Christiane Goldenstedt: Johanna Loewenherz – Jüdin, Feministin und Sozialistin

Johanna Loewenherz – Jüdin, Feministin und Sozialistin

Rezension von Christiane Goldenstedt

Kreisverwaltung Neuwied (Hg.):

Spurensuche Johanna Loewenherz.

Versuch einer Biografie.

Neuwied: Peter Kehrein Verlag 2008.

206 Seiten, ISBN 978–3–934125–10–0, € 18,80

Abstract: Mit hervorragend recherchierten Beträgen und Photos gelingt es den Autorinnen in Spurensuche, sich dem literarischen Werk, dem politischen und dem privaten Leben der Johanna Loewenherz auf unterschiedliche Weise anzunähern. Das Leben der Frauenrechtlerin wird von ihnen als Spiegel genutzt, um die Widersprüche der deutschen Geschichte grell aufleuchten zu lassen. Aber Johanna Loewenherz war auch eine Verteidigerin der Menschenrechte, die sich mit ihrem Engagement für Toleranz und Offenheit der Kulturen einsetzte. Damit arbeitete sie wegweisend für ein neues demokratisches Deutschland.

Die Biografie der Johanna Loewenherz

„Wird die Sozialdemokratie den Frauen Wort halten?“ lautet die eindringliche Frage einer 1895 erschienenen Publikation von Johanna Loewenherz. Hier wird die Neugier der Leser und Leserinnen geweckt. Welche mutige Frau wagt es, gegebene Versprechen von der Sozialdemokratie einzufordern? Nachdem Wolfgang Dietz 1987 eine umfassende Biographie über die Rheinbrohler Frauenrechtlerin vorgelegt hatte (Johanna Löwenherz.

Eine Biographie. Neuwied 1987), nähern sich im vorliegenden Band sechs weitere Autorinnen der in ihrer Heimatstadt liebevoll „Jeanette Genannten auf ganz unterschiedliche Weise an. In den zehn Beiträgen wird dem privaten Leben sowie dem literarischen und politischen Wirken der Johanna Loewenherz nachgespürt. Federführend war Annette Kuhn, die selbst zu den Ehrenpreisträgerinnen der Johanna-Loewenherz-Stiftung zählt.

Die biographischen Beiträge beschreiben ein außergewöhnliches Leben: Johanna Loewenherz wurde 1857 in eine jüdische Kaufmannfamilie in Neuwied geboren. Der Vater förderte mit großen Summen die Ausbildung seiner Tochter (vgl. S. 28), die Mutter Fanny war vermutlich eine starke und selbstbewusste Frau, die mit ihrem Mann Finanzgeschäfte abwickelte (vgl. S. 28). Neben ihren musischen und literarischen Fähigkeiten fallen Johannas scharfer Intellekt und ihre Rhetorik auf, aber auch ihr großes soziales Engagement und ihr Einfühlungsvermögen gegenüber sozial benachteiligten Frauen. Johanna Loewenherz ordnete sich in die Frauentradition von Olympe de Gouges, Louise Otto-Peters, Fanny Lewald, George Sand und Lucretia Mott ein.

Johanna Loewenherz und die Sozialdemokratie

Die politische Arbeit war von Konflikten geprägt: In der SPD, der Johanna Loewenherz seit 1893 angehörte, wurde der Streit über frauenrechtliche Positionen erbittert geführt, vor allem mit der Hauptvertreterin der proletarischen Frauenbewegung Clara Zetkin, die aus ideologischen Gründen ein Zusammengehen mit der bürgerlichen Frauenbewegung mit Vehemenz ablehnte (vgl. S. 30 f.). Auf dem SPD-Parteitag in Gotha 1896 eskalierten die Flügelkämpfe der beiden Frauenbewegungen. Johanna Loewenherz setzte sich als einzige Frau für die Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen ein und wurde deshalb in der eigenen Partei vollkommen isoliert (vgl. S. 112 ff.). Bis 1914 bestimmte Clara Zetkin, die sich scharf von Johanna Löwenherz abgrenzte, die offizielle Haltung der sozialdemokratischen Frauenpolitik (vgl. S. 24).

