Postsozialistische Gesellschaften und Erinnerungen an sozialistische Alltage

Rezension von Sabine Kittel

Julia Obertreis, Anke Stephan (Hg.):

Erinnerungen nach der Wende.

Oral History und (post)sozialistische Gesellschaften.

Essen: Klartext Verlag 2009.

401 Seiten, ISBN 978-3-8375-0008-0, € 39,95

Abstract: Im Sammelband wird eine breite Palette von Forschungen zu Postsozialismus und biographischen Erinnerungen an die sozialistische Vergangenheit vorgestellt. Autorinnen und Autoren aus zwölf Ländern diskutieren laufende oder gerade abgeschlossene Dissertationsprojekte, die alle auf Oral-History-Interviews basieren. Indem die Erinnerungen der Menschen Ausgangspunkt der Betrachtung sind, gelingt es in dem Band, unterschiedlichste Lebenswelten und individuelle Umgangsweisen mit der vergangenen sozialistischen Welt und die fortdauernde Aushandlung verschiedener Versionen von Vergangenheitsdeutung in Südost- und Mitteleuropa vorzustellen. Die Sammlung der vielfältigen Erfahrungshorizonte von Frauen und Männern, Alten und Jungen, ehemaligen Opfern und heutigen Aktivist/-innen stellt eine Systematisierung der Erkenntnisse allerdings vor Probleme: Können, sollen oder müssen Erinnerungs- oder Erfahrungsmuster von Frauen in einem eigenen Kapitel diskutiert werden?

Die Auseinandersetzung mit der sozialistischen Vergangenheit unterliegt seit dem Fall der Mauer nicht nur in Deutschland, sondern in allen ehemaligen sozialistischen Ländern einer Vielzahl von Aushandlungsprozessen. Sie sind an den fortgesetzten Wandel von Vergangenheitsinterpretationen geknüpft und scheinen auch in nächster Zeit nicht an ihr Ende zu kommen. Den offiziellen geschichtspolitischen Deutungen der Vergangenheit stehen hierbei die Erfahrungen der Menschen gegenüber. Diese haben ihre Erlebnisse verarbeitet, manches vergessen, möglicherweise stilisiert oder auch einiges ganz neu interpretiert. Persönliche Erinnerung wird eben nicht nur vom eigenen Erleben bestimmt, sondern ist immer in einen größeren Zusammenhang eingebunden, der sich immer wieder wandeln kann und mit veränderten Verhältnissen auch sich selbst neu formt.

Erinnerungen nach der Wende heißt der zu besprechende Sammelband, der sich mit diesen und weiteren Fragen beschäftigt und dabei eine breite Palette von Forschungen zu Postsozialismus und biographischen Erinnerungen an die sozialistische Vergangenheit enthält. Indem in den Beiträgen programmatisch die Erinnerungen der Menschen zum Ausgangspunkt der Betrachtung genommen werden, wird eine Vielzahl von Lebensverhältnissen und individuellen Umgangsweisen mit der vergangenen sozialistischen Welt und die permanente Aushandlung von Vergangenheitsvergegenwärtigung in verschiedenen Ländern vor allem Südost- und Mitteleuropas erfasst. Oral History wird dabei zugleich als Referenzpunkt und Vorgehensweise, als „Methode, Quellenart und interdisziplinäres Forschungsfeld“ (S. 9) verstanden.

Das Buch ist das Ergebnis einer Konferenz, die von den Herausgeberinnen unter dem Titel „Oral History und (post)sozialistische Gesellschaften“ im November 2005 in der Nähe von Freiburg/Breisgau organisiert worden ist. Autorinnen und (einige) Autoren aus zwölf Ländern diskutierten damals über ihre laufenden oder gerade abgeschlossenen Dissertationsprojekte, die allesamt auf Oral-History-Interviews basieren. Zehn Beiträge sind auf Deutsch und fünfzehn auf Englisch abgedruckt, ein Ergebnis der beiden Konferenzsprachen, wie in der Einleitung erläutert wird. Die Einleitung sowie die Überschriften der thematischen Sektionen sind sowohl in Englisch als auch in Deutsch formuliert, was zunächst verwirrt, aber möglicherweise das Resultat der Überlegung ist, die Publikation auch für den englischsprachigen Raum attraktiv zu machen.

