Constanze Jaiser: Interview mit Iris Bockermann, Carmen Masanneck und Heike Wiesner

Interview mit Iris Bockermann, Carmen Masanneck und Heike Wiesner

Constanze Jaiser

Der Einsatz des Internets eröffnet der Frauen- und Geschlechterforschung innovative, perspektivische Möglichkeiten der Gestaltung und vor allem der Präsenz ihrer Erkenntnismethoden und Ergebnisse. Die Nutzung und die aktive Mitgestaltung der Web-Inhalte scheint abhängig von kulturell unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten und Umgangsweisen, sondern auch von geschlechtsspezifischen Faktoren.

Iris Bockermann (Soziologin), Carmen Masanneck (Biologin) und Heike Wiesner (Soziologin) haben im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts zum Thema Virtuelles Lernen und Gender Studies geforscht. Unter der Projektleitung von Maren Landschulze und Ursula Pasero wurden von den drei Forscherinnen die Zugangsvoraussetzungen und die Kommunikation von Frauen im Internet analysiert. Außerdem führten sie eine Befragung von Expertinnen/-en und Dozentinnen/-en zu virtuellen Lehrangeboten durch. Die Ergebnisse wurden erstmals auf der informatica feminale vorgestellt und sind hier in Querelles-Net veröffentlicht. Wir haben die Kolleginnen um ein virtuelles Interview gebeten, um über Tendenzen, Fragen und Perspektiven im Bereich „Virtuelles Lernen und Frauen- und Geschlechterforschung“ zu diskutieren.

Online-articles

Iris Bockermann, Carmen Masanneck und Heike Wiesner: Virtuelles Lernen: „Expect The Best – Prepare For The Worst“ Virtuelle Lernumgebungen im Kontext von gender and cultural studies.

Christina Schachtner und Heike Seiler: Lernziel Medienkompetenz. Kognitives Lernen und Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen erziehungswissenschaftlicher Ausbildung. Der Artikel erscheint in: Bader, R./B. Eckmann/W. Schindler (Hrsg.), Außerschulische Bildung in virtuellen Welten. Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik gGmbH. Wir danken den Autorinnen für die Vorabdruckgenehmigung.

Podiumsdiskussion

QN: Nachhaltig beeindruckt bin ich von einer Bemerkung in Ihrer Studie, dass in den 50er Jahren das Programmieren ein Frauenberuf war. Erzählen Sie uns doch ein bisschen mehr über diesen Befund. Was ist passiert, das die völlige Wandlung zum ausgesprochenen Männerberuf erklären könnte?

Carmen Masanneck: Die computerunterstützte Informationstechnik gibt es seit den 40er Jahren im industriellen Umfang. Die Programmierung bedeutete damals Entwerfen und Codieren numerischer oder kombinatorischer Algorithmen, wurde für nicht besonders anspruchsvoll gehalten und vorwiegend von Frauen ausgeübt. Dagegen war die aus dem militärischen Bereich stammende – als wichtig angesehene Hardware – die Männerdomäne. Mit zunehmender Entwicklung von Programmiersprachen, Compilern, Betriebssystemen trat allmählich die Software mehr in den Vordergrund und wurde zunehmend dann auch von Männern dominiert. Der Befund mag in unserer jetzigen Gesellschaft überraschend erscheinen, da der Beruf der/des Programmiererin/s heute eindeutig als männliches Betätigungsfeld eingestuft wird. Im Gegensatz zu damals ist dieser Beruf heute ein Prestigeberuf. Im Zuge dieses Wandels hat sich auch das Geschlechterverhältnis gewandelt. Es scheint also eine Korrelation zu geben: je höher der kulturelle Status oder das gesellschaftliche Ansehen einer Arbeitsdomäne, desto geringer ist der Frauenanteil. Eine Studie von Barinaga belegt, dass Berufe, die im Trend der gesellschaftlichen Entwicklung liegen, von Männern dominiert werden. Dies ließe sich anschaulich ebenso im interkulturellen Vergleich zeigen. In Ungarn, Portugal und auf den Philipinen finden sich die höchste Zahl (30–47%) an Physikerinnen. In Staaten wie den USA, Großbritannien und Kanada, die einen hohen Grad der industriellen Entwicklung erreicht haben, repräsentieren Frauen nur zu 5% die Physikfakultät.

