Individuelle Emotionen und kulturspezifische Liebesideale beim Online-Dating

Rezension von Vanessa Kleinschnittger

Julia Dombrowski:

Die Suche nach der Liebe im Netz.

Eine Ethnographie des Online-Datings.

Bielefeld: transcript Verlag 2011.

377 Seiten, ISBN 978-3-8376-1455-8, € 29,80

Abstract: Julia Dombrowski setzt sich in ihrer Dissertation aus ethnologischer Perspektive mit dem Phänomen Online-Dating auseinander. Dabei legt sie einen Fokus auf die Emotionen, insbesondere die romantische Liebe, und widmet sich der Frage, auf welche Weise von den User/-innen der Datingbörsen kulturspezifische Liebesvorstellungen und individuelles Erleben bei ihrer Partnersuche vereinbart werden. Damit weicht Dombrowski von der bestehenden, sich vor allem auf Kapitalismuskritik konzentrierenden Forschung zum Online-Dating ab und sucht den Zugang zum Thema über das subjektive emotionale Erleben des Online-Datings durch die User/-innen selbst.

Emotionen als zentrales Forschungsinteresse

Online-Dating, obwohl eine weit verbreitete Form der Partnersuche, ist sowohl in der gesellschaftlichen Bewertung als auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung bisher wenig in den Blick genommen worden und wenn, dann wird oftmals eine kritische Haltung offenbart. In ihrem Buch nähert sich Julia Dombrowski dem Thema nun aus der bislang fehlenden Perspektive der Ethnologin.

Als Fokus für ihre Arbeit hat die Autorin einen Themenbereich gewählt, den der Großteil der zum Online-Dating existierenden Forschung tunlichst meidet: die Emotionen, insbesondere die romantische Liebe. Prinzipiell als zentrales Moment innerhalb des Kontextes Partnersuche, Paarbeziehung und Liebe zu deuten, ist die Auseinandersetzung mit Emotionen doch immer von unlösbaren Schwierigkeiten geprägt: Die Anzahl der Positionen ist zahlreich und eine klare Verortung innerhalb des Feldes diffizil. Nichtsdestotrotz stellt Dombrowski die Emotionen ins Zentrum ihres Interesses.

Dementsprechend beginnt sie ihr Buch mit einer Darstellung und Einordnung der verschiedenen theoretischen Ansätze zum Thema der Emotionen. Darauf aufbauend formuliert Dombrowski ihre eigene Konzeption: Sie fasst Emotionen prinzipiell als sozio-kulturelle Phänomene auf, als subjektive Bewertungen einer Situation, eingebettet in ein kulturelles System (vgl. S. 38 ff.). Zum einen unterlässt es die Autorin damit, sich konkret innerhalb des Feldes der Emotionsforschung zu verorten, und entgeht somit einem Argumentationszwang. Zum anderen setzt sie mit dieser Definition jedoch an einem äußerst interessanten Punkt bezüglich des Online-Datings ihren Schwerpunkt: Wie vereinbaren die Online-Dater/-innen Widersprüche zwischen kulturellen Liebesvorstellungen und der von ihnen gewählten Form der Partnersuche?

Kulturelle Liebesvorstellungen beim Online-Dating: Annahmen, Verwerfungen, Modifizierungen

Im zweiten Teil des Buches stellt die Autorin die Ergebnisse ihrer Studie zum Online-Dating vor. In der Diskussion des Forschungsstandes über Online-Dating geht Dombrowski auch auf das Werk von Eva Illouz ein (Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2006), das die theoretische Grundlage nahezu jeder wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Online-Dating darstellt. Illouz beschreibt die Partnersuche im Netz als einen von ökonomischen und psychologischen Strukturen geprägten Prozess, bei welchem das private Selbst zu einem öffentlichen wird, welches sich innerhalb von kapitalistischen (Single-)Marktstrukturen positionieren muss. Auf die Unvereinbarkeit dieser Prozesse mit dem Konzept der romantischen Liebe, wie sie Illouz konstatiert, richtet Dombrowski in der Folge ihren Blick und kritisiert deren „konstante Abwertung des Online-Datings vor dem Hintergrund einer Kapitalismuskritik“ (S. 68). Das ethnologische Interesse der Autorin am Online-Dating rückt die subjektive Wahrnehmung und Deutung der User/-innen ins Zentrum. In ihrer Studie untersucht sie dementsprechend anhand ethnologisch-ethnografischer Methoden die Praxis sowie das emotionale Erleben des Online-Datings.

