Dagmar Vinz: Kommentar zu Tove Soilands Beitrag

Kommentar zu Tove Soilands Beitrag

Dagmar Vinz

Nach Kathy Davis (2008) ist Intersektionalität zu einem „Buzzword“ in den Gender Studies geworden. Die Gründe dafür liegen ihrer Meinung nach in der Attraktivität des Konzepts Intersektionalität, vor allem in dessen Ambiguität und Offenheit. Demgegenüber formuliert Tove Soiland ihr „Unbehagen an der amerikanischen Theorie“ und sieht ein grundlegendes Problem darin, dass mit dem Konzept der Intersektionalität „die Verhältnisse gingen und die Kategorien kamen“. Sie kritisiert insbesondere, dass in der Intersektionalitätsforschung Kategorien als Zugehörigkeiten zu potenziell diskriminierten Gruppen konzipiert sind. Die Konzentration auf „Kategorien der Benachteiligung“ verhindert nach Soiland eine gesellschaftstheoretische Fundierung des Konzepts. Soilands Anliegen besteht darin, im Sinne eines social return in der Geschlechterforschung, statt Kategorien gesellschaftliche Verhältnisse interferent zu denken, die Mechanismen der Hierarchisierung von ‚Geschlecht’ und ‚Rasse’ zu verstehen und nachzuweisen, dass gender, race und class zentrale Strukturmerkmale der Produktion und Reproduktion westlich-kapitalistischer Gesellschaften darstellen.

Mein Verständnis von Gender als sozialer Institution (vgl. Lorber 1999) erfordert es demgegenüber, die Reproduktion hierarchischer Geschlechterverhältnisse auf Mikro-, Meso- und Makro-Ebene und in Überschneidung mit anderen Kategorien zu analysieren. Dabei gehe ich davon aus, dass auf der Mikro- und Meso-Ebene Mechanismen der interaktionellen und institutionellen Diskriminierung, die notwendigerweise den Bezug auf Gruppenzugehörigkeiten als Kategorien der Benachteiligung enthalten, eine wesentliche Rolle bei der Reproduktion von Geschlechterhierarchien spielen. Eine gesellschaftstheoretische Perspektive, die nach den Mechanismen der Produktion und Reproduktion ungleicher Geschlechterverhältnisse fragt, setzt auf der Makro-Ebene an, thematisiert im Sinne der feministischen Ökonomie die vor- und fürsorgenden Arbeiten als Grundlage des Wirtschaftens und kritisiert, dass mit der Trennung von Produktion und Reproduktion in kapitalistischen Gesellschaften die gesamte Versorgungsökonomie ausgeblendet und ökonomisch nicht verstanden wird.

Das Konzept Intersektionalität hat das begriffliche Potenzial, diese verschiedenen Perspektiven zusammenzubringen. Ich würde sie deshalb auch nicht gegeneinander, sondern in Ergänzung zueinander diskutieren wollen. Auch Soilands verabschiedet sich keineswegs vom Konzept der Intersektionalität, will es aber gesellschaftstheoretisch füllen. Sie lehnt es ab, Zugehörigkeiten zu Gruppen als Wesenszug oder Seinsweise zu vereigenschaftlichen (wenn z. B. aus Klasse „working classness“ oder „Klassismus“) wird.

Dass Soiland sich trotz ihrer Kritik nicht vollständig vom Konzept der Intersektionalität lossagt, sondern es statt dessen neu zu besetzten sucht, ist ein Beleg für die These von Kathy Davis, dass das Konzept Intersektionalität gerade wegen seiner Offenheit eine Projektionsfläche für Autor/-innen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen und theoretischen Perspektiven bietet. Intersektionalität als „Überschneidungstheorie“ (Ludwig 2003: 53) ermöglicht es, die wichtigen Fragen nach Diskriminierung, Macht und Herrschaft, nach Gerechtigkeit, Anerkennung und Umverteilung, die in den Gender Studies seit jeher diskutiert und nun in Bezug auf verschiedene Achsen der Differenz gedacht werden, miteinander zu verknüpfen. Ich bin überzeugt, dass die unterschiedlichen Versuche, Intersektionalität für die Genderforschung produktiv zu machen, eine Bereicherung und ein Potenzial für interdisziplinäre und internationale Zusammenarbeit darstellen.

