Stephanie Schütze: Ein weiteres Arbeitsbuch zur Qualitativen Sozialforschung?

Ein weiteres Arbeitsbuch zur Qualitativen Sozialforschung?

Rezension von Stephanie Schütze

Aglaja Przyborski, Monika Wohlrab-Sahr:

Qualitative Sozialforschung.

Ein Arbeitsbuch.

2., korr. Auflage. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2009.

403 Seiten, ISBN 978-3-486-59103-3, € 34,80

Abstract: Dieses Arbeitsbuch zur qualitativen Sozialforschung konzentriert sich auf die methodischen Grundzüge verschiedener Ansätze der interpretativen Sozialforschung. Es vermittelt eine sehr gute Grundlage für die Anwendung der rekonstruktiven Methoden in Lehre und Forschung, da es den gesamten Forschungsprozess – die Entwicklung der Fragestellung, den Zugang zum Untersuchungsfeld, die Erhebung des empirischen Materials und die Auswertungsmöglichkeiten – begleitet. Die Autorinnen zeigen, wie in qualitativer Forschung empirisches Material durch systematische Vergleiche interpretiert wird und so begründete Generalisierungen und Theorien entwickelt werden können.

Grundlagen qualitativer Forschung

Das Arbeitsbuch Qualitative Sozialforschung zeichnet den vollständigen Ablauf eines qualitativen Forschungsprozesses nach. Am Anfang weisen Aglaja Przyborski und Monika Wohlrab-Sahr auf die wichtigsten Grundlagen qualitativer Forschung hin. Sie sensibilisieren die Leser/-innen dafür, dass theoretische und methodische Vorüberlegungen eines Forschungsprojekts miteinander einhergehen müssen und nicht getrennt voneinander gedacht werden können. Die Formulierung eines Erkenntnisinteresses und der daraus folgenden Fragestellung stehe in einem direkten Zusammenhang mit der Wahl der methodischen Umsetzung. Im gesamten Prozess einer qualitativen Forschung müssten die Fragestellung, die Entwicklung theoretischer Kategorien wie auch das methodische Instrumentarium immer wieder in Beziehung zueinander gestellt und überprüft werden.

Erkenntnismethoden

Als ein wichtiges Merkmal qualitativer Forschung stellen die Autorinnen die Feldforschung heraus. Dabei komme es nicht nur darauf an, Interviews offen zu erheben, sondern auch eine weit reichende Auseinandersetzung mit dem untersuchten sozialen Feld zu führen. Die der Feldforschung zugrunde liegende Methode der teilnehmenden Beobachtung beginnt mit der Rekonstruktion der Beziehungsnetzwerke der untersuchten sozialen Gruppe und der Lokalisierung der für die Forschung relevanten Hauptakteure. Danach finden erste Gespräche mit den Interviewpartner/-innen statt, die in Beobachtungsprotokollen festgehalten werden können. Grundlegender Bestandteil der teilnehmenden Beobachtung ist – so die Autorinnen – die Reflexion der subjektiven Rolle als Forscher/-in, d. h. die eigene Positionierung im Forschungsfeld. Zudem wird die Aufmerksamkeit auf wichtige, aber oftmals von der Fachliteratur unbeachtete forschungspraktische Überlegungen der Feldforschung gelenkt: der Zugang zum Forschungsfeld, die Auswahl der Interviewpartner/-innen, die Annäherung an diese, die Wahl des Ortes des Interviews, die Wahl der Technik bei der Interviewführung etc.

Erst nach dem ersten Kennenlernen des Feldes und der daraus resultierenden Auswahl der Interviewpartner/-innen beginnt die Phase der Erhebung der Interviews. Die Autorinnen stellen unterschiedliche Formen der Interviewführung vor: das narrative Interview, verschiedene Gruppendiskussionsverfahren, das Experteninterview, das offene Leitfadeninterview, das fokussierte Interview und auch speziell das Fokusgruppeninterview. Die von ihnen vorgestellten Erhebungsformen haben eine Gemeinsamkeit: Sie zeichnen sich durch ihren offenen Charakter aus. Dies bedeutet nicht, dass sie – wie oftmals fälschlich angenommen – in ihrem Vorgehen unstrukturiert sind, sondern dass es den Interviewten weitestgehend selbst überlassen wird, den Argumentationsfluss zu bestimmen.

Der Kritik, dass qualitative Forschung im Gegensatz zu quantitativer nicht repräsentativ sei, entgegnen die Autorinnen überzeugend, indem sie darlegen, wie die Theoriebildung am Ende der Erhebungsphase der Feldforschung vorgenommen wird. Diese sei dann beendet, wenn durch das Samplingverfahren – d. h. durch das Wechselspiel von Erhebung, Theoriebildung und erneuter Erhebung – die Vorannahmen soweit überprüft sind, dass eine „theoretische Sättigung“ (Anselm Strauss) eintritt.