QN: Wo sind denn heute Frauen im Internet vertreten?

Carmen Masanneck: Dies lässt sich natürlich schwer generalisieren. Es gibt speziell an Frauen gerichtete Inhalte, die von Frauen auch gut angenommen werden, wenn sie die Möglichkeit eines Internetzugangs nutzen können. Dies war ein wichtiger von uns bearbeiteter Aspekt. Es hat sich gezeigt, dass die Zugangsmöglichkeiten sehr von sozio-ökonomischen Faktoren wie Bildung, Einkommen, Arbeitsplatz abhängen. In bestimmten Bevölkerungsschichten, z. B. Akademikerinnen und Studentinnen, haben sich die Geschlechterverhältnisse angeglichen, und hier sind wahrscheinlich auch die geschlechtsspezifischen Nutzungspräferenzen ähnlich. Interessant ist aber, dass Frauen bevorzugt die Anwendungsmöglichkeit schätzen und das Medium im Vergleich mit Männern häufiger für Bildungszwecke und Jobsuche einsetzen (MMXI Europe 2000). Allerdings sind Frauen in Bereichen, wo es um die Gestaltung des Inhaltes im Internet geht, unterrepräsentiert. Dies lässt sich evtl. gut mit der geringen Anzahl der weiblichen Informatikstudentinnen korrelieren. Leider lagen uns keine Zahlen darüber vor, inwiefern Frauen auch aktiv Inhalte des Webs mitgestalten oder eher passiv konsumieren. Es gibt Hinweise, dass Frauen z. B. in Newsgroups sich eher passiv verhalten, und den Informationsfluss nur verfolgen statt aktiv daran teilzunehmen.

QN: Welche Kriterien müssen berücksichtigt werden, um überhaupt eine aussagekräftige Analyse vornehmen zu können?

Heike Wiesner: Aussagekräftige Analysen im Internet sind meiner Meinung nach kaum möglich. Dazu ist das Internet einfach zu unübersichtlich. Insofern lässt sich nur schwerlich ein Kriterienkatalog erstellen, der analytischen Standards entspricht. Was sich durch quantitative als auch qualitative Untersuchungen vielleicht ermitteln lässt, sind bestenfallsTrendaussagen und Thesen. Internetstudien mit dem Prädikat „repräsentaiv“ sollten uns sogar eher misstrauisch stimmen, da sie niemals einen repräsentativen Querschnitt durch alle Internetnutzer/-innen abbilden.

Iris Bockermann: Richtig, dieser Hinweis betrifft somit auch unser eigenes Forschungsprojekt. Sowohl den empirischen als auch den theoretischen Teil. Für den theoretischen Teil der Arbeit zur computervermittelten Kommunikation wurden insbesondere Evaluationen herangezogen und ausgewertet, die gender-spezifische Aspekte untersucht haben. Hier gilt es auch einschränkend zu bemerken, dass die untersuchten Gruppen relativ klein waren. Von Repräsentativität kann also auch hier nicht die Rede sein. Dennoch können die Untersuchungen im Sinne einer qualitativen Erschließung des Feldes gewertet und zur Hypothesen- und Thesenbildung herangezogen werden. Repräsentative Aussagen lassen sich hingegen nur schwerlich finden aufgrund der Größe der zu untersuchenden Gruppen, aber auch aufgrund der nur eingeschränkten Vergleichbarkeit der Ergebnisse und des zuweilen sehr begrenzt möglichen und gewählten Untersuchungsdesigns.