Gerade im Kontext der Debatten auf internationaler Ebene ist es problematisch, dass Soiland als Vertreterinnen der amerikanischen Theorie lediglich Kimberlé Crenshaw und Leslie McCall benennt. Es fehlen die für die Debatte um Intersektionalität so wegweisenden frühen Arbeiten von Iris Marion Young (1997), die unter dem Titel „Intersecting Voices“ auf ihr Konzept der 'Serie' verweist, nach dem Zugehörigkeit nicht mit Identität einhergehen muss. Zudem hat Young (1996) in ihrem Aufsatz zu "Fünf Formen der Unterdrückung" einen analytischen Rahmen geschaffen, in dem verschiedene soziale Gruppen Macht- und Herrschaftsverhältnisse in einer Gesellschaft thematisieren können. Die Lösung, die Young hier anbietet, besteht in der Thematisierung von Intersektionalität als Überschneidung von Formen der Unterdrückung. Damit grenzt sie sich von zeitgenössischen alternativen Ansätzen ab, die für jede benachteiligte Gruppe ein besonderes System der Unterdrückung (Sexismus, Rassismus, Klassenunterdrückung, Heterosexismus etc.) thematisierten.

Intersektionalität disziplinär gedacht

Zurück jedoch zu Soilands Kritik an „der amerikanischen Theorie“. Entgegenhalten möchte ich, dass Kimberle Crenshaw und Leslie McCall lediglich aus ihrer jeweiligen disziplinären Perspektive das Konzept der Intersektionalität zu besetzen suchen, und das ist aus meiner Sicht zwangsläufiger- und legitimerweise nicht eine gesellschaftstheoretische, die die Produktion und Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse fokussiert: Kimberlé Crenshaw (1991) bezieht sich als Rechtswissenschaftlerin auf die Mehrfachdiskriminierung von schwarzen Frauen z. B. auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt. Lesie McCall (2001; 2005) geht als Soziologin und quantitativ ausgerichtete Ungleichheitsforscherin von der Messbarkeit komplexer Ungleichheit zwischen verschiedenen sozialen Gruppen aus (z. B. in Bezug auf Lohnungleichheit). Damit verfolgen die beiden Autorinnen gar nicht den makrotheoretischen Anspruch wie z. B. die deutschen Autorinnen Gudrun-Axeli Knapp (2005) oder Kornelia Klinger (2003), die mit dem Anliegen kritischer Gesellschaftstheorie auf das Konzept der Intersektionalität rekurrieren.

Kimberlé Crenshaw (1991) beschäftigt sich als Rechtswissenschaftlerin mit dem gesellschaftlich wichtigen Phänomen der Diskriminierung und beschreibt, wie schwarze Frauen auf dem Arbeitsmarkt strukturell benachteiligt sind, weil ihnen der Zugang zu vielen Berufen, die entweder als Tätigkeitsfelder weißer Frauen normiert oder als Jobs schwarzer Männer definiert sind, verwehrt bleibt. Hierbei wird Geschlecht als eine Achse der Benachteiligung definiert, die in Überschneidung (und nicht in Addition) mit race diskriminierungsrelevant wird und die strukturelle Benachteiligung schwarzer Frauen bei der Arbeitssuche auf ganz spezifische Weise prägt. Dabei kann eine Antidiskriminierungsperspektive meines Erachtens auf den Bezug zu Gruppen nicht verzichten. Denn Frauen z. B. sind als Gruppe von Geschlechterstereotypen betroffen und als Gruppe diskriminierenden Vorstellungen darüber ausgeliefert, für welche Berufe Mädchen geeignet sind und für welche nicht. Solange geschlechterstereotype Darstellungen gesellschaftlich kursieren und in verschiedenen Kontexten für Realität gehalten werden und solange die Stereotypisierung des Weiblichen eine zentrale Vermittlungsfunktion bei der Reproduktion der geschlechtlichen Arbeitsteilung und der Geschlechterhierarchie hat, solange thematisiert der Gruppenbezug in Antidiskriminierungsrecht und -politik gesellschaftliche Verhältnisse, in denen Ungleichheit reproduziert wird – wenn auch nicht auf einer makrostrukturellen Ebene, die Soiland im Sinn hat, sondern eher auf einer Meso-Ebene. Das Neue der Perspektive der Intersektionalität besteht nun darin, auch Mehrfachdiskriminierungen in den Blick zu nehmen. Andere haben dies mit Begriffen wie „Interdependenzen“ (Rommelspacher 2006), „interaction“ (Browne/Misra 2003: 499) oder „multiple jeopardy“ (King 1988) zu fassen versucht.

