Lena Correll: Der Wandel der Familie wird überschätzt

Der Wandel der Familie wird überschätzt[1]

Lena Correll

Abstract: Seit mehren Jahrzehnten wird regelmäßig in den Medien der Untergang der Familie beschworen. Der Artikel zeigt, dass der Wandel in Deutschland weit weniger ausgeprägt ist, als zumeist angenommen wird. Zum einen besteht die deutliche Mehrheit der Familien noch immer aus ‚traditionellen‘ Kleinfamilien (Ehemann/-frau und Kind/ern), und außerdem ist die Vielfalt der Familienformen begrenzt. Eine Betrachtung in historischer Perspektive belegt zudem, dass die Pluralisierung der Familienformen früher weitaus stärker ausgeprägt war. Heutzutage kann überhaupt nur von einer Pluralisierung von Lebens- und Familienformen gesprochen werden, wenn als Referenzrahmen das ‚goldene Zeitalter der Ehe und Familie‘ (die 1950er/60er Jahre in Westdeutschland) herangezogen wird. Die begrenzte Pluralisierung der Familienformen ist nicht zufällig. Familienformen sind auch heutzutage nicht komplett frei wählbar; das wohlfahrtsstaatliche System in Deutschland stützt nach wie vor die traditionelle Kleinfamilie und wertet andere Lebensentwürfe demgegenüber ab.

„Die traditionelle Familie stirbt aus“ (Der Spiegel, 28.11.2007); „Ohne den Ur-Kosmos der Familie wird unsere Gesellschaft untergehen!“ (Frank Schirrmacher in Bild, 14.3.2006) oder „Familie: Abschied von einem Traum“ (Focus, 15.2.1993) – seit mehreren Jahrzehnten wird regelmäßig in den Medien der Untergang der Familie beschworen. Die hohen Scheidungsziffern (fast jede zweite Ehe wird geschieden) und die Zunahme von Kinderlosigkeit (circa ein Viertel der Jüngeren bekommen keine Kinder) lassen den Eindruck der „Single-Gesellschaft“ entstehen, um ein weiteres Schlagwort aus der Debatte zu benennen. Es scheint, als hätte sich die These der Individualisierung (Beck/Beck-Gernsheim 1990) vorrangig im Bereich des Liebeslebens und der Lebensform bestätigt.[2] Dabei entsteht der Eindruck, jeder habe die Wahl, könne nach seiner Façon glücklich werden, jeder sei freigesetzt aus traditionellen Lebenslagen und -mustern, und es gelte, nur aus einer riesigen ‚biografischen Optionsflut‘ (Schneider 2002) auszuwählen.

Gegen diese populären Einschätzungen werde ich im Folgenden einige Argumente ins Feld führen. Meine erste These lautet, dass der Wandel weit weniger ausgeprägt ist, als zumeist angenommen wird, und überhaupt nur von einer Pluralisierung von Lebens- und Familienformen gesprochen werden kann, wenn als Referenzrahmen das ‚goldene Zeitalter der Ehe und Familie‘ (die 1950er/60er Jahre in Westdeutschland) herangezogen wird. Meine zweite These ist, dass Familienformen auch heutzutage nicht komplett frei wählbar sind, sondern dass das wohlfahrtsstaatliche System in Deutschland nach wie vor die traditionelle Kleinfamilie stützt und andere Lebensentwürfe demgegenüber abwertet.

Familie – heute: Begrenzte Pluralisierung!

