Ambiguität – bedeutsam für die Geschlechterforschung

Rezension von Heinz-Jürgen Voß

Thomas Bauer:

Die Kultur der Ambiguität.

Eine andere Geschichte des Islams.

Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag 2011.

462 Seiten, ISBN 978-3-458-71033-2, € 32,90

Abstract: Die umfassende Arbeit des Arabisten und Islamwissenschaftlers Thomas Bauer bietet eine exzellente Ausgangsbasis, um in der Geschlechterforschung weiterzudenken. Einerseits können nun die sich mit der ‚Moderne‘ etablierenden Gegensatzpaare Homosexualität vs. Heterosexualität und Frau vs. Mann (im Sinne eindeutiger und ‚wahrer‘ Zweigeschlechtlichkeit) als Modernisierungsphänomene vertiefend erforscht werden. Andererseits wird die Bedeutung von Ambiguität gründlich erschlossen: Mit der ‚Moderne‘ habe sich – so führt Bauer plastisch aus – die zuvor bereits in abendländischem Denken vorhandene Tendenz, nach Eindeutigkeit und Wahrheit zu suchen, weiter verstärkt. Widersprüchlichkeiten galten nun als Problem und wurden nach Möglichkeit beseitigt. Im arabischen Raum habe man sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts und mit Bezug auf europäische Quellen der Tilgung von Ambiguität angeschlossen.

Ausgangslage in der Geschlechterforschung

Anschließend an die Veröffentlichungen von Michel Foucault wird Sexualität in der substantivischen Form als Modernisierungsphänomen verstanden. Bei Foucault heißt es treffend: „Die Sodomie – so wie die alten zivilen oder kanonischen Rechte sie kannten – war ein Typ von verbotener Handlung, deren Urheber nur als ihr Rechtssubjekt in Betracht kam. Der Homosexuelle des 19. Jahrhunderts ist zu einer Persönlichkeit geworden, die über eine Vergangenheit und eine Kindheit verfügt, einen Charakter, eine Lebensform, und die schließlich eine Morphologie mit indiskreter Anatomie und möglicherweise rätselhafter Physiologie besitzt. […] Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies.“ (Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983, S. 58)

Führte Michel Foucault aus, dass sich bereits beginnend mit dem Beichtgeheimnis christlicher Religion das Sprechen über den Sex etablierte, setzte er die ‚Moderne‘ insofern zentral, als er mit ihr eine Verfestigung des Diskurses feststellte, der nun auch die sich konstituierenden modernen Wissenschaften einbezog. Klar wurde: Erst mit der ‚Moderne‘ bildeten sich die Identitäten ‚homosexuell‘ und ‚heterosexuell‘ (und ‚bisexuell‘) heraus. Zuvor bedeutete ‚sexuell zu sein‘ – trotz der kirchlichen Interventionen –, dass Menschen eine konkrete Handlung ausführten (adjektivisch). Diese Handlung konnte ggf. rechtlich sanktioniert sein. Mit der ‚Moderne‘ und der Verwissenschaftlichung wurden Menschen nun zu kategorialen Gruppen zusammengefasst. Menschen, die gleichgeschlechtlichen Sex hatten, sollten nun als ‚Homosexuelle‘ über eine für sie ‚typische‘ Lebensgeschichte, über gemeinsame Erfahrungen und ähnliche Verhaltensmerkmale oder gar – biologistisch – über ähnliche ‚Gene‘ und ‚Hormone‘ verfügen. Heute ist es in westlichen Gesellschaften kaum mehr möglich, unabhängig solch kollektiver Identitäten zu denken.

Georg Klauda hatte im Anschluss an Foucault und mit Fokus auf den arabisch-islamischen Raum in dem Buch Die Vertreibung aus dem Serail: Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt (Hamburg: Männerschwarm 2008) herausgearbeitet, dass dort nicht bzw. stark verzögert diese kollektiven Identitäten in Bezug auf Sexualität aufkamen und aufkommen. Erst mit der kolonialen Unterdrückung etablierten die europäischen Herren nun gesetzliche Regelungen, die sich gegen ‚homosexuelle Handlungen‘ wandten; zuvor gab es solche Gesetze in den arabischen Staaten nicht. Des Weiteren kamen religiöse Regelungen, die sich gegen bestimmte und konkrete sexuelle Handlungen aussprachen, kaum zur Anwendung, weil die entsprechenden Passagen von den Rechtsschulen entweder nicht aufgenommen wurden oder weil – sofern die religiösen Regelungen doch herangezogen wurden – in diesen dermaßen hohe Hürden für das Anzeigen einer solchen ‚problematischen‘ sexuellen Handlung vorgesehen waren, dass eine derartige Anzeige praktisch nicht oder nur ausnahmsweise vorkommen konnte. Entsprechend machte Klauda bereits im Untertitel seines Buches deutlich, dass es sich sowohl bei ‚Homosexualität‘ als auch bei ‚Homophobie‘ um Modernisierungsphänomene im Anschluss an europäische Traditionen handelt.

