Ute Röller: Repräsentative Repräsentation repräsentativer Repräsentationen

Repräsentative Repräsentation repräsentativer Repräsentationen

Rezension von Ute Röller

Katharina Hottmann, Christine Siegert (Hg.):

Jahrbuch Musik und Gender. Band 1.

Feste – Opern – Prozessionen.

Hildesheim: Georg Olms Verlag 2008.

204 Seiten, ISBN 978-3-487-13865-7, € 25,00

Abstract: Der vielversprechende erste Band des neuen Jahrbuches beschäftigt sich mit Musik, die in repräsentativen Kontexten eine Rolle spielte. Auch wenn sich die Herausgeberinnen in der Einleitung selbst nicht so ganz einig zu sein scheinen, was sie unter „Repräsentation“ verstanden wissen wollen, so findet sich doch – oder vielleicht gerade wegen dieser ‚begrifflichen Offenheit‘ – ein eindrucksvolles Spektrum von Artikeln, in denen Veranstaltungen ganz unterschiedlicher Couleur aus 500 Jahren Musikgeschichte thematisiert werden.

Feste, Opern und Prozessionen haben sich die Herausgeberinnen als Themen für den ersten Band des neuen Jahrbuches Musik und Gender ausgewählt, und als neue Errungenschaft ist der Band selbst Anlass zum Feiern, auch wenn man die im Titel angekündigten Opern im Inhaltsverzeichnis vergeblich sucht.

In ihrem Geleitwort stellen Rebecca Grotjahn und Susanne Rode-Breymann das Konzept der Reihe vor. Die Ziele liegen auf der Hand und sind doch nach wie vor von zentraler Bedeutung: Neben dem wissenschaftlichen Austausch soll das Jahrbuch Impulse für die Musikwissenschaft geben und interdisziplinär wahrgenommen werden. Wechselnde Herausgeberinnen werden einen Hauptteil betreuen, der – dem jeweiligen Thema entsprechend – Artikel aus verschiedenen Perspektiven der musikwissenschaftlichen Genderforschung enthält. Daneben finden sich nach fünf Rubriken gegliedert Berichte von Tagungen und Kongressen, Rezensionen, Besprechungen von Noteneditionen und CDs, eine Bibliographie mit Neuerscheinungen sowie eine schöne Rubrik „Fundstücke“, in der interessante Dokumente zur Frauen- und Genderforschung präsentiert werden können.

In ihrer Einleitung „Musik als kulturelle Repräsentation“ zeigen die Herausgeberinnen Katharina Hottmann und Christine Siegert die thematischen Querverbindungen zwischen den einzelnen Artikeln des Hauptteils auf. Dabei ergeben sich fünf Facetten des titelgebenden Begriffes der „Repräsentation“. Unter den Teilüberschriften „Institutionen und Räume“, „Rituale“, „Geschlechter-Hierarchien“, „religiöse Identität“ und „Musikalische Wirkungsweisen“ wird dargestellt, inwiefern die Themen der folgenden Artikel sich als kulturelle Repräsentationen verstehen lassen. Die Herausgeberinnen versuchen dabei, gemeinsame Dimensionen der folgenden Artikel aufzuzeigen.

Leider kommt der einleitende Artikel ohne eine einheitliche Definition und Verwendung des Begriffes der „kulturellen Repräsentation“ aus. Repräsentation werde als „sinnliche Veranschaulichung gedachter Ordnungen in Bezug auf religiöse, politische, nationale, soziale und kulturelle Zusammenhänge“ (S. 13) verstanden. Denkt man diese erste Definition zu Ende, müsste man „kulturelle Repräsentation“ als „Veranschaulichung kultureller Ordnung“ auffassen, was nicht unbedingt zur Erhellung beiträgt. Das Adjektiv „repräsentativ“ benutzen die Verfasserinnen im Sinne von ‚vorzeigbar‘ oder auch in der Bedeutung ‚typisch‘. Die „repräsentative DDR-Kantate“ (S. 22) wäre also folgerichtig eine ‚repräsentative Repräsentation‘, und wenn die „Ehrenjungfrauen […] bürgerliche Tugenden“ „repräsentieren“ (S. 18) oder die „Repräsentation“ von Frauenrollen in der Schulaufführung den Jungen und jungen Männern überlassen wird, so kommt noch die Bedeutung ‚Darstellung‘, ‚Verkörperung‘ oder ‚Abbildung‘ hinzu. Auf den Begriff der ‚Kultur‘ wird gar nicht näher eingegangen.

