Janne Mende: Von Kritik und Vernunft

Von Kritik und Vernunft

Rezension von Janne Mende

Brigitte Geißel, Alexandra Manske (Hg.):

Kritische Vernunft für demokratische Transformationen.

Festschrift für Christine Kulke.

Opladen u.a.: Budrich UniPress 2008.

197 Seiten, ISBN 978-3-940755-20-9, € 39,90

Abstract: Der Christine Kulke gewidmete Sammelband gibt einen Überblick über verschiedene Diskussionen in der Genderforschung und konzentriert sich dabei auf die Bereiche Arbeit, Politik und demokratische Entwicklungen. Die häufig kursorischen Beiträge liefern Einsichten in so verschiedene aktuelle Themenfelder wie Partizipationsforschung, Gender Mainstreaming und Prekarisierung. Zeitgeschichtliche Erkenntnisse bieten Artikel über Bildungspolitik in der DDR und die Arbeitsverhältnisse von Dienstmädchen. Das Versprechen eines gemeinsamen Bezuges auf die Kritische Theorie und auf kritische Vernunft wird jedoch nicht eingelöst. Die Artikel eint lediglich ihre Herkunft aus der Genderforschung.

Ein Bezug zu Christine Kulkes „Herkunft aus der Kritischen Theorie mit der sichtbaren Rückbindung an deren Paradigmen“ (S. 7), an welche diese Festschrift anknüpfen will, drückt sich nicht durch Verweise auf einzelne Vertreter der Kritischen Theorie aus, deren Namen man hier nahezu vergeblich suchen würde. Ausgangspunkt wäre vielmehr die wissenschaftliche Herangehensweise und der interdisziplinäre Zugang der Frankfurter Schule insgesamt, die sie für eine Kritik der Gesellschaft bis heute immer noch fruchtbar machen. Die Stärke dieses Zugangs liegt in dem dialektischen Denken, das sowohl emanzipatorische als auch repressive Momente des untersuchten Gegenstandes herausarbeitet und ihn auf das gesellschaftliche Ganze bezieht, statt in simple Dichotomien zu verfallen. So gelang es Horkheimer, einen Vernunftbegriff zu konzipieren, der mit dem gleichzeitigen Rückgriff auf Vernunft die herrschende Vernunft auf ihre antiemanzipatorischen Momente hin überprüft. Solch eine Kritische Vernunft, so verspricht es der Titel des vorliegenden Sammelbandes, soll das verbindende Moment der Artikel sein, die sich im Übrigen unter dem weit gefassten Stichwort Gender versammeln.

Von Strukturen und Dienstmädchen

Genauer geht es in drei Abschnitten um das Thema Gender in Bezug auf Politik, auf Arbeit und auf demokratische Entwicklungen, dem sich die Beiträge auf verschiedenen Wegen annähern. Ursula Birsl, die Debatten innerhalb der Genderforschung reflektiert, verweist als einzige auf die Notwendigkeit jenes dialektischen Denkens, das Vermittlungsverhältnisse zu erkennen vermag (vgl. S. 168). Sie verschiebt dadurch die Debatte über Geschlecht als zentraler sozialer Kategorie hin zur Diskussion über Herrschaft und Emanzipation, nimmt also einen Standpunkt der Kritik ein, der auf die Abschaffung von Leiden zielt. Wäre dieser Anspruch für den gesamten Sammelband leitend gewesen, hätten einige Artikel davon zweifellos profitiert.

Stattdessen bleibt es zum großen Teil bei zusammenfassenden Überblicken, die durch Statistiken und quantitative Fakten unterlegt werden. Brigitte Geißel resümiert nachvollziehbar die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der gendersensiblen und der Mainstream-Partizipationsforschung. Birgit Meyers Essay, der zwar aufgrund fehlender Archive und Computer explizit kein „elaborierter, policy- oder demokratietheoretisch-gesättigter Text“ (S. 59) sein soll, verbleibt dagegen zu stark an der Oberfläche wikipedia-gestützter Daten (vgl. S. 65) weiblicher Migration in Kanada und bei der wenig neuen Erkenntnis, dass Migration vielschichtig und facettenreich sei (vgl. S. 70). Die sehr allgemein gehaltenen Aussagen driften in Verkürzungen ab, wenn aufgrund von Exotisierungen der Anderen lediglich „interkulturelle Kompetenz“ und Fairness für ein „gleichberechtigtes Miteinander“ gefordert (S. 71) und strukturelle Ursachen für Unterdrückung und Ausgrenzung von Frauen in Migrationsverhältnissen am Ende vollkommen verkannt werden.