Zunächst einmal lässt sich das medial gezeichnete Bild vom Ende der Familie durch einen Blick auf die Familienformen in Deutschland stark relativieren. Familie im ‚statistischen Sinn‘ „besteht […] immer aus zwei Generationen […]: Eltern/-teile und im Haushalt lebende ledige Kinder“ (Statisches Bundesamt 2009, S. 32).[3] Nach wie vor sind drei Viertel aller Familien in Deutschland Kleinfamilien, was die Konstellation Mutter-Vater-Kind(er) bezeichnet.[4] Die Pluralisierung der Familienformen ist damit auf ein Viertel der Familien begrenzt. Die zweithäufigste Familienform sind die Alleinerziehenden (knapp 20 % aller Jugendlichen wachsen bei Alleinerziehenden auf, vgl. Statistisches Bundesamt 2010). Die dritthäufigste Familienform sind so genannte Lebensgemeinschaften mit Kind/ern. Im Bezug auf die genannten Familienformen zeigen sich jedoch in Deutschland ausgeprägte regionale Differenzen, vor allem zwischen ost- und westdeutschen Bundesländern. Die ,traditionelle‘ Kleinfamilie ist in den alten Bundesländern immer noch vorherrschend, während Frauen in den neuen Bundesländern fast doppelt so häufig in nichtehelichen Partnerschaften leben und in der Regel jünger sind, wenn sie ihr erstes Kind bekommen (Bernardi/Keim 2007, S. 318).[5] Neben den Ost-West-Differenzen zeigen sich auch Stadt-Land-Differenzen: Tendenziell gilt, dass in Ballungszentren traditionelle Kleinfamilien weniger weit verbreitet sind als in ländlichen Regionen. Dies zeigt sich etwa daran, dass die Stadtstaaten (Berlin, Bremen, Hamburg) sehr niedrige Eheschließungswerte aufweisen (vgl. Statisches Bundesamt 2009, S. 54) bzw. dass z. B. in Berlin fast die Hälfte aller Kinder von Alleinerziehenden oder nicht-verheirateten Paaren aufgezogen werden.

Festgehalten werden kann, dass nach wie vor die große Mehrheit der Kinder in Deutschland bei ihren leiblichen Eltern in einer ehelichen Familie aufwächst. Zudem zeigt sich, dass die Vervielfältigung der Familienformen auf wenige Grundtypen beschränkt bleibt.[6] Die dargestellten Daten belegen, dass die in der öffentlichen Diskussion und auch in den Sozialwissenschaften gängige Annahme einer Pluralisierung der Lebens- und Familienformen relativiert werden muss.[7]

Historische Einordnung der Norm der ‚traditionellen‘ Kleinfamilie[8]

Wenn es um die Frage geht, ob sich die Familienformen pluralisiert haben, bedarf es außerdem eines Referenzrahmens: Es ist zu fragen, im Vergleich zu wann hat eine Pluralisierung stattgefunden? Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass früher aufgrund der großen stände- und schichtbezogenen Differenzen lange Zeit eine weitaus größere Vielfalt familialer Lebensformen existierte.[9] Elternschaft wird in den vor- und frühindustriellen Gesellschaften West- und Mitteleuropas bis weit in das 19. Jahrhundert hinein durch religiöse Keuschheitsgebote, ökonomisch motivierte Heiratsschranken und die soziale Ächtung unehelicher Geburten reguliert. Auch unser vorherrschendes Bild von der vormodernen Familie als kinderreicher Familie wird übrigens erst im 18. Jahrhundert und auch nur für kurze Zeit Realität (vgl. Gerlach 2004, S. 49).[10] Gegen Ende des 18. Jahrhunderts werden mit der Industrialisierung Großfamilien seltenerer, und die Vorstellung der bürgerlichen Kern- bzw. Kleinfamilie gewinnt an Bedeutung.[11] Die historische Darstellung verdeutlicht, dass die Organisation der Institution ‚Familie‘, z. B. in Form der Kleinfamilie, zeitlich und kulturell variabel ist (vgl. Gerlach 2004, 80). Der historische Rückblick zeigt auch, dass die Familienformen mindestens bis zum 19. Jahrhundert eine größere Pluralität aufwiesen als heute.