Ambiguität vs. ‚Wahrheit‘ in Bezug auf Lust und Sexualität

Verwies Klauda insbesondere auf Texte des arabisch-islamischen Mittelalters, in denen auffallend frivol und lustvoll über gleichgeschlechtlichen Sex zwischen Männern diskutiert wurde, und konnte er auch einige aktuelle Beispiele anführen, aus denen plastisch deutlich wurde, wie beispielsweise britische Soldaten in Afghanistan auf Grund ihrer mitgebrachten europäischen Homophobie den Umgang und die Nähe unter einigen afghanischen Männern nur schwer einordnen konnten, so beleuchtet Thomas Bauer den Zeitraum der europäischen ‚Moderne‘ auf intensive Weise, auch mit Wirkung auf Arabien. Das gelingt ihm einerseits explizit für sexuelle Handlungen, denen er ein ganzes Kapitel widmet, andererseits mit einem systematischen Blick auf religiöse Texte und sprachwissenschaftliche Auseinandersetzungen.

Der Autor widerspricht der gängigen These, dass die ‚Moderne‘ im Islam nie stattgefunden habe. Vielmehr zeigt er, dass es genau dieser ‚Moderne‘ geschuldet ist, dass sich ein Sexualitätsdiskurs auch im arabischen Raum etablieren konnte. In Europa wurde diskutiert, wie verbreitet gleichgeschlechtlicher Sex unter Männern beispielsweise in Ägypten sei und dass die „Reichen […] davon ebenso infiziert wie die Armen“ seien, wie sich der „Forschungsreisende und Orientalist Richard Burton“ Ende des 19. Jahrhunderts echauffierte. Burton entschuldigt sich bei seiner europäischen Leserschaft dafür, dieses Thema überhaupt erörtern zu müssen, „um ein großes und wachsendes Übel, tödlich für die Geburtenrate […] zu bekämpfen.“ (zitiert S. 304 f.) Bauer legt nun dar, wie dieses europäische Sprechen über die vermeintliche orientalische Dekadenz auch im arabischen Raum wahrgenommen wurde – und dort schließlich auch seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu der Sichtweise führte, die eigene Geschichte sei dekadent gewesen. „Auch in der arabischen Welt wurde [nun] die arabische Geschichte immer unter Heranziehung westlicher Konzepte von Geschichte und Zivilisation betrachtet und damit der ‚Blick der arabischen Historiker fest auf die Einschätzung ihrer Zivilisation durch die Europäer gerichtet‘. Schließlich wird auch das westliche Konzept der ‚Natürlichkeit‘ in den Diskurs eingeführt. […] Gestützt auf westliche Autoren beginnt man jetzt auch im Nahen Osten, den Sex zu klassifizieren, um ihm seine Ambiguität auszutreiben.“ (S. 306 f.) Gleichwohl ist das bis heute nicht vollständig ‚gelungen‘ und hat es im arabischen Raum – zum Glück – bis heute keine solchen massiven Verfolgungen von Menschen, die gleichgeschlechtlichen Sex haben oder denen dies auf Grund von Verhaltensmerkmalen unterstellt wird, gegeben – anders als in Europa, wo Verurteilungen zunächst unter Sodomie-Paragraphen durchgeführt wurden und seit dem 19. Jahrhundert zunehmend und schließlich systematisch erfolgten.

