Fotografische Darstellungen des Geschlechts und ihr Einsatz in medizinischen Publikationen

Rezension von Heinz-Jürgen Voß

Kathrin Peters:

Rätselbilder des Geschlechts.

Körperwissen und Medialität um 1900.

Zürich u.a.: diaphanes 2010.

231 Seiten, ISBN 978-3-03734-091-2, € 25,90

Abstract: In dieser fundierten Untersuchung biologisch-medizinischer Geschlechtertheorien um 1900 wendet sich die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Kathrin Peters, ausgehend von fotografischen Darstellungen, sogenanntem ‚uneindeutigem Geschlecht‘ zu. Auch stellt sie dar, wie sich in der Folge der Betrachtungen eines ‚schönen Ideals‘ Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend ein Denken von ‚Normalität und Abweichung‘ etablierte und wie sich die biologisch-medizinischen Theorien der Geschlechterdifferenzen veränderten. Sie zeigt mit ihren Bildanalysen, wie Fotografien in unterschiedlichen Kontexten verschiedene Wirkungen entfalten und wie sie in wissenschaftlichen Publikationen gezielt eingesetzt wurden. Als problematisch erscheint es indes, dass Bilder – wenn auch historische – von untersuchten Patient/-innen abgedruckt werden, die offensichtlich genötigt worden waren, ihre Genitalien dem Fotografen zu zeigen.

‚Uneindeutiges Geschlecht‘ als das ‚Unnormale‘

Im ersten Teil des Buches untersucht Peters biologische und medizinische Betrachtungen zu menschlichem Hermaphroditismus sowie fotografische Darstellungen, die damit verbunden sind. Sie bezieht sich dabei auf zwei prominente Arbeiten: die Bildserie des Fotografen Félix Tournachon (Nadar) – sie ist eine der frühesten fotografischen Abbildungsserien, in der ein Hermaphrodit dargestellt ist – und die Verhandlung eines ‚Falles‘ von Hermaphroditismus in der Berliner medicinischen Gesellschaft aus dem Jahr 1898.

Die Autorin arbeitet in Bildanalysen insbesondere dieser Arbeiten heraus, wie in ihnen Bekleidung und Nacktheit zum Tragen kommt, wo und wann neben der/dem untersuchten Patienten/in auch die Hand des Mediziners bzw. dessen gesamtes Seitenprofil sichtbar wird und wie dies der Unterstützung der Wissenschaftlichkeit der Abbildung dient. Auch die Rolle der Schamhaftigkeit zeigt Peters auf: So sei, sobald die Genitalien auf Fotografien sichtbar sind, das Gesicht der/des Untersuchten verdeckt, bspw. mit der eigenen Hand. Den Fotografien kommt insbesondere die Bedeutung zu, physische Merkmale als die zentralen Merkmale für die medizinische geschlechtliche Einordnung von Menschen zu bestätigen, stellt die Autorin fest.

Neben der Fokussierung auf die bildlichen Darstellungsweisen erläutert Peters die Veränderungen, die sich in den biologisch-medizinischen Theorien zur Beschreibung und Bestimmung des Geschlechts ergeben haben. Einen bedeutenden Bruch nimmt sie, im Anschluss an Thomas Laqueur und Claudia Honegger, in der Zeit um 1800 an. Differenzen zwischen zwei Geschlechtern seien nun in allen physischen und physiologischen Merkmalen gesucht und gefunden worden. Galten zuvor Hermaphroditen als ‚schicksalhafte Monströsitäten‘, deren Vorkommen nicht beeinflussbar sei, wurden Uneindeutigkeiten des Geschlechts in den sich herausbildenden ‚modernen‘ Wissenschaften als ‚Abweichungen‘ und ‚Störungen‘ in allgemeine Theorien der Entwicklung von Merkmalen eingebunden. Peters führt an den gewählten Beispielen aus, wie bei den untersuchten Menschen das „tatsächliche Geschlecht“ bestimmt werden sollte, welche Merkmale hierfür herangezogen wurden, wie Mediziner zu unterschiedlichen Diagnosen gelangten und wie die Diagnose auch durch die Patientin bzw. den Patienten beeinflusst werden konnte.

