Carmen – Transmediale und transkulturelle Arbeiten am Mythos

Rezension von Uta Felten

Kirsten Möller, Inge Stephan, Alexandra Tacke (Hg.):

Carmen.

Ein Mythos in Literatur, Film und Kunst.

Köln u.a.: Böhlau Verlag 2011.

227 Seiten, ISBN 978-3-412-20579-9, € 22,90

Abstract: Im vorliegenden Sammelband werden aktuelle Untersuchungen zum Carmen-Mythos in Literatur, Film, Malerei und Musikkultur aus einer genderspezifischen, einer transmedialen und einer transkulturellen Perspektive präsentiert. Als gemeinsame methodische Prämisse des Bandes fungiert die These, dass Carmen als Produkt einer Mythenbricolage und als Projektionsfläche für vornehmlich männlich codierte Exotismus- und Alteritätsfiktionen verstanden werden kann. Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Umgang mit dem Carmen-Mythos werden deutlich am Beispiel von filmischen, literarischen, pikturalen, musikalischen und performativen Bearbeitungen des Mythos vom 19. bis zum 21. Jahrhundert.

Endlich eine medienübergreifende und genderorientierte Arbeit am Carmen-Mythos! Mit ihrem genderspezifisch und transmedial ausgerichteten Sammelband zur Modellierung des Carmen-Mythos in Literatur, Kunst, Film und Performance erfüllen die Herausgeberinnen ein langjähriges Desiderat der internationalen Carmen-Forschung. Während die bisherigen Untersuchungen zum Carmen-Mythos primär monomedial ausgerichtet waren und sich dem Mythos entweder aus einer rein literaturgeschichtlichen, einer musikwissenschaftlichen oder kunstgeschichtlichen Perspektive (vgl. z. B. Peter Paschek/Verena Formanek (Hg.): Blicke auf Carmen. Goya. Courbet. Manet. Nadar. Picasso. Köln 2005) angenähert haben, überschreitet der Band in bester transdisziplinärer Manier die Grenzen der Medien und Disziplinen und lädt seine Leserinnen und Leser zu einer interkulturellen Reise durch die Geschichte der verschiedenen Medialisierungen des Mythos von den „Ursprungserzählungen“ (S. 10) in Literatur und Oper bei Mérimée und Bizet bis hin zu „performativen Adaptationen im zeitgenössischen Flamenco oder on Ice“ (S. 10) ein.

Als zentrale Denkfigur des Bandes fungiert die auch in der bisherigen Carmen-Forschung (Hölz, Bronfen, Felten, Hagen u. a.) bestätigte These, dass Carmen als Produkt einer Mythenbricolage und als Projektionsfläche männlicher Exotismusphantasien und Alteritätsfiktionen verstanden werden darf: „Als Figur hat sie [Carmen] keine sichere Abstammung […]. Ihre Identität ist ein Ergebnis literarischer und musikalischer Fantasien über Weiblichkeit, die sich aus antiken und christlichen Mythen speisen und mit damaligen zeitgenössischen Vorstellungen über Alterität und Exotismus aufgeladen sind.“ (S. 8)

Die Gliederung des Sammelbandes in drei Abschnitte – I. Ursprungsphantasien (S. 13–62), II. Carmen auf der Leinwand (S. 62–140) und III. Carmen medial – erscheint kohärent und überzeugend.

Ein Beispiel für einen ausgesprochen anregenden Beitrag konstituiert die Studie von Alexandra Tacke zur selbstreflexiven Funktionalisierung der Rahmungen in Prosper Mérimées Novelle Carmen (1845) und Georges Pichards Comic Carmen aus dem Jahre 1981. Die Verfasserin kombiniert in ihrem überzeugenden Theoriedesign genderspezifische Positionen aus Elisabeth Bronfens prominenter Studie über Tod, Weiblichkeit und Ästhetik (Over Her Dead Body. Death, femininity and the aesthetic. Manchester 1992) mit wahrnehmungsästhetischen Positionen von Linda Hentschel (Pornotopische Techniken des Betrachtens. Raumwahrnehmung und Geschlechterordnung in visuellen Apparaten der Moderne. Marburg 2001) zur Konstruktion des männlichen Voyeurismus auf der Basis medialer Apparaturen der Moderne und kann nachweisen, dass bereits Mérimées Novelle durch Techniken der Multiplikation und Spiegelung von Rahmen- und Binnenerzählung die Konstruiertheit der Blicke auf Carmen gleichermaßen ausstellt und reflektiert.

