Zara Simone Pfeiffer: Das Unbewusste: Sand und Öl im Wissensgetriebe

Das Unbewusste: Sand und Öl im Wissensgetriebe

Rezension von Zara Simone Pfeiffer

Christina von Braun, Dorothea Dornhof, Eva Johach (Hg.):

Das Unbewusste. Krisis und Kapital der Wissenschaften.

Studien zum Verhältnis von Wissen und Geschlecht.

Bielefeld: transcript Verlag 2009.

448 Seiten, ISBN 978-3-8376-1145-8, € 35,80

Abstract: Wissenschaft, die den Anspruch hat selbstreflexiv zu sein, sollte ihre unbewussten Anteile nicht ausblenden – das wird in den Beiträgen des von Christina von Braun, Dorothea Dornhof und Eva Johach herausgegebenen Sammelbandes auf überzeugende Weise gezeigt. Dabei geht es nicht primär um das Unbewusste als Objekt der Wissenschaften, sondern vielmehr um die Rolle des Unbewussten als Subjekt der Wissensordnung und Wissensproduktion, als „Krisis und Kapital“ der Wissenschaften, gleichermaßen als Sand und Öl imWissensgetriebe. Anstelle eines systematischen Überblicks liefert der interdisziplinär angelegte Band eine Vielzahl kluger, manchmal überraschender und durchgehend lesenswerter Perspektiven auf das visuelle und politische Unbewusste, seine Wissensgeschichte und seinen Ort in der Wissensordnung.

Drei große Kränkungen hat die Menschheit, so Freud, erfahren: die erste durch Kopernikus, der darlegte, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, die zweite durch Darwin, der die Abstammung des Menschen von der Tierwelt nachwies, und die dritte schließlich – wie Freud ganz bescheiden feststellt – durch ihn selbst, der mit dem Unbewussten dem Ich die Herrschaft im eigenen Haus streitig machte. Mit dieser dritten Kränkung, dem Unbewussten als „Krisis und Kapital der Wissenschaften“, setzt sich der von Christina von Braun, Dorothea Dornhof und Eva Johach herausgegebene Sammelband auseinander. In den Texten, deren Autorinnen und Autoren aus den Kunst- und Medienwissenschaften, der Psychiatrie und Psychoanalyse, zum überwiegenden Teil aber aus den Kulturwissenschaften kommen, wird aus unterschiedlichen Perspektiven die Rolle des Unbewussten in den Wissenschaften beleuchtet. Im Vordergrund steht dabei weniger das Unbewusste als Objekt der Wissenschaften, sondern vielmehr die Rolle des Unbewussten als Subjekt der Wissensordnung und Wissensproduktion.

Das Unbewusste als zentraler Aspekt wissenschaftlicher Reflexion

Das Unbewusste sei ein „Motor der Wissensproduktion“ (S. 9), so die These der Herausgeberinnen: „Das Unbewusste streut Sand ins Getriebe der Wissensordnung und zwingt diese, sich zu erneuern, altes Wissen ad acta zu legen und neues Wissen zu akkumulieren.“ (S. 9) Die Beschäftigung mit dem Unbewussten der Wissenschaften sei folglich ein zentraler Aspekt wissenschaftlicher Reflexion. Die Herausgeberinnen verstehen das Unbewusste dabei als das, „was durch die Logik der Wissenschaften als ‚Anderes‘ konstituiert wird“ (S. 10), als das „konstitutive ‚Andere‘“ (S. 10) der Wissensordnung, und sehen es in einem engen Zusammenhang zum „symbolisch Weiblichen“ (S. 10). Das Spannungsfeld zwischen Geschlechterordnung, Wissensordnung und dem Unbewussten bildet damit auch das Spannungsfeld, in dem sich die insgesamt 22 Aufsätze des Sammelbandes positionieren. Strukturiert werden diese in insgesamt vier Kapiteln: „Die Wissensgeschichte des Unbewussten“, „Das Unbewusste der Wissensordnung“, „Das politische Unbewusste und „Das visuelle Unbewusste“, wobei sich die Zuordnung der einzelnen Texte zu den jeweiligen Kapiteln nicht immer bis ins Letzte erschließt. Im Folgenden wird jeweils ein Text aus den vier Kapiteln besprochen, wobei sich die Auswahl weniger an der Qualität der einzelnen Aufsätze orientiert, sondern vor allem die Breite des Sammelbandes darstellen soll.