Menschen ‚uneindeutigen Geschlechts‘ als Objekte der Forschung

Menschen ‚uneindeutigen Geschlechts‘ kamen oftmals nicht aus eigenem Interesse in den Blick der Medizin, sondern weil Gerichtsentscheidungen sie dazu zwangen. Oder sie kamen wegen einer banalen Erkrankung in ärztliche Behandlung und wurden dann unvermittelt mit der Diagnose überrascht, dass ihr ‚tatsächliches Geschlecht‘ von ihrem gelebten Geschlecht abweiche. Peters stellt einen solchen Fall vor, in der eine Patientin mit einer solchen Diagnose konfrontiert wurde und sich anschließend zunächst weiteren Untersuchungen entzog. Diese/r Patient/in suchte jedoch einige Jahre später selbst den Mediziner auf, um sich männliches Geschlecht diagnostizieren zu lassen. Hier werden von Peters Motive angedeutet, die Menschen selbst dazu anregen konnten, Mediziner aufzusuchen, um den Personenstand ändern zu lassen.

Gleichzeitig weist Peters darauf hin, dass oftmals Patient/-innen aus Schamhaftigkeit sich nicht zeigen und fotografieren lassen wollten. Sie nimmt die Methoden der Mediziner in den Blick, diese Zurückhaltung zu überwinden. Mit „Überredungs-, Beeindruckungs- und Erpressungsaufwand“ (S. 91), also zuweilen auch einfach mit Geld, erkauften sie die Mitwirkung der Patientin bzw. des Patienten, um genauere Untersuchungen anstellen zu können und die Einwilligung für fotografische Aufnahmen zu erhalten. Diese Strategien der Medizin, Menschen zu Untersuchungen und fotografischen Aufnahmen zu nötigen und sie zum Objekt zur Erforschung von ‚Geschlecht‘ zu machen, stehen seit den 1990er Jahren von Seiten der sich seitdem organisierenden Intersexuellen in der Kritik. Das Zur-Schau-Stellen und Fotografieren wird von Intersexuellen als Teil einer traumatisierenden und übergriffigen Praxis beschrieben, in denen u. a. Jugendliche – also junge Menschen in einer ohnehin nicht einfachen Lebensphase, auch was ihr Geschlecht angeht – ihre Genitalien ganzen Gruppen von Medizinstudierenden präsentieren mussten. Plastisch nachvollziehbar werden diese Kritiken aus den Dokumentationsfilmen Das verordnete Geschlecht (2001, Regie: Oliver Tolmein und Bertram Rotermund) und Die Katze wäre eher ein Vogel (2007, Regie: Melanie Jilg) sowie aus der aktuellen Autobiographie von Christiane Völling (Ich war Mann und Frau – Mein Leben als Intersexuelle. Köln: Fackelträger Verlag 2010). Vor dem Hintergrund dieser Kritiken ist es notwendig, auch in der Aufarbeitung durch die Geschlechterforschung von einer Verwendung solcher Abbildungen abzusehen und andere Formen der Interpretation wie detaillierte Beschreibungen – und explizit kritisierende Bewertungen – zu nutzen. In diesem Sinne ist auch der Einsatz einiger solcher Abbildungen in Peters Arbeit problematisch.

Vom ‚Unnormalen‘ zum ‚Normalen‘, vom ‚Schönen‘ zum ‚Durchschnitt‘

Im zweiten Teil des Buches wendet sich Peters der „Definition des Modellmenschen“ (Foucault, nach Peters S. 109) zu. Dieser kam im 19. Jahrhundert vermehrt in den Blick – und es wurde von einigen Autoren beanstandet, dass „Monströsitäten“ – als „Abweichungen“ und „Störungen“ – vielfach beschrieben seien, aber kaum etwas über den „Normalfall“ des „europäischen Mannes“ und der „europäischen Frau“ bekannt sei (S. 109 f., 127 f.). Geschlechtliche Betrachtungen wurden so stets um rassistische ergänzt: Ein als „schön“ betrachtetes „europäisches Ideal“ wurde als „Modellmensch“ herausgearbeitet. Peters diskutiert in diesem Teil insbesondere die Arbeiten von Gustav Fritsch und Carl Heinrich Stratz. Über deren Leben und Wirken werden, wie auch bei den zuvor im Blickpunkt stehenden Autoren, den Leser/-innen nur wenige Informationen mitgegeben, vielmehr stehen wiederum ihre Arbeiten, die Technik des Fotografierens und der Einsatz der Abbildungen im Fokus.