Eben diese doppelte Strategie einer Ausstellung der Figur als visuelles Dispositiv männlicher Wunschphantasien bei gleichzeitiger ironischer Reflexion des voyeuristischen Sehdispositivs selbst manifestiert sich – wie die Verfasserin in der Detailanalyse der Panels des Comiczeichners Georges Pichard nachweisen kann – auch in dessen Carmen-Comic: „Die Sexualisierung des Sehens wird in dem Comic von Georges Pichard mehrfach zum Thema gemacht. Durch auffällige Rahmungen, Gucklöcher etc. (die nicht selten den Blick in einen perspektivischen Tiefraum freigeben) wird der Voyeurismus des Lesers, den der erotische Comic eigentlich bedienen soll, als solcher in den Vordergrund gestellt und ausgestellt. Durch Brüche wie diese wird der Leser sich seiner Position als Blickender bewusst. Kurzzeitig wird seine voyeuristische Lust gestört, indem das Blickdispositiv selbst in den Blick rückt.“ (S. 32)

Zahlreiche neue Erkenntnisse und Perspektiven bietet auch der zweite Untersuchungsabschnitt des Sammelbandes – „Carmen auf der Leinwand“ –, in dem sich die Autor/-innen den filmischen Inszenierungen des Carmen-Mythos aus einer kulturübergreifenden Perspektive widmen und unter anderem die kinematographischen Modellierungen des Mythos im Stummfilm bei DeMille, Chaplin und Lubitsch, Lotte Reinigers filmisches Silhouettentheater Carmen aus dem Jahre 1933, Otto Premingers Carmen Jones aus dem Jahre 1954 sowie die bekannten postmodernen Carmen-Bearbeitungen aus den 80er Jahren von Saura und Godard behandeln, die im Spiel von Konstruktion und Dekonstruktion den Mythos als Produkt einer bricolage ausstellen und selbstironisch reflektieren.

Ein Beispiel für eine spannende Applikation genderspezifischer und intermedialer Theoreme auf die Carmen-Bearbeitungen im frühen Stummfilm bietet der Beitrag von Florian Kappeler, der nachweisen kann, dass bei DeMilles und Chaplins Bearbeitungen des Stoffes die Tendenz zur hyperbolischen Ausstellung des opernhaften Inszenierungscharakters der Figuren und die Betonung des Komisch-Burlesken dominiert (S. 67) und dass vor allem in Chaplins Film Burlesque on Carmen die Figur des Don José – im Film heißt sie Hosiery – ganz in den Dienst einer Ironisierung von Männlichkeit gestellt wird: „Sie [Carmen] muss nicht viel tun, die Männer (besonders Hosiery) depotenzieren sich schon selbst. Im Vordergrund steht die Inszenierung einer geschwächten und krisenhaften Männlichkeit.“ (S. 68)

Es bleibt hier lediglich anzumerken, dass es lohnend wäre, im Zuge einer größeren Untersuchung zu den Carmen-Bearbeitungen im frühen Film die auf die Kombinationen und Überschreitungen von Film und Theater ausgerichtete Intermedialitätsforschung (Roloff, Winter) stärker zu berücksichtigen und auch deleuzianische Thesen zum surcroît de théâtralité im Film mit einzubeziehen.

Noch stärker als im zweiten Untersuchungsabschnitt des Bandes werden im dritten Teil die genderspezifischen Perspektiven durch aktuelle Positionen zur Transkulturalität erweitert. Ein herausragendes Beispiel für eine gelungene Kombination genderspezifischer und transkultureller Theoreme stellt der Beitrag von Rike Bolte zu Ana Castillos Roman Peel my love like an onion aus dem Jahre 1999 dar. Im Anschluss an postkoloniale Positionen von Homi Bhaba und Theoriebildungen von Gloria Anzaldúa zur New Mestizaje-Bewegung (Borderlands/La Frontera. The New Mestiza. San Francisco 1987) zeigt Bolte am Beispiel einer der letzten Romane der Chicana-Autorin Ana Castillo, wie der Carmen-Stoff in das Chicago des 20. Jahrhunderts transponiert wird und dort zur narrativen Folie für eine Neuverhandlung diasporischer Identitäten und Genderkonfigurationen im third space zwischen Gipsy und Chiacana-Kultur avanciert und der Hauptfigur, einer chicanischen Flamencosängerin, eine Stimme in kontradiktorischen Räumen verliehen wird. Überzeugend ist nicht nur die gelungene Applikation der postkolonialen Theoreme auf den Roman, sondern auch der intermediale Ansatz, der den Roman als Re-écriture der mexikanischen telenovela und im Anschluss an Anzaldúa als Revision traditioneller binärer Narrationen von Geschichte liest (vgl. S. 153 f.).

Fazit

Der vorliegende Sammelband konstituiert ein unverzichtbares Kompendium für alle diejenigen, die sich mit einer aktuellen genderorientierten Mythen- und Medienforschung beschäftigen wollen, und ist auch als Seminarreader hervorragend geeignet. Die gelungene intermediale und transdisziplinäre Ausrichtung des Bandes eröffnet darüber hinaus neue Perspektiven für eine genderorientierte Erforschung mythologisch codierter Weiblichkeits- und Männlichkeitsinszenierungen.

URN urn:nbn:de:0114-qn:969:7

Prof. Dr. Uta Felten

Universität Leipzig

Prof. für französische, frankophone und italienische Literaturwissenschaft am Institut für Romanistik

Homepage: http://www.uni-leipzig.de/~felten/

E-Mail: hwfelten@rz.uni-leipzig.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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