Julia Bertschik: Modethema Mode

Modethema Mode

Rezension von Julia Bertschik

Barbara Naumann, Ingeborg Harms (Hg.):

figurationen. gender literatur kultur.

Jg. 1, H. 2.: mode/kunst – fashion/art.

Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2000.

142 Seiten, ISSN 1439–4367, DM 32,00 / SFr 29,50 / ÖS 239,00

Abstract: Das Themenheft „Mode/Kunst – Fashion/Art“ der Zeitschrift figurationen versammelt heterogene Beiträge, die die Beziehung zwischen Kleidermode und Kunst von der Renaissance bis in die Gegenwart unter literaturwissenschaftlichem Schwerpunkt untersuchen. Reflexionen internationaler Künstler/-innen, Autorinnen und Autoren über die modischen Inszenierungsweisen des Körpers werden dabei auf ihre Darstellung der Geschlechter ebenso überprüft wie auf ihre ästhetische Stellung innerhalb des künstlerischen Gesamtwerks oder des zeitspezifischen Kanons.

Eine neue Zeitschrift zur Genderforschung

Nach einer einführenden Null-Nummer 1999 handelt es sich um das zweite Themenheft der von der Literaturwissenschaftlerin Barbara Naumann halbjährlich herausgegebenen Zeitschrift figurationen. Das ehrgeizige Projekt widmet sich der Interdependenz von Kultur, Gender und Literatur am Beispiel spezifischer Schwerpunkte im internationalen Austausch. Das verdeutlicht bereits die zweisprachige Form der Thementitel. Auf einen hochkarätig besetzten Anfang der Zeitschrift zur Genderforschung allgemein, an dem sich namhafte Wissenschaftler/-innen des In- und Auslands beteiligten, folgte das juristisch ausgerichtete Thema „Frauen und Recht – Women and Law“. Die von wechselnden Gasteditorinnen konzipierten Hefte sind in der Regel in drei Teile gegliedert. Zusätzlich wird der themenbezogene Text einer zeitgenössischen Schriftstellerin oder eines Schriftstellers publiziert.

Das aktuelle Heft zum Thema Mode

Mit „Mode/Kunst – Fashion/Art“ liegt nun ein Heft vor, das dezidiert der Auseinandersetzung mit Kunst gewidmet ist, und zwar am Beispiel der alltagspraktisch wie geschlechtsspezifisch verankerten Kleidermode. Diese, dem Thema Mode bereits inhärente Überschneidung von Kultur, Gender und Ästhetik erzeugt eine Abweichung von der bislang dreiteiligen Struktur der Hefte. Die Editorin Ingeborg Harms, als Germanistin und (Mode-)Journalistin für diesen Schwerpunkt gleichermaßen qualifiziert, teilt ihre acht, u. a. von theoretischen Modeexperten wie Friedmar Apel, Ulf Poschardt und Barbara Vinken verfassten Beiträge stattdessen in die zwei, den Titel variierenden Kapitel „Kunstmode“ und „Modekunst“. Sie beschäftigen sich zum einen mit der Mode als Thema in der Literatur und zum anderen mit der Mode als einem Reflexionsmedium in der Philosophie, der Geschichtswissenschaft und der Kunstgeschichte. Dazwischen ist eine subjektive Modebetrachtung Elfriede Jelineks platziert. In der bewusst assoziativ angelegten Breite des Themas, wie sie auch im Vorwort von Harms zum Ausdruck kommt, liegen dabei sowohl die Stärken als auch die Schwächen dieses Themenhefts begründet.

Begriff „Mode“ versus modische Begrifflichkeit

Denn einerseits imponiert die so demonstrierte Vielfalt der Verbindungsmöglichkeiten von moderner Kunst und Mode als „Darstellungsfelder der Zeitlichkeit und des Körpers“, jenseits einer Trennung „zwischen Alltag und Kult“ (S. 5), zwischen Dandy, Maske und Mannequin. Andererseits irritiert der unreflektierte, scheinbar voraussetzungslose Umgang mit dem Begriff der Mode selbst. Damit fällt das figurationen-Heft hinter bereits bestehende Auseinandersetzungen mit dem Thema Mode, wie z. B. Silvia Bovenschens wegweisenden Sammelband Die Listen der Mode von 1986, wieder zurück. Denn statt einer für alle Beiträge verbindlichen Definition herrscht hier postmoderne Beliebigkeit vor, welche die Metaphorisierung der Begrifflichkeit einer Analyse vorzieht. Damit wird eine wechselseitige Erhellung der Themen leider erschwert.