Referenzrahmen: ‚Goldenes Zeitalter der Ehe und Familie‘

Wenn heutzutage ein Rückgang der Familie beklagt wird, wird meist implizit ein bestimmter Referenzrahmen herangezogen: Das so genannte ‚goldene Zeitalter der Ehe und Familie‘ in Westdeutschland, die 1950/60er Jahre (vgl. Correll 2010, 109–120).[12] Niemals vorher oder nachher entsprach die Norm der traditionellen, heterosexuellen Kleinfamilie mehr der Lebensrealität als zu dieser Zeit. Dies belegen einige Daten: Der Anteil der Verheirateten steigt bis 1966 auf 52,1 % für Männer und 47,1 % für Frauen an, während z. B. 1910 nur 36,2 % der Männer und 35,3 % der Frauen verheiratet waren (vgl. 1. Familienbericht 1968, S. 23; 2007 sind 44,5 % der Männer und 43,1 % der Frauen verheiratet, vgl. Statistisches Bundesamt 2009, S. 43).[13] Rund 8 % der Ehen bleiben ‚kinderlos‘ (vgl. 1. Familienbericht 1968, S. 39). Dies entspricht auch den Einstellungen in der Bevölkerung damals: So wird die Ehe ohne Kinder in einer Umfrage von 1954 von 69 % der Befragten entschieden abgelehnt, nur 3 % befürworten diesen Lebensentwurf (vgl. 1. Familienbericht 1968, S. 36). Die Scheidungsrate hingegen lag 1960 bei 8,1 % (1981 z. B. bei 30,5 %, 2005 bei 51,9 %). In derselben Zeit ist ein kontinuierlicher Anstieg der Geburtenhäufigkeit bis Mitte der 1960er Jahre zu verzeichnen (vgl. Schmidt 2002, S. 251).[14] Diese kurze historische Phase wird auch als Höhepunkt der Familiarisierung bezeichnet. Schon ab Mitte der 1960er Jahre geht das ‚goldene Zeitalter‘ langsam zu Ende: Es setzt z. B. ein Rückgang der Geburten (vgl. 5. Familienbericht 1994, S. 35) ein, der bis heute anhält.

Familienformen sind nicht komplett wählbar

Ich komme nun zu meiner zweiten These: Die Einschätzung im öffentlichen Diskurs, in unserer modernen und toleranten Gesellschaft sei alles eine Frage der Wahl, ist unterkomplex. Gängige Annahme der Sozialwissenschaften ist, dass das Leben des Einzelnen und dessen Handlungen nicht in einem ‚leeren Raum‘ stattfinden, sondern in institutionalisierten Verhältnissen. Oder allgemeiner gesagt: Das Handeln von Individuen vollzieht sich im Kontext ökonomischer, sozialer, politischer und historisch-kultureller Bedingungen (vgl. Dackweiler 2006, S. 83). Diese Bedingungen können bestimmte Lebensentwürfe befördern, indem sie zusätzliche Ressourcen zur Verfügung stellen, oder auch behindern, indem sie Ressourcen vorenthalten. Gerade dem politischen System kommt hier eine besondere Bedeutung zu. Denn es unterscheidet sich von den anderen Teilsystemen insofern, als es absichtsvoll durch den Einsatz von Macht versucht, diese anderen Teilsysteme zu beeinflussen (vgl. Hondrich 2007, S. 230). „Wohlfahrtsstaatliche Rahmenbedingungen entscheiden nicht zuletzt darüber, in welchem Maß die ökonomischen Existenzgrundlagen und die Absicherung sozialer Risiken von der Familienform abhängen“ (Kreyenfeld/ Konietzka 2007, S. 36).[15] Wie diese Rahmenbedingungen in Deutschland aktuell konkret aussehen, soll im Folgenden genauer beleuchtet werden.

Das wohlfahrtsstaatliche System stützt nach wie vor die traditionelle Kleinfamilie