In diesem Sinne bietet Bauers Arbeit eine weitere Basis, um die diesbezüglich aktuell sehr aufgeregt geführten Debatten zu grundieren. So regt auch er, im Anschluss an Joseph Massad und Georg Klauda, ein Umdenken an: Das derzeitige Engagement westlicher Schwulenorganisationen bewertet er skeptisch, da es damit überhaupt erst nötig werde, die westliche Eindeutigkeit und Wahrheit, die strikten Identitäten ‚homosexuell‘ und ‚heterosexuell‘ – Homophobie eingeschlossen – in den arabischen Raum zu implementieren. Weitere Anschlussmöglichkeiten an diese Ausführungen zu Ambiguität sind augenscheinlich. Bereits aus dem Verweis von Richard Burton auf eine „Geburtenrate“ erscheint es interessant, diese Untersuchungen in den Kontext der ‚Biopolitik‘, die sich mit der europäischen Moderne etablierte, einzuordnen. Eine weitere Anschlussmöglichkeit ist praktischer Natur: Wie kann aktuell aus nicht-europäischen Regionen gelernt werden, um Alternativen zu dem europäischen Modell der strikten Identitäten zu entwickeln?

Eine systematische Einordnung

Die europäischen Sexualitätsdiskurse mit ihrer – begrenzten, aber doch deutlichen – Reichweite für den arabischen Raum zieht Bauer aber nur als Beispiel dafür heran, wie mit der europäischen ‚Moderne‘ und im Anschluss an sie, Ambiguitäten beseitigt wurden und werden. Er arbeitet die historisch und auch aktuell große Bedeutung von Ambiguitäten heraus, die in den arabischen Ländern die Sprache und Schriften sowie das soziale Handeln präg(t)en und sich exemplarisch selbst in der religiösen Sphäre, so u. a. am Koran, zeigen lassen: „Die klassischen Gelehrten waren […] der Überzeugung, der Variantenreichtum des Korantextes sei von Gott gewollt. Ja, sie sahen in ihm ein besonderes Zeichen seiner Gnade, bedeutete doch die Vielfalt der Varianten sowohl eine Erleichterung für die Menschen als auch einen Ansporn zur Beschäftigung mit dem heiligen Text.“ (S. 115) Ambiguitäten – Widersprüchlichkeiten, Gegensätzlichkeiten, die gleichzeitige Gültigkeit mehrerer Interpretationen – konnten, wie der Autor herausarbeitet, gerade dazu führen, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Perspektiven durch den Koran bzw. eine seiner Lesarten angesprochen fühlen konnten. Variantenreichtum erschloss und öffnete somit Raum für Pluralität, Toleranz und Miteinander. Ausführlich stellt Bauer unterschiedliche anerkannte Rezitationstraditionen des Korans vor – und skizziert, dass grundlegende europäische Missverständnisse des Korans aus einem fehlenden Zugang zu dessen Variantenreichtum resultieren können. Europäisch geprägt werde gerade der Schriftform besonders viel ‚Wahrheitsgehalt‘ zugeschrieben, in der aber bzgl. des Korans der Variantenreichtum häufig nur angedeutet oder gänzlich getilgt sei. Bauer betont, dass im Gegensatz hierzu traditionell die Rezitation (mündlich!) die Form der Überlieferung des Korans ist und hier unterschiedliche Rezitationstraditionen vorliegen, die jeweils gleichzeitig und gleichermaßen gültig sind.

Als bedeutendes „Ambiguitätstraining“ arbeitet Bauer „Sprachspiel“ und „Sprachernst“ heraus. In westlichen Darstellungen, die Arabien einigermaßen wohlgesonnen seien, würden zumindest die Beiträge zu Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft anerkannt, was aber zugleich eine Eingrenzung auf die aktuell in der europäischen Moderne als bedeutsam erachteten Bereiche bedeute. Die Sprachwissenschaft hingegen sei gänzlich vernachlässigt worden, und die europäische Sprachwissenschaft habe erst spät bzw. auch heute noch nicht den Stand der arabischen Reflexion erreicht. Neben einem „sprachpflegerischen Interesse“ (S. 235) an der Entwicklung und Etablierung einer gemeinsamen Verwaltungs- und Wissenschaftssprache, das dabei Traditionen aus den verschiedenen geographischen Regionen einbezog (und nicht zu tilgen suchte), arbeitet Bauer für diese bedeutsame Entwicklung der Sprachwissenschaft im arabischen Raum das „literarische“ und „spielerische Interesse“ (S. 235) heraus. Anders seien einzelne Schwerpunkte kaum erklärlich, etwa Monographien zur Gruppe der „Wörter mit Gegensinn“. Diese Gruppe fasst Wörter zusammen, die gleichzeitig eine Sache bzw. einen Sachverhalt und das jeweilige Gegending bezeichnen. Fernab davon, hier Eindeutigkeit erreichen zu wollen, stellten die Autoren Listen solcher Wörter zusammen. Ein solches Spielen mit Sprache, ein ausgeprägtes Sprachbewusstsein zeigt der Autor auch für den Umgang mit Passagen des Korans sowie für Poesie und Lyrik. Diesbezüglich interessant ist auch die „Rangstreitliteratur“, deren „beliebte Themen […] der Wettstreit zwischen verschiedenen Pflanzen oder Tieren (etwa Rose und Narzisse), Jahreszeiten (Winter und Sommer), einzelnen Städten, verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen oder, in neuerer Zeit, zwischen Esel und Fahrrad, Tram und Bus“ waren (S. 256).

