Pascal Eitler: Der Wille zur Synthese

Der Wille zur Synthese

Rezension von Pascal Eitler

Axel Schildt, Detlef Siegfried:

Deutsche Kulturgeschichte.

Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart.

München u. a.: Carl Hanser Verlag 2009.

696 Seiten, ISBN 978-3-446-23414-7, € 24,90

Abstract: Der vorliegende Band liefert einen überaus perspektivenreichen und umfassend kontextualisierten Überblick zur Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Sozial- und politikhistorischen Untersuchungsfeldern widmen sich die Autoren dabei ebenso eingehend wie medien- und konsum- oder körper- und geschlechtergeschichtlichen Fragestellungen. Durchgehend auf dem Stand der neueren Forschung rücken sie dabei den Zeitraum zwischen Ende der 1950er und Mitte der 1980er Jahre ins Zentrum ihres Interesses. Notgedrungene Verkürzungen können den Eindruck dieser Pionierleistung nicht trüben.

Einer der Hauptkritikpunkte unter Sozialhistorikerinnen und Sozialhistorikern an der Kulturgeschichtsschreibung der vergangenen dreißig Jahre war lange Zeit der mangelnde Wille zur Synthese. Dass die Deutsche Kulturgeschichte von Axel Schildt und Detlef Siegfried nur wenig später als der fünfte Band der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ von Hans-Ulrich Wehler erscheint, ist in diesem Zusammenhang mehr als ein Zufall. Denn der vorliegende Band bietet die erste wirklich umfassende und perspektivisch ambitionierte Gesamtdarstellung zur Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland zwischen dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der unmittelbaren Gegenwart. Dass es bei dieser Synthese vorrangig um die westdeutsche Kulturgeschichte geht und Entwicklungen in der DDR nur hin und wieder berücksichtigt werden, wird selbstkritisch thematisiert – man wird es den Autoren angesichts dieser Pionierleistung aber nicht ernsthaft zum Vorwurf machen können.

Doch der vorliegende Titel bietet weit mehr als ‚nur‘ eine Kulturgeschichte. Zum einen werden kulturgeschichtliche Prozesse und Phänomene konstitutiv eingebunden in teilweise bereits sehr viel besser erforschte sozial- oder politikgeschichtliche Entwicklungen. Zum anderen wird der Kulturbegriff hier – entsprechend dem inzwischen gängigen Begriffsverständnis innerhalb der Kulturwissenschaften – sehr weit gefasst. Er beinhaltet daher nicht allein die ‚traditionell‘ favorisierten Bereiche der vermeintlichen ‚Hochkultur‘, sondern ebenfalls und gleichrangig die sogenannte ‚Alltagskultur‘; konsum- und medien- oder technikhistorische Fragestellungen kommen in diesem Rahmen ebenso zum Tragen wie körper- oder geschlechtergeschichtliche, die von Schildt und Siegfried zwar nicht durchgehend, aber doch häufig eingehend behandelt werden. Diesen soll im Folgenden besondere Aufmerksamkeit zukommen.

Der Band ist in sieben chronologisch angeordnete Kapitel unterteilt, die sich an den inzwischen üblichen Periodisierungen innerhalb der Zeitgeschichtsschreibung orientieren und in denen jeweils die Alltagsgeschichte, die politische Kultur sowie Kunst und Literatur beleuchtet werden.

Häuslichkeit und Hedonismus – vor 1965

Für den Zeitraum zwischen Ende der 1940er und Anfang der 1960er Jahre beschreiben die Autoren vor allem eine nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs „neu gewonnene Häuslichkeit“ (S. 105). Der Alltag breiter Bevölkerungsschichten bewegte sich in diesem Zeitraum zwischen Arbeitsplatz und Wohnraum. Das Konsumverhalten wurde dabei durch die zeittypische Bevorzugung langlebiger und entsprechend kostspieliger Einrichtungsgegenstände nicht unwesentlich eingegrenzt. Die Häuslichkeit des ‚Wiederaufbaus‘ prägte dementsprechend nachdrücklich das Freizeitverhalten, das sich schwerpunktmäßig in den eigenen vier Wänden abspielte. Das zentrale Unterhaltungsmedium der fünfziger Jahre war nicht etwa das Kino, sondern das heimische Radio, das dem „deutschen Schlager“ beeindruckende Erfolge bescherte.