Intersektionalität aus der Perspektive der quantitativen Ungleichheitsforschung

Von der empirisch orientierten Ungleichheitsforscherin Leslie McCall (2001) hingegen werden gender, race und class in der Form von disaggregierten Daten operationalisiert. So wird class bei McCall über den Bildungsstand (college-educated/non-college-educated) messbar gemacht, um empirisches Wissen über „komplexe Ungleichheiten“ entlang der Kategorien gender, race und class zu erhalten. Für diese quantitativen Studien zu komplexer Ungleichheit gilt, dass sie (nicht nur) in den Gender Studies stärker nachgefragt werden als Forschungsergebnisse zur Verfügung stehen. Lediglich mit den zahlreichen PISA-Studien und dem jüngst erschienenen Bericht „Bildung in Deutschland 2008“ (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008) zum Bildungserfolg verschiedener Schülergruppen liegen Ergebnisse vor, die dem Anspruch gerecht werden, nach sozialer Herkunft, Ethnie und Geschlecht zu differenzieren. Studien dieser Art zeigen zunächst einmal rein empirisch, wie Gruppenzugehörigkeiten den Zugang zu Ressourcen und Chancen beeinflussen. Sie verweisen darauf, dass das Prinzip der substantiellen Chancengleichheit nach wie vor nicht realisiert ist. Substantielle Chancengleichheit basiert darauf, dass alle größeren gesellschaftlichen Gruppen die gleiche Erfolgsrate bei der Vergabe begehrter sozialer Positionen aufweisen.

Intersektionalität in Bildern

Soiland sieht in dem Bild der Karrierefrau und ihrer migrantischen Hausangestellten das Musterbeispiel intersektioneller Perspektiven. Hervorheben möchte ich, dass die ethnische Unterschichtung des deutschen Arbeitsmarktes nicht so sehr ein Problem der Ausweitung informeller Arbeit von (häufig illegalen) MigrantInnen in Deutschland ist, sondern vielmehr auf das Versagen des deutschen Bildungssystems zurückgeht, Migrantenkinder angemessen zu qualifizieren. Eine jüngst erschienene Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass in Berlin 75 Prozent der Migrant/-innen türkischer Herkunft keinen Schulabschluss haben und die Arbeitslosenquote der türkischstämmigen Migrant/-innen bei 44 Prozent liegt (Brenke 2008). In anderen Worten: jeder vierte Berliner türkischer Herkunft hat keinen Schulabschluss, und fast jeder zweite ist arbeitslos. Während noch in den 1970er Jahren die „Katholische Arbeitertochter vom Land“ eine Formel für die Mehrfachbenachteiligung im Bildungssystem war, ist heute schon eher vom „Türkischen Jugendlichen aus dem Problemviertel“ oder vom „Migrantensohn“ zu sprechen – und das sind, wenn man sich schon auf solche Formeln einlässt, die Beispiele, die genannt werden müssen, wenn von Intersektionalität die Rede ist. Wenn im medialen Diskurs nun gerade Mädchen zu den Gewinnerinnen und Jungen zu den Verlierern der Bildungsexpansion gemacht werden, muss Geschlechterforschung und -politik sich hierzu verhalten.

