beiden Hauptteile thematisieren „Rezeption und Vermittlung von Migrationserfahrung“ und „Integration als gesellschaftliche Herausforderung“ und sind stärker sozialwissenschaftlich, museologisch bzw. praxisorientiert angelegt.

Regina Wornisch sowie Caroline Gritschke und Barbara Ziereis optieren in ihren Beiträgen zur musealen Rezeption von (v. a. weiblichen) Migrationserfahrungen des zweiten Teils gut begründet für eine narrative Aufbereitung der Migrationserfahrung (z. B. lebensgeschichtliche Erinnerungen von Frauen, Erzählcafés, …) und somit für offene Räume der Erinnerung und Begegnung anstatt der lange vorherrschenden Museumskultur einer Repräsentationslogik (bürgerlicher Kultur- und Herrschaftsgeschichte). (vgl. S. 153) Hier gehe es nicht darum zu zeigen, „wie es wirklich war, sondern, wie Vergangenes gegenwärtig erinnert wird.“ (S. 156) Es werden neue Museumskonzeptionen benötigt, die einen hybriden Raum ermöglichen, in dem starre Einteilungen von ‚eigen‘ und ‚fremd‘ sich bis in die Bedeutungslosigkeit hinein verschieben lassen. (vgl. z. B. zu ‚Hybridität‘ S. 181) Laut den Autorinnen, die konkrete Ausstellungen der jüngeren Zeit auf das Vorkommen „weiblicher Migration“ hin untersuchten, geht es nämlich auch um die Bearbeitung aktueller Integrationsprobleme und darum, wie Deutschland mit der Tatsache umgeht, ein „Ein-Wandererland“ (S. 169) zu sein. Wie Marina Liakova in ihrem Beitrag zur sozialwissenschaftlichen Rezeption der Migrationsrealität (ebenfalls zweiter Teil) darstellt, divergieren Wissenschaft und Politik jedoch genau in diesem Punkt: „Obwohl die Politik bei der These bleibt, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, erkennt die Wissenschaft die Tatsache der Einwanderung an“. (S. 132)

Gelungene Integration und Bildung als Lösung

Aktuelle Debatten aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich beschäftigen sich sehr stark mit dem Umgang der sogenannten ‚Aufnahmegesellschaft‘ mit dem Migrationsphänomen: „Die Aufnahmegesellschaft entscheidet, ob der konkrete Migrationshintergrund als Kapital (im Sinne von Pierre Bourdieu) gilt oder nicht…“ (S. 143), wie Liakova betont. Die Autorin ist u. a. den unterschiedlichen Bezeichnungspraxen – von ‚Ausländern‘ und ‚Gastarbeitern‘ zu ‚Migrantinnen‘ und ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ – nachgegangen, die auch unterschiedliche Auffassungen von Integration (Anpassung an Aufnahmegesellschaft bis hin zur „Heterogenität und Diversifizierung unter den Migrantinnen“, S. 140) nach sich ziehen. Das Stichwort ‚Integration‘ findet sich übrigens wenig überraschend im gesamten Band häufig, wird allerdings nur hier näher bestimmt. (vgl. S. 142 f.)

Die beiden praxisbezogenen Beiträge des letzten Teils wiederum stellen Projekte vor, in denen Integration hier und jetzt gelebt wird. Im „Mädchen- und Frauenladen Sie’ste“ (S. 201 ff.) in der Ulmer Weststadt gibt es Türkisch-Deutsche Frauenfreundschaftsgruppen, ein Mädchen- bzw. Frauencafé, einen „Kreativ“-Treff, Ausstellungs- und Buchprojekte sowie Gesundheitsprävention (Autorinnen Rukiye Kaplan und Sigrid Räkel-Rehner), während das „Stipendien- und Mentorenprogramm ‚Ağabey-Abla‘“ (S. 213 ff.) (übersetzt „Großer Bruder – Große Schwester“) des Deutsch-Türkischen Forums Stuttgart e.V. zur Verbesserung der Bildungschancen türkischstämmiger Schüler/-innen beitragen will, indem Gymnasiasten und Studierende mit ähnlichem kulturellen Hintergrund diese fördern und begleiten (Autorin Ruhsar Aydoğan). Um Bildung drehte sich schließlich auch die Podiumsdiskussion der Tagung, deren Hauptergebnisse Sylvia Schraut zusammengetragen hat. Vom Mainstream der üblichen Rezepturen für den Bildungsbereich hob sich v. a. ein Konsens der Podiumsteilnehmerinnen (großteils mit Migrationshintergrund) ab, nämlich die Scheu, „explizite Forderungen an den Staat zu richten“. (S. 197) Statt auf „(Zwangs-)Maßnahmen“ (wie etwa eine Vorschulpflicht) setzen sie lieber auf „individuelle Überzeugungsarbeit“. (S. 197)