Die „neu gewonnene Häuslichkeit“ wirkte sich, darauf kommt es hier an, überaus stabilisierend auf traditionelle Geschlechterverhältnisse aus: Sie inthronisierte Männer nach den geschlechtergeschichtlich teilweise bemerkenswerten Verschiebungen während des Zweiten Weltkriegs erneut als alleinige ‚Familienernährer‘ und inszenierte Frauen umgekehrt verstärkt als ‚Hausfrauen‘.

Erst, so die These, die Durchsetzung des ‚langen Wochenendes‘ und eine merkliche Reduzierung der durchschnittlichen Arbeitszeit eröffnete in den frühen 1960er Jahren neue Gestaltungsmöglichkeiten der Freizeit und weitete den Konsum dabei immer weiter aus. Die Häuslichkeit der meisten Westdeutschen prägte jedoch auch weiterhin die Alltagskultur. Sehr gezielt wurden nunmehr auch Frauen immer stärker als Konsumentinnen umworben. Die Autoren sprechen an dieser Stelle von einer von technischen Apparaten zunehmend geprägten „modernisierten Häuslichkeit“ (S. 189 f.). Innerhalb der traditionellen Geschlechterverhältnisse gewährten Kühlschränke und Waschmaschinen oder Schnellkochtöpfe mehr und mehr ‚Hausfrauen‘ zumindest „einen Hauch von Hedonismus“ (S. 187).

Eher knapp streifen Schildt und Siegfried hier das weite Feld der Sexualitätsgeschichte – zweifelsohne erschöpft sich dieses nicht in einem Verweis auf Eheschließungen, Scheidungsraten und Abtreibungszahlen. Nur allzu häufig werden die 1950er und frühen 1960er Jahre innerhalb der zeithistorischen Forschung noch immer als ‚lustfeindlich‘ denunziert. Demgegenüber beobachten die Autoren zu Recht eine „geradezu fetischhaft anmutende Lust“ an der Darstellung von Damenunterwäsche in Katalogen und Illustrierten (S. 105). Indem diese „Lust“ als „Rückseite asexueller Prüderie“ gekennzeichnet wird (S. 104), reproduzieren sie allerdings letztlich das fragwürdig gewordene master narrative von den ‚lustfeindlichen‘ Jahrzehnten vor der sogenannten ‚sexuellen Revolution‘ um 1968 – ohne dass sexuelle Diskurse und Praktiken dabei näher in den Blick geraten würden.

Die Sensibilität der Transformationsgesellschaft – zwischen 1965 und 1990

Sehr viel ausführlicher werden sexualitätshistorische Fragestellungen hingegen im Fall der „Transformationsgesellschaft“ der späten 1960er und frühen 1970er Jahre in den Fokus genommen (S. 245). Die Mitte der 1960er Jahre einsetzende ‚sexuelle Revolution‘ begreifen Siegfried und Schildt dabei als „einen kulturellen Demokratisierungsfortschritt ersten Ranges“ (S. 261). Zu Recht betonen die Autoren aber, dass Frauen im Zeichen dieser „Befreiung“ und „Entfaltung“ regelmäßig der „Erwartung ständiger Verfügbarkeit“ unterworfen waren (S. 261). Den 1968 einsetzenden Siegeszug von Erotik- oder Pornofilmen hingegen vor allem als „kinematographische Kommerzialisierung“ der ‚sexuellen Revolution‘ zu begreifen (S. 329), scheint mir den springenden Punkt an diesem „Demokratisierungsfortschritt“ letztlich doch zu verfehlen: die konstitutive Verschränkung nämlich von Aufklärung und Ausbeutung, Unterhaltung und Unterwerfung.

