Heinz-Jürgen Voß: Perverse, störende Theorien miteinander vereint

Perverse, störende Theorien miteinander vereint

Rezension von Heinz-Jürgen Voß

AG Queer Studies (Hg.):

Verqueerte Verhältnisse.

Intersektionale, ökonomiekritische und strategische Interventionen.

Hamburg: Männerschwarm Verlag 2009.

223 Seiten, ISBN 978-3-939542-40-7, € 16,00

Abstract: Der vorliegende Band enthält Beiträge zu den aktuell intensiv geführten Debatten um die Notwendigkeit einer deutlichen Positionierung von Queer Theorie zu Theorien der Ökonomiekritik und Intersektionalität. Dabei werden historische und aktuelle Beispiele herangezogen. Exzellent und besonders hervorzuheben sind die Aufsätze von Jin Haritaworn – ein anti-rassistischer Beitrag, der sich fundiert in aktuelle politische Queer-Auseinandersetzungen einmischt – sowie von Jo Bucher und Angelika Göres, die an einem zeitgeschichtlichen Beispiel queerende Momente des Widerstands herausarbeiten. Wie der vor acht Jahren erschienene erste Band der AG Queer Studies an der Hamburger Universität ist auch dieser für den deutschsprachigen Raum hochaktuell und wärmstens zu empfehlen.

Nach einem ersten Band, der im Jahr 2001 unter dem Titel Jenseits der Geschlechtergrenzen erschienen ist und der viel Aufmerksamkeit auf die in Hamburg stattfindende Queer-Vortragsreihe lenkte, ist nun ein neues Buch der AG Queer Studies erschienen, in dem ebenso lesenswerte Beiträge zu einer Queer-Diskussion im deutschsprachigen Raum geliefert werden: Schon der Titel Verqueerte Verhältnisse: Intersektionale, ökonomiekritische und strategische Interventionen verweist auf neue Schwerpunktsetzungen in der Debatte.

Schwerpunkte – mit jeweils wichtigen Beiträgen

Das im Männerschwarm Verlag erschienene Buch bietet Beiträge zu drei Schwerpunktthemen, in denen die im Brennpunkt aktueller Queer-Diskussionen stehenden Debatten zusammengefasst werden.

  1. „Alles so schön bunt“, das ist eine häufig vorkommende Haltung in sich als sexuell, geschlechtlich queer beschreibenden Zusammenhängen. Eigene Ausschlüsse werden hierbei wenig reflektiert, Verbindungen zu anti-rassistischen Zusammenhängen, zur Krüppelbewegung selten vollzogen. Der Auseinandersetzung mit diesem Problem widmet der vorliegende Band einen ersten Schwerpunkt; Rassismus und anti-rassistische Bewegungen werden thematisiert, die notwendige Kontextualisierung auch mit der Krüppelbewegung wird benannt und in der Einleitung als Leerstelle der Queer-Debatten offengelegt.
  2. Seit Judith Butlers Buch Das Unbehagen der Geschlechter (dt. 1991; engl. 1990) kursiert der Vorwurf gegenüber der Queer Theorie, Ökonomie- und Kapitalismuskritik nicht ausreichend in die eigene Theoriebildung einzubeziehen. Erst mit einer solchen Kritik, im Weiteren mit Herrschaftskritik, könne Queer Theorie emanzipatives Potenzial für eine Gesellschaft mit sich bringen – ansonsten liefere sie mit Argumenten von Individualität und Flexibilität von Identitäten und Lebensentwürfen genau das Argumentationsmaterial für einen sich aktualisierenden, auf Individualisierung und Flexibilisierung von für Lohn arbeitenden Menschen gerichteten neoliberalen Kapitalismus. Hier liegt ein zweiter Schwerpunkt des Bandes, in dem Ökonomiekritik in Queer Theorie stärker als sonst oft geschehen eingebunden wird.
  3. Ein berechtigter Vorwurf an wissenschaftliche Theoriebildung ist, dass vielfach eine externe Sprecher/-innenposition eingenommen wird, dass sich nur unzureichend auf von konkreten Maßnahmen und gewalttätigen Übergriffen betroffene Menschen bezogen wird und diese in noch geringerem Maße selbst zu Wort kommen. Diesem Problem ist der dritte Schwerpunkt gewidmet, in den einzelnen Beiträgen wird es im Hinblick auf die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis diskutiert.