In anderen Beiträgen erfährt die strukturelle Dimension größere Aufmerksamkeit, so bei Hildegard Maria Nickel. Umso überraschender ist es jedoch, wenn Nickel nach ihrer Analyse der Identität von ostdeutschen Frauen gelingende Emanzipation lediglich an „subjektiven Integrationsleistungen“ (S. 90) und deren Gegenwartsnähe festmacht. Worum es ihr jedoch geht, ist die Forderung nach einer Rückbindung feministischer Theorien an die empirisch beobachtbare Praxis von Frauen.

Empirische Untersuchungen legen auch Geißel und Alexandra Manske vor. Manske zeichnet die vergeschlechtlichte Prekarität von Niedriglohnarbeiter/-innen einerseits und Kreativarbeiter/-innen andererseits sowohl anhand qualitativer als auch anhand quantitativer Forschungen nach. Wie Nickel bemüht sie sich um eine fruchtbare Ausgewogenheit zwischen Gendertheorie und feministischer Praxis. Doch stellt sich auch bei diesem Beitrag die Frage, ob es sich im Hinblick auf die Gendertheorie nicht weniger um die Diskussion neuer Thesen und Erkenntnisse als vielmehr um einen Überblick über die vorhandenen Debatten handelt. Dass etwa Dorothea Schmidts Beitrag bereits 2002, Nickels Artikel sogar schon 1996 veröffentlicht wurde, verstärkt diesen Eindruck.

Dorothea Schmidt ist allerdings mit ihrem Abriss von Dienstmädchen-Arbeitsverhältnissen im 19. Jahrhundert und deren Vergleich mit den damaligen Arbeitsbedingungen in Fabriken eine überzeugende Bestätigung ihrer These gelungen, dass sich Entwicklung und Modernität von Arbeitsverhältnissen weniger am Arbeitsort als am Geschlecht der Arbeitenden festmachen lassen (vgl. S. 114). Einen ähnlich eindrucksvollen Ausflug in die Vergangenheit bietet Ingried Miethes Darstellung bildungspolitischer Epochen in der DDR, in denen sich die Privilegierung von Arbeitern und Bauern einerseits und Frauen andererseits mit unterschiedlichen Konsequenzen wechselseitig einschränkte. Die Problematik von interdependenten Machtverhältnissen, die auch in anderen Beiträgen angesprochen wird, wird hier konkret ausgeführt. Ergänzend dazu analysiert Birgit Sauer, ob und wie Ansätze von Interdependenz und Diversität in top-down-Politikstrategien Eingang finden. Sie belegt, dass Gender Mainstreaming und Diversitätspolitik enorm unter mangelndem Fach- und Hintergrundwissen leiden, was eine „Gefahr für traditionelle Gleichstellungspolitik“ (S. 55) darstelle.