Das wohlfahrtsstaatliche System in Deutschland zeichnet sich nach wie vor durch einen starken „Familialismus“ aus (Esping-Andersen 1999; vgl. Dachweiler 2003, S. 71). Die in der Familienpolitik hergestellten Normen werden durch das jeweilige wohlfahrtsstaatliche bzw. institutionelle Anreiz- und Anrechtssystem gestützt, z. B. die Rechtsnormen über Volljährigkeit, Heiratsfähigkeit, das Ehe- und Familienrecht und die Scheidungsgesetze (vgl. Correll 2010, S. 110). Die Vorrangstellung, die der traditionellen Familie in Form der Hausfrauen- bzw. später der Zuverdienerehe eingeräumt wird, bleibt dabei seit mehr als fünf Jahrzehnten[16] stabil, z. B. durch das Steuer- und Sozialversicherungssystem (vor allem das Ehegattensplitting und die soziale Absicherung über den Ehemann) sowie die Unterausstattung der öffentlichen Betreuungseinrichtungen (vgl. Henninger u. a. 2008; Pinl 2003, S. 6 f.). Dementsprechend wird weiterhin auf die materielle Förderung von Familien bzw. Ehen vor allem durch einen Familienlastenausgleich gesetzt (62 % der staatlichen Leistungen für Familie sind finanzielle Leistungen, vgl. Schmidt 2004, S. 4) und nicht auf die Förderung von Individuen, z. B. Kindern. Gleichzeitig werden vor allem in den letzten zehn Jahren teilweise auch Maßnahmen umgesetzt, die de-familiarisierend wirken (wie z. B. das 2007 eingeführte Elterngeld,[17] der Ausbau der außerhäuslichen Kinderbetreuung und der Ganztagsschulen). Allerdings beträgt der gesetzliche Anspruch auf einen Kindergartenplatz nur vier Stunden pro Tag. Daran wird deutlich, dass weiterhin hauptsächlich das Zuverdienermodell gestützt wird und nicht das Zwei-Verdiener-Modell.

„Das Kleinfamilienmodel ist in seinem Monopolanspruch zwar relativiert, bleibt aber für die Mehrheit der Bevölkerung Fixpunkt und Leitbild familiarer Orientierungen“ (Meyer 1996, S. 330). Sie stellt das Leitbild der privaten Lebensführung dar. So erfährt z. B. der Satz: ‚Ein Kind braucht Mutter und Vater, um glücklich aufzuwachsen‘, immer noch große Zustimmung bei beiden Geschlechtern (vgl. Höhn u. a. 2006, S. 39).

Neben den Verharrungstendenzen zeigen sich auch Tendenzen der Re-Familiarisierung, z. B. die Rückverlagerung der Pflege in die Familie durch Kürzungen der Gesundheitsleistungen (vgl. Ostner 2006, S. 189 f.). Gleichzeitig belegen andere Maßnahmen die zunehmende Bedeutung der individuellen Ökonomisierung und des Zwei-Verdiener-Modells. So enthielten etwa die Hartz-Reformen die Aufforderung an Väter und gleichermaßen an Mütter, erwerbstätig zu sein (vgl. Ostner 2006, S. 192). Auch der Schwerpunkt ‚familienfreundliches Unternehmen‘ in der Familienpolitik belegt die Bedeutung der Inanspruchnahme des elterlichen, vor allem des mütterlichen Erwerbspotentials (vgl. BMFSFJ/Bertelmann Stiftung 2004). 2001 trat das reformierte Bundeserziehungsgesetz in Kraft, das ermöglichen soll, dass Eltern die Elternzeit von insgesamt drei Jahren künftig auch gemeinsam nehmen (vgl. 6. Familienbericht 2000, XIII). Auch mit anderen Maßnahmen wie dem neuen Elterngeld seit 2007 wird versucht, Väter stärker einzubinden.

Gleichzeitig wird die Aufwertung anderer Lebensentwürfe teilweise in familienpolitische Maßnahmen überführt, z. B. in das Lebenspartnerschaftsgesetz für gleichgeschlechtliche Partnerschaften von 2001 oder die Stiefkindadoption seit 2005. Andere Lebensformen werden so zwar aufgewertet, aber die heterosexuelle Ehe gilt nach wie vor als die Norm, was sich daran zeigt, dass z. B. keine Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Verpartnerung mit der heterosexuellen Ehe stattfindet.

Festgehalten werden kann: Das wohlfahrtsstaatliche Anreiz- und Anrechtsystem stützt nach wie vor die Kleinfamilie, insbesondere in seiner traditionellen Form (Ehemann/-frau und Kind/er). Andere Familienformen und Lebensentwürfe werden zwar teilweise aufgewertet, sind aber immer noch mit Benachteiligungen verbunden.

Fazit

Was als eine Familie gilt und was nicht, ist nicht naturwüchsig, sondern wird subjektiv und gesellschaftlich hergestellt (vgl. Berger/Luckmann 1997). ‚Wirklichkeit‘ wird damit nicht als gegeben angenommen, sondern muss immer wieder erschaffen werden und ist historisch wandelbar.