Carmen Masanneck: Es gibt viele Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen bzw. eng ineinander verflochten sind. Bisherige Untersuchungen der geschlechtsspezifischen Unterschiede beziehen sich häufig nur auf westlich-sozialisierte Menschen. Interkulturelle und sozio-strukturelle Vergleiche könnten Aufschluss darüber geben, ob auch andere Faktoren – wie z. B. Alter oder Ethnie etc. – die Kommunikationsformen und Kultur im Internet mitprägen. Studien, die z. B. untersucht haben, ob es generell ethnische Unterschiede bei der Internetnutzung gibt, oder ob sich diese sichtbaren Unterschiede nicht primär auf Unterschiede im Einkommen oder der Bildung zurückführen lassen, sind nach wie vor überaus selten. Dies ist bei Untersuchungen der Internetnutzung jeweils zu berücksichtigen, um entsprechende Maßnahmen treffen zu können, die einer Diskriminierung entgegenwirken. Gerade unter dem geschlechtsspezifischen und kulturellen Aspekt lassen sich eine Reihe von Faktoren aufzählen, die die Internetnutzung positiv oder negativ beeinflussen. Da besteht sicherlich noch erheblicher Forschungsbedarf.

QN: Ist der kulturelle Hintergrund ebenso wichtig wie die geschlechtsspezifischen Bedingungen? Welche geschlechtsspezifischen Unterschiede lassen sich beschreiben? Welche Begründungen können Sie dafür anführen? Wo treten diese Unterschiede im Umgang mit den Neuen Medien besonders stark zutage?

Heike Wiesner: Der kulturelle Hintergrund ist sicherlich ebenso wichtig wie die geschlechtsspezifischen Aspekte. Es ist aber nicht sosehr die Frage nach der Priorität, die wir stellen sollten, z. B. welche Kategorie am meisten wirkt. Vielmehr sollten wir unseren Untersuchungsfokus generell ausdehnen. Die durchaus sehr variablen Kategorien und Faktoren wie Kultur, Geschlecht, Alter, sozialer Kontext greifen nicht nur ineinander, sondern können in potenzierter Form in bestimmten gesellschaftlichen Kontexten äußerst diskriminierend wirken. Das bedeutet nun aber nicht, dass keine Aussagen zur Geschlechtsspezifik gemacht werden können. In einigen Internetforen spielt sie eine zentrale Rolle, in anderen überwiegt der kulturelle Kontext. Aber dazu kann vielleicht Iris mehr erzählen, da es einer ihrer Forschungsschwerpunkte im Projekt war.

Iris Bockermann: Bezüglich der Geschlechtsspezifik lassen sich zunächst sogenannte Verhaltensauffälligkeiten bzw. Abweichungen hinsichtlich der Präsenz nachweisen. Z. B. bevorzugen Frauen weit häufiger bilaterale E-mail-Kontakte bzw. teilöffentliche Kommunikationsformen wie geschlossene Mailinglisten und Chat-Channels. Zudem wird die nominal geringe Zahl von Frauen im Netz noch dadurch verstärkt, dass sie sich in öffentlichen Foren wie z. B. in offenen Mailinglisten und Newsgroups weit weniger bzw. verhaltener diskursiv einmischen. Gründe hierfür sind neben der Anonymität der Kommunikation, die Frauen als Barriere und mit Verunsicherung erleben, auch geschlechtsspezifische Sprach- und Gesprächsstile, die sich für Männer als fakten- und statusorientiert und für Frauen als Kontakt-, Kooperations- und Harmonieorientierung charakterisieren lassen. Diese Liste ließe sich noch mit vielen Untersuchungen und Beispielen illustrieren. Grundsätzlich ließe sich dazu aber sagen, dass es neben einer langen Reihe von Defizitzuschreibungen bezüglich des Verhaltens von Frauen im Netz auch eine Vielzahl von Wissenschaftlerinnen gibt, die die Qualitäten der Gesprächsstile und Präferenzen von Frauen geradezu als prädestiniert zur Verbesserung des Netzklimas eingesetzt sehen wollen. Von dieser ‚missionarischen‘ Aufgabe kann nur entschieden abgeraten werden. Ins Blickfeld der Betrachtung und Reflexion muss viel eher das gestellt werden, woran (geschlechtsspezifische) kommunikative Stile und Formen gemessen, mit welchen Formen sie subtil angegriffen, ausgegrenzt, marginalisiert und diese als persönlich zu lösendes Problem verhandelt werden. Denn beide Varianten, ob nun hochgelobt oder abgewertet, beschreiben doch nur die Einschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse bis in die geschlechtsspezifisch kommunikativen Praxen.