Von Anerkennung und Leiden

Manfred Liebel dagegen lehnt top-down-Strategien im Bereich der Kinderarbeit grundsätzlich ab, da sie die Stimmen der betroffenen Kinder ignorierten. Obwohl sein Beitrag in einem Sammelband zu Genderforschung veröffentlicht ist, betrachtet Liebel Kinder in auffallender Weise als geschlechtslose Wesen – ein blinder Fleck in seiner Analyse, der gewiss nicht dem Forschungsstand geschuldet ist. Dass auch Kinder geschlechtsspezifisch unter Ausbeutungsverhältnissen und ökonomischen Zwängen leiden, Mädchen beispielsweise neben der Lohnarbeit verstärkt reproduktive Tätigkeiten übernehmen müssen, wurde mehrfach belegt. Diese Leerstelle bei Liebel mag dem Umstand geschuldet sein, dass er Kinderarbeit nicht konsequent auf ihre repressiven Auswirkungen hin untersucht. Liebels Beitrag tendiert stark zur Auflösung eines dialektischen Problems auf eine Seite hin, wenn er etwa anhand nicht näher belegter Studien aufzeigen will, dass Kinder positive und handlungserweiternde Erfahrungen mit Arbeit machen (vgl. S. 118), aber gleichzeitig ignoriert, dass ein Verbot von Kinderarbeit nicht zuletzt dem Schutz von Kindern dienen soll. So sind zwar seine Hinweise richtig, dass ein Verbot die arbeitenden Kinder illegalisiere und Kämpfe um Verbesserungen der Arbeitsbedingungen erschwere, dass außerdem in Bereichen wie Ehrenamt, Spitzensport oder Medienproduktion Kinderarbeit de facto und legal existiere. Auch weist er auf den zunehmend ambivalenten Charakter der öffentlichen Diskussionen über Kinderarbeit hin. Allerdings beurteilt er diesen lapidar als bloße kapitalistische Interessenverwertung. Es ist jedoch verkürzt, Differenzierungen, die zwischen akzeptabler und nicht-akzeptabler Kinderarbeit vorgenommen werden, schlicht Kapitalinteressen zuzuschreiben. Kinderprostitution oder 12-Stunden-Tage in Fabriken sind unzumutbarer und schädigender für Kinder als „Taschengeldarbeit“ (S. 125); Kinder im von Liebel angeführten Lateinamerika arbeiten aus anderen Gründen und Zwängen als Kinder in „postindustriellen Gesellschaften“ (S. 125). Diese ökonomischen Zwänge sind es, die in den Blick genommen werden sollten und die mehr als einen Schlusssatz (vgl. S. 130) wert sind.

Dann ist es auch möglich, das Verbot von Kinderarbeit von einem Standpunkt aus zu diskutieren, der das Leiden der Kinder abschaffen möchte, statt ihnen lediglich Anerkennung für ihre Arbeit zuzugestehen. Denn es ist nicht die fehlende intersubjektive Anerkennung, unter der arbeitende Kinder oder diskriminierte Frauen leiden, es sind auch nicht die (freilich unerfüllten) bürgerlichen Versprechen von Kinderschutz oder Gleichstellung der Geschlechter, die primär zu kritisieren sind. Es sind die objektiven Verhältnisse, die eine Erfüllung dieser Versprechen verhindern. Gemäß einer Dialektik der Aufklärung ist es mit Adorno und Horkheimer nicht die Kritik an der Aufklärung, an der Vernunft als ganzer, die der Emanzipation nahe steht, sondern es ist die Aufklärung, die sich auf sich selbst besinnen muss, die Vernunft selbst, die gegen die herrschende Vernunft angehen muss. Konkret hieße das, auf die Erfüllung der bürgerlichen Versprechen zu drängen, was zugleich ihren bürgerlichen Status transzendieren würde, statt sie als bürgerliche von vornherein zu verwerfen.

Mit „kritischer Vernunft“ für „demokratische Transformationen“ zu argumentieren, ist ein hoher Anspruch, der durch eine fundierte Zusammenführung der Beiträge hätte unterstützt werden können. So hätte eine Einleitung die theoretischen Grundlagen, den übergreifenden Bezug auf die dialektische Herangehensweise der Kritischen Theorie, den Zusammenhang von „Kritische[r] Vernunft, Demokratie, Erwerbsarbeit und Gender“ (S. 7) ausloten können, so dass die Beiträge tatsächlich gemeinsame Anfangs- oder auch Endpunkte erhalten hätten. Doch die einleitenden Worte beschränken sich auf den Lebenslauf Christine Kulkes, die ihr Büro meist „eher fröhlich“ verließ, „chinesische Spezialitäten zubereitet hat“ und auch in „exotischere[n] Gefilde[n]“ (S. 8) wie China und Russland tätig war. Ob der wissenschaftlichen Reichweite von Kulke damit Genüge getan wird, sei dahingestellt.

URN urn:nbn:de:0114-qn103293

Janne Mende

Freie Universität Berlin

Institut für Ethnologie

E-Mail: janne.mende@reflect-online.org

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