„Die Mode als Futter der Kunst“ lautet beispielsweise der Titel des Vorworts. Außer einer, wiederum anders gegliederten Vorstellung der einzelnen Aufsätze sowie Allgemeinplätzen zur vormaligen Existenz von Kleiderordnungen oder dem gemeinsamen Ursprung der Wörter Mode und Moderne trägt es jedoch kaum etwas Grundsätzliches, Eigenes zum Thema bei. Mode erscheint so lediglich als „modisches“ Sammelbecken für die unterschiedlichsten, sich z. T. sogar widersprechenden Bedeutungen: des allgemeinen (kleidungsunabhängigen), „modischen“ Zeitgeschmacks; der individuell getragenen, aber nicht immer modischen Kleidung; der modischen Kleidung als Ausdruck des augenblicklichen Zeitgeschmacks (= „Mode“) oder aber im Sinne der durch den Mode-Wandel per se veränderlichen Kleidung.

Das Themenspektrum der Beiträge

Eine solche Heterogenität spiegelt auch die Auswahl der einzelnen Beiträge wider. Sie beschäftigen sich im ersten, literaturwissenschaftlich orientierten Teil mit Balzacs Krawattenkunde (Edgar Pankow), Mallarmés Modejournal (Claire Lyu), dem Bedeutungswandel von „beseelter“ Kleidung zur Oberflächenkultur der Markenmoden am Beispiel von Stifters Roman Nachsommer und Bret Easton Ellis‘ Glamorama (Ingeborg Harms) oder aber mit der Ambivalenz des Mantelmotivs in Nabokovs Roman Pnin (Andreas Platthaus).

Im zweiten Teil interpretiert der Literaturwissenschaftler Friedmar Apel Benjamins philosophisches Modeinteresse des Passagen-Werks im Sinne einer „nietzscheanisch-vitalistischen Wende“ (S. 86) und damit als dialektische Gegenposition zur melancholischen Grundhaltung in Benjamins Studie über das barocke Trauerspiel. Dabei gerät Apel allerdings zu stark aus dem Blick, dass Benjamin aus den saisonalen Modekreationen nicht nur einen zeitlichen Vorgriff auf zukünftige, künstlerische wie gesellschaftliche Entwicklungen abzuleiten suchte. Der Reiz der Kleidermode bestand für ihn ebenso in ihrer Vergänglichkeit wie in ihrem Fetischcharakter, was die Mode wiederum mit dem Tod verschwistere. Die Historikerin Dorinda Outram sieht anschließend in den rousseauistischen Vorbehalten gegenüber Kostüm und Maske zur Zeit der Französischen Revolution eine Vorform späterer Modedebatten, die sich ebenfalls mit der Problematik von Schein und Sein, Künstlichkeit und Natürlichkeit, wahrer und falscher Identität auseinander setzen. Die Kulturwissenschaftler Ulf Poschardt und Barbara Vinken widmen sich zum Schluss der modisch verweltlichten Darstellung christlicher Thematik in der Renaissance-Malerei Botticellis bzw. in der zeitgenössischen Fotokunst von Bettina Rheims und Serge Bramly (INRI 1998).

Dabei gerät das Thema der Kleidermode gegen Ende immer weiter aus dem Blickfeld. So dominiert in den beiden letztgenannten, thematisch verwandten Beiträgen die künstlerische Gesamtkonzeption der Bilder über die Spezifik der jeweils dargestellten Kleidermode. Demgegenüber gelingt den beiden Aufsätzen über die Vertextung von Kleidung im Geist des französischen Dandyismus zu Beginn des ersten Teils eine äußerst produktive Auseinandersetzung mit dem Thema „Mode/Kunst“. Sie wird auch den drei Schwerpunkten Gender, Literatur und Kultur der Zeitschrift in hohem Maße gerecht. Denn die Beschäftigung des Literaturwissenschaftlers Edgar Pankow und der Romanistin Claire Lyu mit dem alltagskulturellen Phänomen der Kleidermode bei Balzac bzw. bei Mallarmé führt hier nicht nur zu einer Auseinandersetzung mit Kategorien des Modebegriffs und seiner genderspezifischen Implikationen. Darüber hinaus können poetologische Verschränkungsmöglichkeiten zwischen Mode und Literatur bis hin zu einer Neubewertung von Werkteilen beider Autoren deutlich gemacht werden.

