Rotkäppchens Leiden – oder: Geschlechterkonstruktionen im Märchen

Rezension von Tatiana Korneeva

Bernd Fabritius:

Rotkäppchen, was trägst du unter der Schürze?

Geschlechterbilder im Märchen.

Marburg: Tectum Wissenschaftsverlag 2010.

104 Seiten, ISBN 978-3-8288-2438-6, € 24,90

Abstract: Aus geschlechterpädagogischer und soziologischer Perspektive durchleuchtet Bernd Fabritius in seiner knappen Monographie die Beziehungen von weiblichen und männlichen Charakteren in Märchen. Anhand verschiedener Versionen des Rotkäppchen-Motives analysiert er, wie in diesen reale Geschlechterverhältnisse und -rollen widergespiegelt werden und welche erzieherischen Funktionen die Märchen haben. Der Autor fragt danach, wie eine sinnvolle pädagogische Nutzung von Märchen aus heutiger Sicht aussehen soll.

Märchen als Spiegel der Gesellschaft

In seiner Einleitung stellt Bernd Fabritius zunächst in einigen oberflächlichen Absätzen den status quaestionis der aktuellen Märchenforschung dar. Seit dem entscheidenden Beitrag der Brüder Grimm zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Märchen seien zahlreiche „nützliche und weniger nützliche Arbeiten“ (S. 9) veröffentlicht worden. Als „nützliche“ bezeichnet er die volkskundlich-kulturanthropologisch orientierten Untersuchungen von Lutz Röhrich, Will-Erich Peukert und Kurt Ranke. Diese Forscher werden allerdings nicht aus den Primärveröffentlichungen zitiert, sondern aus Chong-Chol Kims Die weiblichen Figuren im Grimm’schen und im koreanischen Märchen (St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 1998).

Anhand seiner folgenden Ausführungen wird deutlich, dass Fabritius die Märchen als Ausdrucksformen sieht, die „auf das reale menschliche Leben anspielen“ (S. 10) und in denen man – in Anlehnung also an eine symbolische Interpretation von Märchen – die Eigenschaften einer Gesellschaft erkennen kann. Insofern spiegele das Rollenbild von Mann und Frau im Märchen als Gattung das „reale[] (Selbst-)Verständnis von Geschlechtern auf persönlicher, soziokultureller und politischer Ebene“ (S. 10) wider.

Selbstverständlich kann der Autor nicht ca. zweihundert Grimm’sche Märchen noch die zahllosen anderen Märchensammlungen einer Untersuchung unterziehen. Da es „für eine Analyse von Geschlechtern im Märchen prädestiniert ist“ (S. 10), nimmt der Autor das Rotkäppchen in den Blick, wobei aber unklar bleibt, warum dieser Märchenstoff ausgewählt wird und nicht etwa Die Schöne und das Biest oder Aschenputtel, die sich auch mit Geschlechterrollen auseinandersetzen. In Rotkäppchen-Versionen verschiedener Autoren möchte Fabritius die weiblichen und männlichen Figuren untersuchen und erklären, wie diese Darstellungen die gesellschaftlichen Geschlechterrollen im historischen Kontext der Entstehung reflektieren. Das Einleitungskapitel schließt, ohne dass die Leser erfahren, welche Erzählungen außer dem Grimm’schen Märchen Gegenstand der Analyse sind und weshalb gerade diese ausgesucht wurden. Auch hinsichtlich der Leitfragen der Untersuchung wird nur das Versprechen gegeben, dass diese „an späterer Stelle“ (S. 11) ausführlicher formuliert werden.

Märchenforschung aus dem Blick der Gender Studies

Das Kapitel „Vorüberlegungen“ soll einen Überblick über Gendertheorien sowie auch über „bisherige wissenschaftliche Studien zu Mann und Frau im Märchen aus Sicht verschiedener Fachdisziplinen wie der Volkskunde/Kulturanthropologie, der Literaturwissenschaft, der Psychologie und natürlich der Pädagogik“ (S. 11) bieten. Die Leser können also vermuten, dass alle genannten Ansätze von Fabritius in seiner Analyse verwendet werden, denn es geht ihm um eine „interdisziplinär angelegte[] Studie“, wie es im Klappentext heißt. Die Einbeziehung der Pädagogik scheint aber nicht so „natürlich“ und logisch zu sein, da der Autor seine Forschungsmethode in Anlehnung an einen sozial-historischen Ansatz definiert und Jack Zipes, einen der prominentesten Vertreter dieses Ansatzes, zitiert.