Soiland kritisiert Antidiskriminierungsstrategien dafür, makrostrukturelle Gründe für die Segregation bestehen zu lassen. Sie meint, „solange die makrostrukturellen Gründe für die Segregation bestehen bleiben, wird zwangsläufig jede Fördermaßnahme, so intersektionell sie auch ausgerichtet sein mag, letztlich zu einer lediglich neuen Verteilung oder Umverteilung von Ungleichheitslagen führen“. Ich sehe zunächst einmal davon ab, dass Soiland zwar einfordert, komplexe Dynamiken gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion interferent zu denken, aber jede Form der Konkretion vermeidet, wenn es darum geht, wie makrostrukturelle Gründe für die Segregation behoben werden sollen (durch eine andere Weltwirtschaftsordnung, durch Enteignung der Produktionsmittel?). Tatsächlich setzten Antidiskriminierungsstrategien und Fördermaßnahmen von benachteiligten Gruppen nicht auf einer makrostrukturellen, sondern auf einer Meso-Ebene oder Mikro-Ebene an. Hormel und Scherr (2004) unterscheiden hierfür zwischen interaktioneller (Mikro-Ebene) und institutioneller (Meso-Ebene) Diskriminierung. Sie differenzieren damit zwischen

a) interaktionellen Formen der Diskriminierung auf der Grundlage der Zuschreibung gruppenbezogener Eigenschaften;

b) institutionellen Formen der Diskriminierung, bei denen soziale Benachteiligungen dadurch verfestigt werden, dass Problemlagen, die aus der gesellschaftlichen Situation einer benachteiligten Gruppe resultieren, von gesellschaftlichen Institutionen ignoriert werden.

Intersektionalität und Diskriminierung

Für die Intersektionalitätsforschung sind beide Formen der Diskriminierung höchst relevant, aber vor allem die institutionelle Diskriminierung zeigt die Bedeutung von Organisationen für die Reproduktion sozialer Ungleichheiten entlang der Kategorien race, class und gender. Ein erstes klassisches Beispiel für „institutionelle Diskriminierung“ ist, dass Bildungspolitik davon ausgeht, dass der Erwerb grundlegender Kompetenzen in der jeweiligen Verkehrssprache Privatsache ist, und keine Anstrengungen unternommen werden, Kinder mit einer anderen Erstsprache als der deutschen einen Spracherwerb zu ermöglichen, der gleiche Chancen zur Bewältigung schulischer Anforderungen gewährleistet (Gomolla/Radtke 2002). Bildungsorganisationen tragen aufgrund des „monolingualen Habitus“ (Gogolin 1994) der deutschen Schule zur Reproduktion sozialer Ungleichheit bei und gewähren nicht Chancengleichheit. Crenshaw (1997) beschreibt wiederum in Bezug auf die Thematik häuslicher und sexueller Gewalt, wie in amerikanischen Frauenhäusern aufgrund der vorherrschenden Budgetpolitik ein hoher Anteil der Ausgaben für rechtliche Beratung reserviert wurde. Crenshaw kritisiert aus einer Perspektive der Intersektionalität, dass damit implizit die Bedürfnisse verdienender und zumeist weißer Frauen aus der Mittelschicht zum Maßstab gemacht wurden. Hingegen wurden nach Crenshaw die Bedürfnisse von schwarzen und häufig armen Frauen, die Opfer sexueller Gewalt waren, aber gleichzeitig finanzielle Unterstützung und Hilfe bei der Wohnungssuche brauchten, keineswegs berücksichtigt. Intersektionalität heißt aus dieser Perspektive, dass Organisationen, seien es Arbeits-, Bildungs- oder Dienstleistungsorganisationen, „Diversität“ lernen und ihre Angebote nicht an der Norm einer dominanten Gruppe orientieren, sondern zielgruppengenau arbeiten. Dies erfordert individuelles und organisationales Lernen, wie es z. B. im Rahmen der sozialwissenschaftlich reflektierten Strategien des Managing Diversity (Hansen/Müller 2003) eingeführt wird. Soiland bleibt im Hinblick auf die Frage, „wie Machtrelationen grundlegende Organisationsprinzipien gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion strukturieren und sich darin auch reproduzieren“, mit ihrer marxistisch inspirierten Analyse der Makroebene verhaftet. Dabei gerät die wichtige Rolle von Organisationen auf der Mesoebene bei der Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheit aus dem Blickfeld. Eine kritische Geschlechterforschung darf sich aber den wichtigen Erkenntnissen der Organisationssoziologie über den Beitrag von Organisationen zur Stabilisierung von Geschlechterungleichheit nicht verschließen.