Wird also ein kultursemiotisches Verständnis von Kultur als Text vorausgesetzt, wenn alle im Hauptteil thematisierten kulturellen ‚Repräsentationen‘ als „sinnliche Veranschaulichungen gedachter Ordnungen“ aufgefasst werden (S. 13, S. 16, 19)? Sollen die (teil-)öffentlichen Großveranstaltungen aus fünf Jahrhunderten als kodiertes bzw. dekodierbares Zeichen verstanden werden? Ist es tatsächlich das Ziel der Musikwissenschaftlerinnen, etwas über gesellschaftliche Ordnungen auszusagen? Wie passt all das zu der etwas weiter unten zu lesenden Feststellung, unter Repräsentation sei mit Fischer-Lichte „allgemein die symbolische Vergegenwärtigung kultureller Bedeutungen, die häufig mit Prachtentfaltung im Dienst religiöser oder politischer Machtdemonstrationen einhergeht“, (S. 15) zu verstehen? Gerade weil Rebecca Grotjahn und Susanne Rode-Breymann in der Einleitung formulieren, der Band solle nicht nur einem ausgewählten Kreis Eingeweihter zur Verfügung stehen, sondern der interdisziplinären Verständigung dienen, wäre eine klarere theoretische Positionierung wünschenswert gewesen.

16. Jahrhundert

Ausgesprochen spannend liest sich der Artikel von Sabine Meine über „Musikalische Spuren konfessioneller Spannungen […] im Ferrara des 16. Jahrhunderts“. Die Autorin beschreibt das Wirken der reformatorisch geprägten französischen Königstochter Renée de Valois an ihrem offensichtlich auch musikalisch aktiven Fürstinnenhof. Demgegenüber standen die Bedingungen, die seitens des katholischen, dem Papst unterstellten Hof ihres Gatten an die Fürstin gestellt wurden. Der Einsatz Renée de Valois’ für verfolgte Anhänger und Vertreter der Reformation, unter denen sich 1536 auch Calvin befand, die Inhaftierung der Herzogin durch ihren Ehemann und die Überstellung an die römische und französische Inquisition sind zwei Seiten dieses interessanten Lebenslaufes. Hoffentlich findet die Autorin Möglichkeiten und Mittel, im Artikel angekündigte, offensichtlich vorhandene Quellen zum Musikleben am Hof von Renée de Valois zu studieren und weitere Erkenntnisse über das Wirken dieser für Musikerhistoriker/-innen, Historiker/-innen, Religionswissenschaftler/-innen und für die genderorientierte Forschung in gleicher Weise interessanten Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts zu liefern.

17. und 18. Jahrhundert

Joachim Kremer beschreibt in seinem Aufsatz „Pietistisches Bekenntnis und öffentliche Repräsentation“ das Interesse Magdalena Sibylla von Württembergs an pietistischer Erbauung und zeigt anhand der Funeralien, dass – im Widerspruch zu ihrer religiösen Überzeugung – das von ihr selbst geplante Begräbnis mit all dem großen Aufwand betrieben wurde, der 1712 beim Tod einer Herzogswitwe üblich war. Kremer erklärt diese Diskrepanz mit dem Hinweis auf die Durchdringung von politischer und privater Sphäre. Dass der Lebenswandel der Landgrafentochter und Herzogsgattin, die in Kriegszeiten auch politisch agierte, nicht in das von Karin Hausen 1976 vorstellte dichtomische Geschlechterrollenmodell der Zeit passt – wie Kremer abschließend feststellt –, ist allerdings wenig verwunderlich.

Den „Mikrokosmos von Repräsentationsverhältnissen“ „bei einer Schulaufführung um 1700 in Altenburg“ erkundet Katrin Eggers. Sie zeigt, dass dabei eine Art Geflecht von Repräsentationsverpflichtungen entstand, weil nicht nur Schüler und Lehrer gegenüber den Eltern, den städtischen Würdenträgern und gegenüber der Bevölkerung ihre Fähigkeiten unter Beweis stellten, sondern weil auch die Eltern durch die standesgemäße Kostümierung und selbstverständlich durch ein souveränes Auftreten ihrer Sprösslinge an Reputation gewannen. Schließlich schmückte sich die Stadt Altenburg über die Stadtgrenzen hinaus mit ihrem Gymnasium.

Die Autorin weist im Menschenbild und in den didaktischen Absichten der Stücke eine „humanistisch voraufklärerische“ Haltung nach (S. 68). Die von Knaben übernommenen Frauenrollen sind nach Eggers mal plakativ-parodistisch, dann aber auch wieder niveau- und respektvoll angelegt. Die Ausführungen zur Musik müssen wegen des kaum vorhandenen Notenmaterials notwendigerweise recht kurz ausfallen.