Die aktuellen Familienstrukturen zeigen, dass der gesellschaftliche Wandel der Familie sich nicht mit einem engen Verständnis von gesellschaftlicher Individualisierung als linear sich fortschreibendem Prozess der Öffnung von Optionen und der Pluralisierung von Lebensformen beschreiben lässt. Stattdessen kann von einer auf einige Grundtypen beschränkten Pluralisierung von Familienformen in Deutschland gesprochen werden. Der Strukturwandel seit Ende der 1960er Jahre hat in Westdeutschland also nicht zu einer Beliebigkeit der Lebensformen geführt, die Vielfalt der Lebensformen ist vielmehr auf wenige Grundtypen beschränkt. Dabei ist die Lebensform der Kleinfamilie (Vater, Mutter und Kind/er) nach wie vor die häufigste Familienform.

In historischer Perspektive stellt die Kleinfamilie eine neue Lebensform dar. Ein Rückblick verdeutlicht, dass bis zum 19. Jahrhundert eine weitaus größere Vielfalt an familialen Lebensformen existierte als heute. Diese Vielfalt wird aber zumeist vernachlässigt, da als Referenzrahmen, an dem heutige Entwicklungen der Familie gemessen werden, oftmals das so genannte ‚goldene Zeitalter der Ehe und Familie‘ der 1950/60er Jahre herangezogen wird. Die Vorstellung, was eine Familie prägt, was als Familie bezeichnet wird, wird damit in Deutschland immer noch an einem ‚Idealzustand‘ gemessen, der keine zwei Jahrzehnte andauerte.

Welche Formen von Familie lebbar sind, ist auch abhängig von den wohlfahrtstaatlichen Leitbildern bzw. Anreiz- und Anrechtstrukturen. Diese Leitbilder und Strukturen weisen Beharrungsvermögen auf, und die Hegemonie der Kleinfamilie ist dort nach wie vor wirkmächtig. Die Aufarbeitung der familienpolitischen Diskurse seit der Gründung der Bundesrepublik zeigt eine ungebrochene Fokussierung auf die heterosexuelle Kleinfamilie, die trotz einer Abschwächung der Ehezentrierung und des Wandels von der Hausfrauenehe hin zum Zuverdienermodell anhält. Andere Lebensentwürfe werden als Abweichung bzw. Übergangszustand konstruiert und sowohl kommunikativ als auch durch die politischen Praxen sanktioniert (z. B. Ehegattensplitting, höhere Kosten für Menschen ohne Kinder in der Pflegeversicherung). Die familienpolitischen Leitbilder werden somit institutionell verfestigt, und zwar sowohl, indem sie in familienpolitische Maßnahmen übersetzt werden, als auch, indem sie in öffentlichen Institutionen wie etwa öffentlichen Verwaltungen (vgl. Correll 2010, S.160–175) eingeschrieben werden. Damit verbunden ist eine institutionelle Stützung, während andere Familienformen nach wie vor als Abweichung gelten und sich oftmals gegen institutionelle Widerstände behaupten müssen. Die Ergebnisse der von mir durchgeführten Studie zu Kinderlosen belegen, dass andere Lebensformen – in diesem Fall das Leben ohne Kinder – nach wie als Abweichung gelten und auch individuell legitimierungsbedürftig sind (vgl. Correll 2010, S. 176–263).

Vom Ziel der Anerkennung familiärer Diversität sind wir heute trotz der medialen Rede vom Ende der tradionellen Familie noch weit entfernt. Dafür müssten unterschiedlichste Familienformen gesellschaftlich gleichermaßen wahrgenommen und anerkannt werden.[18]

Anmerkungen

[1]: Der Artikel fasst wesentliche Ergebnisse meiner Doktorarbeit zusammen (vgl. Correll 2010).

[2]: Individualisierung befördert den ‚Strukturwandel der Familie‘ (vgl. Peuckert 2004).