Dombrowski nähert sich dem Phänomen sowohl durch (narrative) Interviews als auch durch teilnehmende Beobachtung, beides on- sowie offline. Dazu hat sie sowohl als Mitglied in Partnerbörsen die Dating-Aktivitäten anderer User beobachtet, Interviews dort initiiert und per Mail geführt als auch Online-Dater/-innen bei ihren Aktivitäten am Computer offline begleitet bzw. face-to-face-Interviews geführt. Kritisch gesehen werden muss, dass viele ihrer Informanten, durch die Suche über den eigenen Bekanntenkreis begründet, einen akademischen Bildungshintergrund besitzen. Fraglich ist deshalb, ob die Ergebnisse nicht aufgrund des hohen Reflexions- und sprachlichen Ausdrucksvermögens der Interviewten verzerrt bzw. einseitig ausfallen. Darüber hinaus werden die Aussagen der Online-Dater/-innen von Dombrowski überwiegend als narrative, rein deskriptive Unterlegung ihrer Ausführungen verwendet, eine systematische Auswertung der Aussagen, bspw. anhand eines konversationsanalytischen Ansatzes, fehlt. Und da gerade Emotionen kontextungebunden durch die Befragten nur begrenzt verbalisiert werden können, was Dombrowski in ihren Interviews auch erfährt (S. 239), wäre ein erweiterter Zugang von Vorteil gewesen.

Hinsichtlich der Erkenntnisse Dombrowskis fällt auf, dass sie eng an jene von Illouz angelehnt sind und vieles bestätigen, was diese schon beschrieben hat. Neu ist einzig die Perspektive, derer sie sich bedient: Wo Illouz kritisch die Verbindung von Romantik und Konsum, von Emotion und Kapital als eine äußerst ambivalente Logik der Hyperrationalität bezeichnet (a. a. O., S. 163 ff.), schildert Dombrowski indessen die Sicht der ‚Akteure‘, der Online-Dater/-innen selbst, für die Emotionen auch online eine tragende Rolle spielen. Indem die Autorin die verschiedenen Facetten des Online-Datings vorstellt, die von der Rolle des Zufalls in der Liebe über den Einsatz ökonomischen und kulturellen Kapitals, genderspezifisches (durchaus traditionelles) Verhalten bis zum Partner-Auswahlverfahren der User/-innen reichen – immer unter Berücksichtigung der emotionalen Komponente –, wird ein differenziertes Bild der Online-Dater/-innen und ihrer Partnersuche im Netz entworfen.

Aushandlungsprozesse von kulturspezifischen Liebesvorstellungen und individuellen Emotionen

Es zeigt sich, „dass Online-Dating, obgleich an kulturspezifische Vorstellungen anknüpfend, in mancherlei Hinsicht eine Herausforderung für solche Annahmen darstellt“ (S. 241). Konkret bedeutet dies, dass die Online-Dater/-innen stark von kulturellen Vorstellungen über die romantische Liebe geprägt sind. Steht die individuell-emotionale Situation in der Datingbörse im Widerspruch zu den kulturspezifischen Liebes- und Beziehungsmodellen, werden diese Unstimmigkeiten in anhaltenden Aushandlungsprozessen (vgl. S. 258) entweder durch Umdeutungen angegliedert oder als bestehende Ambivalenzen in die eigene Wahrnehmung integriert. Diese sind dann jedoch „keineswegs eine Quelle ausschließlich negativer Erlebnisse oder führen nicht zu einer als untragbar wahrgenommenen Fragmentierung ihrer [= der Online-Dater/-innen, VK] Identitäten“ (S. 293).