Anspruch des Buches ist es, eine Auseinandersetzung mit Theorien und Methoden der Oral History in Verbindung mit der tatsächlichen Forschungspraxis zu bringen. Und um es vorweg zu sagen, die Publikation setzt diesen Vorsatz auch sehr gut um, die Beträge sind interessant und die Ergebnisse theoretisch weitgehend eingebettet. Die Einleitung der beiden Herausgeberinnen bietet eine fundierte Einführung in die Oral History, ihre verschiedenen Konzepte und unterschiedlichen Einsatzbereiche. Alexander von Plato thematisiert in einem weiteren einführenden Kapitel die Entwicklung der Biographieforschung nach Systembrüchen in Deutschland, wobei er seine Ausführungen durch konkrete Beispiele ergänzt. Die darauf folgenden fünf Themenblöcke des Bandes werden von im Themenbereich der mündlichen Geschichte ausgewiesenen Wissenschaftler/-innen eingeleitet und vielfach auch weitergehend diskutiert: zu „Identitätskonstruktionen“ nach dem Systemwechsel (Ulrike Jureit), zu „weiblicher Erfahrung und Geschlechterrollen in Sozialismus und Postsozialismus“ (Natali Stegmann), zu „konkurrierenden Geschichtsbildern: öffentliches und privates Erinnern“ (Daniela Koleva), zu „Erfahrungen mit repressiven Systemen“ (Mary Beth Stein) und zu „Alltag im Sozialismus“ (Dorothee Wierling). Den fünf Sektionen folgen die Fallbeispiele, auffallend ist die breite disziplinäre Fächerung der Oral Historians, die der Ethnologie, Politologie, Geschichtswissenschaft, Osteuropastudien und Literaturwissenschaft entstammen. Im Anhang des Buches finden sich außerdem Adressen verschiedener Oral-History-Zentren in Südost- und Mitteleuropa, die über das Internet Informationen bereitstellen.

Bei der Einrichtung der Themenblöcke wurde versucht, ein thematisch breit aufgestelltes Forschungsfeld zu bündeln und zugleich eine Systematisierung und theoretische Fundierung der unterschiedlichen Blickwinkel zu erreichen. Doch dieser Ansatz, der im Folgenden ausführlicher diskutiert werden soll, geht leider nicht ganz auf. Zwar lassen sich auf diese Weise die einzelnen Beiträge, oberflächlich betrachtet, inhaltlich einordnen, allerdings verwischt damit zugleich ihr konzeptioneller Blick.

Ein Themenblock für die weibliche Erfahrung?

Während sich die thematische Zuordnung der Sektion „Identitätskonstruktionen – Identitätsarbeit“ als schlüssig herausstellt und auch der Themenblock „Opfer und Täter. Erfahrungen mit repressiven Systemen“ eine gemeinsame Auseinandersetzungsbasis erkennen lässt, ist die Systematisierung bei den drei verbleibenden Themenüberblicken weitaus weniger einsichtig. Der mit dem Obertitel als „Erbe der Emanzipation ‚von oben‘“ bezeichnete Themenblock, in dem „weibliche Erfahrung und Geschlechterrollen“ diskutiert werden sollen, lässt sich tatsächlich nur schwer greifen. Dies zum einen deshalb, weil die drei Beiträge dieser Sektion auf „Emanzipation von oben“ gar keinen Bezug nehmen, wie auch Natali Stegmann in ihrer Einleitung bemängelt. Zum anderen aber wird auf diese Weise die Klammer ‚weibliche Erfahrung‘ fixiert und Referenz auf eine vermeintliche Gemeinsamkeit der Interviewpartnerinnen genommen, die Stegmann zu Recht in Frage stellt: Teilen Frauen wirklich alle eine gemeinsame ‚weibliche Erfahrung‘, ist das nicht Essentialismus? Mit ihrem Einwand verweist sie auf die Problematik, die sich in dem Beitrag von Diyana Ivanova, aber auch in den beiden anderen Beiträgen dieser Sektion zeigt: Sie passen nicht so recht in diesen Themenblock. Ivanova stellt z. B. in „Observations on the changes of Women’s Social roles in an Industrial Society“ fünf Interviews mit älteren Frauen aus einer Industriestadt im Nordosten Bulgariens vor. Sie fragt nach spezifischen „Gender Strategien“ der Bewältigung der politischen Umbrüche und nach den „weiblichen Aspekten“ in den Erzählungen. Doch findet sie kaum befriedigende Antworten, sie weist am Ende vielmehr darauf hin, dass die Phänomene vielfältige Facetten hätten und vor dem Hintergrund der persönlichen Charaktere der Einzelnen sowie besonders im Kontext des industriellen Milieus der Interviewten zu betrachten seien. Die Interviews, so die Autorin abschließend, erhellen aber zumindest „the female perspective“ (S. 169) auf Sozialismus und Postsozialismus. Die kritische Leserin hätte sich nach dieser Bemerkung gewünscht, dass dieses Ergebnis schon früher berücksichtigt worden wäre – vielleicht wären ihre Ausführungen dann unter der Sektion „Alltag im Sozialismus“ besser untergebracht gewesen?

