Elfi N. Theis: Krieg und Literatur

Krieg und Literatur

Rezension von Elfi N. Theis

Dirk Göttsche, Franziska Meyer, Claudia Glunz, Thomas F. Schneider (Hg.):

Schreiben gegen Krieg und Gewalt.

Ingeborg Bachmann und die deutschsprachige Literatur 1945 - 1980.

Göttingen: V&R unipress 2006.

208 Seiten, ISBN 978–3–89971–268–1, € 41,00.

Abstract: Schreiben gegen Krieg und Gewalt heißt der Band 19 der Schriften-Reihe des Erich-Maria-Remarque-Archivs, in dem es um Ingeborg Bachmann und die deutschsprachige Literatur 1945–1980 geht. Der Band enthält die Beiträge zu einem Symposion, das am 14.-15. Januar 2005 an der Universität Nottingham stattgefunden hat. Im Mittelpunkt stand die Frage, welche Strategien im Umgang mit Nationalsozialismus, Holocaust, zweitem Weltkrieg, Kaltem Krieg oder Vietnamkrieg und auch dem deutschen Kolonialismus bei Bachmann und anderen deutschsprachigen Autoren zu finden sind. Anlass zur Tagung war die in Wien und Salzburg konzipierte Ausstellung Schreiben gegen den Krieg: Ingeborg Bachmann, 1926–1973. In insgesamt dreizehn Beiträgen wird im vorliegenden Band die literarische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt und Krieg beleuchtet.

Resignativ scheint die Haltung von Dirk Götsche und Franziska Meyer, die im Vorwort zu diesem Band feststellen, dass „die Aufklärungsmacht des literarischen Wortes“ (S. 7) heute minimal sei, weil politisches Engagement eben „out“ sei. Krieg sei wieder ein akzeptiertes Mittel der Problemlösung und diejenigen, die ihre Stimme gegen das Säbelrasseln erheben, seien nicht selten auch gleichzeitig Opfer, so dass die Feststellung der Korrelation zwischen Macht und Stimme bzw. ihrer Wirksamkeit negativ auf den Zustand unserer heutigen Literatur verweise.

Dennoch sehen die Herausgeberin und der Herausgeber gerade die Literatur in der Pflicht, durch hinterfragende Sprache den Sprachmissbrauch aufzuzeigen, die Erinnerung wach zu halten, zum Hinsehen zu provozieren und Möglichkeiten des Einspruchs zu zeigen.

Wie unterschiedlich diese Möglichkeiten, nämlich die Versprachlichung von Erfahrungen im Allgemeinen und die Aufgabe des Erinnerns, des Hinterfragens in Texten gegen Krieg und Gewalt im Besonderen, gehandhabt und angewandt werden, erfährt man an Untersuchungen von Texten so unterschiedlicher Autor/-innen wie Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Stefan Zweig, Margret Boveri, Georg Saiko, Hans Lebert, Albert Drach und Uwe Timm.

Ingeborg Bachmann. Gewaltstrukturen

Hans Höller, im Übrigen der Kurator der Bachmann-Ausstellung, stellt in seinem Beitrag „Was heißt, nach 1945, gegen den Krieg schreiben?“ fest, dass gerade Ingeborg Bachmann versuche, der Gewalt die Institution Gedächtnis entgegenzusetzen, die in der Lage sei für die Zukunft erneutes Leiden zu verhindern. Schreiben sei also bei Bachmann gegen Gleichgültigkeit und gegen die Tatsache gerichtet, dass man sich an Gewalt gewöhnen könne. Höller sieht einen Bruch im alten Erzählen, das neu erwachte Misstrauen gegen eine männliche Erzählinstanz, ja der Krieg werde zu einer „anderen Option männlich-patriarchaler Gewalt“ (S. 18). Bachmann ziele also auf geschichtliche und politische Einsichten. Höller sieht ihr Schreiben, ihr gesamtes Werk als „Antikriegsschrift“ (S. 20), die den latenten Kriegszustand der Gesellschaft offen legen will.

In dem Aufsatz „Taking Exception. Toward a Critique of Violence with Benjamin and Bachmann“ beschäftigt sich auch Sabine Gölz mit dem Thema Gewalt bei Bachmann und Benjamin. Für sie geht es darum, dass Gewalt, die in Sprache präsent ist, immer auch auf die Lebenden zielt. Ihre Überlegungen betreffen die Frage der Gewalt des Gesetzes: Rechtsetzung ist Machtsetzung. Am Beispiel von Bachmanns Ein Wildermuth untersucht sie das Thema Gewalt und Versprachlichung und sieht in der Erzählung das Modell der Sprengung von Diskursen, denen Gewalt inhärent ist – „law-preserving violence“ (S. 25)

Bachmanns Überlegungen zu Musik und Dichtung bilden die Grundlagen für Beate Willmas Untersuchung „‚Am Starkstrom Gegenwart‘. Postwar Musical Aesthetics in Ingeborg Bachmann’s Musik und Dichtung“ zur musikalischen Ästhetik der Nachkriegszeit. Hier erscheint Bachmanns Hinweis auf die „verschuldete Sprache“ (S. 39) interessant, die mit Musik nichts gemein haben will, obwohl die Dichterin dennoch verbale Botschaften via Musik zu verdeutlichen suchte. Für Willma scheint die moderne Musik für Bachmann die Möglichkeit der „Vereinigung“ (S. 42) zu enthalten, also einer neuen Überzeugungskraft, was jedoch musikalisch in ihrem Werk bzw. in der Zusammenarbeit mit Henze nicht entsprechend deutlich werde und hinter ihrer Absicht zurückbleibe.