Die Autorin legt somit dar, dass für die Online-Dater/-innen, obwohl sie „ihre Aktivitäten bis zu einem gewissen Punkt nach rationalen Überlegungen“ (S. 229) gestalten, im Kontakt mit anderen Börsenmitgliedern Emotionen elementar und handlungsleitend sind. Dies wiederum ist kongruent mit den kulturellen Liebes- und Beziehungsvorstellungen der User/-innen, in denen Emotionen als zentrales Moment fungieren. Wie die User/-innen kulturelle Liebesideale mit den der Online-Partnersuche inhärenten rationalisierten, psychologisierten und ökonomisierten Strukturen vereinbaren und diese „mit normentsprechenden romantischen Bedeutungen“ (S. 270) belegen, wird von Dombrowski anschaulich nachgezeichnet. Darin liegt schließlich auch die hauptsächliche Differenz zu Illouz, die gerade die Rückübersetzung der öffentlichen psychologischen Inszenierung beim Online-Dating in eine private emotionale Beziehung als höchst problematisch begreift (vgl. a. a. O., S. 160).

Wissenschaftliche Einordnung der Ergebnisse

Dombrowski hat mit ihrem Buch eine erste ethnologische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Online-Datings geleistet und bestätigt mit ihrer Studie, was innerhalb der aktuellen Forschung zu sozialen Netzwerken im Internet betont wird: Diese sozialen Kontakte finden nicht außerhalb kulturspezifischer Vorstellungen sozialer Normen statt, sondern sind als Verlängerung des Offline-Lebens und nicht als diesem entgegenlaufend zu begreifen.

Die Fokussierung auf die Emotionen ist dabei insbesondere für eine ethnologische, sich auf das subjektive Erleben der Befragten konzentrierende Herangehensweise praktikabel. Eher fragwürdig ist dabei, dass trotz der breiten Einführung in die theoretischen Ansätze der Emotionsforschung die Autorin sich selbst nicht innerhalb des Feldes verortet, womit die Ausgangslage vage bleibt. Zudem fehlt auch der methodischen Herangehensweise eine gewisse Tiefe, da eine systematische Auswertung der Daten, insbesondere der Interviews, nicht ersichtlich ist und sich die Studie damit in mancher Hinsicht als rein deskriptiv darstellt.

Als weitsichtig erscheint wiederum Dombrowskis Bemühung, ihre Studie der komparativen Forschung zu öffnen, indem sie ihre Ergebnisse in einem der abschließenden Kapitel in Form der vier Dynamiken des Internets nach Miller und Slater (Daniel Miller/Don Slater: The Internet. An Ethnographic Approach. Oxford: Berg Publishers 2000) strukturiert. Diese basieren auf der Annahme, dass Aktivitäten im Internet nicht unabhängig von der ‚realen‘ Offline-Welt ausgeführt werden, sondern ein Teil des alltäglichen Lebens sind. Die Ausführungen zu den Dynamiken der Objektifizierung, der Mediation, der normativen Freiheit und der Positionierung beim Online-Dating beschränken sich jedoch weitestgehend auf eine schematische Zusammenfassung der vorliegenden Ergebnisse und sind wenig analytisch; das wirkliche Potential der Übertragung der Studie auf die Internet-Dynamiken von Miller und Slater bleibt damit unklar.

Innovativ bleibt schließlich vor allem Dombrowskis ethnologischer Blick auf die Akteure selbst und darauf, wie diese, entgegen gesellschaftlichen als auch wissenschaftlichen kritischen Einschätzungen, in ihrer Praxis des Online-Datings ihre Handlungen und Ansichten mit kulturellen Liebesvorstellungen vereinbaren. Angesichts der Alltäglichkeit, mit der Online-Dating heutzutage von einer breiten Masse betrieben wird, mag dies zwar eine naheliegende Erkenntnis sein; die wissenschaftliche Fundierung derselben stand jedoch bisher noch aus, wobei vor allem Dombrowskis Schluss bedeutsam ist, dass das wesentliche Moment dieser Aushandlungsprozesse die zentrale Fokussierung auf Emotionen bzw. die Bedeutung der romantischen Liebe durch die Online-Dater/-innen ist.

URN urn:nbn:de:0114-qn123068

Vanessa Kleinschnittger, M.A.

Universität Basel

Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Medienwissenschaft; Forschungsschwerpunkte: Digitale Medien und Partizipation, Online Dating/Partnersuche im Netz, medienethnographische Sozialforschung zur Mediennutzung Jugendlicher und junger Erwachsener, Medienkompetenz und Jugendmedienschutz.

E-Mail: v.kleinschnittger@unibas.ch

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