Im Folgenden fasst Fabritius die wichtigen theoretischen Konzepte der Geschlechter- und Frauenforschung zusammen. Selbstverständlich ist seine Studie keine Anthologie der Literaturkritik, weshalb er nur die Autoren behandelt, die „zu den wichtigsten Theoretikern der Gender Studies gehören und [deren] Werke als Klassiker gelten“ (S. 15). Diese sind, laut Fabritius, Virginia Woolf, Simone de Beauvoir und Michel Foucault. Woolf ist zweifellos „eine bedeutende Pionierin des Feminismus“, während de Beauvoir und Foucault einen wertvollen Beitrag zur Diskussion der Sexualität und Identität geleistet haben. Es ist aber nicht verständlich, warum Fabritius andere Theoretiker wie, zum Beispiel, Eve Kosofsky Sedgwick, Luce Irigaray oder Hélène Cixous nicht als „Klassiker“ des Forschungsgebiets begreift. Die methodologische Auswahl hätte damit begründet werden können, dass diese Theorien für seine Untersuchung besonders nützlich sind. Mit Blick auf den Rest der Monographie kann man aber festhalten, dass de Beauvoir und Foucault von Fabritius nur ein weiteres Mal im Schlusskapitel erwähnt werden und nur, um zu untermauern, dass Zipes’ Behauptung über die Zensur in Kinderliteratur auch aus Sicht der Gender Studies richtig ist. Fabritius’ Meinung nach ist Woolfs A Room of One’s Own das erste Schreiben, in dem feministisches Denken geäußert wird. Dabei vernachlässigt er aber andere Schriftstellerinnen, wie – um beim Thema des Märchens zu bleiben – weibliche Autoren von Feenmärchen des 17. Jahrhunderts, die noch vor Woolf die männliche Auffassung der Geschlechterrollen bestritten.

Die Rekonstruktionen der Theorien von Woolf, de Beauvoir und Foucault übernimmt der Autor, den Fußnoten nach zu urteilen, aus dem Studienbuch Einführung in die Gender Studies (Berlin: Akademie Verlag 2008) von Franziska Schößler. Hier fallen Wiederholungen negativ aus (auf den Seiten 18–19 wird dieses Buch, aus dem er de Beauvoirs Zitate zieht, sechs Mal mit dem gesamten Titel zitiert). Auch sonst sind im Buch einige kleinere stilistische Mängel, z. B. die tautologische Aussage (S. 13: “einer weiblichen Identität aller Frauen“), und bedauerliche Druckfehler zu verzeichnen.

Im zweiten Teil der „Vorüberlegungen“ umreißt Fabritius die Untersuchungen (u. a. von Lutz Röhrich, Heinz Rölleke, Rainer Wehse, Chong-Chol Kim und Marie-Louise von Franz), die sich hauptsächlich mit der Darstellung von Frauen und Männern in den Grimm’schen Märchen beschäftigt haben. Die – Fabritius zufolge – einzige Arbeit, die sich mit dem Geschlechterbild im Märchen aus einer pädagogischen Perspektive widmet, Elisabeth Müllers Das Bild der Frau im Märchen. Analysen und erzieherische Betrachtungen (München: Profil-Verlag 1986), wird vom Autor kritisiert, da sie sich „nur auf die Frau im Märchen [beschränkt]“ und „dies aus einer feministisch-emanzipatorischen Perspektive“ (S. 33). Aus diesem Vergleich mit Müllers Studie wird der eigene Ansatz von Fabritius endlich deutlich: Er wird das Thema „Mann und Frau“ aus pädagogischer Sicht behandeln und Antworten auf die Leitfragen finden, „wie [sich] die Darstellung von Geschlechterrollen im Märchen im Laufe der Zeit verändert hat“, „welche Konsequenzen aus dem […] Umgang mit Geschlechtern im Märchen zu ziehen sind und wie eine sinnvolle pädagogische Nutzung von Märchen aus heutiger Sicht aussehen soll“ (S. 35).

