Michael Hascher: Eine Enzyklopädie – aber was für eine ?

Eine Enzyklopädie – aber was für eine ?

Rezension von Michael Hascher

o.A.:

Enzyklopädie der DDR.

Berlin: Directmedia Publishing GmbH 2000.

CD-ROM, ISBN 3–89853–132–5, DM 99,00 / SFR 96,00 / ÖS 749,00

Abstract: Die „Enzyklopädie der DDR“ ist, anders als die „Enzyklopädie des Nationalsozialismus“, die 1999 als Band 20 der „Digitalen Bibliothek“ erschienen war, nicht die elektronische Version eines auch in einer Printausgabe erhältlichen Werkes. Vielmehr werden hier drei ältere, gedruckte Nachschlagewerke zu einer elektronischen Ausgabe zusammengeführt. In der folgende Besprechung verweist der Verfasser auf einige Mängel, die gegen diese Form eines Nachschlagewerks sprechen. Andererseits sieht das Urteil über die Brauchbarkeit der Enzyklopädie für Arbeiten in der Frauen- und Geschlechtergeschichte nicht so negativ aus, denn abgesehen von ihren Schwachstellen ist die CD durchaus eine gut zugängliche Datenkompilation.

Die CD vereinigt folgende „Standardwerke“

Biographisches Handbuch der SBZ/DDR 1945–1990. Hg. von Gabriele Baumgartner und Dieter Hebig, Band 1 und 2. München, New Providence, London, Paris: K. G. Saur 1996/1997.

Andreas Herbst, Winfried Ranke, Jürgen Winkler: So funktionierte die DDR. Band 1 und 2: Lexikon der Organisationen und Institutionen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1994.

DDR-Handbuch. Hg. vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen. Wissenschaftliche Leitung: Hartmut Zimmermann unter Mitarbeit von Horst Ulrich und Michael Fehlauer. Band 1 und 2. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Köln: Verlag Wissenschaft und Politik 1985.

Dabei sticht die Verschiedenartigkeit der drei genannten Kompendien ins Auge. Das DDR-Handbuch stammt noch aus dem Kalten Krieg und betrachtet die DDR aus westlicher Perspektive. Hingegen wagten Herbst et al. 1994, also nach der „Wende“, mit ihrem ambitioniert betitelten Lexikon den großen Wurf, wurden aber wegen fehlender Quellen- und Literaturangaben kritisiert (u.a. Jan Foitzik in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1997, S.382f.). Das solide Biographische Handbuch der SBZ/DDR schließlich war in der Printausgabe recht teuer, so daß die Anschaffung der CD sich lohnen könnte. Allerdings ist inzwischen eine neuere Ausgabe des konkurrierenden Lexikons („Wer war wer in der DDR?“) ebenfalls bei Digital Publishing erschienen (Bd.54, 2001).

Für Neueinsteiger/-innen in die Thematik kann diese Verschiedenartigkeit ein Mangel sein, denn die Informationen des Handbuchs von 1985 können in vielen Fällen eher als Quelle denn als klassische historische Darstellung gewertet werden.

Die Arbeit mit der CD

Durch die Digitalisierung werden die Datenbestände der drei zugrundeliegenden Werke in bewährter Weise zugänglich gemacht: abgesehen von den Systemvoraussetzungen, bei denen Win 3.11 nicht mehr akzeptiert wird (dafür Win 2000), ist die Handhabung die gleiche wie bei der Enzyklopädie des Nationalsozialismus (Vgl. Rez. von Constanze Jaiser in QN 2/2000) und besticht durch eine einfache Installation wie leicht verständliche Recherchemöglichkeiten.

Ein gewisses Problem stellen die Konkordanz zwischen Print- und CD-Version und die entsprechenden Nachweise dar. Das Werk fügt die drei Ausgangspublikationen zu einem zusammenhängenden Text zusammen, dessen Seiten einerseits durchgängig paginiert sind und vom Deckblatt (S.1) bis zum Eintrag über Udo Zylla (S. 18108f.) reichen. Andererseits sind die Seiten innerhalb der Lemmata durchnummeriert, S. 18109 entspricht so S. 2 des Lemmas „Udo Zylla.“ Schließlich bekommt man bei der Kopie eines Auszugs dieser Seite noch die Konkordanzseite im Ausgangswerk, die man sich auch anzeigen lassen kann (Button „Diverses; Optionen“, nur wahlweise forlaufend oder Konkordanz). Ein Beispiel für einen solchen Nachweis:

„[Lit.: Buch 3 (1982), 4 (1987); Volkskammer 9 (1987); Stroynowski (1989); Herbst (1994)

[Biographisches Handbuch der SBZ/DDR: Zylla, Udo, S. 2. Digitale Bibliothek Band 32: Enzyklopädie der DDR, S. 18109 (vgl. DDR-Biogr. HB, S. 1053) (c) 1997 by K.G.Saur Verlag]“

Nützlicher wäre es meines Erachtens, wenn die Konkordanzseite bei der Bildschirmansicht gleichzeitig mit der fortlaufenden Seite in der Enzyklopädie erkennbar wäre, denn die Seite innerhalb des Artikels wird kaum benötigt. Eine weitere Schwäche, die Differenzierung in Unterstichworte und große „Überstichworte“, wird aus dem Lexikon von Herbst et al. (1994) übernommen. Anhand eines Beispiels lassen sich sowohl dieses wie auch andere Probleme anschaulich machen:

Liselott Herforth war 1965–68 Rektorin der TU Dresden. Beim Nachschlagen in der Enzyklopädie der DDR (forthin: EdDDR) stößt mensch nun auf den biographischen Eintrag (S. 12633f.), zur Technischen Universität Dresden aber gibt es zwei Einträge (S. 6441f. und S. 9117–9120 – zu finden über Registersuche). Optimalerweise müßte beim Navigieren gleich zuzuordnen sein, welcher Artikel von 1985 und welcher von 1994 ist, doch dies ist nur über den Wechsel des Anzeigemodus möglich. Weiter ist ärgerlich, dass, kopiert man den Auszug in eine eigene Datei, nicht auf das eigentliche Stichwort, sondern das „Überstichwort“ verwiesen wird:

„Lieselott Herforth (1965–1968);

[Lexikon der Organisationen und Institutionen: Technische und landwirtschaftliche Hochschulen und Universitäten, S. 41. Digitale Bibliothek Band 32: Enzyklopädie der DDR, S. 9919 (vgl. DDR-Org. u. Inst., S. 1028) (c) 1994 by Rowohlt Taschenbuch Verlag]“

Es ergibt sich also eine verwirrende Vielfalt an Angaben: zwei unterschiedlich zu bewertende Artikel und drei Seitenzahlen pro Zitat sind nicht gerade das, was man sich zum Einstieg in ein Thema vorstellt.

Was ist nun in der Enzyklopädie zu finden ?

Ein Nachschlagewerk soll idealerweise den schnellen Zugriff auf Wissen ermöglichen, das dem aktuellen Forschungsstand entspricht und dabei auf weitere Möglichkeiten zum Nachlesen oder Weiterrecherchieren verweisen. Die „Enzyklopädie der DDR“ erlaubt es zugegebenermaßen, gewisse Wissensbestände schnell zu recherchieren. Im Hinblick auf Daten (Lebensdaten, Bezeichnung von Institutionen usw.) sind ihre Angaben auch durchaus wertvoll. Einen Zugang zur aktuellen Forschung bieten sie aber nur in sehr wenigen Fällen. Im Herbstschen Lexikon wird auf Literaturangaben generell verzichtet, und die vereinzelten Verweise auf Quellenbestände sind auch eher summarisch und grob. Die Literatur im DDR-Handbuch reicht bestenfalls bis 1985, die im Biographischen Handbuch in keinem Fall über 1994 hinaus. Bei weitergehenden und forschungsorientierten Fragen ist somit in jedem Fall die Konsultation von Bibliotheksverbünden u.ä. zu empfehlen.

Wie aber ist es mit Angaben zur Frauen- und Geschlechtergeschichte ?

Abgesehen von diesen und anderen Mängeln, die von den Rezensenten der Printversionen bereits entdeckt (z.B. fehlende Namen: Gerd-Jürgen Stephan in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1998, S.472f.), aber in der CD-Version nicht behoben wurden, sieht die Bilanz der Enzyklopädie im Hinblick auf Angaben zur Frauen- und Geschlechtergeschichte gar nicht so schlecht aus. Beginnen wir beim einfachsten Merkmal, dem prozentualen Anteil der Frauen an den Biographien, so liegt dieser nach Stichproben bei ca. 10% (von ca. 4500 Einträgen). Das entspricht etwa der Repräsentanz der Frauen in den Führungsgremien der SED (Vgl. Tabelle S. 7273). Durch die Auswahlkriterien des Biographischen Handbuchs wird dieser Anteil im wesentlichen reproduziert – die Mehrzahl der aufgeführten Frauen waren (z.T. „auch“) Funktionärinnen der SED und ihrer Massenorganisationen. Die Interpretation dieser Befunde in den Artikeln der EdDDR ist nun im Zusammenhang der Entstehung der Grundwerke zu sehen.