Nach Peters ging es Stratz und Fritsch um die Verfertigung von Abbildungen des idealen, ‚schönen‘ Menschen, durchaus orientiert an früheren Skulpturen bspw. der Antike, allerdings keineswegs mehr ausschließlich nach solchen tradierten Maßverhältnissen hergestellt. Der „lebendige, der sich bewegende Körper“ (S. 124) war nun zentral. Er wurde zunehmend durch Fotografien abgebildet, und dieser Körper führte damit, allein schon durch sein ganz reales Auftreten, das Potential mit sich, tradierte Vorstellungen zu verunsichern. Es galt also, „das Wirkliche mit dem Ideal zu versöhnen“ (S. 123 f.). Und es galt, zwischen unterschiedlichen „Idealen“ das präferierte zu wählen, wie die Autorin sowohl für Fritsch als auch für Stratz deutlich macht: „Bei den Männern interessiert sich Fritsch für den muskulösen Herkulestyp […]; die Apollon-Figur, dieser Jüngling mit Tendenz zum Effeminierten oder Androgynen, dem Winckelmann noch höchste Identität zusprach, stellte für Fritsch und einen auf klare Geschlechtergrenzen fokussierten Diskurs keine Option mehr dar.“ (S. 138 f.) Die Frauen erschienen Fritsch hingegen als „unspezifisch“, „unmarkant“, als „blasse Fläche“ (S. 139) – sie mussten bei ihm und im Diskurs um 1900, wie ihn Peters vorstellt, keine spezifische Gestalt aufweisen, die auf bestimmte körperliche oder geistige Beschäftigungen zurückging, wie es bei der Auswahl der Männer bedeutsam war. Auch für Stratz folgert sie, dass dieser Personen vermaß, „die ihm der Zufall zuspielte und die seine Vorauswahl bestanden“ (S. 147).

Die Autorin weist darauf hin, dass dieses „Schöne“ schließlich nicht mehr als „Ideal- und Prototypisches“ und damit ebenfalls als Ausnahmeerscheinung gewertet wurde, sondern zur Basis für ein „Verständnis des Normalen als Durchschnitt, als arithmetisches Mittel“ (S. 109) gerann. Abbildungen wurden in wissenschaftliche Beweisführungen eingebunden und mit Text und Tabellen in Verbindung gesetzt, und so wurde eine ‚Norm‘, ein ‚Durchschnitt‘ etabliert und verfestigt. Es entsteht das, was später und heute als ‚typisch menschlich‘, als ‚typisch weiblich‘ bzw. ‚typisch männlich‘ gilt.

Dabei ließen keineswegs nur die realen untersuchten und fotografierten Menschen immer wieder Unzulänglichkeiten der beschriebenen Durchschnittswerte deutlich werden, es bildete sich um 1900 eine ganze Forschungsrichtung heraus, die die eindeutige Auftrennbarkeit der Menschen in zwei Geschlechter in Zweifel zog. Auf diese Theorien der ‚konstitutionellen Bisexualität‘ bzw. der geschlechtlichen ‚Zwischenstufen‘, wie sie um die Jahrhundertwende diskutiert wurden, richtet Peters zum Abschluss des Buches ihr Augenmerk. Sie greift hierfür insbesondere die Betrachtungen Magnus Hirschfelds heraus, weil dieser sehr bildbasiert vorging (S. 158). Sie arbeitet heraus, dass auch diese Zwischenstufentheorien keineswegs ausschließlich das Denken eines ‚typisch Weiblichen‘ und eines ‚typisch Männlichen‘ erschütterten, sondern dass sie diese Typen auch schärften. Auch bei Hirschfeld würden so „alle Mischformen im Grunde als Missbildungen“ erscheinen (S. 161), sie würden „wie Insekten aufgereiht und auf seltsame Namen getauft“ (Foucault, nach Peters S. 178) – und entsprechend bildlich dargestellt.

Fazit

Mit Rätselbilder des Geschlechts legt Kathrin Peters eine schöne Arbeit vor, in der sie detailliert den Abbildungen einiger Künstler und ihren Wirkungen in den biologisch-medizinischen Wissenschaften nachgeht. Es gelingt ihr, den biologisch-medizinischen Weg vom ‚Unnormalen‘ zum ‚Normalen‘ und zurück sowie den Weg vom ‚Schönen‘ zur ‚Norm‘, zum ‚Durchschnitt‘ verständlich und plastisch nachvollziehbar darzulegen. Empfohlen sei, sich für die Lektüre des Buches die Biographien der jeweiligen Künstler und Wissenschaftler anderweitig parat zu legen. Die differenzierten Darstellungen, die Peters zu den Geschlechterbetrachtungen trifft, sollten zudem durchaus auch kritisch gegen die linearen Ausarbeitungen Thomas Laqueurs und Claudia Honeggers diskutiert werden (die Peters in diesem Buch noch unhinterfragt voraussetzt).

URN urn:nbn:de:0114-qn122101

Dr. Heinz-Jürgen Voß

Dr. phil., Dipl. Biol., arbeitet zu biologisch-medizinischen Geschlechtertheorien und queer-feministischer Kapitalismuskritik, entsprechende Publikations- und Vortragstätigkeit. Aktuell sind zu diesen Themen Anträge zur Forschungsförderung in der Begutachtung.

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