Das spätmittelalterliche Vorbild

Der Hauptteil der Arbeit wird mit der spätmittelalterlichen Erzählung Geschichte von der Großmutter eröffnet. Aus dem Buch von Jack Zipes (Rotkäppchens Lust und Leid. Biographie eines europäischen Märchens. Frankfurt am Main: Ullstein 1985) zitiert Fabritius die Rekonstruktion dieser mündlichen Volkserzählung von Paul Delarue und sieht sie wie jener als Geschichte über den Reifeprozess und die Initiation. Anders als im Grimm’schen Märchen legt sich das Mädchen im Haus der Großmutter zum Wolf ins Bett, täuscht ihn aber im entscheidenden Moment durch einen listigen Trick und kann in ihr eigenes Zuhause entkommen. Um die Frauenrolle in dieser Urversion des Rotkäppchenmotivs genauer zu verdeutlichen, unternimmt der Autor einen historischen Exkurs über den Status der bäuerlichen Frauen in der Frühen Neuzeit; diese „waren durchaus respektiert, ihre politische Rolle wurde anerkannt“ (S. 49). Der Leser kann also logischerweise vermuten, dass die Figur des jungen Mädchens, das Mut, Tapferkeit und Intelligenz zeigt, die Frauenrolle im bäuerlichen Milieu widerspiegelt. Fabritius zieht aber eine andere Schlussfolgerung: Seiner Meinung nach entspricht das Handeln der tapferen Heldin einem „Emanzipationsversuch von ‚rebellischen‘ Bäuerinnen“, die „die Grenzen der ihnen normativ zugeschriebenen Handlungsräume und Handlungsformen“ (S. 50) überschreiten wollten. Warum der Autor die Frauenrolle in der Frühen Neuzeit analysiert, wenn es hier tatsächlich um eine spätmittelalterliche Geschichte geht, bleibt unerklärt. Hinsichtlich der pädagogischen Funktion der Erzählung findet er nichts Neues: Wie Zipes stellt Fabritius fest, dass die Geschichte von der Großmutter ein klassisches ‚Warnmärchen‘ ist, das einerseits „die Mädchen für die Gefahren sensibilisieren sollte, die von Vertretern des männlichen Geschlechts ausgehen können“, (S. 52) und anderseits zeigte, wie ein junges Mädchen zu einer starken und autonomen Frau werden kann.

Perraults Le petit chaperon rouge

Das zweite Kapitel des Hauptteils widmet sich der ersten schriftlichen Fassung des Rotkäppchen-Stoffes, dem Le petit chaperon rouge von Charles Perrault aus dem Jahr 1697. Fabritius stellt die inhaltlichen und stilistischen Änderungen in Perraults Version im Vergleich zur Volkserzählung heraus: erstens der Wechsel des Publikums, denn Perrault schreibt sowohl für Kinder wie auch für Erwachsene des Bürgertums und Adels; zweitens das Motiv des roten Käppchens, das zum ersten Mal eingeführt wird; vor allem aber wird das Mädchen hier vom Wolf verschlungen. Neu sei auch die damit verbundene moralische Pädagogisierung. Das Anhängen einer Moral in Gedichtform an das Ende des Märchens wird von Fabritius als „ein Zeichen für die sich ändernde Vorstellung von der Kindheit“ (S. 59) interpretiert. Dabei widerspricht er sich selbst schon auf Seite 66, wenn er darauf besteht, dass es „im 17. Jahrhundert aber noch keine Kindheit im heutigen Sinne [gab]“. Eine typographisch für sich selbst stehende Moral am Ende eines Märchens ist schon für Giambattista Basiles Lo cunto de li cunti (1634–1636) charakteristisch, wo sie die Volksklugheit bekundete. In jedem Fall wird das Märchen als Gattung durch einen explizit moralischen Charakter bestimmt und unterscheidet sich dadurch von der Novelle, der Legende und der Sage.

Aus geschlechterpädagogischer Sicht stellt Fabritius fest, dass das Bild von Frau und Mann in diesem Text die Geschlechterbeziehungen und Verhaltensregeln des höfischen Adels in der frühbürgerlichen Gesellschaft widerspiegelt. Perraults veränderte Darstellung des Rotkäppchens, das ein naives, dummes, hilfloses und im Wesentlichen passives Mädchen geworden ist, entspreche den dominanten, misogynen Vorstellungen von der Frau, die „nicht selbständig oder intelligent […], sondern bildhübsch, wohlgestaltet und fügsam“ (S. 61) sein sollte.