Iris Bockermann: Mit bloßer Teilhabe von Frauen im Internet à la Gleichstellungsfeminismus können die kulturellen Leitbilder und Strukturen nicht verändert werden. In Anbetracht einer männerdominierten Internetgemeinschaft werden Formen von Zensur, sowohl Personen als auch Inhalte betreffend, durch dominantes männliches Verhalten auf demokratischem Wege legitimiert. Hiervon sind aber nicht nur Frauen betroffen, sondern ebenso auch andere marginal vertretene Gruppen und Inhalte. Natürlich kann mensch nun zeit- und ortsunabhängig Informationen ins Netz stellen bzw. diese abrufen, sich austauschen und vernetzen. Hierbei besteht aber ein hegemoniales Verhältnis der technischen und infrastrukturellen Voraussetzungen mit einem starken Nord-Süd-Gefälle. Die sprachliche Verständigung erfolgt zumeist in Englisch. Da Sprache auch immer kulturelle Deutungsmuster und Wertigkeiten transportiert, gilt es diese mit in die Analyse der Verständigungspraxen und -präferenzen der Kommunikation miteinzubeziehen. Zu reflektieren gilt es also zum einen die Hegemonie der technischen und kulturellen Regularien des Netzes sowie die Auswirkungen auf die Verschiedenheit der kulturellen Sprach, -Werte- und Wissenssysteme. Hier gilt es, einen neuen Modus zu finden betreffs der Gewichtung der Mitsprache und der inhaltlichen Ausrichtung. Denn sonst bleiben Mitbestimmung und Aushandlung am männlich-hegemonialen Maßstab kleben.

QN: Würden Sie auch im europäischen Raum von einem Gefälle sprechen hinsichtlich der Präsenz von Frauen im Netz, ihren Zugangsmöglichkeiten sowie ihrer aktiven Mitgestaltung bei virtuellen Infopools?
Heike Wiesner: Laut aktuellen Internetumfragen findet in Europa eine zunehmende Angleichung zwischen den Geschlechtern statt, aber nur was die Präsenz im Netz angeht. Je jünger die Befragten umso marginaler scheint der Unterschied. Was die aktive Mitgestaltung und die Webauftritte angeht, kann weiterhin von einem Gefälle gesprochen werden. Bei den Zugangsmöglichkeiten muss jedoch unbedingt differenziert werden: Das Vorhandensein eines Computers im Haushalt garantiert noch keinen Zugang für Frauen! Dies ist auch ein Ergebnis unserer empirischen Exploration über virtuelles Lernen. Ein Computer am Arbeitsplatz ist etwas völlig anderes als im Haushalt. Teilnehmerinnen von virtuellen Lernveranstaltungen, die nur über einen Rechner im Haushalt verfügten, brachen ihre Kurse ungleich höher ab als Frauen, die über einen eigenen Rechner am Arbeitsplatz verfügten – auch bei gleichen Zugangsqualifikationen. Die technisch-infrastrukturellen Voraussetzungen hängen somit eng mit der Kategorie Geschlecht zusammen. Technik ist keinesfalls eine unabhängige Größe. Ohne die Transparenz von Geschlechterkonstruktionen innerhalb des Gesamtdiskurses lassen sich diese Zusammenhänge von Technik und Gesellschaft nur schwerlich aufspüren. Geschlecht, kultureller und sozialer Hintergrund greifen ineinander und können sich in potenzierter Form in Bezug auf die Teilnehmerbindung stark auswirken. Technische Infrastruktur und Internetkompetenz können unter diesen Umständen keinesfalls als neutrale Größen gehandhabt werden, sondern müssen kontextgebunden und ineinander verschränkt analysiert werden. Kurzum: Die Kategorie Geschlecht spielt eine erhebliche Rolle was die Gestaltungsmöglichkeiten im und die Zugangsvoraussetzungen zum Internet betreffen.
QN: Eine Frage zu der immer wieder diskutierten virtuellen Identität: Sie schreiben von einer Untersuchung, nach der 81% der Frauen in Diskussionsforen einen Spitznamen verwenden, der ihre weibliche Identität unsichtbar macht. Was steckt dahinter? Welche Chancen bietet denn eine virtuelle Identität?