In diesem Kontext ist eine entscheidende Frage für die Zukunft der Care Arbeit, die ja auch für Soiland eine Kernfrage ist, ob monokulturelle Organisation mit einer Kultur der Überstunden und einem Kult der Anwesenheit Karrierechancen an lange Arbeitszeiten und eine kontinuierliche Erwerbsbiografie binden und damit Frauen (ebenso wie Männer, die familiäre Verpflichtungen eingehen und Care-Arbeit verrichten) vom Aufstieg in begehrte Positionen ausschließen. Nach Soiland ist das Funktionieren der kapitalistischen Warenökonomie auf die unbezahlte Care-Arbeit in privaten Haushalten angewiesen. Spielräume für Geschlechtergerechtigkeit werden jedoch meines Erachtens in hohem Maße davon abhängen, ob in Arbeitsorganisationen ein kultureller Wandel gelingt, der Verpflichtungen in mehreren Lebensbereichen und Zeitbindungen an Care-Arbeit bewusst zulässt und eine entsprechende Verkürzung und Flexibilität der Arbeitszeiten erlaubt.

Ich stimme mit Soiland in hohem Maße darin überein, dass eine Zukunftsfrage westlicher spätkapitalistischer Gesellschaften darin besteht, wie Care-Arbeit organisiert werden kann und soll. Dabei geht Soiland davon aus, dass das Phänomen der ethnisierten Umverteilung von Hausarbeit Ausdruck eines veränderten Akkumulationsregimes westlich kapitalistischer Gesellschaften darstellt und sich das Problem der divergierenden Produktivitäten von Industrie- und Care Arbeit in diesem Phänomen krisenhaft verschärft. Doch handelt es sich meines Erachtens bei Soilands Bezug auf das Phänomen der ethnisierten Umverteilung von Hausarbeit um eine Projektion amerikanischer Verhältnisse auf Deutschland und Europa, die nicht angemessen ist. Auch wenn es für den Bereich informeller Hausarbeit keine gesicherte empirische Datenbasis gibt, so stehen Frauen in Deutschland nach wie vor eher vor der Entscheidung, erzwungenermaßen Teilzeit zu arbeiten und damit auf Karriereoptionen und eine gute Rente zu verzichten oder aber kinderlos zu bleiben. Den großen Markt an illegalen migrantischen Hausangestellten, den es in den USA durchaus gibt, sehe ich für Deutschland nicht. Es wird ihn umso weniger geben, je mehr in den osteuropäischen Ländern im Zuge des demografischen Wandels auch deren Arbeitskräftepotenzial für Pflege und Betreuung rar wird. Für die USA ist es richtig, dass die Durchsetzung der Zwei-Erwerbstätigen-Familie damit einhergeht, personennahe Dienstleistungen zu kommodifizieren und damit den Ausbau eines Dienstleistungssektors mit niedrigen Löhnen und geringer sozialer Absicherung voranzutreiben. Hier entstehen globale Betreuungsketten, und die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild (2000) fragt zu Recht, ob mit dem „Import von Mutterliebe“ in Industrieländer den Ländern des Südens ein „emotionaler Mehrwert“ abgeschöpft wird. Ihre Analyse ist ein gutes Beispiel für den Ansatz, persönliche Beziehungen als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse zu interpretieren und dabei auch die Aneignung weiblicher Arbeitskraft in den Kontext hierarchischer Nord-Süd-Beziehungen zu stellen. In skandinavischen Ländern hingegen ist die Ausweitung weiblicher Beschäftigung an den Ausbau eines öffentlich finanzierten Kinderbetreuungssystems und eines sozial regulierten Dienstleistungssektors gekoppelt. Insofern gilt es mit Bezug auf die Frage, wie gesellschaftlich notwendige Care-Arbeit in Zukunft organisiert werden soll, die „Varieties of Capitalism“ zu berücksichtigen und zu verstehen, dass in die drei Welten des Wohlfahrtsstaats (Esping-Andersen 2004) Geschlechterverhältnisse jeweils spezifisch eingelagert sind. Verallgemeinernd von den westlich-kapitalistischen Gesellschaften zu sprechen, wie Soiland es tut, greift daher zu kurz.

