Corinna Heipcke: Besser ohne Postmoderne – Kerstin Dietrichs exemplarische Re-Lektüre von vier ‚DDR-Autorinnen‘

Besser ohne Postmoderne – Kerstin Dietrichs exemplarische Re-Lektüre von vier ‚DDR-Autorinnen‘

Rezension von Corinna Heipcke

Kerstin Dietrich:

‚DDR-Literatur‘ im Spiegel der deutsch-deutschen Literaturdebatte.

‚DDR-Autorinnen‘ neu bewertet.

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 1998.

370 Seiten, ISBN 3–631–33730–2, DM 80,00 / SFr 68,00/ ÖS 560,00

Abstract: Kerstin Dietrich untersucht Werke der vier ‚DDR-Autorinnen‘ Helga Königsdorf, Monika Maron, Anna Langhoff und Katja Lange-Müller. Die Verfasserin ordnet die von ihr ausgewählten Autorinnen zunächst zwei verschiedenen Schriftsteller(innen)generationen (in) der DDR zu und ähnlich verfährt sie mit den untersuchten Werken: In den Texten Helga Königsdorfs und Monika Marons beobachtet sie Merkmale einer modernen Ästhetik, in den Texten von Karin Lange-Müller und Anna Langhoff Charakteristika postmoderner Ästhetik. Die Kategorie ‚postmoderne Ästhetik‘ bleibt in Dietrichs Darstellung allerdings unscharf und die exemplarische Neuerschließung von ‚DDR-Literatur‘ für die literaturästhetische Diskussion wäre Dietrich sicherlich auch ohne die Bemühung der Postmoderne-Diskussion gelungen.

Die deutsch-deutsche Literaturdebatte

Vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Literaturdebatte untersucht Kerstin Dietrich exemplarisch einige vor und nach der Wende entstandene, ausgewählte Werke der vier „DDR-Autorinnen“ Helga Königsdorf, Monika Maron, Anna Langhoff und Katja Lange-Müller, um die bisherige, anhand der Maßstäbe des Literaturstreits formulierte Bewertung von DDR-Literatur zu korrigieren und „dem gesamtdeutschen Literaturbetrieb […] einen Spiegel vorzuhalten „ (S. 30)

Kerstin Dietrich stellt auf der Grundlage der von Thomas Anz edierten Dokumentation „‚Es geht nicht um Christa Wolf‘. Der Literaturstreit im vereinten Deutschland“ sowie des Sammelbandes „Der deutsch-deutsche Literaturstreit oder ‚Freunde, es spricht sich schlecht mit gesprochener Zunge‘“ von Karl Deiritz und Hannes Krauss die deutsch-deutsche Literaturdebatte dar, um zu resümieren, der deutsch-deutsche Literaturstreit sei „kein Streit um Literatur“ gewesen, sondern eine Auseinandersetzung um „Weltbilder, Macht und Autorität“ (S. 107), das „Pendant zur politischen Angliederung der DDR an die Bundesrepublik.“ (S. 282) Dementsprechend revisionsbedürftig erscheinen Dietrich die in der Literaturdebatte formulierten Vorwürfe gegen Schriftstellerinnen (aus) der DDR und die „DDR-Literatur“. So unternimmt es die Verfasserin, anhand der Darstellung des theoretischen Rahmens und der Schreibbedingungen für DDR-Autor/-innen zu einer neuen Beurteilung der ausgewählten Werke hinsichtlich ihrer Ästhetik zu gelangen.

Schriftsteller/-innengenerationen (in) der DDR

Dietrich ordnet die von ihr ausgewählten Autorinnen zwei verschiedenen Schriftsteller/-innengenerationen (in) der DDR zu. Helga Königsdorf und Monika Maron, die in der deutsch-deutschen Literaturdebatte heftig angefeindet wurden und sich auch selbst zu Wort meldeten, waren beide zeitweise Mitglieder der SED gewesen und hatten nach Ansicht Kerstin Dietrichs lange gehofft, den DDR-Staat von innen heraus reformieren zu können. In ihrer schriftstellerischen Arbeit seien beide über die Vorgaben der DDR-Kulturpolitik hinausgegangen, indem sie sich von der obligatorischen Darstellung der sozialistischen Persönlichkeit und den Postulaten des Bitterfelder Weges abwandten, um ihre Protagonistinnen mit individuellen Lebensentwürfen experimentieren zu lassen. Derartige Schreibweisen bezeichnet Dietrich in Anlehnung an Wolfgang Emmerichs Kleine Literaturgeschichte der DDR als Charakteristikum der dritten, seit Ende der 1960er Jahre präsenten Generation der „DDR-Autorinnen“.