Auch die anderen beiden Autorinnen der Sektion „weibliche Erfahrung“ passen mit ihren Beträgen nicht recht hier hin. Dagegen wird in dem anregenden Aufsatz von Silvija Kavcic über weibliche slowenische KZ-Überlebende im Nachkriegsjugoslawien – im Sammelband unter der Sektion „Konkurrierende Geschichtsbilder“ platziert – tatsächlich weibliche Erfahrung thematisiert. Kavcic, die lebensgeschichtliche Interviews mit KZ-Überlebenden von Ravensbrück geführt hat, arbeitet heraus, wie sich die kollektive Nachkriegserinnerung an den Nationalsozialismus im Sozialismus entwickelte. Mitarbeit bei den Partisanen oder Belege politischer Betätigung im Konzentrationslager erhöhten die Renten der Überlebenden im Nachkriegsjugoslawien. Schriftliche Bescheinigungen sowie mündliche Äußerungen lösten sich daher zunehmend von den konkreten Ereignissen ab. Sie entwickelten sich zwischen stereotypen Bildern weiblicher Solidarität und männlichen Heldentums fort. Die Genese der Konstruktion solcherart kollektiver Erinnerungsmuster verweist möglicherweise auf ‚weibliche Erfahrung‘ einer ganz anderen Art. Ist es nicht an der Zeit, ein Kapitel zu ‚Frauen‘ einfach wegzulassen und stattdessen die Konturierung der Zielrichtung einzelner Beiträge zu schärfen und diese, wo sinnvoll, als Gender-Erfahrung zu analysieren?

Der Blick auf die Erinnerungen Einzelner macht es notwendig, die Erzählungen in ihrem größeren Zusammenhang zu erkunden, Konjunkturen von Themen und ihre Genese einzuordnen, den gesamten Aushandlungsprozess einzufangen und alles wieder auf die Erzählung rückzubeziehen. Der vorliegende Sammelband zeigt eindrücklich, wie reichhaltig die Möglichkeiten sind, dies zu tun und wie ergiebig Oral History als Methode, als Quelle und als Forschungsart dafür sein kann.

Kritisch zu erwähnen wäre am Ende dieser Rezension nur noch der Titel mit seinem Verweis auf die „Wende“. Dieser Begriff ist seit einiger Zeit zunehmend in Frage gestellt worden und an seine Stelle ist inzwischen der Terminus „friedliche Revolution“ in die Debatte gerückt. In diesem Kontext geht es um Ereignis- und Geschichtsinterpretationen und ihre öffentliche Repräsentation. Sicherlich lässt sich der Wandel von Erinnerungen und Lebenswelten sowie deren biographische Rekonstruktion in Bezug auf die sozialistische Vergangenheit anhand dieses historischen ‚Wendepunktes‘ ergründen, doch hätten die aktuellen Diskussionen in der Einleitung ruhig zumindest Erwähnung finden können – zumal sich im Verlauf der Lektüre herausstellt, dass im Sammelband nicht nur Erinnerungen nach der Wende, sondern teilweise auch die aus der sozialistischen Zeit erkundet werden.

Indem sich die Kritik am zu besprechenden Buch auf diesen Punkt beschränkt, wird ‚auf hohem Niveau gejammert‘. Denn insgesamt bietet der Sammelband einen guten Einblick in unterschiedliche Methoden der Interviewführung und der Auswertung. Es treffen hier Themen und Autor/-innen aufeinander, die sich gegenseitig bereichern, ergänzen und die Vielfältigkeit der Erfahrungshorizonte beleuchten. Nicht nur erfahren wir etwas über verschiedene postsozialistische Lebenswelten, sondern besonders auch über deren erzählte und interpretierte Versionen, die sich zwischen kollektivem, privatem und öffentlichem Gedächtnis entwickelten. Sie repräsentieren spezifische Blickwinkel und Erfahrungen von Frauen und Männern, Alten und Jungen, ehemaligen Opfern und heutigen Aktivist/-innen. Die Lektüre des vielseitigen Bandes kann von daher nur empfohlen werden.

URN urn:nbn:de:0114-qn121230

Dr. Sabine Kittel

Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Neuere und Neueste Geschichte, Historisches Seminar

Homepage: http://www.uni-muenster.de/Geschichte/hist-sem/NZ-G/L2/Mitarbeiter/Wiss/SabineKittel.html

E-Mail: sabine.kittel@uni-muenster.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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