[3]: Nicht als Familie gelten im Mikrozensus z. B. Frauen und Männer, deren Kinder bereits aus dem gemeinsamen Haushalt ausgezogen sind. Aus dieser Definition von Familie ergeben sich zwei Schwierigkeiten. Erstens kann z. B. ein Anstieg von Single-Haushalten oder Paarhaushalten ohne Kinder nicht einfach mit einem Niedergang der Familie bzw. mit der Zunahme von dauerhaft Kinderlosen gleichgesetzt werden (vgl. Statisches Bundesamt 2009, S. 32). Denn dieser Anstieg kann auch auf eine erhöhte Lebenserwartung zurückgeführt werden, da Menschen/Paare, deren Kinder ausgezogen sind, laut dieser Statistik den restlichen Teil ihres Lebens nicht mehr als Familie gelten. Zudem ergibt sich noch eine zweite Schwierigkeit: Durch die verengte ‚Brille der Statistik‘ gesehen – das Statistische Jahrbuch unterscheidet nur drei Kategorien (traditionelle Kleinfamilie, Alleinerziehende und andere Lebensgemeinschaften) – fallen mögliche andere Familienformen komplett aus dem Blickfeld bzw. werden fälschlicherweise einer der drei Gruppen zugeordnet. Darüber, wie viele Kinder z. B. in anderen Familienformen aufwachsen (z. B. Großfamilie, Wohngemeinschaft, Kommune, SOS-Kinderdorf, Zweitfamilie, Zwei-Kern-Familien), können auf der Basis der Statistik keine Aussagen gemacht werden. Die Frage der Definition von Familie in der Statistik erweist sich damit als ein Kristallisationspunkt. Um die Bandbreite und Verbreitung unterschiedlichster Familienformen überhaupt beschreiben zu können, bedarf es einer erweiterten Definition von Familie in den statistischen Erhebungen.

[4]: Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, lebten im Jahr 2008 rund 25 % der insgesamt 3,4 Millionen Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren bei Alleinerziehenden oder Lebensgemeinschaften. Im Jahr 1996 waren es noch 17 % der damals 3,6 Millionen Jugendlichen gewesen. Nach wie vor wachsen Jugendliche jedoch am häufigsten in traditionellen Familienformen auf: 2008 zogen Ehepaare immer noch 75 % der Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren groß (Statistisches Bundesamt 2010c).

[5]: Während in Westdeutschland 2006 77 % aller Familie ‚traditionelle‘ Kleinfamilien waren, lag diese Zahl in Ostdeutschland nur bei 58 % (Bundeszentrale für politische Bildung 2008, S. 34). Dies ist vor allem auf die größere Verbreitung unehelicher Lebensgemeinschaften zurückzuführen (2006 bei 17 %). Dies ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass die DDR nicht so am Kleinfamilienpaar orientiert war, was die Umsetzung von Kinderwunsch und die Stabilität von Partnerschaft betrifft, da in der DDR „mit ihrem liberalen Scheidungsrecht und der relativ guten finanziellen Absicherung der Alleinerziehenden ökonomisch nicht von Bedeutung war, ob man verheiratet ist war oder nicht“ (Bertram 2006, S. 220).

[6]: Dies gilt im Übrigen nicht nur für Familienformen, sondern auch für Lebensformen allgemein: 81 % der Bevölkerung im Alter von 35 bis 44 Jahren leben in den drei wichtigsten Lebensformen: verheiratet mit Kindern, verheiratet ohne Kinder, allein lebend/ledig (vgl. Meyer 2004, S. 72).

[7]: Auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung wird zunehmend auf die Begrenztheit dieser Pluralität aufmerksam gemacht (vgl. Kreyenfeld/Konietzka 2007, S. 40; Maihofer 2004; Meyer 2004; Lüscher 2001, S. 11).

[8]: Für eine ausführliche historische Einordnung siehe Correll 2010, S. 39–44.

[9]: Es existierten neben der heute vorherrschenden Form von Familie (bestehend aus zwei Generationen, die verwandt sind und zusammen wohnen) z. B. Großfamilien wie Mehrgenerationenfamilien oder Haushalte, in denen noch andere Verwandte wie Onkel, Tanten, Cousins, Schwiegereltern, Schwager oder Schwägerin lebten. Hinzu kamen noch Familien, die aus einer Kernfamilie und weiteren Personen bestanden, die nicht verwandt waren (z. B. Ammen in den oberen Schichten).