Das Fremde im Eigenen

Die Aufsätze des ersten Teils des Bandes sind der vergleichsweise jungen „Wissensgeschichte des Unbewussten“ gewidmet. Gezeigt wird, dass der Begriff des Unbewussten bis ins 19. Jahrhundert lediglich als Adjektiv verwendet wurde, um dann als das „Fremde im Eigenen“ (S. 13) eine Vielzahl von Bedeutungen zu entfalten, bis es von Freud mit den verdrängten sexuellen Trieben und Fantasien verknüpft wurde. Michael Hagner vertritt hier beispielsweise in seinem Aufsatz die These, dass im 19. Jahrhundert die Beschäftigung mit dem Unbewussten „in engem Zusammenhang mit der Cerebralisierung des Menschen“ (S. 28) stattfand, während im 20. Jahrhundert das eine ohne das andere thematisiert wurde. Die Hirnforschung des 21. Jahrhunderts, die mit ihren Forschungen derzeit dem Unbewussten zu einer erneuten Renaissance verhilft, sei dagegen damit beschäftigt, diesem sein subversives und gefährliches Potential zu nehmen, und sorge somit dafür, dass wir uns aktuell, so Michael Hagner, im „neurowissenschaftlichen Biedermeier“ (S. 43) befinden.

‚Die Frau‘ als das Unbewusste der westlichen Wissenschaften

Im zweiten Teil geht es um „Das Unbewusste der Wissensordnung“ und damit um den Ort, den das Unbewusste in der Wissensordnung einnimmt. Eine zentrale Position in diesem Kapitel wie im gesamten Sammelband hat der Beitrag von Christina von Braun, der den Untertitel des Sammelbandes „Studien zum Verhältnis von Wissen und Geschlecht“ verständlich macht und in dem die These vertreten wird, dass die Geschlechterordnung Teil der unbewussten Ordnung westlicher Wissenschaften ist. Von Braun zeichnet den historischen Ausschluss von Frauen aus dem westlichen Wissenschaftsbetrieb nach und stellt die Frage nach den Prämissen einer Wissensordnung, „die sich so lange kluger Köpfe erwehrt hat, nur weil sie auf einem Frauenkörper steckten“ (S. 132). In der Logik einer Wissensordnung, welche darauf basiert, die Wirklichkeit sichtbar und berechenbar zu machen, hätten die mit dem Dunklen und Irrationalen assoziierten Frauen ebensowenig Platz gehabt wie das Unbewusste. Und auch Freuds Bemühen um die wissenschaftliche Anerkennung des Unbewussten habe letztlich darauf gezielt, es ins Bewusstsein zu überführen. Diese Integration des Unbewussten in die Wissensordnung jedoch habe die Orte des Wissens auch für die Frauen geöffnet. Christina von Braun konstatiert eine historische Gleichzeitigkeit, die sie für nicht zufällig hält: Während die Hysterie aus den Krankenhäusern verschwunden sei, hätten Frauen Zutritt zu den Universitäten erhalten. Es scheine, als ob die Hysterikerinnen aus den Krankenstationen geradewegs in die Hörsäle spaziert seien. Diese Idee ist für die Rezensentin so reizvoll, dass sie das Bedauern Christina von Brauns darüber, dass ein direkter kausaler Zusammenhang wohl nur schwer zu beweisen sei, teilt.

Das „gefährliche Experiment“ (S. 132), das Unbewusste und die Frauen nicht mehr ausschließen zu können, sondern zum integralen Bestandteil der Wissensproduktion werden zu lassen, hatte, so Christina von Braun, eine größere Selbstreflexion der Wissenschaft zur Folge, welche die Grenzen zwischen den Disziplinen aufbrach und zu neuen Forschungsgebieten wie den gender studies und diversity studies führte. Der Beitrag von Christina von Braun, der leider die Kämpfe verschweigt, die nötig waren (und immer noch sind), um sowohl die Frauen als auch die gender, queer und diversitiy studies an die Universitäten zu bringen, mündet entsprechend in eine Lobrede auf die Geschlechterforschung.

Rassismus und Sexismus als Pathologie?

In den Aufsätzen des dritten Teils zum Thema „Das politische Unbewusste“ geht es um die Frage, welche unbewussten Kräfte soziale und politische Ordnungen geprägt haben und prägen. In diesem Teil beschäftigt sich beispielsweise Gabriele Dietze in ihrem Beitrag mit den Lynchmorden an männlichen Schwarzen gegen Ende des amerikanischen Bürgerkrieges, die häufig auf den Vorwurf der Vergewaltigung einer weißen Frau erfolgten. Dieser Rape-Lynching-Komplex als soziale Pathologie weise Parallelen zum freudschen Ödipuskomplex auf, so Dietze, da in beiden Fällen eine „Kastrationsdrohung durch eine Machtstruktur“ (S. 290) vorliege: beim Ödipuskomplex durch den Vater, beim Rape-Lynching-Komplex durch den Lynchmob bzw. die weiße Suprematie. Dietzes Deutung weist in eine andere Richtung: In Anlehnung an Michel Foucaults Race-Sexualitätsdispositiv deutet sie die Lynchmorde als Vorgang, der analog zur Sexualisierung von Frauenkörpern über die Sexualisierung von schwarzen Körpern die Bevölkerung kontrolliere und reguliere. Leider umreißt sie diesen Ansatz nur kurz, um dann eindringlich die schwierigen Konfliktlinien zwischen Antisexismus und Antirassismus verständlich zu machen. Etwas abrupt diskutiert Dietze im letzten Absatz ihres Aufsatzes die Problematik einer Pathologisierung von Rassismus und Sexismus, die dazu beitragen könne, „Opferpositionen zu verfestigen, Handlungsmöglichkeiten aus dem Blickfeld zu rücken und Verantwortlichkeiten zu verschleiern.“ (S. 300) Diese von ihr benannte Problematik möchte sie mit dem Präfix ‚sozial‘ umgehen, mit dem sie auf die sozialen Bedingungen der Entstehung von Rassismus und Sexismus verweist. Nach Meinung der Rezensentin wäre es jedoch angeraten, eine solche Pathologisierung grundsätzlich zu unterlassen.