Kritik

Vorab möchte ich ein allgemeines Lob an den Ulrike Helmer Verlag aussprechen. Wieder einmal konnte ich mich von dessen Händchen für aktuelle geschlechterbewusste Themen sowie dessen sauberem Lektorat (nur einige minimale typografische Fehler) überzeugen. Das ist in Zeiten von zunehmendem Druck auf Verlage (mit dessen negativen Konsequenzen) nicht hoch genug einzustufen.

Was ich beim Lesen des Sammelbandes vermisst habe, waren einige zusätzliche Bindeglieder: wie etwa der Zusammenhang von sozialwissenschaftlicher Intersektionalitätsforschung und Geschichtswissenschaft, die nähere Bestimmung von ‚Integration‘ (die womöglich auch die etwas unverbunden wirkenden Beiträge des letzten Teils stärker hereinholen hätte können) und schließlich ein Vergleich geschlechtsspezifischer Migrationserfahrungen mit den herrschenden Geschlechterordnungen (damals wie heute). Auch der Aspekt der Religion bleibt unterbelichtet. Durch die starke Zuspitzung von Geschlecht auf weibliche Migration wird möglicherweise doch ein Differenzverständnis von Geschlecht weiter fortgeschrieben, was allerdings nicht in der Intention der Herausgeberinnen lag. Dennoch bin ich mir darüber im Klaren, dass es nicht Aufgabe eines Tagungsbandes sein kann, alle Argumentationsgänge restlos auszuschreiten. Schließlich hatten die Herausgeberinnen, die sich übrigens von ihrer Mitgliedschaft im Verein Frauen & Geschichte Baden-Württemberg e.V. kennen, mit einer Menge sehr unterschiedlicher Beiträge zu tun. Die an sie herangetragene Aufgabe haben sie dann auch erfolgreich gemeistert. Die Einfügung von Zwischenüberschriften (Bezeichnung der Hauptteile) schafft eine klar nachvollziehbare Ordnung. Die Kurzzusammenfassungen (zu den Beiträgen) im Einleitungsteil verweisen auf redaktionell saubere Arbeit. Eine thematische Einführung, die vorab noch einmal auf grundsätzliche Weise versucht, das Begriffsfeld von „Migration und Geschlecht“ (S. 19 ff.) abzustecken, kann ebenfalls als gelungene Entscheidung bezeichnet werden.

Das interdisziplinär ausgerichtete Buch bietet neben einigem Altbekannten und manch lapidar betriebener Zusammenfassung des Forschungsstandes zu Migration und Geschlecht auch viele interessante und weniger bekannte Informationen sowie ausführliche Literaturapparate – von daher ist es sowohl für Einsteiger/-innen ins Thema als auch für jene, die nach Inspiration für weitere Forschungsvorhaben in diesem noch recht jungen Feld suchen, geeignet.

URN urn:nbn:de:0114-qn:1002:3

Christine Gasser-Schuchter

Universität Wien

Universitätsassistentin (prae doc) am Institut für Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät. Mitglied in der European Society of Women in Theological Research (ESWTR) und Mitherausgeberin des Jahrbuchs der ESWTR von 2007-2011. Derzeit: Dissertation zu Bildungsgerechtigkeit.

Homepage: http://ktf.univie.ac.at/site/se/mitarbeiterinnen/vita/article/2279.html

E-Mail: christine.gasser@gmx.at

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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