[10]: Die letzte Frauengeneration, die ausreichend Kinder geboren hat, um die Elterngeneration zu ersetzen, sind die Frauen der Geburtsjahrgänge 1880/81 (vgl. Gerlach 2004, S. 49).

[11]: In diesem Zusammenhang verändern sich auch die Vorstellungen von Elternschaft: Bis zum „Ende des 17. Jahrhunderts werden die meisten Kinder kaum bewusst erzogen, und für die physische Versorgung ist oft nicht die leibliche Mutter zuständig (vgl. Szewczyk 2000, S. 10). Die heute noch vorherrschende Vorstellung der Alleinverantwortung der Mutter, die dem Kind Tag und Nacht zur Verfügung stehen sollte, wird erst im 20. Jahrhundert entwickelt (vgl. Schütze 1986, S. 28).

[12]: Die deutsche Wiedervereinigung stellt keine Wende in den Familienpolitik und den darin hergestellten Normen dar, da es nicht zu einer Aushandlung der Normen kommt, sondern die westdeutschen Normen auf Ostdeutschland übertragen werden. Die Lebensrealitäten hingegen haben sich nach wie vor nicht vollkommen angeglichen, so gibt es wie schon erwähnt in Ostdeutschland mehr unverheiratete Eltern. Dies ist jedoch kein neues Phänomen: In der DDR gab es 1950 schon ähnlich viele Alleinerziehende wie heute, nämlich rund 18 %.

[13]: Ähnliches gilt für Kinderlosigkeit, diese lag im ‚goldenen Zeitalter von Ehe und Familie‘ mit circa 10 % auf einem Tiefstand.

[14]: Die gewünschte Kinderzahl steigt von 2,2 (1950) auf 2,6 (1958) an (1. Familienbericht 1968, S. 166).

[15]: Auch die Entstehungsgeschichte von Familienpolitik macht dies deutlich: In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird ‚Bevölkerung‘ zum Interventionsfeld. Ziel der Regierung ist es nun, die generative Reproduktion sicherzustellen, die Bevölkerung „direkt durch Kampagnen oder indirekt durch Techniken“ zu beeinflussen und so die Geburtenzahlen oder die Bevölkerungsströme zu stimulieren (vgl. Foucault 2004, S. 158). Die Familie wird zum zentralen Adressaten von Bevölkerungspolitik, da man sich an die Familie wenden müssen, „sobald man bei der Bevölkerung hinsichtlich des Sexualverhaltens, hinsichtlich der Demographie, der Kinderzahl, hinsichtlich der Konsumtion etwas erreichen will“ (Foucault 2004, S. 157). Diese Veränderung stellt den Anfang von Familienpolitik im heutigen Verständnis dar.

[16]: Für eine ausführliche Analyse der Familienpolitik seit Ende des Zweiten Weltkrieges, siehe Correll 2010, S. 109–159.

[17]: Die Elternzeit wird mit diesem einkommensabhängigen Elterngeld auf ein Jahr verkürzt. Damit wird an der nach wie vor in Westdeutschland vorherrschenden Vorstellung, dass ein Kind die ersten drei Lebensjahre von seiner Mutter zu Hause betreut werden sollte, gerüttelt. Die Kürzung des Elterngeldes auf maximal 12 Monate soll den Anreiz erhöhen, früher in den Job zurückzukehren (vgl. BMFSFJ 2004a, S. 17). Dies betrifft natürlich vorrangig hoch qualifizierte Frauen.

[18]: Die verengte Sicht von Familie in der Statistik ist ein Beispiel für eine mangelnde Wahrnehmung. Dies ist auch deshalb problematisch, weil statistische Daten nicht nur in wissenschaftlichen, sondern auch in medialen und politischen Diskursen Verwendung finden und sich damit die Frage stellt, ob dort dann nicht die aus der Statistik stammende verengte Sicht von Familie reproduziert wird.

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