Überfälliges Mainstreaming der Geschlechterforschung in der Geographie

Rezension von Dörte Segebart

Doris Wastl-Walter:

Gender Geographien.

Geschlecht und Raum als soziale Konstruktionen.

Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2010.

242 Seiten, ISBN 978-3-515-08783-4, € 24,90

Abstract: Das Buch ist eine kompakte Einführung in die geographische Geschlechterforschung, die alle relevanten aktuellen Debatten aufgreift. Das bislang erste Lehrbuch zum Thema fasst die theoretischen Grundlagen und methodischen Ansätze zur Analyse der Kategorien Geschlecht, Körper, Umwelt/Natur und Raum zusammen. Anhand von exemplarischen Themenkomplexen (z. B. Arbeit, Migration, Stadt, Ressourcennutzung) wird die konkrete Anwendung der theoretischen Konzepte an zahlreichen empirischen Beispielen und Forschungsergebnissen aus der deutschsprachigen und internationalen geographischen Forschung verdeutlicht. Die Publikation ist ein lange fälliges Einführungswerk für Studierende und Wissenschaftler/-innen, die sich mit der räumlich-geographischen Dimension der Gender-Thematik auseinandersetzen.

Das Buch Gender Geographien von Doris Wastl-Walter, Professorin für Humangeographie an der Universität Bern, ist als zweiter Band der Reihe „Sozialgeographie kompakt“ im Franz Steiner Verlag erschienen.

Das Buch beinhaltet neben einer Einführung und einem Fazit insgesamt neun Kapitel. Die ersten drei Kapitel führen auf einer Metaebene in theoretische Konzepte ein, die die Grundlage für die weiteren Kapitel bilden. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den theoretischen Konzepten von Geschlecht und Raum (Kapitel 1). Körper, Körperlichkeit und Raum (Kapitel 2) sowie Konzepte von Natur/Umwelt und Naturwissenschaft/Technik (Kapitel 3) stellen die weiteren theoretisch-konzeptionellen Bezüge dar.

In den darauffolgenden Kapiteln werden exemplarisch Perspektiven der Geschlechterforschung innerhalb von klassischen und aktuellen Themenkomplexen der Geographie präsentiert (Arbeit, Globalisierung, Migration, Stadt, politische Geographie – Nationalstaaten und Geschlechterregimes, Geschlechterkonstruktionen in Sicherheitsdiskursen, Ressourcennutzung, Entwicklung). Nach Wastl-Walter sind diese Problemkomplexe „nicht als abgeschlossene Einheiten, sondern als jeweils verschiedene Auswirkungen ein und desselben Phänomens zu betrachten: die hierarchisierende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.“ (S. 15)

Gender ins Curriculum!

Doris Wastl-Walter liefert mit ihrem Buch das erste deutschsprachige Lehrbuch zur Geschlechterforschung in der Geographie. Ein vergleichbares Buch existiert auch nicht im englischsprachigen Raum. Die Monographien von Mona Domosh und Joni Seager (Putting women in Place: Feminist geographers make sense of the world. New York 2001) oder Linda McDowell (Gender, Identity, and Place: Understanding Feminist Geographies. Minneapolis 1999) kommen diesem Format möglicherweise noch am nächsten. Im Unterschied zu diesen Werken rezipiert Wastl-Walter in Gender Geographien jedoch explizit Ansätze der Geschlechterforschung (Konstruktivismus, poststrukturalistische Ansätze, queer theory, Intersektionalität, postkoloniale feministische Ansätze) und deren Methoden (z. B. Diskursanalyse, partizipative Ansätze, Intersektionalitätsforschung) und bietet ausführliche Erläuterungen zu den theoretischen Grundlagen der sozialen Konstruktion von Geschlecht und von Raum bzw. zu deren Wechselwirkungen an sowie zu Körper(-lichkeit) und Natur.