Etwas irritierend ist an diesem interessanten Artikel lediglich der Beginn, weil man als Leserin nicht weiß, ob die Autorin hier eigene Erfahrungen mit Schulaufführungen wiedergibt oder ob sie die Erfahrungen der Teilnehmer um 1700 schildert. Nach der Lektüre des Artikels wird jedoch deutlich, dass die Erfahrungen möglicherweise gar nicht so unterschiedlich sind, wie man bei diesem zeitlichen Abstand annehmen könnte.

Ein von der Musikgeschichtsschreibung bisher wenig beachtetes Thema nimmt Christiane Siegert in „Schwangerschaft und Geburt als kulturelles Ereignis“ in den Blick. Am Beispiel der Feierlichkeiten im Umfeld der Geburt der Erzherzogin Maria Teresa (Florenz 1767) weist die Autorin die engen Verflechtungen von privater und offizieller Sphäre sowie von Kirche und Herrschaftshäusern nach. Gottesdienste, bei denen für die Gesundheit des Kindes und eine glückliche Geburt gebetet wurde, gaben den vom Herzog unterstützten Klöstern Gelegenheit, ihre Dankbarkeit zu demonstrieren (vgl. S. 84). Die neun Tage dauernden Feierlichkeiten anlässlich der Geburt wurden aufwändig mit Musik gestaltet und boten dem Herzogspaar die Möglichkeit zur Demonstration von Macht und Einfluss.

Aus musikwissenschaftlicher Sicht ist besonders die genaue Analyse eines Werkes des eigens aus Wien angereisten Christoph Willibald Gluck interessant. Dieser Prolog wurde aufgeführt, als die Herzogin nach der Geburt in die Gesellschaft zurückkehrte.

19. Jahrhundert

Mit der Siegesfeier in der Berliner Hofoper am 17. Juni 1871 befasst sich Katharina Hottmanns Artikels „Vom Kaiser-Wilhelm-Marsch zur Wacht am Rhein“. Die Autorin beschreibt die Dramaturgie der Großveranstaltung, die nach dem Einzug der Truppen in einer Gala mündete, deren Höhepunkt wiederum der Einzug des Kaisers bildete. Besondere Aufmerksamkeit widmet die Autorin dem von Ingeborg von Bronsart komponierten Kaiser-Wilhelm-Marsch, der den Abschluss der Gala bildete.

20. Jahrhundert

Ausgesprochen interessante Einblicke in die „musikalische Repräsentation des Frauenbildes in der frühen DDR“ gibt Stefan Weiss’ Artikel „Heut seid Ihr die Stärkeren“. Der Autor versteht es, die musikalische Analyse und die Interpretation der musikalischen Werke in Bezug auf das Frauenbild miteinander zu verbinden. Der fachlich versierte und elegant formulierte Artikel kommt unter anderem zu der ebenso verblüffenden wie einleuchtenden Interpretation, dass die Darstellung zupackender, die Männer an Leistung übertreffender Frauen auch als inszeniertes Bild für das Verhältnis der jungen, kleineren und – aus der Sicht der Veranstalter – vermeintlich schwächeren DDR zur BRD gelesen werden kann.

Dörte Schmidt stellt Pauline Oliveros’ Bonn Feier unter zwei Perspektiven dar. Einerseits zeichnet sie die Tradition der Beethovenverehrung in Bonn nach, andererseits zeigt sie anhand dreier früherer Werke Oliveros’, wie die Künstlerin die hagiographischen Tendenzen in der Beethovenrezeption musikalisch und mit Mitteln des modernen Theaters kommentiert. Die Autorin kommt allerdings zu dem Schluss, dass die eindrucksvolle Aufführung der Bonn Feier an den diversen Plätzen der Stadt die Wahrnehmung Beethovens nicht „zu verändern oder auch nur dauerhaft zu verunsichern“ (S. 148) vermocht habe.

Insgesamt stellt der erste Band des neuen Jahrbuches musikalische Ereignisse aus fünf Jahrhunderten sowie eine große Vielfalt musikalischer Themen mit Genderbezug quer durch die musikalischen Gattungen vor. Er spiegelt damit auf ausgesprochen anregende und lesenswerte Art einen großen Ausschnitt aus dem Forschungsspektrum Musik und Gender wider. In der Wortwahl der Einleitung repräsentiert er also auf repräsentative Weise Darstellungen und Analysen repräsentativer musikalischer Repräsentationen.

URN urn:nbn:de:0114-qn103204

Dr. Ute Röller

Studienrätin an der Cäcilienschule in Oldenburg (Oldb); Fächer: Musik, Deutsch und Darstellendes Spiel

E-Mail: ute.roeller@web.de

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