Iris Bockermann: Unter dem Vorbehalt, dass es sich hierbei um eine sehr kleine Untersuchung (eine Seminargruppe, also kleines Sample) handelt, ging es darum, ob es einen Zusammenhang zwischen Geschlecht und der Verwendung von Nick-Namen gibt. Ergebnis dieser Befragung war, das überproportional viele Frauen gegengeschlechtliche oder neutrale Nick-Namen verwendet haben im Vergleich zu den Männern. Diese Verschleierung oder Unsichtbarmachung des realen Geschlechts mag ein probates persönliches Mittel sein, um Anfeindungen, Abwertungen oder auch nur Stigmatisierungen aus dem Wege gehen zu können. Aber zum einen ist bis heute unseres Wissens noch nicht geklärt, wie sich Frauen mit unsichtbarem Geschlecht verhalten, wenn vor ihren Augen Angriffe und Diskriminierungen geschehen. Decken sie ihr reales Geschlecht auf und solidarisieren sich, oder bleiben sie lieber getarnt und unsichtbar und behandeln dieses Geschehen als persönlich zu verhandelndes der betroffenen Frau. Zudem bleiben Frauen nominal noch weniger sichtbar im Netz. Desweiteren gilt es zur virtuellen Identität grundsätzlich zu sagen, dass das „Spiel“ mit virtuellen Identitäten immer gebunden ist an reale Körperlichkeit und den sozialen Kontext. Das heißt, dass dem spielenden Menschen zwar vorbehalten bleibt, persönliche Erfahrungen zu machen mit dem neuen oder anderen Geschlecht, aber diese immer gebunden bleiben an unsere hegemoniale Kultur. Das Erlernen von Sozialtechnologien schafft noch keine gesellschaftliche Veränderung.

Heike Wiesner: In großen Teilen stimme ich Iris Aussage zu, d. h. gesellschaftlich-internalisiertes Verhalten wird im Internet re/produziert. Kein Zweifel. Doch glaube ich auch, dass gerade in diesen Cyber- und Technoforen ein ausbaufähiges Veränderungspotential liegt. Dort wird nämlich kräftig dekonstruiert wie auch konstruiert. Mit Geschlecht, Kultur und Alter wird vielleicht nur spaßeshalber experimentiert, aber als eine Art unbeabsichtigte Nebenfolge werden auch Erfahrungshorizonte erweitert, die eingefahrene Handlungsmuster zumindest fragwürdig erscheinen lassen. Und wo der Alltag absurd wird, werden Emanzipationsbestrebungen freigesetzt.

QN: Sie fanden heraus, dass die Bildung einer Community im Netz von entscheidender Bedeutung ist für die Bindung an Inhalte und an Lernziele. Wie lässt sich dieser Zusammenhalt innerhalb einer virtuellen Gruppe schaffen?