Literatur – Politik

Vor dem Hintergrund einer politischen Sprachkritik in Ingeborg Bachmanns Kritischen Schriften bezieht Dirk Göttsche Bachmanns politische Aktivitäten in die Betrachtung mit ein und stellt fest, dass sie zwar politische Aufrufe gegen nukleare Aufrüstung oder den Vietnamkrieg unterzeichnet habe, aber im Ganzen eher skeptisch gegenüber einer aktiven Mitwirkung geblieben sei. Für sie bildete die ‚schlechte Sprache‘ des Lebens immer den Gegenpol zur poetischen Sprache, was letztlich die literarische Sprache von der Sprache des Lebens und somit auch von der Sprache der Politik distanziert habe. Ihre ambivalente Haltung zeige sich auch in den Radiobeiträgen, die sie unter dem Pseudonym Ruth Keller schrieb. In der Verwendung des Pseudonyms zeige sich eine größere Distanz zu den Inhalten, anders als bei den literarischen Arbeiten. Göttsche vermutet, dass Bachmann mit den Entwürfen zur politischen Sprachkritik nach einer Möglichkeit suchte, eine eigene Form einer ‚politischen kleinen Prosa‘ zu finden.

In Bachmanns Sichtweise scheint seit den 60er Jahren auch deutlicher der Gender-Aspekt in den Vordergrund zu rücken: „Mann und Frau“ als „Knechte einer Sprache“, wobei ihnen Begriffe von der Gesellschaft „vorgekäut“ (S. 56) seien. Göttsche untersucht Bachmanns Sprachsensibilität im politischen Bereich, ihre Überlegungen, die hinführen bis zu einer möglichen Partizipation am politisch-literarischen Diskurs, die allerdings dann mit dem Todesarten-Projekt wieder ins Literarische münden.

Sichtbarmachen von Gewalt

Elisabeth Wagner untersucht vergleichend in Peter Weiss’ Die Ästhetik des Widerstands und Ingeborg Bachmanns Das Buch Franza das Verhältnis zur Sprache und dem Fremdsein und kommt zu der Erkenntnis, dass der Eingriff in die fremde Kultur „stets auch ein[en] Akt der Gewalt“ (S. 66) darstelle. So definiert Wagner auch Sprache als Form der Gewalt, als „Übertragung der Erfahrungswirklichkeit in ein symbolisches Zeichen und Repräsentationssystem“. (S. 66) Demnach produzieren diese Regeln eine Fremde, die bei Bachmann beispielhaft in den Ausführungen des Psychiaters Jordan dargestellt werden, der seine Frau sprachlich vergewaltigt, sie zum Fall macht. Franzas Flucht in die Wüste repräsentiere den Versuch dieser Okkupation zu entkommen. Bei Weiss finde sich der gleiche Aspekt als ‚metallisches System‘. Während Weiss die Faschismus-Erfahrungen durch Ausblenden subjektiver Charakterisierungen auszudrücken versuche, finde sich bei Bachmann die eher radikal-subjektive Sicht der weiblichen Figur. Am Ende stehe bei Weiss die Erkenntnis, dass die Erfahrungen außerhalb des sprachlichen Raums nicht vermittelbar seien, und auch bei Bachmann finde sich im Bild des Zerstiebens des Windes der Gegensatz zur Fixierung durch Sprache. Für Wagner ist diese Erkenntnis allerdings bei Bachmann radikaler als bei Weiss. In beiden Texten gebe es aber den Ort als „Gegenprojektion zur allgegenwärtigen Gewalt“ (S. 75), der sowohl zeitlich als auch räumlich und sprachlich ausgelagert ist. Interessant sind die von Wagner gefundenen Entsprechungen in Bildern von Donald Judd und Jenny Holzer, die quasi die Verbildlichung der poetischen Sprache von Weiss und Bachmann repräsentieren sollen, wobei auch entsprechende Belege herangezogen werden: eine verblüffende Ähnlichkeit der Vorstellungswelten, einerseits der jeweils männlichen und andererseits der weiblichen.