Für Witz und Spiel hingegen zeigten moderne europäische Rezipienten kein Verständnis, sondern lasen sie als symptomatisch für einen zurückgebliebenen, erstarrten gesellschaftlichen Entwicklungsstand. So warnte der Leipziger Arabist Heinrich Leberecht Fleischer 1851 bei der Vorstellung des Werkes des zeitgenössischen libanesischen Autors Nâsîf al-Yazidji vor dieser „Kunstspielerei“. Konkret schreibt er, wiederum zitiert nach Bauer: „Die eitle Lust an solcher Technik und der unverhältnissmässige Werth, den man ihr beilegt, sind bei allen Völkern von der stagnirenden Bildung der heutigen Morgenländer ein mächtiges Hinderniss der Erzeugung des Geschmacks an frischem wissenschaftlichen Realismus und der Erhebung zu ernsterer Geistesarbeit. […] Es ist ein Theil von einem alten, zähen, verwickelten Uebel, an dem der Orient krankt; nicht über Nacht und mit einem Male wird es zu heben seyn; aber gehoben muss es werden, wenn der, jetzt noch in dürrer Scholastik und selbstgefälligem Redespiel befangene morgenländische Geist die Kraft gewinnen soll, den wissenschaftlichen Gesichtskreis des Westens zu umspannen, in dessen Ideen einzugehen und an seinen Arbeiten selbstständig Theil zu nehmen.“ (S. 251) Bauer stellt dar, wie Spiel und Uneindeutigkeit – Ambiguität – im „Morgenland“ europäisch als Mängel dargestellt wurden, die zu beheben seien. Gleichzeitig offenbart sich ein Bild der europäischen ‚Moderne‘, die nach ‚Eindeutigkeit‘ und ‚Wahrheit‘ strebt – woran wissenschaftliches Forschen und gesellschaftliche Entwicklung sich orientieren. Aufschlussreich ist sein Buch auch deshalb, weil deutlich wird, dass die europäische ‚Moderne‘ auch Einfluss auf den arabischen Raum hatte und im Anschluss an sie auch dort Ambiguitäten problematisiert wurden.

Fazit

An Die Kultur der Ambiguität anzuschließen, kann für die Geschlechterforschung in mehrerer Hinsicht ein Gewinn sein. Die Auseinandersetzungen mit Sexualität zeigen vielfältige Anknüpfungspunkte auf. Sich darüber hinaus sehr grundsätzlich der Bedeutung von Ambiguität zuzuwenden, kann in den Blick bringen, wie Uneindeutigkeiten seit der europäischen Moderne ausgelöscht werden. Ganz deutlich wird dies in Bezug auf die so wirkmächtig gewordenen Variablen ‚Norm/Normalität‘ und ‚Geschlecht‘. Varianz wurde hier mit der Moderne als ‚Abweichung‘ und ‚Störung‘ verstanden, die es genauer zu verstehen und schließlich zu tilgen gelte – verbunden mit massiver Gewalt gegen Menschen. Das Buch von Thomas Bauer bereitet die Grundlage, um zu neuen Einsichten und Forschungsfragen zu gelangen.

URN urn:nbn:de:0114-qn:994:7

Dr. Heinz-Jürgen Voss

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

wissenschaftliche_r Mitarbeiter_in am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin

Homepage: http://www.heinzjuergenvoss.de

E-Mail: heinz-voss@freenet.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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