Grimms Rotkäppchen

Im dritten Kapitel geht Fabritius auf das Grimm’sche Rotkäppchen und die Veränderungen der Motive im Vergleich zu Perraults Version ein, wie die Darstellung eines jüngeren und naiveren, hilfloseren Mädchens sowie das Happy End durch das Auftauchen des Jägers. Aus sozialer und historischer Sicht erklärt der Autor die Änderungen in der Beschreibung der Geschlechterrollen als Anpassung an die herrschende Denkweise einer männerdominierten Gesellschaft und als latente erzieherische Intention der Brüder Grimm. Im Hinblick auf das Ziel seiner Studie stellt Fabritius fest, dass das Thema sehr gut erforscht sei, ohne aber auf die wichtigen Arbeiten von Ruth Bottigheimer (Grimms’ Bad Girls and Bold Boys. The Moral and Social Vision of the Tales. New Haven: Yale University Press 1987) und Maria Tatar (The Hard Facts of the Grimms’ Fairy Tales. Princeton: University Press 1987) hinzuweisen. Das Kapitel schließt mit der Behauptung, dass die Gebrüder Grimm in ihrer Bearbeitung des Rotkäppchen-Märchens durchaus das traditionelle Rollenverhältnis von Mann und Frau in der bürgerlich-biedermeierlichen Epoche bestätigen (S. 80).

Eigenständiges Rotkäppchen von Otto F. Gmelin

Im vierten Kapitel beschäftigt sich Fabritius mit einem modernen Rotkäppchen, dem von Otto F. Gmelin (1978). Da es hier tatsächlich um ein kluges Mädchen geht, erotische Motive auftauchen und der Wolf schließlich in einen jungen Mann transformiert wird, folgert Fabritius, dass Gmelins Fassung zurück zur Urversion führt. Durch die Veränderung der Motive unterwerfe der Verfasser die patriarchal-bürgerlich geprägten Strukturen und zeichne den Ausgleich der Geschlechterdifferenzen in der zeitgenössischen Gesellschaft nach.

Im letzten Kapitel des Buches kommt Fabritius zur überzeugenden, aber voraussehbaren Schlussfolgerung, dass „alle hier vorgestellten Versionen in einem pädagogischen Kontext zu verwenden und pädagogisch relevant sind“ (S. 95). Da Kinder die Märchenhelden nicht im Licht irgendwelcher Gendertheorien interpretieren können, erläutert der Autor, sei eine vorsichtige Anwendung der Märchen notwendig, er empfiehlt, „einen verantwortungsvollen pädagogischen Dialog“ (S. 98) mit Kindern entstehen zu lassen.

Fazit

Wenn das Buch von Bernd Fabritius als wissenschaftliche Veröffentlichung und als geschlechtertheoretisch und pädagogisch angelegte Studie zur Gattung Märchen bewertet werden soll (die in einem wissenschaftlichen Verlag erschienen ist), muss man konstatieren, dass es nicht innovativ ist und dem Leser, der sich für Märchen interessiert und der die Arbeiten von Zipes, Bottigheimer, Tatar und Bruno Bettelheim schon kennt, keine neuen und aufschlussreichen Erkenntnisse liefert.

Die Arbeit ist, wie der Klappentext bereits ankündigt, interdisziplinär angelegt, da das Märchen aus Sicht von Soziologie, Pädagogik, Gender Studies und volkskundlich-kulturanthropologisch orientierten Methoden betrachtet wird. Schade ist, dass sich der interdisziplinäre Ansatz des Autors auf die Zusammenfassung der Arbeiten verschiedener Literaturwissenschaftler reduziert und damit den Ansprüchen auf wirkliche Interdisziplinarität nicht gerecht wird. Alle oben genannten Defizite und der fragwürdige Umgang mit den Quellen wären nur damit zu rechtfertigen, dass es sich vermutlich um die erste Arbeit des Autors handelt. Aber der Tectum Verlag liefert leider keine Information zur Art der Monographie (handelt es sich hier um seine Abschlussarbeit?), was die weitere Bewertung des Bandes erschwert. Für zukünftige Arbeiten kann man Fabritius mehr Mut zur wissenschaftlichen Eigenständigkeit wünschen und ihm raten, die längeren resümierenden Passagen von Märchen und Sekundärliteratur durch direkte eigene Analysen der Texte zu ersetzen.

URN urn:nbn:de:0114-qn:989:8

Tatiana Korneeva

Freie Universität Berlin

Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien

E-Mail: korneeva.t@gmail.com

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