Insgesamt sollte die aktive Parteiarbeit von Johanna Loewenherz vier Jahre lang dauern. Aufgrund ihres selbstbewussten Auftretens und ihres rhetorischen Geschicks wurde sie in zwei sozialdemokratische Führungspositionen gewählt: als Vertrauensperson und als Delegierte für den Parteitag der SPD nach Frankfurt am Main. Schon bei ihrer Teilnahme an dem ersten Parteitag gelang es ihr, alle anwesenden Frauen, aber auch einflussreiche Sozialdemokraten wie Bebel und Liebknecht, hinter sich zu bringen (vgl. S. 103). In den folgenden Jahren trat sie als Delegierte an Parteitagen auf (Duisburg, Breslau, Essen), leistete in Neuwied und im Ruhrgebiet eine aktive sozialdemokratische Agitationsarbeit (vgl. S. 103 f.). Aber Johanna Loewenherz bekam ihre Grenzen durch die Staatsmacht unerbittlich aufgezeigt. Nach dem preußischen Vereinsgesetz von 1850 war den Frauen jegliche politische Vereinsarbeit und Agitation untersagt. Polizeiliche Schikanen und richterliche Strafverfahren beim Zuwiderhandeln dieser Regelungen waren die Folge (vgl. S. 106). Im Jahre 1897 endete abrupt die aktive Parteiarbeit der Johanna Loewenherz. Die Autorinnen der biographischen Beiträge identifizieren sowohl politische wie auch private Motive für diesen Rückzug. Im politischen Leben war Johanna Loewenherz zunehmend ein Opfer der Staatsgewalt geworden. Ihr Fernbleiben von Parteiversammlungen und Überwachungen durch die Polizei häuften sich, und Johanna Loewenherz wurde für ihre politische Agitation vor Gericht zur Verantwortung gezogen (vgl. S. 110). Hinzu kamen innerparteiliche Konflikte mit den Genossen und ihre Differenzen mit einzelnen Positionen von Clara Zetkin (vgl. S.159). Klugerweise verschwieg Johanna Loewenherz innerfeministische Kontroversen, denn sie wusste, dass von der Spaltung der Frauenbewegung nur die Männer profitieren würden (vgl. S. 159). Ihr Rückzug in das Private mag auch mit dem Tod des Vaters 1897 in Zusammenhang stehen. Es bleibt offen, ob sie den Radius ihrer familiären Aktivitäten erweiterte, um sich um ihre Mutter, ihre kränkelnde Schwester und um das Erbe des Vaters zu kümmern (vgl. S. 61).

Rückzug ins Private und Hinwendung zur KPD

In den Beiträgen wird Johanna Loewenherz als eine Frau vorgestellt, die in freier Selbstbestimmung ihr Leben führte. Im Jahre 1900 brachte sie ihren unehelichen Sohn Fritz zur Welt, verschwieg aber den Vater. Für Johanna Loewenherz war die Mutterliebe „der Anker des Menschengeschlechts“, die normative Kraft des Faktischen (vgl. S. 160). Ihre politische Arbeit nach 1897 können auch die vorliegenden Beiträge nur teilweise rekonstruieren. Nach dem Abtritt von der politischen Bühne im Jahre 1897 bleibt das politische Wirken von Johanna Loewenherz im Dunkeln. Im Zuge der deutschen Revolution 1918/19 erhielten die Frauen das Wahlrecht. Im Januar 1919 wurde Johanna Loewenherz auf zwei SPD-Veranstaltungen als Rednerin angekündigt, aber sie erschien nicht.

Ungeklärt bleibt, zu welchem historischen Zeitpunkt Johanna Loewenherz sich der KPD zuwandte. Offenbar hat sie mit ihrem Sohn die politischen Positionen der KPD geteilt, auch wenn das Mutter-Sohn-Verhältnis nicht ungetrübt war. Aufgrund ihrer kommunistischen Zugehörigkeit wurde Johanna Loewenherz 1933 verhaftet und ins Polizeigefängnis Neuwied gebracht. Am 5. Mai 1933 wurde die 76jährige aus dem Gefängnis unter der Zusicherung entlassen, sich jeglicher politischen Betätigung zu enthalten und sich zweimal pro Woche auf dem Polizeirevier zu melden. Im Jahre 1937 starb Johanna Loewenherz im Alter von 81 Jahren.

Fazit

Den Autorinnen ist es mit ihren Beiträgen in Spurensuche gelungen, das private und politische Erbe der Johanna Loewenherz sichtbar zu machen. Das Leben der Frauenrechtlerin wird von ihnen als Spiegel genutzt, um die Widersprüche der deutschen Geschichte grell aufleuchten zu lassen (vgl. S. 11). Dazu gehören die innerparteilichen und innerfeministischen Kontroversen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, aber auch die politischen Unterdrückungsmechanismen einer Staatsmacht, die unerbittlich gegen Sozialdemokraten und politisch engagierte Frauen vorging. Aus der heutigen Sicht ist Johanna Loewenherz mit ihren politischen und sozialen Forderungen nach einer Frauenquotierung für die Delegiertenversammlungen und einem Zusammengehen der Frauen aus allen Schichten eine Frau, die offensichtlich den Vorstellungen ihrer Zeit weit voraus war. Auch ihr privates Leben, das sie autonom und in freier Selbstbestimmung als allein erziehende jüdische Mutter meisterte und offensichtlich mit einem unorthodoxen Kleidungsstil unterstrich – „Kapott-Hütchen und blanken Beinen“ eben – verstärkt diesen Eindruck (vgl. S. 9). In ihrem Testament vermacht sie ihr Erbe einer Stiftung zum Besten von Frauen, die sich „irgendwie und auch irgendwo um die Frauensache verdient gemacht haben“, ohne religiöse und politische Unterschiede (vgl. S. 185). Die erste Preisträgerin ist Simone Veil, Überlebende der Shoa und ehemalige Präsidentin des Europäischen Parlamentes (vgl. S. 200). Johanna Loewenherz – eine große Deutsche!

URN urn:nbn:de:0114-qn0101176

Dr. Christiane Goldenstedt

Oberstudienrätin am Gymnasium Ganderkesee, Fächer Französisch und Geschichte

E-Mail: christiane.goldenstedt@gmx.de

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