Tabea C. Kretschmann untersucht in ihrem Beitrag „Ein Buch über die Hölle“ Bachmanns Dante-Rezeption speziell in ihrem Roman Malina vor dem Hintergrund der Debatte über die Verwendung des Begriffs „Hölle“ nach Auschwitz. Wie schon bei ihrem Hörspiel Der gute Gott von Manhattan finden sich Anspielungen, die allerdings nicht in dem Bild des liebenden Gottes wie bei Dante enden, sondern dort, wo „Gott […] eine Vorstellung“ (S.91) ist. Der Katharsis bei Dante stehe Bachmanns Ich-Zerstörung gegenüber als Verschwinden in einem Riss in der Wand. Kretschmann untersucht die wesentlichen Allusionen, die sich in topografischen Bezeichnungen, Bildern und Motiven finden. Bachmanns „Hölle“-Begriff umfasse allerdings auch die äußeren gesellschaftlichen Zustände mit ihren Einflüssen auf die Psyche und Physis. Kretschmann konstatiert, dass der Zustand des Subjekts in der modernen Welt nach Auschwitz im Ausdruck des ‚Paradise lost’ zusammenfassbar sei. (S. 98)

Andere deutschsprachige Autoren. Sprache und Krieg

Anne Fuchs beschäftigt sich in ihrem Beitrag „Trauma or History? The End of World War II in Margret Boveri’s Tage des Überlebens“ mit der Problematik des Erinnerns, der Frage nach der Zuverlässigkeit von Augenzeugenberichten, denen immer die subjektive Wahrnehmung und zugleich Eingeschränktheit der Interpretationsmöglichkeit inhärent ist. Anhand von Margret Boveris Tage des Überlebens untersucht sie den sprachlichen Umgang mit Erinnertem. Einerseits schreibe Boveri als Augenzeugin und dann wieder Jahrzehnte später als Kommentatorin ihrer Erlebnisse mit einem erweiterten Wissen über die Zusammenhänge. Fuchs stellt völlig unterschiedliche sprachliche Darstellungen fest: das Mittel der Ironisierung als Distanzierungsmöglichkeit für die Opfer beispielsweise oder die hilflose Darstellung von Ereignissen, deren Hintergründe erst im Nachhinein durch Aufarbeitung des Erfahrenen verstehbar werden. Fuchs wirft die grundsätzliche Frage nach der Wahrheit von Erinnerungen in Relation zur zeitlichen Distanz zum Geschehen auf.

Stefan Heyms Roman Kreuzfahrer von heute bzw. Bitterer Lorbeer steht im Mittelpunkt der Betrachtungen von Dennis Tate. In seiner Untersuchung „War as a ‚god-damned crusade‘. The Continuing Significance of Stefan Heym’s The Crusaders“ beleuchtet Tate die Hintergründe zu dem Roman, der in den beiden deutschen Staaten unter jeweils anderem Titel erschienen war und entsprechend dort, aber auch in den USA andere Interpretationen erfuhr. Interessant wird diese Untersuchung im Zusammenhang mit den Ereignissen des 11. Septembers, als Bush erstmals von „crusade“ sprach und damit eine neue Kreuzzugsdebatte mit all ihren inhaltlichen Implikationen in Gang brachte.

Ritchie Robertson untersucht die Darstellung von Gewalt in George Saikos Der Mann im Schilf und Hans Leberts Die Wolfshaut. Betrachtet wird, wie Gewalt entsteht, welche Ursachen sie hat und wie sie beherrscht werden kann.

In ihrem Beitrag „Boudoir Society. Violence and Biopolitics in Albert Drach’s Protocol Novels“ zieht Mary Cosgrove Giorgio Agambens Philosophie zur Erklärung der Protokollromane Albert Drachs heran.

Die beiden folgenden Beiträge befassen sich mit Paul Celan. Heike Bartel untersucht in ihrem Aufsatz „‚Jenes andere Deutschland‘. Paul Celan in Wien und Auf Reisen“ Celans Gedächtnissprache anhand seines Gedichts „Auf Reisen“. Sie beschreibt, wie in Celans ‚angereicherter‘ Sprache seine stark enigmatische Wortverwendung deutlich wird. Martin A. Hainz beschäftigt sich mit Celans Perspektive gegenüber der Gewalt. In seinem Beitrag „Messianismus, mittelbar. Zu Celans Perspektive wider die Gewalt“ konzentriert sich Hainz auf Celans Übersetzertätigkeit und die durch die Wortwahl in die Übersetzungen einfließende Weltsicht. Hierbei wird deutlich, dass Erfahrungen nicht einfach durch Wortgleichungen in einer anderen Sprache wiedergebbar sind, sondern Übersetzungen immer individuelle Sichtweisen sprachlich transportieren.

Uwe Timms Morenga bildet den Abschluss der Betrachtungen. Monika Albrecht interpretiert in ihrem Beitrag „Che Guevara in ‚Deutsch-Südwest‘. Uwe Timms Antikriegsroman Morenga aus interdisziplinärer Sicht“ Timms Schreiben als „Deklaration gegen Gewalt und Tod“ (S. 188). Timm dokumentiere nicht nur die Kolonialzeit der Vergangenheit, sondern lasse auch gleichzeitig den studentischen Diskurs der 68er mit einfließen. In der Verbindung von historischem Material mit fiktiven Erzählelementen sieht Albrecht Timms Schreiben als bewusste Überwindung von Indifferenz zugunsten eines rationalen Verstehens auf der Grundlage von Betroffenheit.

URN urn:nbn:de:0114-qn081168

Elfi N. Theis

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