Katja Lange-Müller und Anna Langhof hingegen ordnet die Verfasserin einer vierten, seit Anfang der 1980er Jahre im literarischen Leben der DDR aktiven Generation zu: Ihre Angehörigen seien zwar in die DDR hineingeboren worden, gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten hätten sich ihnen jedoch nicht mehr eröffnet, und so hätten sie sich ihrerseits nicht dem Staat und der Partei verbunden gefühlt, weshalb auch die Auseinandersetzung mit der DDR als Staat für sie kein literarisches Thema mehr gewesen sei. Diese Verweigerung schätzt Dietrich jedoch als durchaus produktiv ein: Um sich nicht der Zensur unterwerfen zu müssen, wendeten sich viele Autorinnen und Autoren bekanntlich von der großen literarischen Öffentlichkeit ab und gestalteten stattdessen Lesungen, literarische Zeitschriften und andere unabhängige Foren. Darüber hinaus sei in der vierten Generation ein verstärktes Interesse an der Sprache zu verzeichnen, Vorbilder wie Mallarmé, Baudelaire und Rimbaud, die konkrete Poesie und der Dadaismus werden genannt.

Aspekte moderner und postmoderner Ästhetik

Kerstin Dietrich ordnet nicht nur die Autorinnen, sondern auch ihre Werke verschiedenen „Generationen“ zu. In den Texten Helga Königsdorfs und Monika Marons, in Traumsequenzen und Flugphantasien der Protagonistinnen, beobachtet sie Merkmale einer von Emmerich beschriebenen ästhetischen Moderne, die aus der „radikalen Infragestellung der geltenden bürgerlich-modernen Normen und Werte“ entspringe und immer „in der Dissoziation von Subjekt und Gesellschaft“ kulminiere, woraus eine Literatur entstehe, die das Prinzip Mimesis verweigere und eine „schrankenlose Einbildungskraft“ freisetze. (S. 51) Die Texte Karin Lange-Müllers und Anna Langhofs mit ihren Utopie-Verweigerungen und selbstreferentiellen Sprachspielen scheinen der Verfasserin eher Merkmale einer postmodernen Ästhetik zu beinhalten, als deren Theoretiker sie Ihab Hassan, Zygmunt Baumann, Uta Kösser und Umberto Eco benennt. (vgl. S. 239 ff.)

Sperrige Postmoderne

Die Stärken von Kerstin Dietrichs Untersuchung liegen in der genauen Kenntnis der kulturpolitischen Rahmenbedingungen, denen die Literatur (aus) der DDR unterworfen war und ihrer Veränderungen. Die Zuordnung verschiedener Literaturgenerationen zur Ästhetik der Moderne bzw. Postmoderne hingegen überzeugt nicht durchgehend. Die Kategorie ‚postmoderne Ästhetik‘ bleibt – dies liegt nicht zuletzt an der Definitionen vermeidenden Rhetorik postmoderner Theoriebilung – in Dietrichs Darstellung unscharf, und auch die Verbindung postmoderner ästhetischer Kategorien mit den Charakteristika der untersuchten Texte überzeugt nicht. So stellt sich die Frage, warum die Verfasserin die Postmoderne als sperrige Kategorie bemüht. Die exemplarische Neuerschließung von ‚DDR-Literatur‘ für die literaturästhetische Diskussion wäre ihr sicherlich auch ohne sie gelungen

URN urn:nbn:de:0114-qn023142

Dr. Corinna Heipcke

School of Law, Languages and International Studies, University of Surrey, Guildford GU2 7XH, U.K.

E-Mail: c.heipcke@surrey.ac.uk

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