Nancy Fraser (2001) hat in ihren Beiträgen zur Gerechtigkeit verschiedene Alternativen zur gesellschaftlichen Organisation von Versorgungsarbeit aufgezeigt und dabei das „Universal Care Giver Modell“ als utopische Alternative zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit vorgestellt. Dieses Modell kann nach Fraser den Weg zu Geschlechtergerechtigkeit deswegen am überzeugendsten vermitteln, weil es eine allgemeine Verkürzung der Normalarbeitszeit und eine Angleichung männlicher Erwerbsbiografien an weibliche vorsieht. Beiden Geschlechtern wird somit Erwerbsarbeit und Sorgearbeit ermöglicht, beiden werden Erwerbsunterbrechungen im Lebensverlauf für die Übernahme von Betreuungsverantwortung zugestanden. Ausgehend von einer „kurzen Vollzeit“ wird die Vereinbarung beider Lebensbereiche für Männer und Frauen erleichtert.

Von diesem Modell eines postindustriellen Wohlfahrtsstaats sind wir jedoch nach wie vor weit entfernt. Statt dessen sorgen Familienlohn, die Etablierung des Normalarbeitsverhältnisses als „Anderthalbpersonenberuf“ und Ehegattensplitting in Deutschland nach wie vor dafür, dass mit Heidi Hartmann (1983) von der „unglücklichen Ehe“ zwischen Kapitalismus und Patriarchat die Rede sein kann. Wir leben nun nach Esping-Andersen (2004) inmitten eines revolutionären demographischen und familialen Wandels, der nicht zuletzt von Frauen auf der Suche nach beruflicher Karriere und Entfaltung der eigenen Persönlichkeit angestoßen wird. Dabei entstehen in einer neuartigen Wirtschaftsordnung durch technologischen Wandel und durch die Dominanz der Dienstleistungsbeschäftigung neue Risikostrukturen und neue Konstellationen sozialer Gewinner und Verlierer (Taylor-Gooby 2004), die es mit dem Konzept der Intersektionalität gesellschaftstheoretisch und empirisch zu erfassen gilt. Bei der Frage nach der Reproduktion sozialer Ungleichheit wird nur ein Konzept weiterhelfen, das die Mikro-, Meso- und Makroebene einbezieht. Im Sinne von Nancy Fraser (2001) oder André Gorz (1989) gibt es mit dem Modell des universal caregiver und dem Konzept der kurzen Vollzeit als Normalarbeitszeit eine gesellschaftspolitische Alternative im Hinblick auf die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit und die gesellschaftliche Organisation von Care-Arbeit. Beide würden ihren Ansatz vielleicht als sozialistisch bezeichnen, die Mechanismen der Mehrwertproduktion, die Soiland thematisert, könnten davon jedoch gänzlich unberührt bleiben, weil Arbeit „lediglich“ umverteilt wird zwischen den Geschlechtern.