Heike Wiesner: Die Bildung einer wissenschaftlichen Gemeinschaft, d. h. die Vernetzung untereinander hat sich tatsächlich unglaublich positiv auf die Gruppenbindung in virtuellen Lernumgebungen herausgestellt – vor allem für Frauen. Gemeint ist, dass die Kurse, in denen es gelungen ist, die Teilnehmer und Teilnehmerinnen diskursiv zu vernetzen, wesentlich geringere Abbruchquoten zu verzeichnen hatten, als die Kurse, in denen diese nur im unmittelbaren Kontakt zu den Dozenten und Dozentinnen standen. Zwei wichtige Aspekte lassen sich in diesem Zusammenhang hervorheben: Zum einen wirkte sich ein kontinuierlicher Interessenbildungsprozeß positiv auf die Kursbindung aus. Das heißt, Lehrveranstaltungen, wo die Kursteilnehmer direkten Einfluß auf die Kursinhalte nehmen konnten, verbuchten eine geringere Abbruchquote. Zum anderen wird der Vernetzungsprozeß der Community-Bildung durch die Möglichkeit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen unterstützt, sich jenseits der offiziellen (online-)Sitzungen in informellen Strukturen z. B. chatrooms, mailinglists oder gar informellen Präsenzphasen zu treffen.

QN: Wenden wir uns den konkreten Gestaltungsmöglichkeiten und dem Userinnenbedürfnis im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung zu: Wenn wir von unserem Online-Medium Querelles-Net ausgehen, sehen wir verschiedene mögliche Profilbildungen unseres Journals. So ließe sich die Weiterentwicklung eines umfassenden Informationspools für einschlägige Publikationen vorstellen. Hierbei wäre auch an ein eigenes Angebot zu denken, wissenschaftliches Publizieren und auch die Präsentation der eigenen Person im Internet zu fördern, sei es durch die Möglichkeit online zu veröffentlichen, sei es durch die Unterstützung bei der Erstellung und die Vernetzung von eigenen homepages. Oder aber es könnte ein „kreatives Umfeld“ geschaffen werden für eine science in action (so der Begriff des von ihnen zitierten Bruno Latour). Das hieße zum Beispiel, in Kooperation mit Hochschulangehörigen ein Angebot im Bereich Lehr- und Lernmaterialien zu entwickeln. Was käme nach Ihren Einsichten und Analysen dem Bedürfnis wie dem Verhalten vor allem der weiblichen User im Netz nahe? Was müsste beachtet werden, um eine Qualitätssicherung der Inhalte gewährleisten zu können?

Heike Wiesner: Das ist eine ausgesprochen gute und zugleich sehr schwierige Frage. Mit Science in Action beschreibt Bruno Latour im Kern „nicht-erkaltete Wissenschaft", d. h. Wissenschaft in ihren Entstehungszusammenhängen. Donna Haraway würde wahrscheinlich den Begriff Science in the Making verwenden. Diesen Ansatz auch auf das Online-Medium Querelles-Net zu übertragen ist gut gewählt, da sowohl Latour als auch Haraway Netzwerkforschungen betrieben haben. Eine erfolgreiche Wissenschaft entsteht aus einem erfolgreichen Netzwerk heraus – so die Einschätzung Latours und Haraways. Insofern sind alle Maßnahmen sinnvoll, die auf Vernetzung (und Stabilisierung) einer wissenschaftlichen Gemeinschaft setzen. Da der Vernetzungsgrad von Frauen ungleich geringer ist als der von Männern, zahlt sich eine breite Angebotspalette (Publikationsmöglichkeit, Homepage, Kooperations- und Lernkonzeptsangebote etc.) sicherlich aus. Die gewonnenen Akteure sind die Qualitätssicherung.

