Verhältnisse zwischen Geschlecht und Behinderung auf dem Prüfstand

Rezension von Ulrike Schildmann

Jutta Jacob, Swantje Köbsell, Eske Wollrad (Hg.):

Gendering Disability.

Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht.

Bielefeld: transcript Verlag 2010.

237 Seiten, ISBN 978-3-8376-1397-1, € 25,80

Abstract: Die meisten Beiträge des vorliegenden Sammelbandes sind aus einer 2009 an der Universität Oldenburg veranstalteten Tagung hervorgegangen. Im Sinne der Intersektionalitätsforschung sollen Disability Studies und Gender Studies in Beziehung zueinander gesetzt und – ergänzt durch weitere Perspektiven – neue Forschungsfelder skizziert werden. Vor allem in den theoriebezogenen Beiträgen wird Behinderung immanent weitgehend mit der Kategorie „Körper“ identifiziert, wodurch ein starker Fokus auf körperliche Beeinträchtigungen zustande kommt, während andere Beeinträchtigungen – vor allem solche des Lernens, z. B. im Rahmen des sonderpädagogischen Förderbedarfs bei Schulkindern – eher in den praxisbezogenen Beiträgen zur Geltung kommen.

Verschiedene „Lesarten“ der Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Behinderung

Das vorliegende Sammelwerk ist in zwei Teile („Grundlegende Aspekte“ und „Anwendungsbezüge“) untergliedert, die aber nicht scharf voneinander getrennt zu begreifen sind, denn Anwendungsbezüge gibt es auch in den theoriebezogenen Beiträgen, und theorieorientiert sind ebenfalls, nicht nur beiläufig, die praxisorientierten Beiträge. Insgesamt enthält diese Tagungsdokumentation einige neue Facetten zu den – inzwischen seit ca. 30 Jahren wissenschaftlich untersuchten – Verhältnissen zwischen Behinderung und Geschlecht. Das zeichnet sie im Sinne der Erweiterung von Forschungsperspektiven aus.

Die neuen Facetten orientieren sich, theoretisch gesehen, an dem Ansatz der Intersektionalitätsforschung, womit nicht nur, wie seit langem praktiziert, die Kategorien Geschlecht und Behinderung in das Zentrum des Erkenntnisinteresses gestellt werden, sondern – im Sinne des Theorieansatzes der Intersektionalität – die Kategorien „Körper“ und „sexuelle Orientierung (Queerness)“ sowie „race“/Ethnizität/Migrationshintergrund“ in die Auseinandersetzung über Behinderung und Geschlecht integriert werden (wogegen „Klasse/soziale Schicht“ eher ausgeblendet bleibt). Das geschieht auf unterschiedlichem theoretischen Niveau und mit unterschiedlicher wissenschaftlicher Präzision, so dass zusammenfassend festgestellt werden kann: Es werden vor allem neue Fragen aufgeworfen, die allerdings der intensiven wissenschaftlichen Bearbeitung noch bedürfen.

Als ein Beispiel für aufgeworfene Fragen, um deren Beantwortung noch gerungen wird, sei hier die Beschäftigung mit der Kategorie „Körper“ genannt, die vor allem in den ersten beiden Artikeln von Swantje Köbsell (S. 17–33) und Anne Waldschmidt (S. 35–60) zur Charakterisierung von Behinderung herangezogen wird. Zwar ist nachvollziehbar, dass der Körper (im Sinne körperlicher Beeinträchtigung, Schmerzerfahrung etc.) für das Phänomen Behinderung eine zentrale Rolle spielen kann und deshalb in den „Disability Studies“ stärker als bisher zu verankern ist; fraglich bleibt aber (vorläufig), ob „Körper“ ein umfassender Oberbegriff von Behinderung sein kann, denn die soziale Zuschreibung von Behinderung ist vor allem an eine (fiktive) Leistungsminderung gekoppelt, in deren Bezugsrahmen die körperliche Leistungsfähigkeit ein wichtiger Bereich ist, jedoch nicht der einzige (vgl. hier z. B. die Identifizierung von Lernbehinderungen im Schulalter). Für diese noch ausstehende Debatte liefert das vorliegende Werk eine gute Grundlage.

Mit der Konzentration auf Phänomene des Körpers, die vor allem aus der Entwicklung der „Disability Studies“ heraus nachvollziehbar erscheint, bleiben andere Perspektiven in dem vorliegenden Sammelband eher im Hintergrund, sind aber unbedingt hervorzuheben. Zunächst einmal ist die Beschäftigung mit geistiger oder psychischer Behinderung und Geschlecht zu erwähnen. In dem Beitrag von Julia Zinsmeister (S. 113–128) über juristische Fragen der „mehrdimensionalen Diskriminierung“, in dem die deutsche Sterilisationspraxis (Betreuungsgesetz § 1905) an „einwilligungsunfähigen Personen“ behandelt wird, geschieht dies vorbildlich (auch im Sinne von Intersektionalität). Eine andere hier zu erwähnende Perspektive, die in den derzeitigen Gender Studies noch zu kurz kommt, betrifft die pädagogische Praxis der Geschlechtererziehung, worauf in diesem Band Bettina Bretländer (geschlechtervergleichend, S. 169–183) und Jo Jerg (auf behinderte Jungen hin orientiert, S. 185–206) gezielt eingehen. Diese Beiträge belegen das breite Spektrum der derzeitigen Beschäftigung mit den Verhältnissen zwischen Geschlecht und Behinderung.