Zu allen drei Schwerpunktthemen bietet der Band wichtige Anregungen für die Debatten im deutschsprachigen Raum. Die Beiträge sind lesenswert, die Einleitung vollzieht die notwendige Einbindung in theoretische Konzepte und die Kontextualisierung mit anderen Forschungsrichtungen. Dabei kann der Band selbstverständlich nur Ausschnitte zu einer Debatte liefern, zahlreiche Stellen müssen offen bleiben. Wünschenswert wäre eine deutlichere Sprache: So wird beispielsweise verklausulierend die Phrase „neoliberale Verhältnisse“ verwendet. Eine klare Position, ob damit Kapitalismus generell oder nur eine womöglich neuere Form davon gemeint ist und ob diese Verhältnisse überwunden werden sollen, wird nicht eingenommen. Vielleicht ist es selbstverständlich, dass eine solche Gesellschaft strukturierende, Herrschaft zementierende Wirtschaftsform überwunden werden muss, eine deutliche Benennung trägt dann dazu bei, dass dieses Anliegen auch außerhalb der Queer Theorie wahrgenommen werden kann.

Im Folgenden werden zwei Beiträge gesondert herausgestellt, die besonders bemerkenswerte Beiträge zu aktuellen Debatten liefern.

Jin Haritaworn: „[…] sexuelle Spektakel von Kiez und Nation“

LSVD und das Berliner Beratungsprojekt für Opfer homophober Gewalt ‚Maneo‘ wurden vielfach für ihren Rassismus kritisiert. Häufig weisen sie ‚Migrant/-innen‘ als homophob aus, die eine zunehmend tolerantere und ‚sicherere‘ lesbische und schwule Bürgerlichkeit stören würden. Als Gegensatz zu vermeintlicher besonderer ‚migrantischer Homophobie‘ wird eine ‚deutsche Gesellschaft‘ konstruiert, die tolerant sei und immer toleranter werde. Existierende Diskriminierungen in dieser Gesellschaft werden leicht als Problem kleiner Dörfer, weniger Kieze, weniger Menschen beschrieben, das nichts mit der eigentlichen großstädtischen bundesdeutschen toleranten Wirklichkeit gemein habe. Aber: Homophobie und Rassismus sind tief in der bundesdeutschen Gesellschaft verankert, sie sind Bestandteil der dominanten Gesellschaft und ihrer Abgrenzungs- und Ausgrenzungsweisen.

Allzu leicht gelingt es sich als „queer“ bezeichnenden Menschen, sich von rassistischen Äußerungen – etwa des LSVD oder des Beratungsprojekts ‚Maneo‘ – abzusetzen. Gleichzeitig beziehen sie nicht selten ebenso rassistische Positionen. Jin Haritaworn stellt in diesem Band in einer genauen Untersuchung eines gewaltsamen Vorfalls während des Drag-Festivals in Berlin im Jahr 2008 heraus, wie eine zunächst unklare Täterposition und -beschreibung rasch rassistisch umgedeutet wurde, obgleich diese Umdeutung selbst den Aussagen der beim Überfall Verletzten widersprach. Hierzu untersuchte Haritaworn die Berichterstattung, den Aufruf zu der in Reaktion auf den Überfall organisierten Demonstration und einzelne Aussagen u. a. der beim Überfall Geschädigten. Haritaworn macht deutlich, wie rassistische Abgrenzung als verbindendes Moment konservativer, im Zweifel homophober Kreise der bundesdeutschen Mehrheitsgesellschaft und einer lesbisch-schwul-„queeren“ Community fungiert. Gleichzeitig arbeitet Haritaworn bestechend heraus, wie Transphobie in der Debatte um diesen gewalttätigen Vorfall vorgeschoben wurde, rasch in Lesben-und-Schwulen-Feindlichkeit umgedeutet wurde und damit beispielsweise geschlechtliche Verunsicherungen in einer simpel geführten Auseinandersetzung ausgeschlossen wurden. Das Argument der Transphobie, gegen die mensch sich wenden müsse, wurde in der Berichterstattung und bei der Demonstration lediglich als sexy Aufhänger genutzt, um im Folgenden nicht mehr von Transphobie, sondern nur noch von Lesben- und Schwulenfeindlichkeit zu schreiben und zu sprechen. Trans*-Leute, Drags werden damit zu einer ‚Ressource‘, die von Lesben und Schwulen genutzt wird. Gemeinsam finden sich Trans*-Leute, Drags, Lesben und Schwule als ‚Ressource‘ für nationalistisch und rassistisch motivierte Abwertungen und auch zur Abwertung von in schlechten materiellen Verhältnissen lebenden Menschen.