QN: Sollte die virtuelle Plattform – im Sinne der Community – eher einschlägige Aktivitäten der Disziplinen an einer Hochschule bündeln? Also die Frauen- und Geschlechterforschung vorrangig über das Mitmischen im disziplinären Diskurs implementieren und immer wieder aufs Neue in den meist nach Disziplinen aufgeteilten Online-Foren präsentieren? Oder dies gerade nicht, sondern sollten wir vielmehr, groß angelegt, den europäischen Diskurs innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung fördern? Also unbeirrt an der Professionalisierung von Netzauftritten arbeiten und selbst Kriterien für Inhalte, Qualität und Kommunikationsformen für eine europäische Vernetzung der Frauen- und Geschlechterforschung entwickeln und nach außen sichtbar präsentieren? In welchen Sprachen und über welche Kommunikationsmedien (Mailinglisten, Chatrooms, Internet-Konferenzen, Besprechungen von neuen Publikationen und Forschungen, wissenschaftliche Einzelbeiträge etc.) verständigen wir uns dann am besten? Wie könnte ein europäisches (oder zunächst deutschsprachiges) Fachportal für Frauen- und Geschlechterforschung in Zukunft aussehen?

Heike Wiesner: Ich denke, es gibt da keinen Königinnenweg. Insofern lässt sich der Fragenkatalog nicht eindimensional beantworten. Der Erfolg ist im hohem Maße abhängig vom Akteurskontext. Die internationale Frauenuniversität (ifu) ist allein schon aufgrund des hohen Beteiligungsgrads von internationalen Wissenschaftlerinnen als erfolgreich einzustufen. Andererseits haben sich feministische Ansätze innerhalb interdisziplinärer STS-Programmen (science and technoloy studies) einen Namen gemacht. Sei es Evelyn Fox Keller oder Donna Haraway. Die informatica feminale hat sich innerhalb der Informatik an der Universität Bremen etabliert und spricht bundesweit Informatikerinnen an. Unterschiedliche Strategien können zum gleichen Erfolg führen. Kurzum: Nichts spricht gegen „Einmischungen“, Autonomie und einen etablierten Frauen- und Geschlechterdiskurs! Was die Sprachregelung angeht, bleibt es ein unlösbares Dilemma. Englisch hat sich „durchgesetzt“. Das bunte Nebeneinander der Sprachen sollte aber weiterhin bestehen bzw. weiter ausgebaut werden.

QN: Zum Abschluß noch einmal ein Perspektivwechsel, ein Blick auf die Studierenden, die ja immer mehr darauf drängen, Neue Medien in ihre Ausbildung zu integrieren – und angesichts zukünftiger Arbeitsmarktchancen auch notwendig Kompetenzen erwerben müssen: Wie wollen sich Studierende in der universitären Lehre mit den Neuen Medien auseinandersetzen? Welche Formen der Aneignung werden sie nach Ihrer Meinung bevorzugen? Welche Rolle spielt die Medienkompetenz, also das Erlernenwollen der technischen Fertigkeiten im virtuellen Lehrangebot? Vielleicht können Sie einige Empfehlungen für die Gestaltung und Durchführung virtueller Seminare aussprechen?

Heike Wiesner: Ich fange mit den Empfehlungen für die Gestaltung virtueller Seminare einfach mal an. Ein Großteil der Empfehlungen sind schon im Interview genannt worden, wie die Förderung einer scientific community. Wichtig sind auch Präsenzphasen, um die Missverständnisse aufzuklären, die durch das chatten produziert worden sind. Allein eine Netiquette posten, reicht sicherlich nicht aus, selbst das chatten muss gelernt sein. Es ist eine neue Form der Kommunikation – zwischen email und face-to-face – das Umgehen mit leicht zeitverzögerten Antworten ist Übungssache. Das größte Problem sind passive Zuhörer/-innen. Sie werden sehr schnell zu Karteileichen, obwohl sie sich selbst als aktiv Zuhörende verstehen. Was die Durchführung der Veranstaltungen angeht, reicht es nicht aus, eine Veranstaltung einfach nur „ins Netz“ zu stellen. Die Teilnehmenden sind – wie ich gleich ausführen werde – häufig keine typischen Studierenden. Ein eher postmoderner Veranstaltungsstil – der von den Teilnehmer/-innen mitgestaltet wird – ist häufig erfolgreicher als ein stark durchstrukturierter Veranstaltungsablauf. Zum Schluss würde ich noch gerne auf das Verhältnis Studierende und Neue Medien eingehen. Entgegen geläufigen publizistischen Verlautbarungen lässt sich keinesfalls erwarten, dass die Zukunft der Hochschule demnächst nur noch im virtuellen Seminarraum liegt. Dies ist sicherlich eines der spannendsten Ergebnisse unserer qualitativen empirischen Exploration:

Die Aussage – „ein virtuelles Seminar als Ergänzungsangebot ist durchaus sinnvoll, aber sicherlich nicht als Substitution" - fasst die Meinungen in der Gesamtschau der von uns befragten Experten und Expertinnen zusammen.