Das Sammelwerk vereinigt also insgesamt sehr unterschiedliche Lesarten der Zusammenhänge zwischen Behinderung und Geschlecht. Facettenreich ist es allemal, ob es allerdings für alle interessierten Leserinnen und Leser (z. B. Studierende der einschlägigen Fachdisziplinen) im engeren Sinne geeignet ist, ist wegen der Fülle der unterschiedlichen – nicht im engeren Sinne aufeinander abgestimmten – Perspektiven nicht eindeutig zu beantworten. Das liegt schließlich auch daran, dass eine zeitgeschichtliche Einordnung des Sammelwerkes und der ihm zugrunde liegenden Tagung im vorliegenden Buch ausbleibt, worauf nun zum Schluss in Kürze eingegangen werden soll:

Anmerkungen zur zeitgeschichtlichen Einordnung von Gendering Disability (2010)

Ihre Einleitung beginnen die drei Herausgeberinnen – zeitgeschichtlich gesehen – (erst) mit der neuen UN-Behindertenrechtskonvention (New York 2006; vgl. dazu den sehr aufschlussreichen Beitrag von Sigrid Arnade am Ende des Buches, S. 223–229), die auch in Deutschland (seit 2009) gültig ist und die in einem gesonderten Artikel (und an weiteren ausgewiesenen Stellen) auf die mehrfache Diskriminierung behinderter Frauen und Mädchen eingeht. Damit könnte in der Einleitung der Eindruck entstehen, als handele es sich bei der politischen und wissenschaftlichen Beschäftigung mit „Geschlecht und Behinderung“ um ein ganz neues Feld der Auseinandersetzung. Dem ist aber nicht so, denn Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Behinderung werden bereits seit etwa 1980 wissenschaftlich bearbeitet und politisch aufmerksam zur Kenntnis genommen. Daran waren und sind auch behinderte Frauen beteiligt (vgl. Carola Ewinkel u. a.: Geschlecht: behindert, besonderes Merkmal: Frau. München 1985). Wie in der Einleitung, so wird auch in den „Grundlegende(n) Aspekte(n)“ der vorliegenden Schrift auf die Ergebnisse aus 30 Jahren Frauenforschung nur beiläufig (vor allem in Fußnoten) Bezug genommen, wodurch ein wichtiger Strang der wissenschaftlichen Fundierung fast vollständig ausgeblendet wird.

Hinzu kommt: Weder auf verschiedene andere noch auf eine eigene direkte Vorgängertagung im Jahr 2005 über „Behinderung und Geschlecht – Perspektiven in Theorie und Praxis“ (vgl. den Tagungsband von Jutta Jacob und Eske Wollrad, unter inhaltlicher Beteiligung von Swantje Köbsell 2007) wird im vorliegenden Sammelband ein inhaltlicher Bezug genommen, d. h. die Möglichkeit des Vergleichs und der Feststellung von Weiterentwicklungen etc. wird geradezu verschenkt.

Schließlich muss an dieser Stelle erwähnt werden: Der Buchtitel Gendering Disability selbst ist zwar sehr ansprechend, aber – leider – nicht neu: Im Jahr 2004 gaben Bonnie G. Smith und Beth Hutchison ein gleich lautendes Sammelwerk (ebenfalls eine Tagungsdokumentation) Gendering Disability (New Brinswick/USA) heraus. Auch darauf wird – weshalb auch immer – kein Bezug genommen, obwohl besagtes Werk in einer Fußnote (FN 13, S. 21) des Theoriebeitrags von Swantje Köbsell angeführt wird und deshalb nicht unbekannt gewesen sein kann.

Allgemeine Lese-Empfehlung

Denjenigen Leserinnen und Lesern, denen das Forschungsfeld „Geschlecht und Behinderung“ bekannt ist, ist der vorliegende Sammelband uneingeschränkt zur Lektüre und zur weiteren kritischen Auseinandersetzung zu empfehlen. Anderen Interessierten, etwa Studierenden der einschlägigen Fachrichtungen, würde ich einzelne Beiträge uneingeschränkt zur Lektüre und Einarbeitung in dieses Forschungsfeld empfehlen; andere Beiträge dagegen sollten eher in Kombination mit anderen, klar strukturierten, einführenden Texten angeeignet und (ggf. unter gezielter Anleitung) diskutiert werden.

URN urn:nbn:de:0114-qn121164

Prof. Dr. Ulrike Schildmann

Technische Universität Dortmund

Die Rezensentin ist seit 1996 Professorin für „Frauenforschung in Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung“ in der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der TU Dortmund. Diese Professur gehört zum Netzwerk Frauenforschung NRW.

E-Mail: ulrike.schildmann@tu-dortmund.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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