Zirkulierende Bilder

Thema des vierten und letzten Teils ist „Das visuelle Unbewusste“, das auf der Ebene medialer Repräsentationen verhandelt oder eben nicht verhandelt werde. In den Beiträgen dieses Teils stehen die unsichtbaren Visualisierungsstrategien von Medien, die Wissen, Begehren und Bedeutungen hervorbringen, im Mittelpunkt. Silke Wenk beschäftigt sich beispielsweise mit Sichtbarkeitsverhältnissen, die eng mit Macht- und Herrschaftsverhältnissen verknüpft sind, und vertritt die These, „dass mit der beschleunigten Zirkulation der Bilder auch die Verfügungsmacht oder genauer die Vorstellung von Souveränität auf dem Feld des Visuellen in Frage gestellt wird.“ (S. 319) Sie zeigt anhand der Regulierung des Blicks über Entblößung und Verschleierung, wie das Unbewusste von Bildern, die für die westliche Liberalität stehen, in andere Teilen der Welt projiziert werden und als Abjekte der westlichen Kultur in diese zurückkehren: ein hochinteressanter Beitrag, der jedoch – ebenso wie der Beitrag von Gabriele Dietze – seine Verknüpfung mit dem Thema des „Unbewussten“ deutlicher hätte formulieren müssen.

Fazit

Beim Lesen der Aufsätze des Sammelbandes wird immer wieder deutlich, dass Wissenschaft, die den Anspruch hat, selbstreflexiv zu sein, sich mit ihren unbewussten Anteilen beschäftigen muss. Ebenso deutlich wird jedoch auch, dass der notwendige Versuch, dieses Unbewusste bewusst zu machen, paradox ist und immer wieder scheitert und scheitern muss. Auf diese Weise entsteht jedoch, das wird in den Beiträgen des Bandes auf unterschiedliche Weise deutlich, ein für die Wissenschaften produktiver Kreislauf, das Unbewusste zu erforschen und daran zu scheitern. Oder, wie Christina von Braun es ausdrückt, ein Kreislauf des Enthüllens und Verhüllens.

Mit rund 450 Seiten kommt das Buch über das Unbewusste nicht ganz leicht daher, ist aber von Anfang bis Ende lesenswert. Bei einigen Aufsätzen wird der Leserin/dem Leser abverlangt, selbst einen roten Faden zum Unbewussten zu spinnen, um eine in den Wissenschaften häufig verwendete textile Metapher zu verwenden, auf die auch Ellen Harlizius-Klück in ihrem Aufsatz eingeht. Dass dies vor allem bei einigen Aufsätzen in Kapitel drei und vier des Sammelbandes notwendig ist, sollte an den beiden besprochen Aufsätzen aus diesen Kapiteln beispielhaft deutlich geworden sein.

Deutlich gemacht werden sollte auch, dass der Anspruch des Sammelbandes, sich dem Unbewussten als Subjekt der Wissensproduktion und -ordnung zu nähern, durchaus hoch gehängt ist. Welchen Unterschied es macht, das Unbewusste nicht als Objekt, sondern als Subjekt der Wissensproduktion und -ordnung zu untersuchen, ist in manchen Aufsätzen wie beispielsweise denen von Annette Bitsch und Christoph F. E. Holzhey – die nach Meinung der Rezensentin auch zu den interessantesten des Sammelbandes gehören – gut nachvollziehbar, in anderen jedoch geht dieser für den Band zentrale Aspekt unter bzw. wird nicht ausreichend vermittelt.

Wer einen systematischen und vollständigen Überblick über die Funktion des Unbewussten in den Wissenschaften sucht, wird von diesem Sammelband möglicherweise enttäuscht sein. Wer dagegen bereit ist, sich dieser Frage auf holprigen Wegen und Umwegen zu nähern, wird mit überraschenden, bisweilen klugen und immer wieder neuen Perspektiven auf das Unbewusste und seine Rolle in der Wissenordnung und Wissensproduktion belohnt. Bedauerlich ist, dass die Literaturnachweise nicht am Ende des jeweiligen Artikels aufgelistet sind, da dadurch die systematische Durchsicht und Auswertung der verwendeten einschlägigen Literatur erschwert wird.

URN urn:nbn:de:0114-qn112309

Zara Simone Pfeiffer

Laufende Promotion bei Prof. Dr. Paula-Irene Villa am Institut für Soziologie der LMU München

E-Mail: zarapfeiffer@gmail.com

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