„Geschlechterbeziehungen in der DDR“ als Thema im Kalten Krieg

Gerade die Angaben zur Lage der Frauen und den Geschlechterverhältnissen sind aus den politischen Verhältnissen zum Zeitpunkt der Entstehung der erfassten Nachschlagewerke ableitbar, was besonders im Falle des DDR-Handbuchs deutlich wird. Die Gleichberechtigung der Frau wurde von der SED-Führung als eine der „sozialistischen Errungenschaften“ angepriesen und von der Bevölkerung der DDR auch als gesellschaftlicher Fortschritt akzeptiert (DDR-Handbuch (1985), EdDDR S. 2154).

Die Logik des Kalten Kriegs gebot es nun in der westdeutschen DDR-Forschung, diesen Bereich in vielen Facetten besonders genau zu untersuchen. Das weit über das in jener Zeit übliche Maß hinausgehende Interesse an frauenspezifischen Themen schlug sich in einer Fülle von Stichwörtern nieder, die mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft bzw. mit der Beziehung der Geschlechter in Verbindung stehen, und es wurde in vielen weiteren Lemmata auf die Quoten von Männern und Frauen, beispielsweise an den Berufstätigen, den Mitgliedern diverser Organisationen usw., eingegangen. Dabei wurde u.a. – wohl befriedigt – festgestellt, dass der hohe Anteil der Frauen im Berufsleben (1982 waren 49,2% der Beschäftigten Frauen, 82,8% der arbeitsfähigen Frauen berufstätig, S. 2521f.) sich in der Führung nicht widerspiegelte (S. 2527).

Insgesamt bekommen Forschende einen vielgestaltigen Zugang zu Daten und Fakten, die zwar nicht auf dem neuesten Stand der Forschung präsentiert werden, deren Interpretation aber, als Quelle gelesen, dennoch aufschlussreich ist.

So findet sich bei der Suche nach „Homosexualität“ im Abschnitt des DDR-Handbuchs der Hinweis, dass die Lehre über „Abwegigkeiten des Sexualverhaltens (Homosexualität, Päderastie, Sadismus, Masochismus)“ Bestandteil der Geschlechtserziehung (Lemma) sei und überdies im Strafrecht (Lemma) der Schutz Jugendlicher vor sexuellem Mißbrauch durch Erwachsene auch für den Bereich der Homosexualität auf Angehörige beiderlei Geschlechts erweitert wurde („Strafrecht“, EdDDR, S. 6363). Anders als diese die Homosexuellen implizit eher als „Täter“ auffassenden Äußerungen finden sich in dem auf Herbst u. a. (1994) zurückgehenden Abschnitt nur solche, die auf die Diskriminierung der Homosexuellen innerhalb der Gruppe der Verfolgten des Nationalsozialismus in der DDR verweisen (Stichworte „Komitee der Antifaschisten“, „Verfolgte des Naziregimes“).

Fazit: Bedarf für eine „richtige“ Enzyklopädie besteht !

Zusammenfassend ist zu sagen, daß die „Enzyklopädie der DDR“ einen guten „Steinbruch“ für allerlei Daten darstellt, unter denen solche, die für die Frauen- und Geschlechtergeschichte relevant sind, einen halbwegs angemessenen Platz haben. Die Defizite dieser digitalen Publikation lassen sich im Wunsch nach einer „richtigen“ Enzyklopädie zusammenfassen. Diese sollte möglichst gleich in dieser Form (CD) und zu diesem Preis, aber auf der Grundlage neuerer Forschungen durch diejenigen Fachkolleg/-innen erstellt werden sollte, die sich in den letzten Jahren mit der Frauen- und Geschlechtergeschichte, aber auch mit den anderen Gebieten der Geschichte der DDR befaßt haben.

URN urn:nbn:de:0114-qn023064

Michael Hascher, M.A. (Wissenschaftlicher Mitarbeiter)

TU Chemnitz, Professur für Wissenschafts-, Technik- und Hochschulgeschichte.

E-Mail: Michael.Hascher@phil.tu-chemnitz.de

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