Auswertungsverfahren

Die Autorinnen stellen von ihnen ausgewählte Ansätze der interpretativen Sozialforschung vor und skizzieren damit mögliche Auswertungsverfahren. Obwohl sie eine bewusste Eingrenzung bei der Auswahl vornehmen, gelingt es ihnen, sich gegen einen „Methodenpurismus“ zu wenden und „ein Grundverständnis für das Vorgehen und die Probleme bei der rekonstruktiven Analyse empirischer Daten zu vermitteln“ (S. 184). Sie kontextualisieren die Entwicklung der Ansätze, indem sie die theoretischen Hintergründe der Hauptvertreter/-innen und deren konkrete Untersuchungsfelder dokumentieren. Gemeinsam haben diese Verfahren, dass sie implizite Bedeutungen und Sinnstrukturen rekonstruieren.

Es handelt sich dabei um folgende Schulen: Erstens die Grounded Theory, die von Anselm Strauss, Barney Glaser und später Juliet Corbin ausgehend vom symbolischen Interaktionismus entwickelt wurde und deren Auswertungsmethode sich durch ein Kodierungsverfahren charakterisiert. Zweitens die Narrationsanalyse, die von der Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen entworfen wurde (Joachim Matthes, Werner Meinefeld, Fritz Schütze, Werner Springer, Ansgar Weymann und später Ralf Bohnsack) und auf der Rekonstruktion biographischer Prozesse des Handelns und Erleidens basiert. Drittens die objektive Hermeneutik, die auf einem sequenzanalytischen Verfahren fußt und deren Hauptvertreter Jürgen Oevermann ist. Und viertens die dokumentarische Analyse, die auf kollektive Prozesse fokussiert ist und kollektive Sinnstrukturen analysiert und die, entwickelt von Karl Mannheim, derzeitig hauptsächlich von Ralf Bohnsack weitergedacht wird. Obwohl die vier vorgestellten Schulen unterschiedliche Schwerpunkte setzen und teilweise gegeneinander polemisieren, gelingt es den Autorinnen, die Gemeinsamkeiten dieser Schulen der interpretativen Sozialforschung herauszustellen und somit unterschiedliche Forschungserfahrungen zusammenzuführen.

Ein gelungenes Arbeitsbuch

Das Arbeitsbuch Qualitative Sozialforschung konzentriert sich auf die methodischen Grundzüge verschiedener Ansätze der interpretativen Sozialforschung innerhalb der deutschen und der US-amerikanischen Soziologie. Es eignet sich hervorragend für die Vermittlung qualitativer Methoden in der Lehre und als Unterstützung und Anregung in der Forschung, da es anders als vorherige Publikationen ähnlichen Anspruchs die Leser/-innen auf dem gesamten Prozess der Forschung begleitet: angefangen bei der Entwicklung der Fragestellung und dem Zugang zum untersuchten Feld über die Erhebung des empirischen Materials und dessen Transkription sowie über Auswertungsmöglichkeiten bis hin zur Formulierung der allgemeinen Schlussfolgerungen.

Auch aufgrund der gelungenen Komposition, der wissenschaftstheoretischen Kontextualisierungen und der gewählten Beispiele unterscheidet sich das Arbeitsbuch von anderen seiner Art. Es ist argumentativ sehr gut aufgebaut und übersichtlich gestaltet, so werden z. B. die Hauptthesen jedes Abschnittes in einem umrahmten Feld am Ende noch einmal zusammengefasst. Anhand von empirischen Beispielen werden die methodischen Besonderheiten der einzelnen Ansätze sehr treffend erklärt. Es fällt zudem auf, wie außerordentlich differenziert die Autorinnen über die einzelnen Ansätze, deren Originalliteratur und authentische Forschungspraxis orientiert sind.

Geschlechterforschung und interpretative Sozialforschung

Das Arbeitsbuch eignet sich auch für empirische Arbeiten im Rahmen der Geschlechterforschung, da für genderbezogene Fragestellungen in der Methodendiskussion der gender studies den qualitativen Erhebungs- und Auswertungsmethoden insbesondere der rekonstruktiven Sozialforschung der Vorzug gegeben wird. In den Abschnitten über die Situierung der Forscher/-in im Feld, die Auswahl der Interviewmethoden und die Auswertungsverfahren thematisieren die Autorinnen genderbezogene Überlegungen im Forschungskontext. Es ist jedoch zu bedauern, dass das Arbeitsbuch über keinen herausgestellten Abschnitt zur Geschlechterforschung verfügt und eine tiefergehende Genderanalyse bzw. eine Positionierung der Geschlechterforschung innerhalb der rekonstruktiven Sozialforschung nicht vorgenommen wird.

URN urn:nbn:de:0114-qn112349

Dr. Stephanie Schütze

Freie Universität Berlin

Wissenschaftliche Assistentin am Lateinamerika-Institut

Homepage: http://www.lai.fu-berlin.de/homepages/schuetze/index.html

E-Mail: steschue@zedat.fu-berlin.de

Creative Commons License
Dieser Text steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz. Hinweise zur Nutzung dieses Textes finden Sie unter http://www.querelles-net.de/index.php/qn/pages/view/creativecommons





querelles-net wird herausgegeben an der Freien Universität Berlin. ISSN 1862-054X