Die Personen, die sich explizit für virtuelle Kurse entscheiden – und vor allem dabei bleiben – lassen sich vom Typ her viel eher mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen von ‚distance learning‘ und ‚Open Universities‘ denn mit ‚normalen Studierenden‘ von Präsenzuniversitäten vergleichen. Drei Aspekte fallen dabei ins Gewicht:

  • Erfolgreiche Teilnehmer/-innen sind in der Regel zwischen 35–45 Jahre alt.
  • Sie sind im hohen Maße selbstorganisiert.
  • und sie sind dem Fort- und Weiterbildungssektor zugeordnet.

Es ist also keinesfalls abwegig von einem neuen – bisher nicht wahrgenommen – oder „anderen Studententyp"(P7) zu sprechen, der sich in der Mitte ansiedelt – zwischen traditioneller Fernuniversität und herkömmlicher Präsenzuniversität. Auch die Anbieterinnen und Anbieter von virtuellen Seminaren – die schon mehr als zwei Kurse angeboten haben (!) – scheinen sich nicht mehr an den traditionellen Bildungsmodellen zu orientieren: Ein ausschlaggebender Hinweis lässt sich aus der Differenzierung in Erstausbildung, Fort- und Weiterbildung ablesen. Die meisten Expertinnen und Experten haben ihre Kurse nicht nur im Erstausbildungs-, sondern häufig auch gleichzeitig im Fort- und Weiterbildungssektor angeboten. Die Trennung zwischen Erstausbildung und Weiterqualifikationsmöglichkeiten wird von Ihnen durchlässiger gestaltet und erscheint dadurch obsolet. Bei den Mitwirkenden von virtuellen Veranstaltungen handelt es sich daher um einen bisher kaum beachteten Studierenden-Typus. Die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen sind ambivalent. Virtuelle Seminare lassen sich relativ zeit- und ortsunabhängig organisieren. Das könnte vielen Studierenden gelegen kommen, denn eine zunehmend größere Gruppe von Studierenden erklärt ihr Studium längst nicht mehr zum ‚Lebensmittelpunkt‘. Hinzu kommt, dass die Berufsanforderungen ständig wachsen. Berufstätige Erwachsene ohne ‚Zusatzqualifikationen‘ können sich schon mittelfristig auf ‚härtere Zeiten‘ einrichten. Life-long-learning-Konzeptionen enthalten Chancen und Risiken. Virtuelle Lehr- und Lernumgebungen sind hochgradig ‚kompatibel‘, indem sie die Interessen der heutigen ‚Studiergemeinschaft‘ mit der Ökonomie und der Arbeitsorganisation von gesellschaftlichen Anforderungen (scheinbar) verbinden. Nur vor diesem komplexen und hochgradig ambivalenten Hintergrund lässt sich das Aufkommen virtueller Kurse erklären und sinnvoll in die bestehende Bildungslandschaft integrieren.

QN: Vielen herzlichen Dank Iris Bockermann, Carmen Masaneck und Heike Wiesner für das Gespräch!

URN urn:nbn:de:0114-qn022182

Iris Bockermann

Universität Bremen

E-Mail: i.bockermann@gmx.de

Carmen Masanneck

Universität Düsseldorf

E-Mail: cm@hirn.uni-duesseldorf.de

Heike Wiesner

Universität Bremen

E-Mail: wiesner@informatik.uni-bremen.de

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