Die Autoren beschränken körper- und geschlechtergeschichtliche Fragestellungen jedoch berechtigterweise nicht auf das Feld der Sexualitätsgeschichte. Sie konstatieren vielmehr in ganz unterschiedlichen Bereichen der ‚Alltagskultur‘ einen entscheidenden Entwicklungssprung um die Mitte der 1960er Jahre und verweisen auf signifikante Verschiebungen innerhalb der traditionellen Geschlechterverhältnisse: sei es mit Blick auf die zunehmende Haarlänge junger Männer, das Rauchverhalten von Frauen und die zweifelsohne beeindruckende Ausbreitung der Filterzigarette, sei es in Hinsicht auf neuartige Zeitschriften wie Twen oder Jasmin und die stetig wachsende Bedeutung einer sich gleichzeitig etablierenden und differenzierenden Jugendkultur um 1968. Sowohl im Rahmen avantgardistischer Musikstile oder Kleidungsweisen als auch in Erziehungsfragen und im Zusammenhang der Anfang der 1970er Jahre bundesweit einsetzenden Kinderladenbewegung beobachten die Autoren eine insgesamt neuartige „Sensibilität“ (S. 276) beziehungsweise „Subjektivität“ (S. 333) und eine mitunter weit fortschreitende „Erosion“ überlieferter Männlichkeitsvorstellungen (S. 265).

Für den Zeitraum „nach dem Boom“ zeigen die Autoren vor allem im Kontext des sogenannten ‚Alternativmilieus‘ und der aufkommenden Protestbewegungen der 1970er und 1980er Jahre eine „intensivierte Kommunikationskultur“ auf, die sich in Wohngemeinschaften ebenso vielfältig ausdrückte wie in Selbsthilfegruppen (S. 341). Entsprechend gewürdigt wird an dieser Stelle unter anderem die „Feministische Gegenkultur“, die sich in Gestalt von Frauenbuchhandlungen, -verlagen oder -kneipen zeitweise sehr erfolgreich Bahn brach (S. 381).

Fit und bio – nach 1990

Zwar untersuchen Siegfried und Schildt die Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland auch über die erste Hälfte der 1980er Jahre hinaus und bis in die unmittelbare Gegenwart hinein, doch zeichnen sich in körper- oder geschlechtergeschichtlicher Sichtweise kaum noch einschneidende Entwicklungsbrüche ab. Die um 1968 noch insgesamt neuartige „Sensibilität“ setzte sich nunmehr, so die These, innerhalb breitester Bevölkerungsschichten durch – unter anderem auch auf dem Feld der Ernährung und der Bewegung. Im Zeichen einer sich in den 1980er Jahren rasant etablierenden Fitnessbewegung und mit Blick auf den letztlich durchschlagenden Erfolg der Biokost (S. 485) lassen sich dabei vor allem biopolitische Modifikationen im „Subjektivitätskonzept“ historisch beschreiben und kritisch befragen (S. 403).

Fazit

Zwar können die Autoren diese biopolitischen Modifikationen insgesamt nur kurz anreißen, doch lassen sie auch an dieser Stelle die bisherigen Überblicksdarstellungen zur Kultur-, Sozial- oder Politikgeschichte der Bundesrepublik Deutschland weit hinter sich. Auf dem Stand der neueren Forschung verfolgen Schildt und Siegfried ein überaus breites Angebot an Fragestellungen und Herangehensweisen, das körper- und geschlechtergeschichtliche Perspektiven zwar nicht durchgehend, aber doch ernsthaft berücksichtigt und mit anderen Bereichen der Herstellung oder Veränderung von gesellschaftlicher Ungleichheit überzeugend zu verbinden weiß – insbesondere im Fall von Milieubildungen, Konsummöglichkeiten und Migrationsbewegungen… Der Wille zur Synthese hat sich mannigfach ausgezahlt!

URN urn:nbn:de:0114-qn112330

Dr. Pascal Eitler

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Berlin)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“

Homepage: http://ntfm.mpib-berlin.mpg.de/mpib/FMPro?-db=MPIB_Mitarbeiter.FP5&-lay=L1&-format=MPIB_Mit_de.htm&-op=eq&ID_Name=eitler&-find

E-Mail: eitler@mpib-berlin.mpg.de

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