Nachhaltigkeit als Herausforderung an die Genderforschung

Doch die Arbeitsgesellschaft steht nicht nur vor der Herausforderung, die Zukunft der Care-Arbeit geschlechtergerecht zu organisieren, sondern auch vor der, das gesellschaftliche Naturverhältnis ökologisch nachhaltig zu gestalten. Dabei liegt eine Stärke marxistischer Ansätze genau darin, die strukturelle Verbindung zwischen gesellschaftlicher Ungleichheit (gender, race, class), weltweit zunehmender Armut und ökologischer Zerstörung im modernen Kapitalismus aufzuzeigen. In Anknüpfung an marxistische Ansätze denkt Teresa Brennan (1996; 1997) genau diese Prozesse zusammen, indem sie die menschliche Arbeitskraft genauso wie die Kräfte der Natur als energetische Quellen betrachtet, die wertbildend in den Produktionsprozess eingehen. Explizit formuliert sie ein Substitutionsgesetz, nach dem menschliche Arbeitskraft und natürliche Energiequellen alternativ zur Wertschöpfung eingesetzt werden können, und kritisiert die Objektivierung von Natur in der Marxschen Theorie. Während jedoch das Kapital für die Wiederherstellung der Ware Arbeitskraft aufkommen muss (Lohn), können die Eigenzeiten der Reproduktion von Natur ignoriert werden und die Beschleunigung der Ökonomie mit dem „Zeitdiebstahl“ aus den Rohstoffdepots der Erde ermöglicht werden. Im daraus resultierenden Widerspruch zwischen artifizieller ökonomischer Beschleunigung und generativen Eigenzeiten von Mensch und Natur enthüllt sich die sozial-ökologische Krise als Krise der Moderne. In diesem Sinne steht die Genderforschung zur Zukunft der Care-Arbeit vor der Herausforderung, Fragen der sozialen Gerechtigkeit mit Aspekten der ökologischen Nachhaltigkeit zu verknüpfen (Vinz 2005). Dabei muss Intersektionalität auf einer Mikro-, Meso- und Makro-Ebene gedacht werden, im Sinne eines pluralistischen Wissenschaftsverständnisses müssen verschiedene Zugänge zugelassen werden, und es ist dabei über ihre jeweiligen Möglichkeiten und Grenzen zu reflektieren. In diesem Sinne sehe ich es als Stärke, dass Intersektionalität als Konzept Raum für antikategoriale und eher kulturwissenschaftlich geprägte Ansätze bietet, mit interkategorialen Analysen der quantitativ ausgerichteten Ungleichheitsforschung den Blick für komplexe Ungleichheiten schärft und im Sinne der Gesellschaftstheorie die kritische Reflexion der Konzepte gender, race und class in Bezug auf die Reproduktion sozialer Ungleichheit zulässt. Anstatt sich mit dem Plädoyer für einen social return in den Gender Studies auf einen Kampf um Hegemonie einzulassen und die Marginalisierung gesellschaftstheoretischer Ansätze in der amerikanischen Theorie zu befürchten, wie Soiland es anklingen lässt, gibt es die Alternative, das Potenzial des Konzepts Intersektionalität für eine fruchtbare Zusammenarbeit der verschiedenen Disziplinen und Zugänge zu sehen. Insofern enthält Intersektionalität als theoretische Innovation in den Gender Studies die Phantasie gemeinsamer Arbeit, die Herausforderung interdisziplinärer Kooperation und den Aufruf, gemeinsame Forschungsaktivitäten zu entwerfen.

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URN urn:nbn:de:0114-qn093419

Prof. Dr. Dagmar Vinz

Professorin mit dem Schwerpunkt Gender und Diversity, Freie Universität Berlin, Homepage: http://www.fu-berlin.de/zefrauen/masterstudiengang_gender_und_diversity/dozierende/Dagmar_Vinz/index.html

E-Mail: dagmar.vinz@fu-berlin.de

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