Ramona Bechler: Aus den Quellen schöpfen

Aus den Quellen schöpfen

Rezension von Ramona Bechler

Ilse Lenz (Hg.):

Die Neue Frauenbewegung in Deutschland.

Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung.

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008.

1196 Seiten, ISBN 978–3–531–14729–1, € 49,90

Abstract: Mit über 250 zusammengetragenen Quellen versammelt und dokumentiert die Herausgeberin Ilse Lenz eine Vielzahl von Strömungen und Themenfeldern aus 40 Jahren deutscher Frauenbewegung. Eingebettet in fundierte Einführungstexte bietet jedes Kapitel des Bandes bekannte und weniger bekannte Veröffentlichungen von Akteur/-innen der Frauenbewegung. Als innovativ kann die Einbeziehung der Äußerungen emanzipierter Männer in die Betrachtung gewertet werden. Das weitgehende Fehlen der staatsunabhängigen Frauenbewegung in der DDR ist dagegen ein bedauerlicher Mangel. Dennoch darf die vorliegende Quellensammlung als zukünftiges Standardwerk für die Geschichte der deutschen Frauenbewegung gelten.

Das 40-jährige Jubiläum des Tomatenwurfes von Sigrid Rüger liegt hinter uns. Vor uns liegt nun die monumentale Quellensammlung zur Neuen Frauenbewegung in Deutschland, die zentrale Texte aus der Zeit zwischen 1968 und 2005 vereint. Ilse Lenz und ihr Team aus studentischen Mitarbeiter/-innen haben ein Werk vorgelegt, das Lust macht, in die Geschichte der Neuen Frauenbewegung einzutauchen.

Anliegen und Aufbau

In ihrem Vorwort beschreibt Ilse Lenz das Anliegen ihres Projektes, „die vielen Schlüsseltexte der verschiedenen Richtungen und Themenfelder der Neuen Frauenbewegungen zu sammeln“ (S. 17). Mit einer solchen Quellensammlung solle ein breites Publikum erreicht und die immer noch weit verbreiteten Stereotype der homogenen „männerfeindlichen“ Frauenbewegung aufgelöst werden. Schon in der konsequenten Nutzung des Terminus Frauenbewegungen versucht Lenz diesem Anspruch gerecht zu werden. Neben der Heterogenität der Frauenbewegung will die Herausgeberin endlich auch die emanzipativen Männer sichtbar machen und zu Wort kommen lassen. Ihr Vorschlag, „die theoretische Brille des Geschlechtsdualismus ab[zu]setzen“ (S. 18), mag auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, wenn von Frauenbewegungen die Rede ist. Angesichts des längst vollzogenen Wandels von der Frauen- zur Geschlechterforschung ist dieser Schritt jedoch folgerichtig.

In einem einleitenden Aufsatz informiert die Herausgeberin über die Entwicklung und Transformation der Neuen Frauenbewegungen in Deutschland. Darin stellt sie unter anderem neuere Forschungsergebnisse hinsichtlich des Verlaufs der Neuen Frauenbewegung vor. Auf der Grundlage einer im Rahmen des Editionsprojektes erstellten Ereignisdatenbank manifestieren sich laut Lenz vier Phasen:

  1. Bewusstwerdung und Artikulation (1968–1975)
  2. Pluralisierung und Konsolidierung (1976–1980)
  3. Professionalisierung und institutionelle Integration (1980–1989)
  4. Internationalisierung, Vereinigung und Neuorientierung (1989–2000)

Auf dieser Phaseneinteilung basieren schließlich auch weitgehend die vier Teile der Quellensammlung, die jeweils in mehrere Kapitel gegliedert sind. In einer Einführung zu jedem dieser thematischen Kapitel werden die jeweiligen (Teil-)Bewegungen vorgestellt und historische und gesellschaftliche Kontexte skizziert. Darauf folgen die ausgewählten Quellentexte, denen jeweils ein Kommentar vorangestellt ist. Benannt werden zudem Titel, Erscheinungsdatum, Autor/-in(nen) des Dokumentes sowie dessen Provenienz.

Die 262 abgedruckten Dokumente stammen aus Archiven und aus der „Durchsicht eines umfassenden Korpus von Veröffentlichungen aus den Neuen Frauenbewegungen“ (S. 43). Komplett gesichtet und ausgewertet wurden zudem die Zeitschriften Courage (1976–1984) und Emma (seit 1977). Die Quellenauswahl erfolgte in einem mehrstufigen Verfahren, welches sowohl die Bewertung der gesammelten Dokumente auf einer Skala, als auch die gemeinsame Diskussion der Texte durch die Bearbeiter/-innen umfasste. Als Kriterien für die Aufnahme in die Dokumentation benennt die Herausgeberin neben der Relevanz der Texte für die Entwicklung der Frauenbewegung auch die Repräsentation wichtiger Teilbereiche der Bewegung sowie die Berücksichtigung vielfältiger Positionen, um eine Kanonisierung zu vermeiden.

Ihren Abschluss findet die Quellensammlung nicht in einem Resümee, sondern in „Zwischenbemerkungen zur unendlichen Geschichte“, in denen die studentischen Mitarbeiter/-innen darlegen, welche „Erkenntnisse und neuen Zugänge“ (S. 1145) sie aus dem Projekt gewonnen haben.