Gender Geographien ist zum einen als eine kompakte Einführung in die Geographien der Geschlechter gedacht und „soll unterschiedliche Konzepte von Geschlecht und Sexualität mit ihren jeweiligen Raumbezügen darstellen und die Konsequenzen reflektieren.“ (S. 9) Zum anderen ist der Band explizit als Lehrbuch konzipiert, was durch Schnellleseleisten, farblich abgesetzte Definitionen, Exkurse und Zusammenfassungen sowie Merkpunkte und weiterführende Literaturhinweise am Ende eines jeden Kapitels unterstrichen wird. Eine Vielzahl von Abbildungen, Tabellen und Karten dient der Veranschaulichung der Inhalte und der wirkungsvollen Unterstützung des didaktischen Konzepts. Ein Glossar, ein Sach- und Personenregister sowie eine ausführliche Literaturliste vervollständigen das Serviceangebot des Buches.

Das Buch eignet sich für ein breites Publikumsspektrum: Es ist an Studierende, Fachkolleg/-innen und Geschlechterforscher/-innen gerichtet. Geograph/-innen bietet das Buch einen hervorragenden Überblick und Einstieg in die relevanten aktuellen Debatten der Geschlechterforschung sowie ihre Umsetzung in der geographischen Forschungspraxis. Geschlechterforscher/-innen anderer Disziplinen, die sich für den spatial turn interessieren, für die spezifische Verknüpfung von Geschlechter- und Raumaspekten oder für die speziellen Perspektiven deutschsprachiger und internationaler Geograph/-innen zu den jeweiligen Themenkomplexen bringt das Buch den spezifischen Beitrag nahe, den die Geographie in die Geschlechterforschung einbringt. Für diese werden vor allem im Theorieteil (Kapitel 1-3) die Abschnitte zu Raum, Körper und Natur/Umwelt von Interesse sein. Ein expliziter Raumbezug wird weiterhin vor allem in den Kapiteln zu den Themen Globalisierung und Migration sowie zum Thema Stadt (Kapitel 5 und 6) hergestellt.

Dem Buch ist zukünftig der Rang eines Standardwerks für Einführungsveranstaltungen in die Humangeographie zu wünschen.

Mapping gender

Das Buch überzeugt nicht zuletzt durch die Darstellung der konkreten Anwendung theoretischer Konzepte der Geschlechterforschung an zahlreichen empirischen Beispielen und durch die Aufbereitung aktueller Forschungsergebnisse aus der deutschsprachigen und internationalen geographischen Forschung. Die knapp, sehr schlüssig und nachvollziehbar dargestellten theoretischen Konzepte werden an Beispielen konkretisiert und teilweise statistisch untermauert oder kartiert – vom Rechtsstatus von Homosexualität im weltweiten Vergleich über globalen Menschenhandel bis zu Lohnunterschieden oder Teilzeitarbeit. So wird die soziale Konstruktion von Geschlecht in ihrer Dynamik beispielsweise anhand von sich wandelnden Arbeitszusammenhängen in einer sich globalisierenden Wirtschaft, in Sicherheitsdiskursen oder in der Nutzung von privaten und öffentlichen Räumen dargestellt. Das Konzept Intersektionalität wird u. a. am Beispiel von geschlechts-, klassen- oder ethnienspezifischen Arbeitsstrukturen oder anhand der Darstellung einer Diversität von Migrationsbedingungen und -auswirkungen veranschaulicht. Es wird mehr als deutlich: Geschlechterforschung ist keine theoretische Kür, sondern beschäftigt sich mit realen Problemen von ungleichen und ungerechten Machtverhältnissen.

Mit diesem Lehrbuch ist es der Autorin gelungen, entscheidend zum Mainstreaming der Geschlechterforschung in der Geographie beizutragen und gleichzeitig die spezifisch geographischen Ansatzpunkte in der Geschlechterforschung – die Analyse der Wechselwirkungen zwischen den Kategorien Geschlecht und Raum in ihren sozialen Konstruktionen, ihren symbolischen Dimensionen, aber auch in ihrer Materialität – über die Disziplingrenzen hinaus sichtbar zu machen.

URN urn:nbn:de:0114-qn121195

Juniorprofessorin Dr. Dörte Segebart

Freie Universität Berlin

Institut für Geographische Wissenschaften; Juniorprofessorin für Entwicklungsforschung mit Schwerpunkt Geschlechterforschung

Homepage: http://www.geo.fu-berlin.de/geog/fachrichtungen/anthrogeog/gender/Mitarbeiter/segebart/index.html

E-Mail: doerte.segebart@fu-berlin.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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