Vertextung der Mode

So zeigt Edgar Pankows Beitrag „Der Knoten“ auf, wie Balzacs Phänomenologie der Mode die Diskursgrenzen zwischen Belletristik und journalistischer Abhandlung überschreitet. Kleidung demonstriere für Balzac den kulturellen Habitus, „die geschlechtliche und gesellschaftliche Bestimmung ihres Trägers“ (S. 12). Insbesondere die individuelle Bindetechnik der Krawatte, des männlichen Kleidungsstücks par excellence, mache ihren originellen „Schöpfer“ (S. 13) zum künstlerischen Gestalter der eigenen Erscheinung. Daher lässt Balzac nicht nur die Figuren seiner Romane Krawattenkunde betreiben, sondern verfasst eine solche auch gleich selbst. Denn das Zeichensystem der Eleganz verbindet für ihn Kunst- und Lebenswelt. Im Sinne der Autonomieästhetik bedeutet dies allerdings eine unzulässige Vermischung beider Sphären, was von Marcel Proust daher auch als „vulgär“ abqualifiziert wurde. Dabei kann Pankows Vergleich mit Prousts Apologie der Zeitlosigkeit in seiner zyklisch angelegten Recherche du temps perdu zeigen, dass gerade die Werkkonzeption von Balzacs Comédie humaine in einer Hommage an die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit gipfelt – eben jenen Kriterien, die auch die modisch wandelbare Kleidung und, dies wäre hier zu ergänzen, laut Baudelaires Schrift Le Peintre de la vie moderne zugleich die Moderne charakterisieren.

Auch dem symbolistischen Œuvre Mallarmés steht die kurzzeitige Tätigkeit des Dichters als Herausgeber und alleiniger Autor eines Modejournals scheinbar entgegen. Claire Lyu legt in ihrem Beitrag „Mallarmé‘s Fashion“ jedoch mit „detektivischer Bravour“ offen (S. 8), inwiefern es sich auch hier um ein, die Mode ablehnendes Missverständnis handelt. Denn ihre genaue Analyse der Zeitschrift La Dernière Mode fördert ein ausgeklügeltes System von unter wechselnden weiblichen Pseudonymen verfassten Meldungen, Artikeln und Übersetzungen zutage. Im literarischen cross dressing setze Mallarmé sich damit über die traditionellen Zuordnungen von „gender, genre, and langue“ hinweg (S. 46). Dabei wird Paris als Zentrum des Austauschs, der Veränderung und Bewegung zum genuinen Schauplatz der Mode. Das Changieren der Bedeutungen reflektiere zudem den spezifischen Charakter glänzender Stoffe – „Miss Satin“ lautet bezeichnenderweise eines der, mit den eigenen Initialen MS/SM spielenden Pseudonyme Stéphane Mallarmés. So knüpft das Modejournal auf seine Art an die hermetische Poetik des übrigen Werks an.

Mit der zwangsläufigen Generierung anderer Bedeutungsaspekte durch den textuellen Transformationsprozess des visuellen Kleidungscodes erweist sich damit einmal mehr das zugleich kulturelle, geschlechtsspezifische wie ästhetische Potential literarisch umgesetzter Mode. Jenseits einer bloß „modischen“ Vereinnahmung des Themas macht ihre Interpretation somit zu Recht den Schwerpunkt des qualitativ sehr unterschiedlichen figurationen-Hefts „Mode/Kunst“ aus.

URN urn:nbn:de:0114-qn022179

Dr. Julia Bertschik

Freie Universität Berlin

E-Mail: bertschik@germanistik.fu-berlin.de

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