Thematische Vielfalt

Im ersten Teil der Quellensammlung (Bewusstwerdung und Artikulation 1968–1975) sind Dokumente versammelt, die die Anfänge der weiblichen Emanzipationsbewegungen seit dem Ende der 1960er Jahre beschreiben und ihre Ausweitung in den 1970er Jahren nachzeichnen. Von Dokumenten des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen bis hin zum Protokoll zum Plenum des Bundesfrauenkongresses 1972 in Frankfurt am Main reichen die abgedruckten Zeugnisse dieser ersten Phase.

Der zweite Teil umfasst die Jahre 1976 bis 1980 und beschreibt die Pluralisierung und Konsolidierung der Frauenbewegungen. Hier sind vor allem Quellen versammelt, die die entstehenden Strömungen und die verschiedenartigen Themen der Bewegung illustrieren. Der Kanon reicht dabei von sexueller Selbstbestimmung über Arbeit, Mutterschaft, Bildung, Gewalt gegen Frauen, Politik bis hin zur Lesbenbewegung. Auch der Komplex Frauenbewegung und Terrorismus ist dokumentiert, wobei mit den ausgewählten Quellen eher die Gewaltlosigkeit der Frauenbewegung bezeugt werden soll.

Der dritte Bereich der Quellensammlung ist mit den Schlagworten Pluralisierung, Professionalisierung und institutionelle Integration überschrieben und wird zwischen 1980 und 1990 verortet. Vertreten sind hier Quellen zu den Diskursen über Geschlecht sowie zu Frauennetzwerken und Verbänden. Erneut werden die thematischen Bereiche des zweiten Teils aufgegriffen, wodurch Kontinuitäten und Weiterentwicklungen in den Frauenbewegungen verdeutlicht werden. Neu auftretende Themenbereiche, zu denen Quellen gesammelt wurden, sind Frieden, Ökologie, Gentechnik, Migration und der Komplex Männer und Neue Frauenbewegung.

Im vierten und letzten Abschnitt (Globalisierung, deutsche Vereinigung und Postfeminismus 1989–2005) rücken die jüngsten Entwicklungen der Neuen Frauenbewegungen in den Blickpunkt und verdeutlichen einmal mehr die Aktualität vieler ihrer Anliegen. Versammelt sind Quellen zur Geschlechterpolitik seit der deutschen Wiedervereinigung und Dokumente zur Internationalisierung der Frauenbewegungen. Wiederum tauchen die Themen Arbeit, Bildung, Migration, Lesben, Gewalt, Frieden sowie Männer und Geschlecht auf. In diesem letzten Teil der Quellensammlung sind damit auch Dokumente versammelt, welche die erfolgreiche Durchsetzung von Forderungen der Frauenbewegungen verdeutlichen.

Bewertung

Mit der vorliegenden Quellensammlung haben Ilse Lenz und ihr Team ein monumentales Werk geschaffen, das von jahrelanger intensiver Arbeit zeugt. Es wurden nicht nur zentrale Texte der Neuen Frauenbewegungen erfasst, sondern auch eine umfassende Kontextualisierung durch Einführungen zu den einzelnen Kapiteln geleistet. Die große Stärke dieser Einleitungstexte liegt darin, dass sie sowohl den historischen deutschen Kontext erläutern als auch europäische und internationale Zusammenhänge mit einbeziehen. Häufig wird zudem auf bestehende Forschungslücken hingewiesen. Außerdem nutzen die Autor/-innen der Einführungstexte diese auch dazu, Dokumente näher vorzustellen, die aus Platzgründen keinen Eingang in die Quellensammlung gefunden haben. Dazu gehören nicht nur Zeugnisse der Frauenbewegungen selbst, sondern auch Quellen der ‚Gegenseiten‘ aus Politik und Publizistik.

Ein Bereich der Neuen Frauenbewegung in Deutschland kommt im vorliegenden Quellenband jedoch zu kurz: Obwohl häufig Vergleiche zur Situation von Frauen in der DDR gezogen werden, fehlt die Darstellung der staatsunabhängigen Frauenbewegung der DDR vor 1989 fast vollständig. Erfreulicherweise ist zwar der DDR-Lesbenbewegung (und geringfügig auch der Frauenfriedensbewegung in der DDR) ein wenig mehr Raum zugestanden worden, es finden sich jedoch nur spärlich Quellen abgedruckt; die hierfür als Grund angeführten Probleme bei der Überlassung des Copyrights mögen nachvollziehbar sein. Dennoch ist das Fehlen dieser Geschichte der Neuen Frauenbewegungen bedauerlich, gerade weil die Unterschiede zwischen den Bewegungen in beiden deutschen Staaten so groß gewesen zu sein scheinen, wie immerhin auch in den Einführungstexten herausgestellt wird (vgl. S. 676).

Ein weiteres kleines Fragezeichen bleibt hinsichtlich der Zuordnung mancher Texte zu den jeweiligen Zeitabschnitten. Auch wenn die gesetzten Zeitmarken nicht als starr begriffen werden sollten, ist schwer nachzuvollziehen, warum etwa im dritten Teil der Quellensammlung (1980–1990) auch Texte aus den Jahren 1994 und 1997 untergebracht sind.

Dies sind allerdings nur geringfügige Mängel, welche die Gesamtleistung der Herausgeberin und ihres Teams nicht mindern. Die vorliegende Quellensammlung stellt mit ihrer Komplexität eine wahre Fundgrube für Lehrende, Studierende und Interessierte dar. Der Band dürfte schnell zu einem Standardwerk in der Frauenbewegungsforschung werden.

URN urn:nbn:de:0114-qn0101125

Ramona Bechler, M.A.

TU Dresden, Lehrstuhl Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Homepage: http://www.ramona-bechler.de

E-Mail: info@ramona-bechler.de

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