Jo Bucher und Angelika Göres: Queerender Widerstand während des Zweiten Weltkrieges

Jo Bucher und Angelika Göres stellen auf fesselnde Weise dar, wie „zwei Damen“ – Marcel Moore und Claude Cahun – auf der der britischen Insel vorgelagerten, zu Großbritannien gehörenden kleinen Insel Jersey Widerstand gegen die nationalsozialistische deutsche Besatzung leisteten. Bucher und Göres setzen dieses Handeln in einen queeren Zusammenhang, nicht ohne auch deutlich zu machen, dass das selbstverständlich eine Rückübertragung ist, dass der Widerstand in einer Zeit geschah, in der Queer Theorie nicht existierte.

Marcel Moore und Claude Cahun leisteten auf Jersey Widerstand, indem sie Flugblätter herausgaben. Das ist schon bemerkenswert und war gefahrenvoll genug. Interessant ist aber die Anlage dieser Flugblätter: Auf den Flugblättern nahmen sie die Position eines „namenlosen Soldaten“ ein. Die Flugblätter waren kreativ, verbanden Aufforderungen mit Versformen, mit Abbildungen. Sie waren nicht pauschal adressiert, sondern sprachen den einzelnen Soldaten – das Individuum – an, führten dem Soldaten vor Augen, dass das Handeln aussichtslos war und erfolgte, während der Krieg auf dem europäischen Kontinent zu Ende ging. Marcel Moore und Claude Cahun verurteilten also nicht pauschal auf Grund einer Zugehörigkeit zu einer Gruppe, sondern nahmen an, dass einzelne Menschen, individuell angesprochen, von einem für alle gefährlichen Handeln abzubringen waren.

Bucher und Göres argumentieren, dass diese Begebenheit als queerend zu lesen ist. Der „Rollenwechsel“ zwischen englischer Frau und einem „namenlosen Soldaten“ von zwei englischen „lesbischen Damen“ könne auch zu heutigen queerenden Interventionen anregen.

Fazit

Der Band ist lesenswert und bringt für die deutschsprachigen Queer-Debatten zahlreiche Anregungen. Er ist besonders wichtig angesichts einer Situation, in der trotz anderslautender Bekundungen einflussreicher gesellschaftlicher Kreise, die selten genug existierenden Gender- und Queer-Studien an Universitäten der Bundesrepublik Deutschland zunehmend zurückgefahren werden, sich postkoloniale und intersektionale Studienrichtungen noch gar nicht etablieren konnten. Aktuellstes Beispiel ist die Universität Hannover, in der eigenständige Gender Studien eingestellt werden. Auf diese desolate Forschungssituation verweisen die Herausgeber/-innen in der Einleitung. Der Band wird damit, neben einem wichtigen Beitrag, den er zur Queer Theorie leistet, auch zu einer Demonstration gegen die schlechten und sich verschlechternden Forschungsbedingungen.

URN urn:nbn:de:0114-qn103182

Heinz-Jürgen Voß

Universität Bremen

Promotion an der Universität Bremen

Homepage: http://www.heinzjuergenvoss.de

E-Mail: voss_heinz@yahoo.de

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